Horst Lux

Das verschlossene Tor.



Und dann fällt das Tor zu. Ein dumpf hallender, weithin durch die Nacht hörbarer Ton. Der Schlüssel wird im Schloss herumgedreht, einmal, zweimal. Dann das Rasseln einer Kette.

Ich stehe draußen. Ich stehe vor dem Tor. Noch vor kurzem, ja eben noch, gehörte ich dazu. Und nun, Sekundenbruchteile später ist das alles vorbei. Ich kann es nicht fassen, mit tränenden Augen starre ich auf das schwere Tor, das sich hinter mir schloss.
Verzweifelt hämmere ich mit meinen Fäusten gegen das harte Holz. Der Schmerz zwingt mich, aufzuhören. In mir breitet sich eine Leere aus, die eine ohnmächtige Wut nach sich zieht.
Gestern habe ich noch gelacht, mit den Anderen gescherzt, dumme Sprüche vom Stapel gelassen, fröhlich in die Welt geschaut.
Die Sorgen? Die betrafen mich doch nicht. Das war draußen, das war vor der Tür. Hörte ich das Weinen, das leise Wimmern nicht, das laute Klagen dort draußen vor der Tür?
Doch. Sicherlich. Aber warum sollte ich mich darum kümmern, was konnte ich da schon tun? Ich schlage noch einige Male an das schwere, nietenbeschlagene Holz. Vergebens, niemand hört mich; und wenn mich jemand hört, dann nimmt er keine Notiz von mir.
Das ist kein Scherz mehr, kein beschwingtes Lachen klingt durch die Räume. Vielleicht doch, aber ich kann es nicht hören, ich stehe ja draußen, außerhalb von all dem was mir bisher das Leben lebenswert machte. Schemenhafte Gestalten geben mir ein Gefühl von Unsicherheit, Angst vor etwas Unbestimmten macht sich breit.
Irgendwo ein hohles Lachen, Geräusche aus einer anderen Welt. Dann Stimmen, unverständliche Töne. Graue, diffuse Gestalten auf leisen Sohlen bedrängen mich mit einem Netz aus wirren Gedanken.
Meine Gedanken, fremde Gedanken? Gedankenwelten mit genau dem gleichen Muster und denselben Interferenzen.
Ratlosigkeit macht sich bei mir breit. Ich schreie, schreie in das schemenhafte Etwas
hinein, das mich mit Daseinslosigkeit bestraft.

Ich bin doch hier! Ich stehe hier draußen und begehre Einlass! Ich möchte dazugehören, zur Freude, zur Helligkeit, zum inneren Kreis der Daseinsberechtigten. Es ist dunkel und still. Dann plötzlich ein hallender Ton einer riesenhaften Glocke, die Dunkelheit der Nacht wird mit einem zweigestrichenen ‚e‘ gefüllt.

Ich darf nicht immer versuchen, mich zu erinnern. Wenn die Erinnerung sich breit macht, verdrängt sie die Realität. Ich bin dann nicht mehr ich selbst. Ich bin dann nur noch der, der ich einmal war.
Wenn die Wirklichkeit es nicht wert ist, wirklich zu sein, dann versinkt sie nur noch im grauen Schatten des Nichts! Was tue ich, wenn nichts mehr da ist, woran ich mich halten kann, wenn alles, was früher richtig war, auf einmal falsch ist? Wenn alles, was ich früher, gestern, vorgestern gesagt und getan habe, ein Irrtum gewesen ist – welch eine grausame Erkenntnis tut sich mir da auf!
Etwas ist geschehen. Etwas muss mit mir geschehen sein. Ich stehe jenseits aller Türen. Weiß ich denn, ob das, was ich heute sage, tue, unterlasse, nicht morgen schon falsch und überholt ist? Mein Alter Ego will nicht zulassen, dass ich das Farbenspiel der Vergangenheit noch einmal ablaufen lasse. Die Glocke ist verklungen. Und es geht weiter, unablässig weiter.

»Pantha Rhei«, das wussten schon die alten Griechen, alles fließt eben. Jeder Moment im Leben ist eine Veränderung des Bestehenden. Gestern war ich ein anderer als ich heute bin. Gestern stand ich auf der anderen Seite des Tores. Ich bin noch derselbe Mensch, aber ich bin nicht mehr der gleiche Geist! Gestern gehörte ich dazu. Heute aussortiert, ein Nichts.
Schwer zu begreifen. Wirklich nicht zu verstehen?

Ganz einfach: Einer, der draußen steht, der vergessen hat, mit den Wölfen zu heulen ...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

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