Jedes Mal, wenn ich nach meiner beruflichen Tätigkeit gefragt werde, gerate ich ein wenig in Verlegenheit und ich fühle, wie mir das Blut in die Wangen steigt. Um für meine Antwort danach ein wenig Zeit zu gewinnen, hole ich dann stets noch einmal tief Luft, bevor ich den Blick meines Gegenübers fest erwidere und schließlich sage: „Ich bin Hausfrau.“ Die winzige Pause, die dann danach beinahe immer folgt, und auf mich wie eine sogar körperlich spürbare Sprachlosigkeit wirkt, gibt mir so die Möglichkeit zu beobachten, wie auf der Gegenseite darum gerungen wird, eine klarere Einschätzung von meiner Person zu gewinnen. Von einer Frau, die sich ganz offensichtlich damit zufrieden geben muss, lediglich in ihrem eigenen Haushalt gebraucht zu werden und nirgendwo sonst in der Lage ist etwas zu erreichen. „Können Sie sich das denn leisten?“, werde ich darauf nicht selten gefragt oder auch: „Was macht man denn nur den ganzen Tag so zuhause?“ Und ich müsste dabei sowohl blind als auch taub sein, um den mitleidigen, ja oftmals kaum verborgenen, geringschätzenden Unterton zu überhören, der diesen und ähnlichen Fragen beigemischt ist.
Zugegebener Weise habe ich bis heute noch keine perfekte Version einer tatsächlich gesellschaftstauglichen Antwort auf diese Fragen finden können, und so beginne ich deshalb dann meist mit einer anfänglich stockenden, jedoch im Verlauf zunehmend flüssigeren Aufzählung meiner diversen Betätigungen: Morgenkaffe brühen für den Ehemann um kurz vor sechs, das Frühstück für die restliche Familie bereiten, und auch das Pausebrot, die Kinder wecken, um spätestens dann zu erfahren, wo der Schuh am Vortag besonders gedrückt hat, die ultimative Lieblingshose, die sich noch im Korb mit der Bügelwäsche befindet, doch noch schnell zu überzudämpfen, gemeinsames Frühstück mit überwiegend erfolgreichem
Koordinierungsversuch, wirklich alle Vorhaben für den Nachmittag unter einen Hut zu bringen, Abschied der kleinen Großen mit fröhlichem Hallo, das Chaos auf dem Esstisch beseitigen, Betten machen, Geschirr spülen, mit dem Hund spazieren gehen, einkaufen, Boden wischen, kehren und Staubsaugen, Fenster putzen, Wäsche sortieren, und hinein mit einer neuen Ladung in die Waschmaschine, bügeln, der Trockner klingelt, ein wichtiges Telefonat mit dem Finanzamt, der eilige Brief an die Krankenkasse muss noch heute zur Post, den Termin beim Zahnarzt für den kommenden Freitag ausmachen, die zerrissene Hose flicken, und auch das zerfledderte Englischbuch, den Rasen mähen, das Blumenbeet vom Unkraut befreien, oder Schneeschippen am Bürgersteig vor dem Grundstück, den Schrank im Keller, der sich auch mal wieder über eine Entrümpelung freuen würde, in die Planung für Morgen einberechnen. Doch nun ist es darüber schon wieder Zeit geworden das Mittagessen vorzubereiten!
Der Tisch ist gedeckt, Hund und Katze sind gefüttert, und aus der Küche verbreitet sich der Geruch von Gekochtem, wenn die Kinder von der Schule kommen. Jetzt ist es Zeit, das Erlebte aus der Welt der Heimkehrer erzählt zu bekommen, um sich mitzufreuen, um zu trösten, Ideen und Pläne zu entwickeln, kurz zufrieden festzustellen, dass man ganz offensichtlich in den Stunden zuvor Ruhe genug hatte, um diesem Ansturm gewachsen zu sein. Und, um danach auch richtig Lust darauf zu verspüren bei den Hausaufgaben zu helfen, Vokabeln abzufragen, über einer unlösbaren Matheaufgabe zu brüten, das früher einmal Gelernte auch jetzt noch tatsächlich anwenden zu können. Übung macht eben den Meister. Der Termin beim Hausarzt, die Klavierstunde, das Fußball-Training und der Besuch des Karateclubs im Nachbarort, die Einladung zum Kindergeburtstag, heißer Kakao mit Keksen am Nachmittag, ein Verband um das aufgeschlagene Knie und ein kalter Waschlappen gegen das Nasenbluten. Und doch immer noch die Muße, die Kinderhorde, die lärmend durchs Haus zieht, tatsächlich genießen können. Zwischendurch immer wieder eine Portion Mutterglück durch den flüchtig aufgefangenen Blick aus dem total verschwitzten, verschmierten Bubengesicht. Zwischendurch eine schnelle Tasse Tee, während die Bässe im oberen Stockwerk die Lautsprecher an ihre Grenzen bringen und man dabei um jeden Meter Abstand froh ist, den das Nachbarhaus vom eigenen entfernt ist.
Irgendwann neigt sich der Tag dann seinem Ende zu, mit gemeinsamem Lachen am Abendbrottisch, an dem nun alle, die zusammengehören, endlich komplett versammelt sind. Man kann es fühlen, ich und auch die übrigen dieses geschlossenen Kreises, jene tiefe Zufriedenheit, wieder einmal alles erzählt und alles gehört zu haben, vieles versucht, manches erreicht, das Beste gegeben und noch viel, viel mehr zurückbekommen zu haben.
Jedes Mal wenn ich dann an dieser Stelle meiner Aufzählung angekommen bin, habe ich die anfänglich gestellte Frage darüber schon beinahe vergessen, doch dann erinnere ich mich wieder an den Ausgangspunkt jener zwangsläufig entstandenen Konversation zwischen Fremden, und mache mich nun für meine Art eines Gegenangriffs bereit: „Vielleicht“, so beginne ich nun, „ist es einfach nur, weil wir uns ein anderes Leben einfach gar nicht leisten könnten.“
Für die Kinder ein Kindermädchen, einen Babysitter, oder doch wenigstens einen Platz in der Kinderkrippe, im Ganztageskindergarten oder im Hort, natürlich nur so lange, bis sie nicht, mit dem Hausschlüssel um den Hals, selbstständig genug sind ihre Freizeit als eine Art grenzenlose Freiheit zu betrachten und diese dann auch ganz ausschließlich nach ihrer eigenen Fasson gestalten. Und man bräuchte dann natürlich auch eine Putzfrau für den Haushalt, einen Gärtner für den Garten und einen Chauffeur für die Beförderung des Nachwuchses zu den diversen nachmittäglichen Aktivitäten. Abgesehen von den Terminen beim Kinderpsychologen, die heute ja schon zu ganz bemerkenswerten therapeutischen Erfolgen gelangen, wenn ihre jungen Patienten daheim so gar niemanden mehr vorfinden der Zeit hat. Und, nicht zu vergessen, der Besuch bei einer Eheberatung, wenn die geballte Ladung aus beruflichem und privatem Stress, die Doppelbelastung, das Muss, sich selbst zu verwirklichen, seine unvermeidlichen Spuren hinterlässt. Die Berge schmutziger Wäsche wären dann die Aufgabe der Wäscherei und die der zerrissenen Hosen hielten allein mindestens eine Schneiderin gut über Wasser. Den schnellen Happen für Zwischendurch, der niemals satt doch nicht selten fett macht, könnten die Kleinen ja an jeder Ecke im Fast-Food-Restaurant hinunterschlingen oder aber frisch aus der Mikrowelle genießen. Für die verschmutzten Scheiben bliebe nun der Fensterputzer, absolut professionell und nur ein Anruf genügt, und für beinahe jede Lücke aus dem Unterricht fände man im Handumdrehen die passende Nachhilfe. Und im übrigen, wozu braucht man denn heute noch einen Hund?
An jener Stelle also bin ich dann immer tatsächlich am Ende meiner Rede angekommen, schaue meinem Gegenüber anschließend freundlich und gar nicht mehr verlegen ins meist ziemlich irritierte Gesicht, und frage mich insgeheim: „Kann er, kann sie sich tatsächlich das alles leisten?“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.06.2015.
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von Florentine Herz
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