Wolfgang Küssner

Der Flammenbaum

~~Ein Blick in die weitausgebreiteten Baumkronen dieser ursprünglich aus Madagaskar stammenden Pflanze weckt Erinnerungen an feinste Brüsseler Spitzen. An weitausladenden, schon mal fünfzehn Meter langen Ästen sitzen mimosenhafte, filigrane, zartgrüne Blät-ter, die an Farne denken lassen. Die Astrinde ist schwach flaumig  behaart, das Blattwerk wechselständig angeordnet, die kleinen Blättchen doppel paarig gefiedert. Bei geringsten, kaum wahrnehm-baren Luftbewegungen vibriert das zarte Grün. Er ist ein eleganter, schmückender Baum, ein Blickfang, mit relativ glatter gräulich-brauner Borke und – er ist ein idealer Schattenspender.

Einem überdimensionalen Bonsai gleich, ziert der Flammenbaum bzw. Flamboyant Landschaften und Gärten. In Vietnam trägt er den Namen „Schwanz der Phönix“, in Kambodscha wird er „männlicher Pfau“ tituliert. Die Frage nach dem Warum beantwortet die Blüte-zeit, wenn die sehr ausladenden Kronen mit üppig leuchtenden roten Blüten den Baum in ein Flammenmeer verwandeln. Die intensiv rot blühenden Bäume zeigen dann von Bescheidenheit keine Spur. Das ganze ist eine extravagante, flamboyante, hinreissende Show der Natur.

Der Flammenbaum hat eine Wuchshöhe von zwölf bis siebzehn Metern, erreicht in Ausnahmefällen schon mal 20 Meter. Er gehört zur Familie der Hülsenfrüchtler bzw. der Unterfamilie der Johannes-brotgewächse und ist damit ein „Bruder“ des Tamarindenbaums. Nur schöner, viel schöner. Allein die Blüten!

Diese Blüten leuchten in kräftigem Rot. Es sind zwittrige Blüten, d.h. Staubblätter und Fruchtblätter sind gleichzeitig vorhanden. Und diese Blüten haben zwei spiegelgleiche Hälften, in der Biologie nennt man das zygomorph. Es ist wohl eine Anpassung der Natur an die Bestäuber dieser Pracht – den Bienen und Vögeln. Die grazilen roten Blüten sind fünfzählig mit doppelter Blütenfülle und nach unten gebogenen Kelchblättern. Vier leuchtendrote Kronblätter sind gen Himmel gerichtet, dazu mittig ein etwas grösseres, oberes Kronblatt in weiss, rot und gelb gezeichnet. Diese Pracht kann es mit jeder Orchidee aufnehmen.

Doch diese Eleganz ist nicht von langer Dauer. Wer sie geniessen will, sollte in den Monaten April und Mai zu einer Überlandfahrt starten. Nach der Blüte bildet der Flamboyant bis zu 60 Zentimeter lange Samenschoten, die leicht verholzten Hülsenfrüchte. Diese grossen Schoten wechseln während des Reifeprozesses die Farbe von rötlich-braun in schwärzlich-braun und behinhalten bis zu 40 Samen. Anders als beim Tamarindenbaum ist die Frucht des Flammenbaums nicht geniessbar. Pflanzenteile des Baumes wurden allerdings in der Volksheilkunde gegen Blutarmut, Fieber und Malaria eingesetzt.

Der Flamboyant stösst die Fruchtschoten später ab und verliert danach sein filigranes Blattwerk. Im Winter zeigt er sich blattlos und nackig. Sperrig strecken sich dann grossen Stacheln, ja Lanzen oder spitzen Hörnern gleich, bräunlich-graue glänzende gerade Zweige vom Baumstamm ab. Was zuvor so elegant wahrgenommen wurde, wirkt jetzt stachelig, unnahbar, fast ein wenig bedrohlich; lässt nichts von der Eleganz anderer Tage erahnen. Der Baum schläft nun im tropischen Winter und wartet auf das kommende Jahr, um mit  Grazie und Strahlkraft den Betrachter erneut in seinen Bann zu ziehen.

April 2015
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