~~Im Tal der Ahnungslosen von Friedhard May
oder
Erich währt am Längsten
2. Abschnitt
Ende der 50 er Jahre lebte ich bei meinen Großeltern in einem Dorf in der Nähe der tschechischen Grenze. Die Großeltern lebten mit ihren beiden Kindern, einschließlich meiner Mutter (die eines von den beiden Kindern war) bis Kriegsende in einem tschechischen Ort. Dann wurden sie aufgefordert bis zum nächsten Tag den Ort zu verlassen um sich heim ins Reich zu scheren weil der Ort jetzt zur Tschechoslowakei gehöre. So haben sie alle ihr Bündel geschnürt, sind über die Grenze und lebten fortan im jetzt von den Siegern verstümmelten Reich im schon erwähnten Ort mit Namen Oppach. An was kann ich mich da noch erinnern. Es gab einen Bäcker, eine Kirche mit Friedhof wo ab und an mal Särge drinne standen. Dann gab es Beerdigungen und die letzte die ich dort erlebt hab war die von meinem Großvater. Ich bin dann endgültig nach Dresden verlagert worden wo ich erst noch eine Weile in den Kindergarten ging.
Die Großmutter zog auch gleich nach um sich fortan überwiegend meiner Erziehung zu widmen. Meine Schwester war schon zu groß für Erziehungsexperimente und mein Bruder noch nicht geboren. Und womit ist meine Oma nach Dresden gezogen? Die Wohnzimmereinrichtung? Nein. Die Schlafzimmereinrichtung oder andere Möbel? Nein. Obwohl es damals noch nicht so gut bestellt war mit Möbeln hat sie alles im Dorf verschenkt weil sie dachte in Dresden braucht man so was nicht und es kam ein riesiger Möbeltransport an mit Brettern, Brettern und alte Kisten. Sie zog in ein Zimmer einer gutbürgerliche Wohnung mit 4 riesigen Zimmern, eine große Küche mit Dienstmädchenzimmer, großes Bad, extra Klo, 3 riesigen Balkone und entsprechend Keller und Dachboden. Im Keller und auf den Boden wurden die Bretter und Kisten verstaut wo sie nach und nach den Weg in die Öfen fanden. Meine Familie wohnte in der Wohnung darüber und da Großmutter wie erwähnt darunter wohnte konnte sie sich die ganze Zeit meiner Erziehung widmen, die Eltern waren ja beide berufstätig und kamen erst spät abends. Die Großmutter war auch eine fanatische Katzenfreundin und hatte auch eine Katze die raus durfte. Da Großmutter im ersten Stock wohnte baute sie aus Brettern und Nägeln eine Art Hühnerleiter für die Katze die aber nicht angenommen wurde. So wurde eine Art Fahrstuhl eingerichtet, ein Einkaufskorb mit Leine und wenn die Katze runter wollte miaute sie und setzte sich in den Korb, wartete bis sie Jemand runter lies. Umgedreht dasselbe. Wenn sie abends oder eben wenn sie wollte rauf wollte miaute sie unten so lange bis Jemand den Korb runterließ... Naja, aus der Zeit könnte ich noch erzählen das ich dauernd Spinat essen musste. Meine Großmutter hatte sicher gehört das da viel Eisen drin ist und ich bekam im Nachhinein die Vermutung das sie einen Magneten in ihrer Kittelschürze ständig rumgetragen hat um mich quasi mit Hilfe des Magneten an sie zu binden. Jedenfalls hab ich versucht den Spinat mit Zucker schmackhaft zu machen weil man dachte als Kind das alles Süße auch lecker sein muss. Jedenfalls kann ich seit der Zeit Spinat überhaupt nicht mehr ab. Ansonsten kann ich mich nicht an was Relevantes erinnern, nur das Übliche. Der Aufbau des Sozialismus war für mich noch nicht gegenwärtig und von bösen Klassenfeinden hörte man erst in der Schule. Der Beginn der Schulzeit war dann ein für mich sicher wichtiges, aber für den Rest der Welt ein unwichtiges Ereignis.
Zur Einschulung bekam ich eine riesige Zuckertüte. Gibt es noch einen 8mm Film wo ich die schleppte. Allerdings war darin Eisenbahnzubehör für meinen Vater der damit eine große Platte bestückte wo Schienen lagen und einige Spielzeughäuschen standen. Er hatte wenig Zeit, arbeitete als Jurist im Strömungsmaschinenbau Pirna. Dort hat man übrigens die Turbinen für das erste Turbinenpassagierflugzeug der Welt gebaut welches aber nie in Serie ging. So hatte er zwar wenig Zeit aber wenn er mal an der Anlage baute oder spielte da durfte ich auch mal ab und zu einen Hänger auf die Schienen stellen, für einen Triebwagen fand er mich nicht qualifiziert genug.
Sollte vielleicht noch erwähnen das ich vor der Einschulung noch ein Weilchen in den Kindergarten ging. Der war an einer Straße wo ein Oberleitungsbus, die Linie 61 damals, fuhr. Und gegenüber stand ein rotes Holzhäuschen wo man Obst und Gemüse verkaufte. Und so komisch das klingen mag, nach allem was man über die Mangelwirtschaft erzählt, dort gab es damals noch regelmäßig Südfrüchte und niemand musste Schlange stehen. Es gab zu der Zeit überhaupt noch eine ganze Menge privater Einzelhändler und die brachten es auch seltsamerweise fertig ihre Läden relativ gut zu bestücken. Auf dem Altmarkt hat man im sozialistischen Handel eher z.B. ein Schaufenster bestückt mit allerlei Grundnahrungsmitteln und dem Text das man diese Waren bei einem „Hamster“ konfisziert hat und das selbiger mit seinen Gleichgesinnten am eventuellen Mangel im Sozialismus Schuld seien. So wurde für mich zum ersten mal der Klassenfeind klassifiziert. Später waren alle Leute die Westfernsehen oder Radio schauten vom Klassenfeind beeinträchtigt und wer nicht arbeiten wollte war ein Asozialer und wurde eingesperrt. An Allem war Natürlich immer der allgegenwärtige aber nicht sichtbare Klassenfeind schuldig. Irgendwie konnte man den Eindruck bekommen das hinter jeder Ecke ein verkappter Klassenfeind lauern könnte. Aber man wusste auch das die glorreiche Volksarmee unter Führung des großen Klassenbruders, der Sowjetarmee auf Wacht standen und uns Kinder sicher vor den Schändern des bösen Westens beschützte. Das klingt sicher geschwollen, ist es aber nicht. Alles kam genau so rüber! Die Parolen waren schreierisch wie man es heute von überlauter, hässlicher Werbung kennt. Nur das keine Waren verkauft wurden sondern ein Feindbild. Und das überall Parolen hingen, das stimmt nicht so. Die hingen meistens dort wo sie Dreck verdecken sollten. Und da es überall mehr oder weniger dreckig war, da waren eben nur dort Parolen, mehr oder weniger. Es gab nur eine Parole, das sollte ich erwähnen. Das war die Hauptparole von der sich alle anderen ableiteten: der Sozialismus siegt, die Sowjetunion ist gut, der Westen ist böse, basta. Alle Facetten hier aufzählen wäre sinnlos. Diese Parolen waren im Grunde allgegenwärtig und wurden mit der Zeit von den Menschen wahr genommen wie eben der Himmel oder Pfützen. Sie waren eben da oder nicht, das war natürlich und deshalb nicht zu ändern und Zeit verschwenden deshalb? Wegen Regen oder Sonne Zeit verschwenden? Das ist eben da und wird hingenommen wie es ist, nur das es eben keinen Parolenbericht gab, nur den Wetterbericht. Eines sollte man aber tunlichst lassen, eine Parole verunstalten oder böses darüber zu sagen weil es immer Mitbürger gab die sich hervortun wollten und zum petzen zu irgendwelchen Hanseln rannten die einen Draht zur Stasi hatten. Da wurde man ganz schnell weggefangen zwecks Läuterung. Aber das wusste man. Jede Diktatur sperrt ihre Zweifler weg, das weiß man doch und wer das nicht weiß ist naiv. Denn die DDR war ja eine selbsternannte Diktatur, das hat man nie in Abrede gestellt, auch von den Bonzen nicht, das wird heute vergessen, seltsamerweise! Liest man nach kam doch raus: der Sozialismus in der DDR war nichts anderes wie die sogenannte: Diktatur des Proletariats! Ich hab das später berichtigt, kam deshalb unter Anderem auch in den Knast, ich hab gesagt: ist falsch formuliert, sollte heißen: Diktatur dem Proletariat. Da wussten die Genossen auch das ich geläutert werden muss. Das wird auch alles zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr präzisiert, alles nach und nach, bin auch nur ein Mensch.
Und noch mal zur Erinnerung, das ist kein Lebenslauf und auch keine Abrechnung mit der DDR! Ich beschreibe nur ein Lebensgefühl aus dem Hinterland des Sozialismus. Und ich kann ach die Stasi so nicht verurteilen, obwohl sie mich eingesperrt hat, ist eben so. Bei den Nazis hat die Masse auch Heil gebrüllt, und wer laute Zweifel hatte wurde geläutert. Das klingt wie bitterböser Sarkasmus, ist es auch! Wer sich daran stört: glaub an eine heile Welt, denn bedenke: wenn du glaubst brauchst du kein Wissen, das machen dann Andere für dich. Aber beschwere dich nicht wenn du dann damit auf die Fresse fällst, aber dein Herr wartet vielleicht darauf seine Fehlentwicklungen zu sich zu holen.
Teil 3 folgt
Hab etwas Zeit gebraucht, immer was dazwischengekomme, u.a. ein Tobsuchtsanfall weil der Computer fremd gegangen ist und nichts mehr mit mir zu tun haben wollte....
So ne Art Selbsteinschätzung mit Eigenlob stell ich auch noch rein wenn ich das in die Reihe kriegen sollte mit dem Mitgliedsbereich, bin nicht der Schnellste.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2015.
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wechselhaft heiter bis wolkig
von Horst Rehmann
"wechselhaft heiter bis wolkig“ spricht Gemüter an, die durch Humor
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