Horst Werner Bracker

. . . . auf dem Bürgermeister Amt

 

Mutter und die Nazis (II)

Sommer 1943

Mutter hatte auf dem Bürgermeister Amt zu tun.
„Komm mit, mein Junge!“, sagte sie zu mir. In ihren Augen und ihrer Stimme war an diesen Tag irgendetwas anders, das ich nicht zu deuten wusste. Mutter überprüfte mein Aussehen, kämmte mein Haar, nahm mich an der Hand. Wir verließen das Haus.
„Wohin gehen wir“! , fragte ich.
„Zum Maikäfer!“, scherzte sie und lachte.
„Wohin?“
„Nein!“, Nein!“, sagte Mutter, „zum Bürgermeister wollen wir“.
Der Weg war kurz, nur Fünfhundert Meter die kopfsteinerne Dorfstraße hinauf, lag ein großer Bauernhof. Der Bauer selbst, war der Bürgermeister des Dorfes.
Er war ein eingefleischter Nazi!
Mit den Nazis hatte Mutter so ihre ganz persönlichen Probleme. Sie mochte die „Maikäfer“, wie sie "braunen" nannte, ganz und gar nicht. Hatte sie Angst, zumindest Abscheu, zu einen Erz Nazi gehen zu müssen?
Ich weiß es nicht! Vielleicht nahm sie deshalb ihren kleinen Jungen mit, etwaige Aggressionen, Drohungen und Erniedrigungen, mit denen sich ´Nazi-Hörige´ Amtspersonen, gerne profilieren wollen.
Wir stiegen die drei Terrakotta Stufen hinauf und standen vor der schweren, eichenden Tür, die zur prunkvollen Diele führte. Mutter öffnete die Tür. Ein lauter Ding-Don hallte durch das große, prachtvoll, ausgestaltete Entree der Bauern Diele. An den mit blauen Delfter Kacheln ausgekleideten Wänden, standen große geschnitzte, eichende Schränke und sogenannte Wäschetruhe. Auf den Truhen prunkten, auf weißen Klöppel Decken, große Porzellan-Figuren und Schüsseln. Alles auf diesen Hof schien auf Größe und Protz ausgerichtet zu sein. Man wollte seinen Reichtum zeigen, das war deutlich erkennbar.
Mutter ahnte nicht, dass der Größenwahn noch steigerungsfähig war und sich in pathologisch, politischen Irrsinn steigern würde. Der Irrsinn in Person, der politischen Dekadenz, lag hinter einer massiven Eichentür. Auf einem Schild, mit goldenen Lettern stand: ´Amtsstube´.
Heinrich, - ein ehemaliger Schulfreund meiner Mutter, war der Bürgermeister des Dorfes. Aus Heinrich ist was geworden, sagten die Leute, hinter vorgehaltener Hand, obwohl er nicht der hellste in der Schule war!
Heinrich war ein Recke von einem Mann. Groß, breitschultrig, von hünenhafter Statur. Er war ein Nazi per Exzellente. Seine Begeisterung für die Nazis nahm groteske Formen an. Er wähnte sich als Herr, ja, als Herrscher über das Dorf. Nie sah‘ man ihn ohne seine braune Uniform. Am rechten Arm die rote Armbinde mit Hackenkreuz. Brauner Hose, die in braunen Langschäfter steckte. Das braune Koppel mit braunem Schulterriemen. Die braune Schirmmütze durfte natürlich nicht fehlen. Aufrecht, vor Stolz triefend, fuhr Heinrich auf seinem „braunen“ Fahrrad durchs Dorf. Ja,- er hatte tatsächlich sein Fahrrad braun lakieren lassen! Dieser Popanz, hatte ihn zur Lachnummer im Dorfe gemacht, wenn die politische Realität nicht so ernst und gefährlich wäre,- könnte man lauthals Lachen.
Den „Fischkerl“, der zweimal im Monat mit seinem blauen ´Tempo Dreirad´ durchs Dorf fuhr, um seine Fische zu verkaufen, war ein warnendes Beispiel,- für unbedachtes Verhalten! „Hering! Hering! , so fett wie Hermann Göring!“ rief er übermütig in seiner hanebüchenen Naivität. War er sich der Gefahr, in der er sich selbst mit seinen Sprüchen begab, nicht bewusst?
Mutter hatte ihn mehrere Male gebeten, damit aufzuhören. Doch er hatte nur gelacht.
Heinrich soll ihn aus dem Verkehr gezogen haben, so munkelten die Leute im Dorfe.

Meine Mutter klopfte an die Tür. Eine geradezu homerische Stimme rief mir rollendem ( r) Herrrr rrreiin!
Wir traten in die Amtsstube.
An einen mächtigen, braunen Schreibtisch, dessen Tischplatte mit grünem Leder bezogen war, saß der Bürgermeister, Heinrich. Er saß auf einen großen braunen Ledersessel. Die Arme hatte er so weit gespreizt, dass er denn großen Schreibtisch der Länge nach umfassen konnte. Er trug die braune Nazi-Uniform. Auf den Schreibtisch stand ein Standarte mit Hakenkreuz. Hinter ihn hing das Bild des Führers an der Wand. Gleich daneben die Deutsche Reichskriegsfahne. Vorne auf dem Schreitisch thronten zwei bronzene Löwen, die das Tintenfass einrahmten! Oder, symbolisch den Bürgermeister beschützten sollten?
“Guten Morgen, Heinrich!“, grüßte meine Mutter.
Heinrichs Augen verengten sich zu einem Spalt. Sein stets rotes Gesicht wurde noch „roter“, mit einem Stich ins Bläuliche.
Heinrich der Bürgermeister sprang wutentbrannt aus seinem Sessel auf, knallte die Hacken zusammen, hob die Rechte zum Hitlergruß und schrie Mutter an.
„Hhhaaast  Duuuu noch immer nicht gelernt, wie Du zu Grüßen hast?“
„Papperlapapp!“, fuhr Mutter ihn in die Parade, seit eh‘ und je‘ habe ich so gegrüßt und so will ich es weiter tun! So hat es mir Mutter und Vater gelehrt.“
„Deine Mutter und dein Vater haben es auch dich gelehrt, hast Du alles vergessen, Heinrich?“
„In der Schule haben wir beide in einer Bank gesessen, nun schreist du mich an! Was soll mein kleiner Junge von dir denken?“
„Schäm Dich Heinrich!“
Mutters Stimme war laut aber ruhig. Das schien gesessen zu haben!
Heinrich ließ sich in seinen Sessel Plumpsen und sagte gar nichts mehr.
Er schaute Mutter an, „ - scha‘ Martha,- es hat sich vieles verändert!“
„Das magst du wohl sagen, Heinrich!“
„Was kann ich denn für dich tun, Martha?“
Seine Stimme klang kleinlaut, ja, beschämt!
Mutter benötigte nur einen Stempel auf einem Formular.
Heinrich drückte den Stempel aufs Formular. Ohne zu wissen, was er da soeben abgestempelt hatte, er hatte das Formular nicht gelesen.
„Bitte Martha!“
„Danke Heinrich!“
„So ist’s recht!“, sagte Mutter, so ist’s recht, Heinrich!“
„So kenn ich dich, so mag ich dich leiden, Heinrich!“
Mutter ging zur Tür.
„Tschüss Heinrich!“
„Tschüss!, Martha!"
Wir verließen die Amtsstube.
Denn ganzen Tag spielte um Mutters Mund, - ein stilles Lächeln.
(24.05.2015)


 

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