Melanie Stüwe

Die andere Welt

Jedes Mal, wenn sie an die Oberfläche kam, war das Gefühl, wie der Wind in ihren Haaren spielte, von Neuem aufregend. Das Gefühl, wie das Wasser langsam aus den Haarspitzen auf ihre Schultern perlte und an der Luft trocknete. Das Licht, welches anfangs in ihren Augen schmerzte und letztendlich der unglaubliche Anblick der Anderen Welt. Die andere Welt, wie sie es heimlich nannte, war bei ihrer Tante mehr als verpönt. Denn ihre Tante sagte immer, dass dies eine böse und schlechte Welt war, weil die Lebewesen, die sich auf ihr verbargen, nur Unheil anrichteten. Doch das konnte sie nicht glauben. Nicht, nachdem, was sie bereits von der Anderen Welt gesehen hatte. Besonders die Lebewesen, die sich Menschen nannten, fand sie aufregend und exotisch. Denn statt einer Fischflosse hatten diese Beine, die aussahen, wie knochige lange Äste. Und auch die Klamotten, die sie trugen, waren ihr mehr als fremd. Als sie eines Tages einmal ihren ganzen Mut zusammennahm und näher an die Küste schwamm, als ihr eigentlich erlaubt war, hat sie die Menschen sprechen hören. Eine mehr als ungewöhnliche Sprache, wie sie fand. Mit harten und zischelnden Lauten. Ihre Sprache war eher weich und melodisch und sie kamen viel in Körperkontakt, da es einige Stellen am Körper gab, die besser ausdrückten, was man meinte, wenn man diese berührte. Auch war deren Welt so ganz anders, als sie es kannte und gewohnt war. Wenn man sich zum Beispiel die Häuser ansah. In den Löchern, die dazu da waren, um herauszugucken, hatten sie merkwürdige Dinge hineingebaut, die in der Sonne glänzten. Sie würde gern einmal diese Dinge berühren, aber dazu müsste sie das Wasser verlassen und das durfte sie nicht. Vielmehr konnte sie es auch nicht, da ihr die Beine zum Laufen fehlten. Aber so wirklich wollte sie auch gar nicht aus ihrer Welt heraus. Sie liebte es nur, die Andere Welt anzusehen und die Lebewesen zu beobachten.
 
Als sie so darüber nachsann, was alles anders war, im Gegensatz zu deren Welt, vernahm sie ein lautes Platschen. Erschrocken tauchte sie unter die schützende Wasseroberfläche. Der Anblick, der sich ihr jedoch dann bot, verschlug ihr den Atem. Vor ihr schwamm ein männlicher Mensch und er schlief anscheinend, denn dieser hatte die Augen fest verschlossen. Sie wusste gar nicht, dass die Menschen auch unter Wasser atmen konnten. Sie näherte sich ihm langsam und vorsichtig. Er sank immer tiefer auf den Meeresgrund hinab und sie folgte ihm. Er sah sehr friedlich aus, so, wie er dahin schwamm. Sie konnte nicht anders und berührte ihn im Gesicht und zog schnell wieder ihre Hand weg. Seine Haut fühlte sich so ganz anders an, als ihre. Seine war weich und glatt. Ihre hingegen eher rau und leicht schuppig. Plötzlich schlug der männliche Mensch seine Augen auf und ruderte wild mit den Armen. Es kamen lustige Blasen aus seinem Mund und sie musste kichern. Doch als sie seinen entsetzten Blick sah, wurde sie unruhig. Vielleicht stimmte ja etwas nicht mit ihm. Vielleicht brauchte er Hilfe. Aber sie wusste nicht, was sie tun sollte. Wild zappelnd schwamm der Mensch zurück an die Oberfläche. Prustend und keuchend legte er sich an Land. Sie versteckte sich erst einmal hinter einem kleinen Felsen, der aus der Oberfläche herausragte. Nicht, dass der Mensch noch böse auf sie war. Dabei hatte sie gar nichts Schlimmes gemacht. Vielleicht war er so aufgebracht, weil sie ihn berührt und damit geweckt hatte. Sie wusste es nicht und so blieb sie erst einmal in Deckung.
Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte der Mensch sich auf und suchte das Ufer ab. Schließlich entdeckte er sie. „Wer bist du?“ fragte er. Sie verstand nicht, was er sagte, kam aber näher, da der Fremde doch nicht böse auf sie zu sein schien. „WAS bist du?“ er sah sie erstaunt an. Besah ihre grünen Haare und ihre mintgrüne Haut. Im Gegenzug besah diese in, da dies die erste richtige Begegnung mit einem Lebewesen dieser Welt war. Sie hörte die warnenden Worte ihrer Tante im Ohr, doch ihre Neugierde siegte und so schwamm sie noch näher auf den Fremden zu. Dieser rückte jedoch ein Stück ab. Sie hielt inne. Hatte der Fremde etwa Angst vor ihr? Das konnte gar nicht sein. Sie hatte noch nie jemandem etwas Böses getan. Na gut, sie hatte dem Nachbarn ein paar Seeanemonen ausgerupft, weil sie ihrer Tante welche schenken wollte, aber das war ja kein Weltuntergang. Als der Fremde sah, dass sie sich nicht weiter näherte, kam dieser wieder ein Stück auf sie zu. „Ich weiß nicht, wer oder was du bist, aber du bist wunderschön.“ Er betrachtete sie lange und schwieg. Nach einer Weile sagte dieser „Ich bin Peter.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. Neugierig schwamm sie näher, traute sich aber nicht, die entgegengestreckte Hand zu berühren. Peter sah anscheinend ihr Misstrauen und musste lächeln. „Das ist nur eine Hand. Die tut dir nix.“ Obwohl sie ihn immer noch nicht verstand, spürte sie doch, dass der Fremde ihr nichts tun würde. Vorsichtig berührte sie die Hand und wie sie es sich erhofft hatte, passierte nichts. Sie freute sich schon darauf, ihrer Tante zu erzählen, dass sie unrecht hatte. Die Menschen sind gar nicht schlecht und böse. Noch einmal sagte Peter seinen Namen und zeigte auf sich. Anscheinend hatte er verstanden, dass sie nicht seine Sprache sprach. Doch das konnte sie deuten und lächelte. Peter. Das war ein sehr merkwürdiger Name, wie sie fand. Bei sich unten im Reich, gab es niemanden, der so einen lustigen Namen hatte. Sie zeigte auf sich und sagte „Seraphina“. Peter lächelte und stand auf. Das erschreckte sie so sehr, dass sie untertauchte und erst wieder auftauchte, als sie den hinteren Felsen erreichte, hinter dem sie sich zu Anfang bereits versteckte. Jetzt musste Peter noch mehr lachen. „Ich tue dir nichts. Keine Angst. Es wäre schön, dich wiederzusehen.“ Daraufhin winkte er ihr zu und verschwand im Unterholz. Seraphina blieb noch lange am Felsen und schaute auf die Stelle, an der Peter verschwunden war. Peter. Ein wirklich komischer Name.
 
Am nächsten Tag schwamm sie wieder an die Stelle, an der sie die Begegnung mit Peter hatte. Sie hatte ihrer Tante nichts von der Begegnung erzählt, da sie das Gefühl hatte, sie würde ihr verbieten, je wieder an die Oberfläche zu gehen. Als sie auftauchte, war niemand zu sehen. Doch etwas enttäuscht, schwamm sie zu dem vertrauten Felsen, der ihr Gestern bereits Zuflucht gewährt hatte. Während sie wartete, ob Peter vielleicht doch noch auftauchen würde, begann sie Muscheln zu sammeln. Diese hübschen kleinen, die man in die Haare einflechten konnte. Manchmal machte sie daraus mit ihrer Freundin auch eine Kette.
Plötzlich hörte sie ein gluckerndes Geräusch neben sich und erschrak. Welches Tier machte solche Geräusche? Bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, schoss Peter an die Oberfläche und lächelte sie an. Seraphina ging schnell auf Sicherheitsabstand. Es war ihr unheimlich, den Fremden so nah bei sich zu haben. „Warte“ rief dieser. „Ich wollte dich nicht erschrecken!“ Seraphina stoppte. Peter kam langsam näher. „Ich hatte gehofft, dich hier noch einmal zu treffen und als ich sah, dass du in Gedanken warst, dachte ich, ich überrasche dich.“ Saraphina sah ihn aufgrunddessen, dass sie ihn nicht verstand, verständnislos an. Aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er es nicht böse gemeint hatte und strich ihm einmal über die Stirn. Das war bei ihrem Volk das Zeichen dafür, dass alles in Ordnung war. Peter zuckte einmal kurz aufgrund der kalten Berührung zurück, lächelte aber dann. Seraphina lächelte zurück und nahm seine Hand. Sie wusste nun schließlich, dass nichts passierte, wenn sie sich berührten. Sie hatte also keine Angst mehr. Mit ihm an der Hand schwamm sie los, merkte jedoch, dass dieser gar nicht so schnell hinterher kam und stoppte. Prustend und schnaubend strich er sich das Wasser aus den Augen. „Langsam, langsam. Ich habe nicht so einen tollen Fischschwanz, wie du.“ Vorsichtig schwammen sie, jeder für sich, nebeneinander her. Seraphina fand, dass Peter ganz schön langsam war. Aber sie würde sich bestimmt auch nicht gerade elegant bewegen, wenn sie auf dem Land wäre. Aber es machte trotzdem Spaß mit ihm zu schwimmen. Peter tauchte auch ein paar Mal, was sie in ihrer Vermutung bestätigte, dass dieser unter Wasser ebenfalls atmen konnte. Als sie wieder zurück ans Ufer schwammen, sah Peter sie lange an. Seraphina spürte ein nie dagewesenes Kribbeln im Bauch und musste schlucken, als Peter sich zu ihr herunterbeugte und sie vorsichtig auf die Wange küsste. Erschrocken befühlte sie ihre Wange, ob irgendetwas verletzt war, doch der Kuss hinterließ nur ein prickelndes Gefühl auf ihrer Haut. „Auf Wiedersehen, Seraphina. Ich hoffe, wir sehen uns morgen wieder!?“ Mit diesem Satz verschwand Peter in der Abenddämmerung und ließ sie mit einem unbekannten Gefühl der Glückseeligkeit zurück.
 
In dieser Nacht konnte Seraphina nicht schlafen, da sie ununterbrochen an Peter denken musste. So etwas hatte sie zuvor noch nie erlebt. Nicht nur, dass das die erste richtige Begegnung mit einem Menschen war, nein, es war auch die erste Berührung und Kuss von einem Menschen. Sie war verwirrt und glücklich zugleich. Es war das irritierendste Gefühl, welches sie je erlebt hatte. Seraphina hatte bereits so ein ähnliches Gefühl gehabt, damals, als ihr Vater sie herumgewirbelt hatte, wie ein Seepferdchen, welches zu viel Quallengelee gegessen hatte. Da hatte sie auch so ein kribbeliges Gefühl im Bauch gehabt. Doch dieses Gefühl war doch noch etwas anders. Sie wollte mit jemandem darüber sprechen, aber gleichzeitig ihr Geheimnis für sich behalten. So schlief sie letztendlich mit dem ersten einfallenden Licht des Ozeans ein.
 
Als Seraphina schließlich gegen Nachmittag aufwachte, erschrak sie fürchterlich. Peter wartete bestimmt schon eine Ewigkeit auf sie. Und was ist, wenn er gar nicht mehr da war? In Panik schwamm sie so schnell sie konnte an das Ufer, an dem sie sich zum ersten Mal begegneten. Zu ihrer großen Enttäuschung musste sie feststellen, dass Peter nicht da war. Voller Hoffnung, ihn doch noch zu entdecken, suchte Seraphina das Ufer mit ihren Blicken ab und sah ihn schließlich zwischen zwei Tannen sitzen. Als er sie bemerkte, kam er schnell herüber gerannt. Sie strahlte über das ganze Gesicht und in ihrem Bauch machten sich tausende von Krabben bemerkbar. „Endlich bist du da. Ich dachte schon, du kommst nicht mehr“ sagte Peter und strich ihr über das nasse Haar. Seraphina tat es ihm gleich, was ihn dazu veranlasste, sich abermals hinabzubeugen, um sie auf den Mund zu küssen. Völlig schockiert, wich sie zurück. Sie musste sich erst einmal sammeln. Das war alles so neu für sie und doch so wunderschön. Sie konnte nicht an sich halten, schlang ihre Arme um seinen Kopf, küsste ihn und zog ihn ins Wasser. Sie küsste ihn und küsste ihn. Seraphina merkte dabei nur nicht, dass sie immer tiefer ins Wasser hinab glitt und Peter, entgegen ihrer Annahme, nicht atmen konnte. Sie war so glücklich und vollkommen ausgefüllt mit dem Gefühl der Liebe.
Das letzte, an das Peter dachte, war der wunderschönste Name, den er je gehört hatte: Seraphina…
 
 
 
ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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