Christine Utermoehlen

Olga

Weihnachten stand vor der Tür. Olga Pawlowski stand am Fenster und schaute in den grauen Tag hinaus. Sie stand jeden Morgen am Fenster und schaute hinaus. Olga war weit über 80 und seit 5 Jahren verwitwet. Ohne ihren Karl fühlte sie sich sehr sehr einsam. Kinder hatten sie keine bekommen – es sollte wohl so sein. Ihre neuen Nachbarn waren inzwischen alles junge Leute.   „Und was sollten junge Leute schon mit ihr anfangen!
 Ach ja ,da kam sie wieder. Sie – das war eine ältere  Dame ohne Namen, jedenfalls kannte Olga ihren richtigen Namen nicht.
Deshalb nannte sie die Frau einfach nur „ Frau Nasehoch“. Jeden Morgen lief sie an Olgas Fenster vorbei, warf einen kurzen Blick in ihre Richtung und deutete mit einem kurzen Nicken des Kopfes wohl so etwas wie einen Gruß an. Und schon war sie weiter stolziert. Ein Lächeln hatte Olga Pawlowski noch nie in ihrem Gesicht gesehen. Sie war in ihren Augen einfach nur arrogant und hochnäsig und Olga fand den Namen für diese Frau mehr als passend. Ja, woher sollte Olga auch wissen, dass Frau Nasehoch ebenfalls eine einsame Frau war, die ein freudloses Dasein fristete, ohne Familie und ohne Freunde. Ihre einzige Beschäftigung gegen die Einsamkeit war ein zielloses „Durch-die Gegend-laufen! Jeden Tag!
 
Olga wandte sich vom Fenster ab, ging in die Küche und holte ein ganzes Pfund Hirschgulasch aus dem Kühlschrank und machte sich ans Vorbereiten der köstlichen Mahlzeit. Frau Scharnowki, eine nette Frau vom Sozialdienst,  kam 2 mal in der Woche zu ihr und schaute nach dem Rechten.
Olga war vor gar nicht langer Zeit unglücklich gefallen und hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Seitdem fiel ihr das Laufen sehr schwer. Die Beine wollten nicht mehr so richtig gehorchen. Frau Scharnowski besorgte ihr auch den Einkauf. „ Ein ganzes Pfund Hirschgulasch“,  hatte sie verwundert nachgehakt.  „Ja, ja !“ bestätigte Olga mit einem kräftigen Nicken. „Es ist doch Weihnachten, und da gönne ich mir was!“ Dazu wollte sie noch  Kartoffelklöße und Rotkraut machen. Frau Scharnowski lief das Wasser im Mund zusammen.
Was Olga allerdings der netten Frau vom Sozialdienst nicht erzählte und nie jemanden erzählen würde, war das kleine Ritual, dass sie jedes Jahr zu Heiligabend vollzog. Sie hätten sie wahrscheinlich für verrückt und durchgedreht gehalten.
Olga kochte nämlich nicht für sich allein - nein, sie kochte auch für ihren lieben Karl, den sie so schmerzlich vermisste. „Hirschgulasch mit Kartoffelklöße - mmh wie köstlich!“ hörte sie ihn flüstern. „Olga, ich liebe dich“.
Inzwischen war bereits die Dämmerung hereingebrochen. Olga deckte im kleinen Wohnzimmer den Tisch für sich und Karl. Festlich sollte er aussehen, wie in all den Jahren zuvor. Sie holte das gute Geschirr aus dem Schrank und zwei kleine kristallene Likörgläser. Aus einem kleinen Barfach kramte sie die angebrochene Flasche „Danziger Goldwasser“ hervor und stellte sie ebenfalls auf den Tisch.
Olga lächelte verträumt in sich hinein. Wie ein kleiner Junge hatte ihr Karl sich aufgeführt,  wenn die Likörflasche auf dem Tisch stand. Er nahm sie, schüttelte sie kurz und erfreute sich  an den Blattgoldflocken, die wie in einer Schneekugel aufgewirbelt wurden. Beide liebten sie den würzigen Duft des Kräuterlikörs. Nach dem köstlichen Essen schütteten sie sich ein Gläschen ein, stießen mit einem hellen Klang die Gläser aneinander und wünschten sich eine Frohe Weihnacht.
Nun war sie schon so lange allein- aber Heiligabend verbrachte sie in Gedanken immer mit ihrem Karl. Sie gönnte sich nach dem Essen ein Gläschen Goldwasser ein und flüsterte „Frohe Weihnachten, Karl. Ihre Augen wurden feucht vor Sehnsucht nach ihrem geliebten Mann.
Draußen war es inzwischen dunkel geworden und in den Häusern ringsum gingen die Lichter der geschmückten Weihnachtsbäume an.
Olga ließ alles auf dem Tisch stehen und kuschelte sich in Karls alten Ohrensessel. Sie legte eine weiche Decke um ihre müden  Beine und schlief ein.
Ein stetiges Klopfen drang in ihr Bewusstsein. Unter der Schlafzimmertür sah Olga einen hellen Lichtstreifen. „Na nu“, dachte sie: „ Habe ich das Licht brennen lassen.“ Mühsam stand sie auf.
Sie öffnete die Tür und ihr Blick verlor sich in einem riesigen hell erleuchteten Saal. 
Menschen über Menschen, junge Menschen, alte Menschen, ja sogar Kinder saßen an einem langen Tisch, der sich in der Weite des Raumes verlor.
Ganz vorn am Tisch entdeckte sie ihren Mann Karl. Er strahlte sie an, winkte ihr zu und bedeute ihr, auf dem freien Stuhl neben ihm Platz zu nehmen. Die Menschen lachten fröhlich und schwatzten und scherzten miteinander.
„Meine über alles geliebte Olga, schön, dass du gekommen bist. Endlich sind wir wieder zusammen“, flüsterte Karl. „Komm, wir wollen zusammen essen . Es ist Heiligabend, und wir feiern alle zusammen die Geburt unseres Herrn Jesus Christus.“ Mit einem Augenzwinkern sagte Karl: „ Olga, es gibt Hirschgulasch mit selbst gemachten Kartoffelklößen.“ Und schau mal, was es nach dem Essen gibt. Er schüttelte eine kleine Flasche Danziger Goldwasser und ließ die Goldflocken wie winzige Sternlein in einer Schneekugel tanzen.
Olga empfand ein nie gekanntes Gefühl der Freude, der Dankbarkeit und war erfüllt von einem tiefen Frieden. Die Menschen erhoben sich, ließen ihre Gläser klingen und riefen „Frohe Weihnachten, frohe Weihnachten euch allen.“
Das Schicksal wollte es, dass es ausgerechnet Frau „Nasehoch“ war, die Olga Pawlowski vermisste.
Die Feiertage waren längst vorüber und sie hatte sie bisher nicht mehr  am Fenster gesehen. Dabei dachte Frau „Nasehoch“ jeden Tag beim Vorübergehen: Morgen – morgen klingel ich einfach bei der Dame an der Haustür und frage sie, ob sie nicht mit mir gemeinsam spazieren gehen möchte, anstatt immer nur sehnsüchtig am Fenster zu stehen und nach draußen zu starren! Ganz bestimmt – morgen frage ich.
Frau Scharnowski vom Sozialdienst fand Olga tot in dem alten Ohrensessel vor. Ihr Gesicht wirkte immer noch so, als wäre sie während eines wunderschönen Traumes friedvoll entschlafen.
 
 
©Christine Utermöhlen (Oktober 2009)
 
 

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