Anita Voncina

Die Ansichtskarte

Der Regen prasselt schon den ganzen Tag an das Fenster im Büro und die Laune der Kollegen ist gereizt. Wie immer. Er wirft einen kurzen Blick auf seine goldene Armbanduhr, ein Geschenk der Firma zum Firmenjubiläum im vergangenen Jahr, und stellt fest, dass es Zeit ist Schluss zu machen. Bedächtig steckt er die Brotzeitschachtel zurück in seine abgewetzte Aktentasche aus braunem Leder, verschließt die Schreibtischschublade und lässt den Schlüsselbund in die Tasche seiner grauen Strickweste gleiten. Dann ist es soweit.
     „So du Urlauber, wo soll’s denn dieses Jahr hingehen?“, fragt ihn einer seiner beiden Kollegen, ohne dabei von dem grünen Formular hochzusehen, das er gerade bearbeitet. „Wohl wieder nach Balkonien“, beantwortet der andere Kollege die Frage für ihn und fügt lakonisch hinzu „da ist’s doch für Schwerenöter wie dich immer am besten.“ Dann ist es für ein paar Augenblicke wieder still im Büro und er überlegt angestrengt, wie er es den beiden wohl am schnellsten sagen könnte, am unverfänglichsten, ohne zu viel dabei erklären zu müssen und ohne zu viel von seinem Privaten preiszugeben. Nicht, dass er etwas zu verbergen hätte, er trennte nur gerne das Berufliche vom Privaten, abgesehen davon, dass es bei ihm von beidem auch nie sehr viel zu erzählen gab.
     „Nein“, sagt er schließlich und erklärt dann den anderen, dass er sich dieses Jahr etwas ganz besonderes geleistet habe. „Einen Urlaub am Mittelmeer wollte ich immer schon einmal machen“, fügt er hinzu und ist verunsichert wegen der ungewohnten Aufmerksamkeit, mit der ihn nun die Kollegen betrachten. Dann beschließt er, dass es besser sei den anderen nicht zu sagen, wie oft er in den vergangenen Wochen versucht hatte sich vorzustellen, wie es dort wohl sei, dort, wo es jetzt schon warm war und die Sonne so oft vom strahlend blauen Himmel lacht. Und so nickt er einmal unmerklich wie zur Bestätigung, hebt seinen grauen Regenmantel vom Wandhaken, zieht den Regenschirm aus dem weißen Plastikeimer und ergreift seine Aktentasche.  
     Als er sich zur Tür wendet, ergießen sich die Kollegen plötzlich in gut gemeinten Ratschlägen und es ist ihnen ihre vorherige Trägheit nicht mehr anzumerken. „Lass’ ja deinen Geldbeutel nicht aus den Augen, alter Junge, und gib nicht zu viel Trinkgeld, ist ja doch jeder Pfennig sauer verdient und dort unten sowieso alles viel zu teuer.“ Er bemerkt, wie er sich langsam unwohl fühlt, er räuspert sich verlegen und will sich nun endlich auf den Weg machen, hat plötzlich das unbezwingbare Bedürfnis einfach nur die Bürotür hinter sich ins Schloss zu ziehen, den Gang entlang zu hasten und, am Pförtner vorbei, hinaus in den Regen zu kommen. Doch da steckt auch noch die Vorzimmerdame des Personalchefs, wie üblich ohne zuvor angeklopft zu haben, ihren rotgefärbten Schopf durch die Zwischentür und, weil sie ganz offensichtlich mitbekommen hat um welches Thema es geht, ergänzt sie bereitwillig, dass es doch zuhause immer am schönsten sei. Und weil er sich seine plötzlich entstandene Verunsicherung vor den anderen nicht anmerken lassen will, zuckt er dann nur leicht mit den Schultern und steuert nun endlich die Türe an, öffnet sie, winkt müde mit der rechten Hand, ohne sich dabei noch einmal umzudrehen, und schließt sie hinter sich so geräuschlos wie möglich.
     Kaum vierundzwanzig Stunden später zieht er den Zündschlüssel seines Kleinwagens auf dem Parkplatz der Bungalowanlage ab. Er fühlt den Schweiß in den Handflächen, auf dem Rücken, im Gesicht, und blinzelt gegen die Sonne, die über den weißen Häusern vom wolkenlosen Himmel glüht. Dann dreht er sich um, streichelt dem Hund auf der Rückbank aufmunternd über den struppigen Rücken und öffnet ihm die hintere Wagentür. „Nur schnell den Hund im Schatten unterbringen, dann wird man weitersehen“, schießt es ihm durch den Kopf und er lächelt bei dem Gedanken, wie lange das mächtige Tier und er schon unzertrennlich sind. Anschließend geht alles unerwartet reibungslos, der stämmige Mann an der Rezeption hat den Schlüssel zum Bungalow sofort bei der Hand, es gibt keine Ungereimtheiten, keine Missverständnisse, keine bösen Überraschungen. Ein überdachter Parkplatz direkt vor dem weißen Häuschen, und auch alles weitere übertrifft seine bescheidenen Erwartungen. Kein Schimmel im Kühlschrank, keine Küchenschaben unter dem Spülbecken, und auch keine Ameisenstraße über den Küchentisch, alles blitzt vor Sauberkeit und die flaschengrünen Kacheln am Fußboden verleihen den sonst eher zweckmäßig eingerichteten Räumen sogar eine gewisse Eleganz.
     Von der Terrasse aus hat er einen atemberaubenden Blick über das blitzende, platinfarbene Meer, auf dem Segelboote dahingleiten und Yachten am Horizont auftauchen und wieder verschwinden. Vom Schlafzimmerfenster aus ergießen sich  Kaskaden aus zartrosa Geranienblüten, dahinter weiß blühende Orangenbäume. In der Ferne die Ginsterhügel, grellgelbe Pracht, deren herbsüßer Duft sich mit dem der Orangenblüten mischt und an ihm vorbei in den Raum hineinzieht. Bei dem Anblick dieser verschwenderischen, südlichen Pracht fühlt er sein Herz viel schneller schlagen und einen beinahe unbezwingbaren Drang, laut zu singen. „Komm lieber Mai und mache“, jedoch dann fällt ihm ein, dass dieser Mai hier ganz unübersehbar schon längst am Werk gewesen ist, unvorstellbar lieblich, unvorstellbar für ihn bis heute.
     Er lässt den Koffer und die Reisetasche ungeöffnet im Flur stehen, hängt sich hastig die Leine um und füllt die Wasserschüssel für den Hund, der sich der Länge nach im Wohnzimmer ausgestreckt hat. Dann muss er hinaus, zuerst die asphaltierte Straße entlang, den steilen Felspfad hinauf, vorbei an den fruchtbaren Hügeln, in denen sich um diese Tageszeit kein Schatten findet. Von überall her zirpen die Grillen, unter den Nussbäumen, in den Olivenhainen und den Weingärten. Der Hund ist weit voraus, er stöbert zwischen den niedrigen Stauden und wendet sich nur noch selten nach ihm um. Schließlich haben sie gemeinsam die höchste Stelle erreicht und wieder ist er überwältigt von dem  Ausblick, der sich ihm wie ein Teppich in satten Farben zu Füßen legt, bis hinab zum tiefblauen Wasser, das sich über den Horizont hinaus ohne sichtbaren Übergang in der Unendlichkeit des Himmels verliert. Eine ganze Weile steht er dann einfach nur da und spürt einen Kloß im Hals und, dass die Augen  feucht werden vor so viel unerwarteter Herrlichkeit.
     Auf dem Weg zurück nimmt er an der Weggabelung über der Felsentreppe den anderen Pfad und gelangt schon hinter der nächsten Biegung an eine Stelle, von der man den kleinen Ort sehen kann, der in der flimmernden Hitze der frühen Nachmittagsstunden döst. Als er schließlich zu ihm herabgestiegen ist, schlendert er gemächlich im kühlen Schatten der engen Gassen, vorbei an Herden von Plastiktieren und Meeren aus Strohhüten  auf den Holzstellagen vor den Läden, die gerade wieder geöffnet werden, bis er findet, wonach er Ausschau gehalten hat. Dann weist er den Hund an im Schatten einer Hauswand auf ihn zu warten, und betritt die Metzgerei.
     Er ist der erste Kunde nach der Mittagspause und lässt seinen Blick über die Ladentheke wandern, fröstelt ein wenig wegen der Kälte aus der Klimaanlage und ist überrascht von dem  reichhaltigen Angebot. Nein, so hat er sich das hier nicht vorgestellt, und so nimmt er sich vor, gleich morgen wiederzukommen. Doch noch bevor er sich weitere Gedanken darüber machen kann, was er von den angebotenen Dingen in den blankpolierten Edelstahlschüsseln vor sich von daheim kennt und was nicht, wird der Perlvorhang hinter der Ladentheke mit entschlossenem Handgriff geteilt. Der breitschultrige junge Mann, mit dem auffallenden Goldkettchen um den Hals und dem dichten, dunkelbraunen Haar, wirft seinem Gegenüber einen freundlichen Blick zu, der dabei für einen flüchtigen Moment auf dessen langen, dünnen Beinen in der verschossenen, etwas zu kurzen Leinenhose verweilt, danach über das verschwitzte, karierten Hemd wandert und schließlich im blassen, durch die ungewohnte Hitze noch fahleren Gesicht hängenbleibt, dem der fehlende Schlaf der durchfahrenen Nacht nun deutlich anzusehen ist.
     Plötzlich bereut er es, dass er daheim nicht wenigstens ein paar Worte dieser fremden Sprache gelernt hat, schämt sich sogar ein bisschen dafür, und deutet daher mit seinem ausgestreckten Zeigefinger beinahe etwas entschuldigend auf ein großes Stück Rindfleisch, knorpelig durchwachsen und sehr fett. Der Metzger wirft einen kurzen Blick auf die verlangte Ware, schüttelt energisch den Kopf, verschwindet erneut hinter dem Perlvorhang, taucht wieder auf, mit einem ebenso großen, aber viel magereren, knorpellosen Stück in der Hand. „Mehr gut“,, stellt der junge Mann zufrieden fest und macht sich umgehend daran, es in ein festes, weißes Papier einzuwickeln, das er von einer Rolle unter dem Ladentisch abgerissen hat, doch nun schüttelt der Kunde entschieden den Kopf und deutet erneut auf das unansehnliche Stück Fleisch von vorhin.
     Noch einmal misst der Metzger sein blasses Gegenüber mit einem kurzen Blick, entdeckt dabei nun die ganz offensichtliche Unsicherheit des Mannes. Kein Sonnenöl, kein grell buntes Hemd weit offen getragen über teuren Markenshorts, und auch keine schwarzglänzende Sonnenbrille im millimeterkurzen Haar, nur diese verschossene Leinenhose, die bestimmt schon bessere Tage gesehen hat, und das verschwitzte, altmodische Hemd. Und so reimt sich der junge Mann daraus sehr schnell seine eigene Wahrheit zusammen, „armer Teufel, kannst dir wohl nichts besseres leisten“, schenkt dem immer schwächer werdenden Protest seines Kunden schließlich keine Beachtung mehr, wickelt das magere Stück Rindfleisch fein säuberlich in das Papier, geht zur  Kasse und tippt. „Kostet wie andere“,  sagt dann die warme, dunkle Stimme hinter der Theke, und der Widerstand des Fremden fällt zusammen wie eine Stoffpuppe, aus der Sägemehl herausrinnt. 
     „Kostet wie andere“, klingt es ihm immer noch im Ohr, als er schon längst wieder auf der Straße draußen ist, seinen Hund vom Fenstergitter des kleinen Hauses losbindet und nun auf einen Laden mit Ansichtskarten zusteuert. Dort nimmt er sich viel Zeit, möchte sie eigentlich alle mitnehmen, wählt dann aber doch nur eine einzige aus, und weiß dabei doch ganz genau, dass auch diese dem, was er hier entdeckt hat, nicht gerecht wird.
     Auf dem Herd im Bungalow ist die Suppe schon seit geraumer Zeit am kochen, während er, nur mit einer kurzen Hose und einem Sonnenhut bekleidet, nachdenklich im Schaukelstuhl auf der Veranda wippt. Als er bemerkt, dass der Hund den großen Topf in der Küche keinen Augenblick aus den Augen lässt, lächelt er und stellt dabei zufrieden fest, dass das Tier ganz offensichtlich weiß, was ihm zusteht. Danach schaut er über das glitzernde Meer und den Strand unter dem Felsvorsprung, auf dem sein Häuschen thront, beobachtet  Kinder, wie sie im Saum der Wellen entlang laufen und lauscht auf das sanfte Tosen der Brandung. Und ist dabei in Gedanken doch auch immer wieder in der Metzgerei von vorhin, versucht das, was er dort erlebt hat, für sich zu ordnen, seine Schlüsse zu ziehen und dem somit den richtigen Platz zuzuweisen, dort, wo es einmal zur Erinnerung werden soll. Schließlich greift er zum Stift, wendet die Ansichtskarte vor ihm auf dem kleinen Holztisch bedächtig in der linken Hand und beginnt zu schreiben: Liebe Kollegen, besten Gruß vom blauen Mittelmeer. Hab’ heute schon vieles gesehen, doch dabei ist mir der Teufel, den Ihr an die Wand gemalt habt, nirgendwo begegnet. Vielleicht ist er ja lieber daheim geblieben.
 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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