Peter Schönau

Bericht aus der Steinzeit (USA-Reise vor 50 Jahren)

In Guayaquil musste die DC3 der Branniff Airlines vor ihrem Weiterflug nach Miami aufgetankt werden, und die Passagiere gingen in das Abfertigungsgebäude, um etwas zu trinken oder nur um sich die Beine zu vertreten.
Ich stieg die Gangway hinunter, und die feuchtwarme Tropenluft legte sich wie ein nasses Handtuch auf mein Gesicht. Die Mitreisenden waren in der Mehrzahl US-Geschäftsleute und einige wenige Touristen. In der klimatisierten Lounge trank ich einen Whisky Sour, der zu süß war, und wartete.

Auf dem Weiterflug nach Miami schlief ich schon nach wenigen Minuten ein. Als ich aufwachte, sah ich durch das kleine Bordfenster unter mir, silbrig glänzend, das Meer, the Caribbean, wie die Amerikanerin mittleren Alters neben mir bemerkte. Ich lächelte sie an. “Nice indeed, isn't it?” Bestätigend nickte ich mit dem Kopf. Dann schlief ich wieder ein und wachte erst auf, als die zweimotorige Propellermaschine auf dem Flughafen von Miami zur Landung ansetzte. Es war kurz vor Weihnachten, und im Ankunftsterminal stand ein riesiger Weihnachtsbaum, dessen vielfarbige Kerzen in bestimmten Abständen aufleuchteten und wieder erloschen. Die Fluggesellschaft gab durch, daß sich der Weiterflug nach New York wegen eines Schneesturms, der den Kennedy Airport lahm zu legen drohte, verzögern würde.

Wir hoben schließlich mit mehr als einstündiger Verspätung in Miami ab, aber es dauerte nicht lange, und der Kopilot teilte uns mit, daß der Schneesturm, der in New York tobte, uns zwingen würde, als Ausweichflughafen Washington anzufliegen. Was mit dem Weiterflug nach New York werden würde, konnte keiner sagen. Allerdings war es von Washington nach New York nur noch ein Katzensprung. Man würde dann weitersehen. Seufzend stellte ich die Rückenlehne meines Sitzes so weit nach hinten wie möglich. Der Flug drohte zu einer Odyssee zu werden.

Washington hatte sich unter einer dicken Schneedecke versteckt, und die Schneeflocken tanzten Rock 'n’ Roll auf der Landebahn. Die Abfertigungshalle glich einem Ameisenhaufen. An den Schaltern der Fluggesellschaften drängten sich Passagiere, die ungeduldig Auskunft über ihre Anschlussflüge verlangten, andere versuchten ihren Flug umzubuchen. Viele saßen oder lagen abgekämpft in den Sesseln vor den Gates und warteten.
Ich sah auf die große Anzeigetafel. Neben dem Flug, für den ich eigentlich nach New York gebucht war, stand in großen Buchstaben CANCELED. Ich musste es bei einer anderen Gesellschaft versuchen. Hinter einem jungen Priester in schwarzer Soutane reihte ich mich in die Schlange am Schalter von Northwest Airlines ein und hatte Glück. Ich ergatterte noch ein Ticket, und trotz dichten Schneetreibens starteten wir eine gute Stunde später nach New York, wo der Kennedy Airport allerdings wegen der schlechten Wetterverhältnisse geschlossen worden war. Der Tower dirigierte uns nach La Guardia, und dort landeten wir schließlich am späten Abend.

An ein Weiterkommen an diesem Abend war nicht mehr zu denken. Sorgen machte ich mir vor allen Dingen wegen meines Gepäcks, das hoffentlich auf dieser Irrfahrt nicht in irgendein schwarzes Loch oder das Bermudadreieck gefallen war. Mich tröstete nur, daß ich meine wichtigsten Papiere bei mir hatte. Aber wie es aussah, musste ich wohl oder übel mindestens eine Nacht in New York verbringen.
Ich erinnerte mich an ein Hotel, in dem ich früher schon einmal übernachtet hatte, das “New Yorker”, mit einer Adresse in Downtown Manhattan. Der Bus brachte mich bis zur 38. Straße, und von dort ging ich zu Fuß. Zum Glück hatte ich mir noch auf dem Flughafen einen Mantel mit ausknöpfbarem Futter gekauft, so dass die Kälte nur mein Gesicht in eine Eismaske verwandelte.

Mein Zimmer lag im 26. Stock, und bevor ich mich müde und ausgelaugt ins Bett legte, warf ich noch einen Blick auf die Skyline des Big Apple, links der Financial District mit der Wallstreet, rechts das Empire State Building, dazwischen Bürohochhäuser, in denen auch nachts das Licht brannte und die - wie auf einem Schachbrett - helle und dunkle Rechtecke
in den Himmel zeichnete. Welch eine Verschwendung, dachte ich noch, bevor ich endgültig einschlief.

Am nächsten Morgen telefonierte ich als erstes mit der Fluggesellschaft. Man sagte mir, dass die Lufthansa ihre Flüge frühestens morgen wieder aufnehmen würde. Die Dame am anderen Ende bedauerte mein Missgeschick wortreich, sicherte mir aber zu, auf jeden Fall einen Platz in der ersten Maschine, die Kennedy Airport wieder verließ, für mich zu reservieren. Zufrieden legte ich auf, schließlich fand ich die Situation gar nicht so misslich; niemand wartete auf mich, eigentlich hatte ich Zeit - solange mein Geld im Land der unbegrenzten Möglichkeiten reichte.

Als ich das Hotel verließ, hatte es aufgehört zu schneien, aber der Räumdienst war der Schneemassen nicht Herr geworden, und so stapfte ich durch tiefen, nassen Schnee, ab und zu zusätzlich von einem Taxi mit Schneematsch beworfen.

Einen Häuserblock weiter fand ich, dass es Zeit war zu frühstücken, und setzte mich in ein Restaurant in der 41. Straße. Beim Studium der Frühstückskarte siegte schließlich beim Kampf zwischen meinem Budget und dem Hunger letzterer, und ich entschied mich für zwei Eier “any style, sausages, bacon and redskinned potatoes with English muffins”. Ich verzehrte auch die letzte kleine Kartoffel, nachdem ich sie mehrmals mit der Gabel durch das Eigelb auf dem Teller gezogen hatte.

Es hatte wieder angefangen zu schneien. Dick vermummt stemmten die Männer und Frauen, die den Büros in den Wolkenkratzern zustrebten, sich gegen den beißenden Wind.
Und auf einmal hatte ich das Gefühl einer grenzenlosen Freiheit. Doch “Nicht Freiheit wozu, sondern Freiheit wovon”, hatte Nietzsche gesagt, darauf kommt es an. Ich weiß, entgegnete ich. Aber ich werde morgen das Flugzeug besteigen, und niemand wird auf mich warten, wenn ich es wieder verlasse. Niemand kann mir sagen, tu dies, laß jenes. Keine Stechuhr wartet morgen oder übermorgen auf mich. Ich kann wieder bei Null anfangen, die alte Welt hat mich vergessen.
Ich möchte immer ankommen und nie abreisen.

Hamburg-Fuhlsbüttel, Ende Dezember - ein leichter Nieselregen fiel auf das Rollfeld, als er nach neunstündigem Flug aus der DC10 stieg und fröstelnd den Flughafenbus bestieg.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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