Michael Geneschen

Hundstage

Kurz vor den Ferien habe ich Timmy öfters mal beim Latein pauken zugeschaut. Jetzt beherrsche auch ich eine Fremdsprache. Ein wenig zumindest. Mathe mag er auch nicht. Und ausgerechnet das hat er bei unserer Nachbarin Fr. Simmer.
 
Womit wir beim Thema sind. Ich möchte euch meine Nachbarschaft etwas vorstellen. Natürlich nicht ohne Grund aber wenn ihr wisst von wem ich rede ist es einfacher. Also, ich wohne in der Backpflaumenallee Nr. 4. Direkt gegenüber wohnt Frau Schmidtchen. Sie ist Witwe. Ich mag sie. Auf meiner morgendlichen Runde mache ich immer einen Stopp bei ihr. Sie hat immer ein paar Leckerlies, etwas Milch oder im besten Fall ein wenig Sahne für mich zum schlecken. Daneben wohnen die Eheleute Simmer. Was kann man über die sagen? Lehrerehepaar, kinderlos. Tun mir nichts Gutes aber auch nichts Schlechtes. Wenn es im Winter wieder früh dunkel wird sehe ich einen der beiden oft im erhellten Arbeitszimmer sitzen und den Unterricht vorbereiten oder Klassenarbeiten korrigieren. Gegenüber wohnen Herr und Frau Huber. Rentner. Ein echter Stinkstiefel. Passionierter Jäger. Wollte mal auf mich schießen als sich seinen Garten durchquerte. Er dachte ich sei ein Streuner und die müsse man abschießen. Mama Dosenöffner ist ja eine liebe und nette Frau. Auch wenn sie schon mal schimpft. Als der Huber aber auf mich ballern wollte war sie zu meinem Glück gerade in unserem Garten dabei Rosen zu schneiden. Und glaubt mir, wenn Mama Dosenöffner richtig wütend wird ist sie eine Atomwaffe. Man, hat die den Stinkstiefel zusammen gestaucht. Aber seit dem meide ich Hubers Garten lieber. Auf der anderen Seite unseres Hauses wohnen Eheleute Radke. Herrn Radke sehe ich selten. Frau Radke, OK, sie akzeptiert es wenn ich durch ihren Garten laufe. Aber sie wird böse wenn ich ihren Blumenbeeten zu nahe komme. Das lässt sich aber handeln. Dann ist da noch das Mehrfamilienhaus. Hier ist immer was los. Hier leben viele Kinder die mit mir spielen. Es ist auch schon mal lauter wegen der Kinder. Über sowas kann sich die Radke aufregen. Dabei sind die Kinder soooo nett. Trotzdem läuft hier in der Nachbarschaft alles recht ruhig ab. Im Gegensatz zur Großstadt kann man auch mal Balkon- oder Terrassentüren offen lassen.
 
Morgens wenn ich gefrühstückt habe drehe ich meine Runde. Zuerst mal zweites Frühstück bei Frau Schmidtchen Dann laufe ich den Feldweg hinterm Haus entlang zum Waldrand. So meide ich Hubers Garten. Am Waldrand habe ich ein superschattiges Plätzchen gefunden wo man spitze relaxen und träumen kann. Man ist vollkommen ungestört. Hier schließe ich dann die Augen und träume von Eleonore. Ja, obwohl sie nur ein Traum war verfolgt sie mich immer noch.
 
Jetzt war es diesen Sommer längere Zeit unheimlich heiß. Timmy war im Feriencamp. Wer daheim war ließ Türen und Fenster offen um den geringsten Luftzug zu erhaschen. An einem Morgen standen Mama Dosenöffner und Frau Schmidtchen auf der Straße und unterhielten sich. Die beiden verstehen sich gut und Frau Schmidtchen kommt oft zum Kaffee vorbei. Natürlich war ich auch da. Musste meinen Freundin Schmidtchen ja bei Laune halten. Auf einmal kam Frau Radke angerast. Bebend blieb sie vor uns stehen und zeigte mit zitterndem Finger auf mich. „Wissen Sie was Ihre Katze gemacht hat?“, keifte sie.  Mama Dosenöffner blieb ganz ruhig und sagte: „Wenn ich es wüsste können Sie sicher sein dass ich Xaver dafür zur Verantwortung gezogen hätte.“ „Ihre Katze“, ereiferte sich die Radke. „ist in mein Haus eingedrungen, hat meine Sahnetorte vom Tisch geworfen und alles quer durch die Küche verteilt. Ich bekam Besuch und wir mussten gekauften Kuchen vom Bäcker essen anstatt meiner selbstgemachten Sahnetorte.“ Mama Dosenöffner, die nicht gerne backte, erwiderte ganz ruhig: „Dann hoffe ich Sie waren beim Bäcker Mühl. Der ist sehr gut.“ Frau Radke schnaufte und zog ärgerlich von dannen. Auch Frau Schmidtchen verabschiedete sich. Wieder im Haus schaute Mama Dosenöffner mich strafend an. „Warum musstest Du Dir zum Unsinn machen ausgerechnet die Radke aussuchen.“ Ich verstand die ganze Aufregung nicht. Ich hatte nichts getan. Der Vorfall geriet schnell ins vergessen. Bis zum nächsten Tag als es klingelte. Vor der Tür stand Frau Schmidtchen mit einer schmutzigen Bratpfanne in der Hand. „Ich glaube Frau Radke hatte Recht. Xaver ist unter die Diebe gegangen. Diesmal waren meine Frikadellen seine Beute.“ Mama Dosenöffner entschuldigte sich bei Frau Schmidtchen. Danach drehte sie sich energisch zu mir um. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck und er verhieß nichts Gutes. „Was ist mit Dir los?“, polterte sie . „Bekommst Du hier nicht genug? Zur Strafe drei Tage lang kein Teller abschlecken.. Denk mal drüber nach was Du getan hast.“ Wie bitte? Warum werde ich für etwas bestraft was ich nicht getan habe. Das ist ein Justizirrtum! Ich will einen Anwalt!!!! Es war wohl besser sich erst mal zurück zu ziehen. Doch auch am nächsten Morgen hatte sich Mama Dosenöffners Laune nicht gebessert. Ich beschloss nach einem spartanischen Nassfutterfrühstück meinen Platz am Waldrand aufzusuchen, jedoch nicht ohne vorher einen Abstecher zu Frau Schmidtchen zu machen. „Na Du kleiner Strolch!“, wurde ich von ihr begrüßt. Zumindest war sie nicht nachtragend. Obwohl…ich war ja unschuldig. Danach trabte ich zum Waldrand. Die Ruhe brauchte ich jetzt. Auf dem Weg nach Hause passierte ich das Weizenfeld. Plötzlich nahm ich eine Bewegung in den Ähren wahr. Vor Schreck sprang ich auf Seite. Aus dem Feld arbeitete sich ein Hund hervor. Kein großer, aber auch nicht so eine genmanipulierte Kampfratte. Ich baute mich zu voller Größe auf und fauchte. Ich muss dem Hund imponiert haben denn er machte drei Schritte rückwärts. „Bitte tu mir nichts, ich will Dir auch nichts tun.“ Wie ihr wisst bin ich auf einem Bauernhof groß geworden. Da entwickelt man ein Gefühl wenn es anderen schlecht geht. Ich gab meine Kampfhaltung auf. „Wie heißt Du und wie bist Du hier her gekommen?“, fragte ich. Der Hund legte seinen Kopf auf die Vorderpfoten und begann zu erzählen: „Letzte Woche bin ich mit meinem Herrchen spazieren gegangen. Wir hatten einen Ball dabei, den hat er immer geworfen. Einmal hat er ihn tief ins Korn geworfen und ich musste den Ball suchen. Als ich aus dem Feld kam war er weg. Ich glaube er wollte mich nicht mehr weil Frauchen vor einem  Monat ein Baby mit nach Hause gebracht hat. Ein paar Menschen haben mich gefunden und einem Hundefänger übergeben. Ein 2 m großer, brutaler Kerl. Als er den Käfig öffnete konnte ich entwischen und hab mich erst mal im Wald versteckt.“ „Dann hast Du Frau Radke den Kuchen und Frau Schmidtchen die Frikadellen geklaut!“, sagte ich. Traurig nickte der Hund. Einen kurzen Moment entstand Schweigen. Dann sagte ich: „Schwamm drüber! Komm erst mal mit. Hier kannst Du nicht bleiben. Meine Dosenöffner werden einen Weg für Dich finden.“ So machten wir uns auf den Weg. Als wir Hubers Garten passierten hörten wir Herrn Huber brüllen: „Da ist wieder so ein Streuner!“ Was dann geschah war etwas verschwommen. Ich sah nur Papa Dosenöffner über den Zaun zu Hubers hechten, gleichzeitig brüllte Hubers Gewehr. Auch Frau Schmidtchen und Mama Dosenöffner kamen angelaufen und schlugen sich die Hand vor den Mund. Als ich mich umdrehte sah ich den Hund reglos auf dem staubigen Boden liegen. Papa Dosenöffner schleifte Herrn Huber in sein Haus und redete unentwegt auf ihn ein. Ich lief zurück. Nein, das konnte nicht sein. Ich war zu keiner Regung fähig. Dann öffnete der Hund ein Auge. „Puh, Glück gehabt. Der Typ ist zum Glück kein guter Schütze. Ein Trick den mir mein ehemaliges Herrchen beigebracht hat. Bei Gefahr hinwerfen und tot stellen.“ „Du hast vielleicht Humor.“, gab ich erleichtert zurück. Wir wurden erstmal in unseren Garten gebracht und versorgt. Papa Dosenöffner informierte die Polizei.
 
„Wenn der Hund herrenlos ist muss er ins Tierheim.“, sagte der Polizeibeamte. „Wir kümmern uns drum“. Keine 30 Minuten später stand ein 2 m Hüne  vor unserer Tür um den Hund abzuholen. Der zog sich erst mal in die hinterste Ecke zurück. „Jetzt komm schon Du Dreckvieh.“, maulte er. „Ich will Feierabend machen.“ „Was machen Sie da mit dem Hund?“ meldete sich eine Stimme. Frau Schmidtchen stand in der Terrassentür und schaute den Mann böse an. „Er ist herrenlos und soll ins Tierheim.“, maulte der Mann. „Er ist nicht herrenlos.“, rief Frau Schmidtchen. „Er gehört mir. Ich habe gerade mit dem Tierheim gesprochen und nehme ihn auf.“ Mama und Papa Dosenöffner fingen an zu applaudieren. Der Mann motzte vor sich hin und verschwand. Der Hund setzte sich neben Frau Schmidtchen und begann ihre Hand zu lecken. „Ich bin nicht mehr die jüngste und kann einen Wachhund gebrauchen. Du bist doch bestimmt ein guter Wachhund Diego?!“ „Diego, das ist ein schöner Name. Willkommen in der Nachbarschaft Diego“ sagte Mama Dosenöffner mit Tränen in den Augen.
 
Was gibt es noch zu sagen? Herr Huber musste sich für seine Ballerei verantworten und der Jagd- und Waffenschein wurde ihm entzogen. Meine Morgenrunde ist jetzt etwas länger. Mus ja noch mit Diego spielen.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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