Bernhard Pappe

Die andere Welt

 


Die Dunkelheit hatte sich lange schon über Land und Ozean gesenkt als ich meine Schritte Richtung Strand lenke. Ruhe ist eingekehrt. Längst ist das menschliche Tun von hier zurückgebrandet in seinen urbanen Raum. Ich entledige mich meines Schuhwerks, laufe barfuß bis zum Wasser. Im Sand steckt noch die Restwärme des Tages.
Das Wasser umspült meine Füße. Es ist warm und angenehm. Der Wind kommt vom Meer herüber und tut es dem Wasser gleich. Auch er ist sanft und warm. Ich erblicke über mir ein Sternenzelt, welches mir der Nachhimmel einer Großstadt verweigern würde.
Ruhig ist dieser Ort, aber nicht still. Das Rauschen der Wellen ist allgegenwärtig. Der Wind säuselt vernehmlich in den Palmen, die am Strand stehen. Angelehnt an eine Palme, sitze ich einfach nur da und blicke auf den Ozean hinaus. Hinter mir ist das vermeintlich volle Leben. Vor mir ist das Dunkel des Wassers. Der Horizont ist keine definierte Linie mehr. Ist er zu einer Imagination geworden?
Mein bloßes Auge macht dort draußen kein Licht aus. Kein Schiff quert diese Gewässer. Wie viele Seefahrer und Entdecker haben schon in vorherrschende Dunkelheit gestarrt, in der Hoffnung auf Land und eine neue, andere Welt. Christoph Kolumbus auf seiner Santa Maria“ oder Francis Drake auf der „Golden Hinde“. In meiner Fantasie erwacht ein imaginärer Held zum Leben. Warum sollte nicht Jack Sparrow mit der „Black Pearl“ am Horizont kreuzen. Jeder Entdecker hatte sehr unterschiedliche Beweggründe für seine Reise. Ich schließe die Augen und spüre, dass Wellen und Wind bereit sind, mir viele dieser Geschichten zuzutragen. So viele Geschichten, so viele Menschen, so viele Schicksale, so viele Leben. Mein Hirn vermag ihre Fülle nicht aufzunehmen. Ich werde innerlich ruhig und an Stelle der Geschichten scheinen mir Fragen auf. Warum bin ich hier? Warum versuche ich das Dunkel zu durchdringen? Bin ich ein Entdecker? Was kann ich hinter dem Horizont finden?
Ich öffne meine Augen. Alles um mich herum ist unverändert, das Rauschen des Ozeans, das Flüstern des Windes in den Palmen, der Strand zu meinen Füßen. Ich schaue erneut auf die Sterne. Für die Entdecker von einst waren sie eine wertvolle Orientierung. Heute schreibt man ihnen andere Geheimnisse zu. Die Fragen tauchen erneut in meinem Geist auf. Ich fürchte sie nicht, weil ich spüre, dass sich die Antworten von allein einstellen werden. Ich bin hier, weil ich ein mir unbekanntes Land kennenlernen wollte und weil hier genau der Ort ist, diese Gedanken zu denken, am Rande eines Ozeans, der ein Symbol für die Weite der Welt ist. Was macht mich darin so sicher? Ich spüre es einfach.
Ja, ich bin ein Entdecker, aber keiner, der Ozeane durchpflügt, um eine andere Welt zu finden. Ich benötige kein starkes Schiff und keine motivierte Mannschaft. Meine Fahrt geht in das Innere, das Land meines Geistes, der so fest mit meinem Körper verbunden ist. Ohne meinen Körper, der eben jetzt an einer Palme lehnt, dessen Füße den Strand spüren, dessen Augen in das Dunkel schauen, dessen Ohren dem Ozean lauschen, gäbe es keinen Geist. Ohne den Geist gäbe es kein Erspüren, kein Erleben, kein Entdecken.
Ich mache mich auf, jene Welt zu bereisen. Eine Welt, die so anders ist als die vermeintliche Rationalität, die mir das Leben versucht schmackhaft zu machen, damit ich in ihm bestehe. Ich glaube, jeder ist auf dieser Reise in die andere Welt, gar von Geburt an. Nicht jeder ist sich dessen bewusst. Ein wenig Verdrängung gehört zum Spiel. Herum das Steuerrad und Kurs gewechselt? Nicht immer hat man das Steuer selbst in der Hand, nicht immer bestimmt man eigenständig über den einzuschlagenden Kurs. Jeder hat die Wahl, es zu versuchen, den eigenen Kurs zu justieren, auch wenn Sturm aufzieht und man gar abgetrieben wird. Manchmal bedarf es einer Meuterei, um die Gewalt über das Steuer zurückzuerlangen.
Jene andere Welt des Inneren, des Geistigen bleibt, sie verschwindet nicht. Sie lässt uns ihre Gestade immer und überall betreten, so wir denn wollen. Von dieser Welt gibt es keine Landkarten, kein Navigationsbesteck weist uns den Weg dorthin, ein Terra incognita voller weißer Flecken, mag die Wissenschaft Gegenteiliges behaupten.
Ich werde meine Reise fortsetzen, um jene Landschaften zu betreten, zu erkunden, zu bestaunen. Ein guter Kompass ist, sich seinen Gefühlen und den scheinbar weniger rationalen Gedanken zu überlassen. Das braucht Mut und den musste auch ich erst einmal aufbringen.
Ich erhebe mich. Mir scheint’s als würde der Wind weiter auffrischen. Das Schiff zur Entdeckung der anderen Welt bläht seine Segel und nimmt Fahrt auf…

© BPa / 04-2015

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.04.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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