Wolfgang Küssner

Bis zum Ur-Schrei ist noch Luft

Der Rest der Welt hat vermutlich Probleme mit der Phonzahl, in der
Chinesen miteinander kommuniziernen. Die meisten würden es
wohl eher als Lärm bezeichnen. Da stellt sich natürlich die Frage,
nach dem Warum. Nein, nicht nach dem Problem der anderen,
sondern nach der Ursache der Lautstärke. Es gibt vage, allgemeine
Erklärungen, also schiessen die Vermutungen ins Kraut. Hier einige
Hypothesen als Versuch, einer Klärung näher zu kommen.

Erste Hypothese:
Die Chinesen sind absolute Egoisten, die nur sich selbst sehen und
ihrem Bedürfnis nach Kommunikation einfach lautstark nachkom-
men, immer in der Hoffnung, es wird schon jemand hören und
reagieren, wenn nicht, wird weiter kräftig signalisiert.

Zweite Hypothese:
Das Reich der Mitte ist ein so grosses Land, mit so gewaltigen, ja
riesigen Distanzen, dass eine Verständigung trotz modernster
Technik nur unter Zuhilfenahme von Lautstärke möglich ist. Denn
bekanntlich wird auch beim Gebrauch des Mobiltelefons das
Trommelfell des zwangsläufigen Mithörers nicht entlastet.

Dritte Hypothese:
Die Chinesen leiden unter einem genetischen Defekt des Gehörs,
der eine Kommunikation in normaler Phonstärke einfach nicht
möglich macht; ein zu kleiner Gehörgang wäre denkbar.

Vierte Hypothese:
In China arbeiten alle in Fabriken, um Textilien, Cumputer, Spiel-
waren für den Rest der Welt billig herzustellen. Dadurch bedingt,
sind sie permanent der enormen Geräuschkulisse von Maschinen
und Transportbändern ausgesetzt und schützende Ohrstöpsel sind
bei ihren Gehältern vermutlich Luxus.
 
Fünfte Hypothese:
Im Reich der Mitte wird man / frau mit einer Deformation des
Sprech-Apparates geboren, das Sprachorgan ist irgendwie falsch
eingestellt, vielleicht sind es Probleme mit der richtigen Atmung;
eventuell ist zu viel Luft im Spiel, das Zwergfell gar erschlafft.

Sechste Hypothese:
Die Menschen mit den lauten Organen überschätzen sich und die
Bedeutung ihrer Worten grenzenlos. Wissen sie, das es nicht die
Lautstärke ist, die überzeugt.

Siebte Hypothese:
Die Partei möchte an allem teilhaben, nach Möglichkeit alles von
ihren Bürgern wissen, und wer schreit, bringt zum Ausdruck, keine
Geheimnisse zu haben und muss somit auch nichts befürchten.
Andererseits: Die Amerikaner wollen auch alles wissen ( siehe
NSA / BND ) und im Land herrscht Schweigen.

Achte Hypothese:
Oder ist es bei den Chinesen genau umgekehrt: Sie lärmen, um
den Eindruck zu erwecken, nichts zu verbergen zu haben; und die
Phonstärke ist Bestandteil eines Widerstandskonzeptes.

Neunte Hypothese:
Ein Minderwertigkeitskomplex nach Jahren der Isolation und des
Tragens blauer Watte-Anzüge muss wortgewaltig kompensiert
werden.

Zehnte Hypothese:
Der Lärm ist eine noch heute spürbare Auswirkung aus der Zeit von
Mao´s Kulturrevolution, als die Intelligenz auf Land geschickt wurde
und dort verkümmerte.

Elfte Hypothese:
Wir sind wir! Dem bayerischen „mia san mia“ nachemfpunden. Der
Rest der Welt kann versuchen, uns zu übersehen, überhören
werden sie uns jedenfalls nicht, und an unseren Produkten kommen
sie sowieso nicht vorbei.
 
Zwölfte Hypothese:
Warum sollen sich 1,3 Milliarden Chinesen den anderen Mitbe-
wohnern dieser Welt anpassen? Mit ihrer Esskultur machen sie es
bekanntlich auch nicht. Beobachten Sie mal einen Chinesen beim
Verzehr von Spiegeleiern. Von der Kultur des Spuckens ganz zu
schweigen.

Dreizehnte Hypothese:
Die Millionenstädte sind so dicht besiedelt, dass der Leise Gefahr
läuft, unterzugehen, zumindest nicht wahrgenommen zu werden,
also heisst es, lautstarke Zeichen zu setzen. Das Unerhörte findet
vermutlich nicht statt.

Vierzehnte Hypothese:
Die Chinesen produzieren zu viele Waren für den Weltmarkt und
hoffen nun, durch marktschreierhaftes Verhalten, diese an die
Kunden zu bringen. Eine vermutlich vom Hamburger Fischmarkt
abgeschaute Methode.

Fünfzehnte Hypothese:
Als das Reich der Mitte grösser und grösser wurde, stand die einst
schützende Mauer auf einmal mitten im Land und somit der
Kommunikation im Wege. Mobiltelefone waren noch nicht erfunden.
Man hätte mit Papier, Pfeil und Bogen Nachrichten auf die andere
Seite verschiessen können. Doch wer hat entsprechendes
Equipment immer dabei? Phonstarkes Schreien führte auch zum
Ziel.

Sechzehnte Hypothese:
Chinesen sind in der Regel keine Einzelgänger, sie treten meistens
in Gruppen auf. Und was in solchen Konstellationen geschieht, ist
ähnlich von Junggesellenabschieden, von Sportverantsaltungen,
aus Freibädern, vom schon erwähnten Fischmarkt etc. bekannt.

Siebzehnte Hypothese:
Nur ein lärmender Chinese bringt beim Restaurantbesuch durch
dieses Verhalten zum Ausdruck, das er sich wohl fühlt. Das Wohl-
befinden der anderen Gäste ist ihm egal. Aber da sind wir wieder
bei Hypothese eins und laufen Gefahr, uns im Kreis zu drehen.
 
Alles in frage stellende Hypothese:
Das Problem liegt gar nicht bei den Chinesen. Der Autor dieser
Zeilen ist einfach zu sensibel. Musste er sich doch bereits einmal
auf einer Party von einem Kollegen sagen lassen: „Die Musik ist
nicht zu laut. Du bist einfach zu alt.“

Notwendige kleine Geschichtskorrektur:
Der deutsche Bundeskanzler Kiesinger konnte es 1969 nicht richtig
formulieren oder wurde mit seiner Äusserung „Ich sage nur China,
China, China!“ falsch interpretiert. Es sollte gar kein Hinweis auf die
Gefahr des Kommunismus, auf eine mögliche „Gelbe Gefahr“ sein,
er wollte auf den „gelben Lärm“ als Vorbild hinweisen und seine
Parteifreunde auffordern, ebenfalls lauthals zu sein, nur so würde
es eine Zukunft geben. Alles andere wäre aus heutiger Sicht
geradezu lächerlich gewesen.

Auch wenn bis zum Ur-Schrei noch ein wenig Luft ist, scheint es
wichtig zu sein, möglichst schnell die Ursache/n ausfindig zu
machen und abzustellen. Chinesen werden danach zumindest im
Ausland Pluspunkte sammeln können und um einiges sympa-
thischer sein. Das Argument, der Lärm gehöre zu ihrer alten Kultur,
kann doch nicht ernsthaft angeführt werden. Mit lauten Trommel-
schlägen haben wir als Kulturnation früher einmal Nachrichten
übermittelt und bedienen uns heute modernster Kommunikations-
mittel. Made in China.
Mai 2015
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