Meinhard Pahlke

Ohne Pass durch Russland

Ohne Pass durch Russland

es gibt genügend Länder auf der Welt wo es  hilfreich ist mit einem Pass aus Westeuropa und speziell aus Deutschland unterwegs zu sein. Ein guter Pass kann lebensrettend sein und Türen öffnen die anderen Menschen verschlossen bleiben. Einen guten Pass erkennt man auch daran, daß man damit problemlos in viele Länder einreisen kann ohne ein Visa zu beantragen.Der deutsche Reisepass ist wohl nach dem Schweizer das begehrteste Dokument um in der Ferne Probleme zu umgehen. Ein schlechter Pass ist ein wertloses Dokument welches dem Besitzer mehr schadet als nützt weil er eine Visitenkarte ist und bei Vorlage der Einwanderungsbeamte gleich losschreit daß man als Bürger dieses Landes nicht zu den Bürgern jenes Landes ausreisen kann.  Es gibt aber  auch Staaten wo auch der beste Pass nichts wert ist wenn man ihn nicht in der Tascche hat und ich spreche aus Erfahrung als ich mich in den USA und Westafrika ohne meinen Ausweis durchschlagen musste ohne verhaftet zu werden.
Aus diesem Grund hätte ich mir als Letztes gewünscht in Russland ohne Reisedokumente herumzufahren weil immer noch ein Restwissen über die alte Sovietunion besteht. Aber wie so oft im Leben wird man manchmal eines Besseren belehrt  wenn man sich erst einmal im Auge des Taifuns befindet.
" Ihre Fahrkarte und den Pass bitte " . Die freundliche Schaffnerin im Trans-Sibirien-Express lächelte und wartete geduldig bis ich nach meinem Mitreisenden im Abteil meine Tasche durchsuchte und auch nach einigen Minuten nur die Fahrkarte vorzeigen konnte. Zunächst will man es ja noch nicht glauben, daß ein Pass weg ist, den man eigentlich bei sich haben sollte  bis man registriert, daß jedes weitere Suchen sinnlos ist. Und dann überschlägt man seine Gedanken und sucht fieberhaft wo das Dokument denn sein könnte. Dabei hatte alles gut angefangen und ein Glücksfall als  ein  Mitreisender aus Sibirien zustieg und mit mir das Schlafabteil  teilte. Nach russischer Sitte packte Jeder seinen Proviant aus und teilte sodaß man sich um Essen und Trinken während der tagelangen Zugfahrt keine Sorgen machen brauchte. Auch gab es eine aufmerksame Zugbegleiterin die für Bettwäsche sorgte und Tag und Nacht den Samuwar  bediente sodaß immer heißes Wasser für Kaffee oder Tee da war.
" Ich finde meinen  Pass nicht " sah ich die Zugbegleiterin entschuldigend an und erinnete mich in diesem Moment, daß der Pass noch im Hotel sein musste wo man ihn an der Rezeption abgeben muss und zurück bekommt wenn man abreist. 
" Wann kommt denn der nächste Halt ? " wollte ich wissen, " denn dann könnte ich aussteigen und mit dem nächsten Zug zurück nach Irkutsk fahren um den Pass aus dem Hotel zu holen ". 
" Nach acht Stunden ist der nächste Stop "
" Dann habe ich ein Problem " dachte ich laut, denn  ich war in Sibirien wo Entfernungen nicht zählen. Ich würde  in Moskau nicht mehr meinen Anschlußflug nach Frankfurt bekommen und mein Plan, das Land zu erkunden wäre vergeblich gewesen, denn ich hatte mein Flugticket nicht eingelöst weil man mit dem Flugzeug kein Land kennenlernen kann .Und deshalb saß ich nun nach einem traumhaften Aufenthalt am Baikalsee im Zug und hatte keinen Pass.  Der Deutsche hat den Affen erfunden , sagt der Russe und meint damit, daß der Deutsche in der Lage ist alles zu erfinden. Aber auch der Russe hat eine Gabe . Er kann unkompliziert Probleme lösen die für uns ein Riesendrama sind mit Situationen fertig werden an denen wir uns schwer tuen.
" Kein Problem " meinte die Kontrolleurin. " Sie sagen mir das Hotel in dem Sie waren und ich telegrafiere mit der Bahnpolizei in Irkuts . Die gehen dann in das Hotel und arrestieren Ihren Pass und senden ihn mit dem nächsten Trans- Sibir hinterher"
" Ist ja Wahnsinn " 
" Machen Sie sich keine Sorgen, Ich sage Ihnen auf der nächsten Station Bescheid "
Ich hatte mir tatsächlich Sorgen gemacht, denn ich kannte eine Menge Länder in denen ich in der jetzigen Situation erst einmal festgenommen worden wäre. Dabei ist alles einfach wenn eine hilfreiche Person so viel Menschlichkeit besitzt um aus einem Drama eine normale Situation zu machen.
" Kommen Sie raus " winkte die Schaffnerin einige Stunden später als der Zug stoppte und zeigte auf einen Bahnbeamten der mit einer leuchtend roten Mütze den Bahnsteig entgegen kam und ein Blatt Papier in der Luft schwenkte.
" Das ist unser Telegramm mit der Antwort " lachte sie fröhlich als wäre das die normalste Sache der Welt und nahm dem Kollegen das Blatt weg.
" Hier steht es " begann sie zu lesen, " Ihr Passport befindet sich im Irkutsk Express Nummer 457, blaue Lokomotive und die Zugbegleiterin heißt Olga. Die hat Ihren Pass und ist in  vier Stunden nach uns in Moskau. Dann sagte sie mir noch auf welchem Bahnhof und auf welchem Gleis der Nachfolgezug in Moskau eintreffen würde.
Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich wußte jetzt, daß sich für mich alles zum Guten regeln würde. Hungrig geworden nahm ich daher dankbar das butterweiche Rentierfilet meines Mitreisenden an und spendierte im Gegenzug mongolische Fleischtaschen. Dann kamen noch Getränke auf den Tisch und mein neuer Freund erzählte mir das er Arzt in einem Baukamp in der sibirischen Taiga war welches so weit von der Zivilisation entfernt war, daß er fünfhundert Kilometer mit dem Hubschrauber fliegen musste um die nächste Bahnstation zu erreichen. Die Nomaden brachten ihm die besten Stücke von ihrem Rentierfleisch die er räucherte. Jetzt war er unglaubliche achttausend Kilometer unterwegs um im fernen Moskau einen Absatzmarkt für sein Fleisch zu findenund dabei auch eine Möglichkeit zu suchen um den Nomaden zu einer Existenzgrundlage zu verhelfen. Die russische Hauptstadt hat unzählige Bahnhöfe in denen Züge aus allen Richtungen des Riesenlandes ankommen. Der Zug , in dem mein Pass war folgte uns zwar aus Sibirien, traf aber auf einem völlig anderen Bahnhof ein.Noch einmal war ich froh diese Reisebekanntschaft gemacht zu haben, denn alleine wäre die Fahrt in der Metro mit ihrem Gewirr von Bahnlinien und das alles in kyrillischer Schrift und noch das Gepäck ein echtes Problem gewesen. So brachte der Arzt aus dem fernen Sibirien mich sicher durch das unterirdische Labarynt zu meinem Zielbahnhof.
Und pünktlich nach vier Stunden sah ich schon vom Weiten meine " blaue " Lokomotive" und ich muß gestehen, daß ich mich selten so auf die Ankunft eines Zuges gefreut habe. Und als hätten wir das vorher abgesprochen sprang bald darauf eine junge Frau in Uniform auf den Bahnsteig und hatte meinen Pass in der Hand. " Hallo Olga " rief ich freudig und lief ihr entgegen.
Endlich hatte ich wieder mein Dokument in der Hand und bedankte mich mit fünfzig Dollar . Die hilfreiche Zugbegleiterin aus meinem Express hatte ich bereits entlohnt und das sehr gerne getan denn mit ihrer unkomplizierten Art und Weise hatten russische Frauen mir eine Menge Ärger und Kosten erspart sodaß ich sie immer in meinen Erinnerungen behalen werde. Glückliches Russland, dachte ich , warum es nicht immer so sein konnte um Probleme zu lösen.
" Zum Flughafen " sagte ich dem Taxifahrer und bat ihn noch am Kremel vorbei zu fahren denn ich hatte noch genügend Zeit um pünktlich den Rückflug nach Frankfurt zu bekommen.



 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Meinhard Pahlke).
Der Beitrag wurde von Meinhard Pahlke auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Zwei himmlische Gefährten von Marion Metz



Lilly Nett ist ein überaus durchschnittlicher Mensch und Lichtjahre davon entfernt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Sie fühlt sich zu dick, ihr Mann ist nur die zweite Wahl und grundsätzlich entpuppt sich ihre Supermarktschlange als die längste. Ihr Alltag gleicht der Hölle auf Erden. Lillys Seele schickt ihr beständig Zeichen, doch ihr Ego verhindert vehement, dass Lilly Kontakt zu ihrem inneren Licht findet. Bis ein einschneidendes Erlebnis den Wandel herbeiführt und sie wie Phoenix aus der Asche neu aufersteht: Geliebt, gesehen, vom Leben umarmt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie Reiseberichte Russische Föderation

Weitere Beiträge von Meinhard Pahlke

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Abenteuer eines Seefahrers von Meinhard Pahlke (Abenteuer)
Pilgertour XI. von Rüdiger Nazar (Reiseberichte)
Der falsche und der echte Nikolaus von Ingrid Drewing (Wahre Geschichten)