Manfred Bieschke-Behm

Die Legende vom Wächter der Jahre und den zwölf Monaten


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Dem Wächter der Jahre passiere wovor jeder, der jährlich sich wiederholende Zusammenkünfte plant, Angst hat: Für Ausstattung und Durchführung sich zu wiederholen und gleichzeitig keine zündenden Ideen zu haben. Noch besser, noch größer, noch atemberaubender als alles bisher Dagewesene, so soll das diesjährige Fest für die eingeladenen Monate auf dem Burgschloss in Erinnerung bleiben. Das hat sich der Wächter der Jahre in den Kopf gesetzt und dieser Gedanke lässt ihn nicht los, weder Tag noch Nacht. Was ihm allerdings bislang fehlt, ist ein zündender Gedanke, und deshalb ist er ein wenig griesgrämig und ständig dabei sich mit seiner rechten Hand durch sein ungebärdiges langes graues Haar zu fahren, die Spitze seines Rauschebartes zu zwirbeln, und ruhelos durch die Säle seines Burgschlosses zu tigern. 'Ich muss es auch in diesem Jahr wieder schaffen, den Monaten die Teilnahme schmackhaft zu machen', murmelt der Wächter vor sich hin. 'Es muss mir ein Lockmittel einfallen, um auch die übellaunigen Monate auf mein Burgschloss herzubekommen', denkt er, 'aber wie?' - 'Abwesenheiten kann ich mir nicht erlauben. Lücken darf es nicht geben', spricht er laut, so als hätte er Zuhörer, von denen er Antworten erwartet. Alle zwölf Monate wissen, dass sie einmal im Jahr über ihr Tun und was sie getan haben Rechenschaft ablegen müssen.
Die Monate müssen sich erklären, was sie im nächsten Jahr anders oder besser machen wollen. So verlangt es das Reglement, das der Wächter der Jahre vor Jahrhunderten von seinem Vorgänger übernommen hatte, und dieser wiederum von seinem Vorgänger, und so weiter, und so weiter. Weil die Monate wissen, dass ihnen in ihrem Handeln Grenzen gesetzt sind und sie diese gelegentlich, sehr zum Ärgernis der Nachbarmonate und zum Missbehagen des Wächters der Jahre überschreiten, aber auch der Erdenbewohner, würde der eine oder andere Monat am liebsten dem Fest fernbleiben. Der Burgschlossherr weiß sehr wohl um diese Tatsache und muss deshalb sorgfältig überlegen, wie er Wackelkandidaten vom Fernbleiben abhält. Nur ungern erinnert er an das eine Jahr, wo der Monat April dem Treffen unentschuldigt fern blieb. Was für eine Aufregung verursachte dieses Verhalten. Bis zuletzt wurde gehofft, der April würde erscheinen. Doch nichts dergleichen geschah. 'Der April der macht was er will' hieß es hinter vorgehaltener Hand, und das führte dazu, dass keine lückenlose Vorausschau erfolgen konnte. Die Auswirkungen waren verheerend. Der Wächter der Jahre, aber auch die anwesenden Monate, erfuhren nicht, wann der April im kommenden Jahr gedachte, die Flora zum Erblühen zu bringen, ob er Unterstützung braucht oder ob er Zeitaufschub benötigt. Alles, was die Monate für ihre Zeitabschnitte planen, muss, um den Einhalt eines ordnungsgemäßen Jahreskreislaufes einzuhalten abgesprochen werden, und deshalb ist es zwingend, dass alle zwölf Monate sich ihrer Anwesenheitspflicht erinnern und teilnehmen.
Mitten in der Nacht wird der Wächter der Jahre aus seinem wohlverdienten Schlaf gerissen. Er ist hellwach. Er richtet sich auf. Er schaut nach rechts und nach links, als müsse er sich versichern, allein zu sein. Mühevoll schält sich der Schlossherr aus seinem Bettzeug, das aus mindestens siebzehn Kissen besteht, ordnet anschließend sein viel zu langes und weites Nachtgewand und begibt sich zu seinem Stehpult, auf dem sich Papier, Tinte und eine Schreibfeder befinden. Der letzte Traum hat ihm den zündenden Gedanken geschickt: Er wird als Höhepunkt des Zusammentreffens den 'Monat des Jahres' wählen lassen. Alle Monate bekommen die Gelegenheit, ihre äußere Erscheinung zu präsentieren und ihr noch zu verfassendes Monatsgedicht vorzutragen. Am Ende müssen sich die Kandidaten auf einen Monat einigen und der Auserwählte darf sich im nächsten Jahr „Monat des Jahres“ nennen. Der Überglückliche ist davon überzeugt, dass diese hervorragende Idee für alle Monate Anreiz ist, seiner Einladung bedingungslos zu folgen. Damit die Monate genügend Zeit haben, sich auf dieses besondere Fest vorzubereiten, beschließt der Wächter, die Einladungen sehr früh zu verschicken, und diese durch zuverlässige fliegende Botschaftsgeister zustellen zu lassen.
Der Schlossherr ist von seiner Idee so überzeugt und beseelt, dass es ihm schwerfällt, zurück in den Schlaf zu finden. Am liebsten würde er den Termin vorziehen. Aber er weiß, dass das nicht geht, und deshalb muss er sich in Geduld fassen, die Beherrschung behalten und mit der Vorfreude leben.
 

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