Peter Schönau

Die Sternwarte von Palermo

Bipolares Italien: der unentschiedene Konflikt zwischen Feudalismus und Avantgarde

Sizilien verbinden wir noch heute eher mit Begriffen wie Blutrache, Omertà und Mafia. Höchstens fallen uns aus der Geschichte noch der Staufenkaiser Friedrich II., stupor mundi seiner Zeitgenossen, und seine Grabstätte im Dom zu Palermo ein, und natürlich der ab und zu Lava speiende Ätna. Kaum jemand würde die Insel mit der Verbreitung technischen Fortschritts in Verbindung bringen, und das zu einer Zeit, als die französische Revolution noch in den Kinderschuhen steckte und ein junger General namens Bonaparte sich anzuschicken begann, die Landkarte Europas zu verändern.
Es war das Zeitalter der Aufklärung, und als Giuseppe Piazzi, der zukünftige Direktor der neu zu gründenden Sternwarte von Palermo, nach einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich und England nach Sizilien zurückkehrte, muss ihm der Gegensatz zwischen den Anfängen des Industriezeitalters in England und dem frischen Wind, der nach dem Sturm der Bastille Europas absolutistisch regierende Herrscher erzittern ließ, und der trostlosen Gegenwart seiner Heimat besonders schmerzhaft bewusst geworden sein.
Die Sternwarte von Palermo besteht seit dem Jahre 1790 und legt noch heute Zeugnis von dem fortschrittlichen Geist ihres Gründers und seiner Nachfolger ab. Sie ist in einigen Räumen des königlichen Palastes untergebracht, die ihrem Gründer und ersten Direktor, Giuseppe Piazzi, von König Ferdinand für ihre Einrichtung zur Verfügung gestellt wurden. Das eigentliche Planetarium befand sich im Torre di Santa Ninfa, der wegen seiner Höhe und seines soliden Fundaments als geeignetster Aufstellungsort angesehen wurde. Die Sternwarte von Palermo ist eine der ältesten Europas, und als sie im Jahre 1790 eingerichtet wurde, war sie auch eine der modernsten. Ihr Spiegelteleskop (1792 installiert) hatte der berühmte englische Astronom William Herschel erbaut, und der Altazimut, das Gerät zum Messen der Höhe und des Azimuts eines Gestirns und heute Prunkstück der Sammlung des Museums der Sternwarte, stammte von dem berühmten Instrumentenbauer Jesse Ramsden. Es war damals der Prototyp einer neuen Generation astronomischer Instrumente, der Rundskaleninstrumente, die allmählich die Quadranten ablösten.
Der Erstausstattung wurden im Laufe der folgenden Jahrzehnte viele weitere Instrumente hinzugefügt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Sternwarte um die neue Disziplin der Astrophysik erweitert, und ihre Spektroskope und Wellenlängenmessinstrumente sind heute Bestandteil der Sammlung des Museums, deren Grundstock die seinerzeit von Giuseppe Piazzi angeschafften Instrumente, die alle aus England stammen, bilden.
Giuseppe Piazzi war ein Kind der Aufklärung und daher ein fortschrittsgläubiger Mann, aber sowohl in ihm als auch in seinen Nachfolgern war der Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis nur eine Triebfeder ihres Handelns. Wenn es ihnen gelang, die Kassen der Bourbonen, Herrscher über das Königreich beider Sizilien, zu öffnen, um - wie sie es formulierten - in die Wissenschaft zu investieren, ging es nicht nur um den Triumph der Wissenschaft und auch nicht um die Befriedigung eigener Eitelkeiten und persönlichen Geltungsstrebens. Es war das erklärte Ziel, das Bildungswesen allgemein zu befruchten und damit die Grundlagen für eine Modernisierung des Wirtschaftssystems der Insel zu legen, das überwiegend (wenn nicht fast ausschließlich) in der Landwirtschaft und im Bergbau verankert war. Ein Ziel, das auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Doch nach einer Blütezeit unter fähigen Direktoren setzte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein wissenschaftlicher Niedergang ein, nicht zuletzt auch durch Geldmangel verursacht. Erst in den siebziger Jahren erinnerte man sich wieder der langen Tradition des Planetariums. Die wissenschaftlichen Aktivitäten wurden um die Weltraumforschung und Geschichte der Astronomie erweitert, ein Gebiet, das den unermesslichen Schatz an historischen astronomischen Instrumenten wieder in den Blickpunkt rückte, die sich in einem sehr schlechten Erhaltungszustand befanden. Dank der aufopferungsvollen Arbeit von spezialisierten Technikern und Konservatoren wurde die Sammlung wieder zum Leben erweckt. Nach Katalogisierung und Erstellung eines gedruckten Katalogs müssen heute nur noch die Restaurierungsarbeiten an der Sternwarte selbst abgeschlossen werden, damit die alten Instrumente in ihrer ursprünglichen Anordnung, so, wie sie im Jahre 1790 installiert wurden, wieder das Sternenlicht erblicken.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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