Winfried Hau

Kälte

Wo Lisa nur so lange blieb?
Er zündete sich eine Pfeife an, blies ein paar Dampfwolken ins Wohnzimmer, mußte die Pfeife nochmals anzünden, sog drei Mal fest, bis endlich eine vertrauensvolle Glut im Pfeifenkopf entstanden war.

Der Wind peitschte Regentropfen und vergilbte Blätter ans Fenster, die alte Wanduhr tickte beruhigend.
Es war noch nicht allzu spät, die Dämmerung hatte gerade erst eingesetzt, und er war es gewohnt, dass sich Lisa bei ihren Damenkränzchen verplauderte.
Er drehte die Heizung um eine Stufe höher und legte eine Wolldecke auf ihren Platz auf dem Sofa, denn immer fror sie. Immer war ihr zu kalt in diesem Haus, in diesem Zimmer. 
Er schaltete den Fernseher an, zappte sich durch die Programme, schaltete den Fernseher wieder aus.

Wo Lisa nur so lange blieb?
Die Pfeife war schon wieder ausgegangen. Er zündete sie nicht mehr an. Es wurde Nacht, und auch ihm wurde kalt. Er drehte die Heizung vollends auf und wartete.

Wo Lisa nur so lange blieb?
Sie hatte oft von merkwürdigen Ängsten und Träumen erzählt. Er hatte vor sich hin gepafft und verständnisvoll genickt.
Mitten auf dem Tisch lag Lisas rote Mütze. Sie hasste sie, denn sie fühlte sich darin wie Rotkäppchen, das auf den bösen Wolf wartete. Nur bei eisigsten Temperaturen setzte sie sie auf.

Wo Lisa nur so lange blieb?
Er küsste die Mütze, die sie damals trug, als sie sich den Strick um den Hals legte, mitten, im Juli.

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