Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete die beiden glänzenden Stahlrösser im fahlen Licht der staubigen Garagenlampe mit Zufriedenheit. Und ich dachte für einen kurzen Augenblick an den übereifrigen Verkäufer des Radgeschäftes zurück, der mir das kleine Bündel aus Fünfzig-Mark-Scheinen am Tag zuvor einfach so aus der Hand genommen hatte und es dann in der Kasse verschwinden ließ. So, als hätte ich bei ihm gerade nichts weiter als nur eine Tüte Bonbons erstanden. Doch nun standen diese beiden Fahrräder bereits in der Garage unseres Hauses und schienen ausschließlich darauf zu warten, ihren zukünftigen Besitzern übergeben zu werden. Und bei diesem Gedanken wurde mir plötzlich ganz warm ums Herz, ich stellte mir die staunenden, enzianblauen Kinderaugen vor, ihre vor Aufregung geröteten Wangen, ihre kleinen Hände, die vor Freude klatschten, bevor sie sich nach mir ausstrecken und meine stolze Vaterbrust umschlingen würden. Und schon allein dafür hatte sich die Ausgabe gelohnt.
Und dann wurde meine Vorstellung vom Bubenglück am nächsten Tag auch noch bei weitem übertroffen, ich kämpfte eine ganze Zeit lang mit einem mächtigen Kloß in meinem Hals, und die zu Tränen gerührte Mutter dieser beiden herrlichen Geschöpfe strahlte mit ihnen um die Wette. Die Sonne lachte vom wolkenlosen Junihimmel, die Schmetterlinge, Bienen und Hummeln erfüllten die milde Luft mit ihrem geschäftigen Treiben und von den Wiesen und Feldern rund um unser Haus erreichte uns der Duft des nahenden Sommers.
Die herrlichen Geschöpfe jedoch hatten an diesem Tag weder Augen noch Ohren für die Pracht der Natur. Ihre enzianblauen Augen hingen ausschließlich an den beiden nagelneuen Fahrrädern und sie hatten lediglich nur noch einen einzigen Wunsch, nämlich diese auf der Stelle auszuprobieren. Ich runzelte etwas skeptisch die Stirn, als mich das aufgeregte Geschrei aus begeisterter, brüderlicher Übereinkunft erreichte und suchte erfolglos nach einer Idee, diesen vorschnellen Plan noch etwas hinauszuzögern. Wenigstens so lange, bis die Schlafanzüge ausgezogen und das Frühstück beendet war. In atemberaubender Geschwindigkeit tauchten vor meinem geistigen Auge auch die spektakulären Stürze der vergangenen sechs Jahre auf, die die beiden mit ihren früheren Fahrrädern schon zu Wege gebracht hatten, vernachlässigte man dabei einmal die unzähligen kleineren Blessuren, die sie bereits in den ersten Lebensmonaten mit ihren Rutschfahrzeugen hinter sich hatten.
Jedoch, noch ehe ich mich wieder vollständig von dieser recht aufwühlenden Rückblende in meinem Inneren hätte erholen können, war das vereinigte Brüderpaar schon nach draußen gestürzt und hatte sich die neuen Drahtesel unter die Arme geklemmt. Dabei hatte die schwere Haustüre beim ungebremsten Aufprall ins Schloss beinahe den Türstock aus seinen Angeln gerissen und war, von jenem Moment an, auch mit einer gut sichtbaren, tiefen Schramme gekennzeichnet, die ihr eines der Pedale verpasst hatte. Und nun standen jene herrlichen Geschöpfe auf dem Gehsteig vor ihrem Elternhaus und sahen sich bereits voller Tatendrang nach der passenden Himmelsrichtung um, in die sie gleich davon radeln konnten.
„Halt, stehen bleiben!“, schallte der verzweifelte Ruf des besorgten Vaters durch die Frühlingsluft und verhinderte damit gerade noch das Verkeilen der beiden Vorderräder beim gleichzeitigen Aufsteigen auf die Gefährte, zwischen die man in jenem Augenblick nicht einmal mehr ein Blättchen Papier hindurchschieben hätte können. „Halt, so einfach geht das nicht“, bestärkte ich meine väterliche Anweisung mit bemüht ernster Stimme und versprach den beiden vor Tatendrang beinahe berstenden Knaben einen ausgedehnten Ausflug mit den neuen Rädern noch am selben Vormittag, wenn, ja wenn sie zuvor den wohlgemeinten Anweisungen des Papas wenigstens ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit schenken würden.
Überrascht von der prompten und augenscheinlichen Einsicht der beiden herrlichen Wesen vor mir auf dem Gehsteig, und gestärkt durch den dankbaren Blick, den mir ihre Mutter anschließend zugeworfen hatte, öffnete ich nun das große Garagentor und holte mein eigenes Fahrrad hervor. Da ich dieses jedoch schon eine ganze Weile nicht mehr benutzt hatte, hatte ich sogleich noch eine ganze Menge kleinerer und größerer Handgriffe zu erledigen, und nutzte diese Zeit sogleich für eine ausführliche Beschreibung, wie so ein Fahrrad eigentlich zu pflegen und zu warten wäre. Während ich auf diese Weise in der Garageneinfahrt schwitzend und prustend die leicht verrostete Luftpumpe bearbeitete und danach auf allen Vieren herumkroch um nach dem Verschluss für das Ventil des Vorderreifens zu suchen, fühlte ich die Blicke meiner beiden Sprösslinge ganz deutlich, wie sie meinen gebeugten Rücken durchdrangen und vermutlich keinen einzigen ihrer Gedanken an das verschwendeten, was ich ihnen gerade zu erklären suchte.
Kurze Zeit nachdem die beiden herrlichen Wesen vor Ungeduld bereits mit ihren Füßen angefangen hatten auf dem Asphalt zu scharren wie zwei ungestüme Fohlen, befand sich mein ehrwürdiges Stahlross schließlich wieder in fahrbereitem Zustand und ich schwang mich, so lässig wie möglich, auf den spartanisch schmalen und nicht minder unbequemen Sattel. Nun konnte der Unterricht zum Thema Sicherheitsbetontes und vorrausschauendes Teilnehmen am Straßenverkehr beginnen, und ich wurde nicht müde, auf der kleinen Stichstraße vor unserem Haus immer wieder meine Runden zu drehen. Dabei berichtete ich meinen mehr oder weniger aufmerksam lauschenden Söhnen unermüdlich von all den vorstellbaren und weniger vorstellbaren Eventualitäten, die sich beim Radfahren ereignen könnten.
Dass ich bei meinem Vortrag als ein ständig im Kreise fahrender Radfahrer natürlich stets um den ununterbrochenen Augenkontakt zu meinen Sprösslingen bemüht war, war allerdings ein ziemlich mühsames Geschäft. Doch ich wurde bei meiner anstrengenden Tätigkeit von zeitgleichem Radeln und Reden, und für meinen dabei ziemlich weit nach hinten verdrehten Hals, der langsam begann höllisch zu schmerzen, auch immer wieder durch väterlichen Stolz entschädigt. Auf diese beiden herrlichen Wesen, die in der ganzen Zeit meinen praktischen Demonstrationen und den theoretischen Unterweisungen zumindest augenscheinlich gefolgt waren, und so war ich dabei schon beinahe am Ende meiner Ausführungen angekommen, als sich die Situation urplötzlich völlig unerwartet veränderte.
Das abrupte Abbremsen meines Vorderrades hatte mir augenblicklich signalisiert, dass ich mit meinem Gefährt soeben auf einen unbeweglichen Gegenstand aufgeprallt sein musste, doch die Vorgänge begannen sich derartig zu überstürzen, dass ich zu irgendeiner weiteren Überlegung gar keine Zeit mehr hatte. Nach jenem Abbremsen schien mein Körper von einer noch nie zuvor verspürten Schwerelosigkeit ergriffen zu werden, die ihn in hohem Bogen, und dabei auch in atemberaubender Geschwindigkeit, vom Sattel hob und über die Lenkstange hinweg auf den Kofferraum eines geparkten Autos schleuderte. Von dem er dann allerdings, schlagartig wieder mit Zentnerlast behaftet und mit ohrenbetäubenden Krach, zurück auf den Straßenasphalt prallte. Von dieser horizontalen Lage aus konnte ich dann, in einer geradezu grotesken Mischung aus völliger Taubheit und rasendem Kopfschmerz, einen ersten Blick auf den völlig verbeulten Vorderreifen meines einstmals so schnittigen Rennrades werfen, bevor ich dann, den hämmernden Schmerz in meinem Schädel dabei mühsam ignorierend, einen verstohlenen Blick auf die gut sichtbare Delle im Blech des Autos warf.
Als ich mich nach einiger Zeit wieder aufgerappelt hatte und, gestützt von der Mutter meiner beiden Nachkommen, den Rückzug ins Innere des Hauses angetreten hatte, hörte ich, wie sich draußen auf der Straße erregtes Stimmengewirr breit machte und ich ahnte dabei nichts Erfreuliches. Erschöpft rieb ich meine pochenden Schläfen und versuchte mich darauf zu konzentrieren auf welche Weise man mit den Nachbarn, deren Auto ich nämlich beschädigt hatte, die ganze Sache besprechen könnte, ohne den genauen Hergang des Malheurs berichten zu müssen. Dann schleppte ich mich ins Badezimmer, vermied dabei den Blick in den Spiegel, der meinen ziemlich angekratzten Seelenzustand auch noch durch meine äußerlich gut sichtbaren Blessuren belegt hätte, und begann in der Schublade des Badschrankes nach einem großflächigen Heftpflaster zu wühlen.
Eine gute Viertelstunde später, verarztet, gekämmt und im frischen Jogginganzug, war ich dann bereit, den Gang nach Kanossa anzutreten. Sollten sie doch im Nachbarhaus über mein Ungeschick grinsen, hatte ich mir schließlich gesagt und mir vorgenommen, den Unfallhergang genau so zu schildern, wie er sich ereignet hatte. Doch gerade als ich dabei war das kleine Gartentürchen hinter mir zu schließen, hörte ich, wie die Nachbarin freundlich zu meiner Frau sagte „nur gut, dass dem Kind dabei nichts passiert ist“, bevor sie einem der herrlichen Wesen über sein zerzaustes Blondhaar strich. Dann betrachtete sie die beiden Brüder wohlwollend, die gerade wieder auf ihre neuen Fahrräder stiegen und in Richtung Hauptstraße davonsausten, winkte meiner Frau und auch mir fröhlich zu und verschwand wieder im Haus.
„Ein aufrichtiges Kind“ hatte sie kurz zuvor zu meiner Frau gesagt und gerührt davon erzählt, wie der Kleine an ihrer Haustür geklingelt und sie zu der Beule am Wagen geführt hatte. Danach hatte er ihr ausführlich geschildert, wie er, in einem Moment der Unachtsamkeit, mit seinem neuen Fahrrad an ihr geparktes Auto gestoßen war.
Eine knappe Stunde später, als ich auf dem schreiend pinkfarbenen Damenfahrrad meiner Frau mir redlich Mühe gab, dem vorgegebenen Tempo meiner Sprösslinge zu folgen und dabei den unförmigen, an der Lenkstange montierten Einkaufskorb verfluchte, der mir bei jedem Tritt in die Pedale die Kniescheiben nach oben verschob, gedachte ich meinem so unverhofft gescheiterten Versuch, als leuchtendes Beispiel den Jüngeren meiner Sippe voranzueilen. Und ich hoffte dabei in diesem Moment inständig, ein gütiges Schicksal möge uns, zumindest für die Dauer dieses Ausflugs, vor einem zweiten Versuch meinerseits bewahren.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2015.
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