Christine Utermoehlen

Vorurteile

Ich nannte sie immer nur „die Neuen“. Damit meinte ich die türkische Familie, die seit ein paar Monaten Mieter in unserem Haus war. Die Vormieterin, eine sehr liebenswerte ältere nette Frau, war plötzlich verstorben. Herzinfarkt!
Ruhig und zurückhaltend war sie und immer freundlich. Ich selbst war schon lange verwitwet. Manchmal habe ich mit der älteren Dame den Nachmittag verbracht.
Meine Kinder waren erwachsen. Gingen ihre eigenen Wege.
Jetzt war es laut in diesem Haus. Die zwei kleinen Kinder schreien sehr viel – und wenn sie nicht schreien, dann toben sie lautstark durch die Wohnung.
Und immer rennt die Frau mit diesem blöden Kopftuch herum. Wo sind wir denn hier? In Deutschland sind wir hier! Hört ihr, in Deutschland! Je mehr ich mir das vorsagte, je ungehaltener wurde ich. Kein bisschen Integration, kein Wille sich anzupassen.
Na ja, ich ging denen ja von Anfang an aus dem Weg. Ließ mich gar nicht blicken, wenn die Familie durch den Hausflur trampelte. Die Frau spricht ja ganz gut deutsch. Hab ich jedenfalls mal gehört. Nicht dass ich gelauscht hätte, nein, nein.
Auch der Mann schaut immer schon so komisch…so richtig verschlagen. Nein, ich bilde mir das nicht ein, ich habe ganz gute Menschenkenntnis. Der ist bestimmt auch so ein Drückeberger. Keine Arbeit, und den ganzen Tag in irgendwelchen Teestuben die Zeit totschlagen. Ich weiß, wie das bei denen läuft!!
Weihnachten steht vor der Tür. Ich sollte mich um meinen Kram kümmern. Was gehen mich die Leute da unten überhaupt an. Vielleicht kommen ja meine erwachsenen Kinder vorbei. Vielleicht!! Vielleicht!!
Den ganzen Nachmittag stehe ich schon am Fenster und warte.
Ganz sicher wollen sie mich mit einem Besuch überraschen! Ich werde schon mal  die Weihnachtsgans zubereiten. Ach, wie freue ich mich auf den leckeren Bratenduft. 
Heiligabend! Stimmungsvoll erklingt das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht! Wie sehr freue ich mich auf den Besuch meiner Kinder!
 
Die Kerzen brennen, und die Gans im Ofen ist längst gar. Wo bleiben bloß meine Kinder?
Na, endlich! Es hat geklingelt. Ich eile zur Tür und reiße sie auf. Vor mir stehen die beiden kleinen Kinder der türkischen Familie. Jedes von ihnen hat einen kleinen Blumenstrauß mit Tannengrün in der Hand. „Wir wünschen dir frohe Weihnachten“, plappern sie beide gleichzeitig und drücken mir die Blumen in die Hand.
Ehe ich überhaupt etwas begriffen habe, rennen die beiden schon wieder zurück in ihre Wohnung.
Nachdenklich schloss ich die Tür. Das „Frohe Weihnachten“ meiner eigenen Kinder kam ein wenig später per Telefonanruf. Plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich ging in die Küche, packte den großen Bratentopf mit der duftenden Weihnachtsgans und klopfte ganz aufgeregt an die Tür der „Neuen“.
Es war ein sehr schöner Abend. Wir haben viel erzählt - über Gott und Allah in der Welt. Über den Fastenmonat Ramadan und über das Opferfest. Über Jesus Christus, über Weihnachtsbäume und über sonstige  Sitten und Gebräuche. Wir haben köstlichen heißen Tee getrunken.
Ich lag noch lange wach in dieser „heiligen Nacht“. Ich dachte an die wunderschönen dunklen Locken von Fatima, die sie draußen unter dem Kopftuch versteckte. Und an die dunklen großen Augen von Mehmed. „Verschlagener Blick“, so ein Blödsinn. Und einen Beruf hatte er auch. Er war Steinmetz. Ich schämte mich meiner Vorurteile.
Kurz vor dem Einschlafen hörte ich noch die Kirchenglocken, die zur Christmette läuteten.
 
© Christine Utermöhlen  -  Dezember 2006 –  

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