Christiane Mielck-Retzdorff

Fortgespült



 
Anif stand vor dem weißen Porzellanbecken der Toilette des Asylantenheims und pinkelte hinein. Jedes Mal musste er dabei daran denken, dass eine der ersten Anweisungen der Betreuerinnen war, sich beim Verrichten der Notdurft auf den Plastikring zu setzen. Das befolgte er aber nur, wenn er große Geschäfte verrichten musste. Und er hatte sich auch daran gewöhnt, Klopapier zu benutzen, obwohl er das aus seiner Heimat nicht kannte. Aber beim Pinkeln nicht zu stehen, kam ihm unnatürlich vor. Seit er laufen konnte, war er es anders gewohnt.
 
Er drückte auf die Spülung und lauschte dem Rauschen des Wassers, während er seine Männlichkeit wieder hinter dem Schlitz der Unterhose und dem Reißverschluss der Jeans verstaute. Doch das Geräusch erstarb nicht sondern wandelte sich nur zu einem leisen Plätschern. Der Hebel des Spülkastens war nicht ganz in seine ursprüngliche Lage zurückgekehrt, so dass die Wasserzufuhr nicht geschlossen war. Kurz dachte Anif darüber nach, den Hebel niederzudrücken, doch dann fesselte das stetig in das weiße Porzellanbecken fließende Wasser seine Gedanken.
 
Der junge Mann erinnerte sich an seine Kindheit, als er mehrmals täglich mit einem schweren Holzeimer zu dem einzigen Brunnen in der Nähe der elterlichen Hütte gehen musste, um der Mutter Wasser zu bringen. Die meist ockerfarbene Flüssigkeit hatte wenig Ähnlichkeit mit dem gehabt, was in diesem Klosett die Fäkalien herunterspülte. Und Anif musste damals sorgsam bei seiner Rückkehr darauf achten, keinen Tropfen zu verschütten. Dass Wasser überlebenswichtig und wertvoll war, hatte er bereits früh von seinem Vater gelernt. Stolperte er auf seinem Heimweg und verschüttete etwas, musste er mit Schlägen rechnen.
 
Und schon erschien das Bild vor ihm, das sich ihm damals aus einiger Entfernung gezeigt hatte. Nein, zuerst hatte er die Schüsse gehört. Und dann sah er schon die bewaffnete Gruppe von Männern, die sich über das kleine Dorf hermachte. Obwohl Anif erst acht Jahre alt war, wusste er, dass diese Tod und Vernichtung brachten. Selbst vor Kindern, besonders den männlichen würden die brutalen Männer nicht Halt machen. Seine Instinkte trieben ihn zur Flucht. So schnell ihn seine nackten Füße trugen, rannte er davon, bis er neben einer Sandpiste hinter einem Busch erschöpft zusammenbrach.
 
Während er noch keuchte, erschien neben ihm ein Auto, aus dem eine weiße Frau sprang, die ihm sofort eine Flasche mit so klarem Wasser reichte, wie er es noch nie gesehen hatte. Durstig trank er. Dann erschien der Fahrer des Autos und forderte ihn auf, sofort einzusteigen. Dieser redete in der Sprache, die Anif verstand und sah aus wie ein Einheimischer. Ohne nachzudenken stieg der Junge ein. Staub wirbelte auf, als die Drei davon fuhren und versperrte den Blick auf die karge Landschaft. Und auch der Geist des Jungen umnebelte sich, unfähig zu begreifen, was geschehen war.
 
So landete er in einem Heim, etwas entfernt von einer großen Stadt, deren Türme in der Ferne zu erkennen waren. Dort lebten etliche Jungen seines Alters, von denen jeder ein eigenes Bett hatte. Anif wurde freundlich empfangen, bekam frische Kleidung und durfte die Mahlzeit mit den anderen einnehmen. Zum ersten Mal in seinem kurzen Leben musste er die Schule besuchen und lernte neben Schreiben, Lesen, Rechnen und gutem Benehmen auch etwas von der Sprache, die in der Heimat der Heimleitung gesprochen wurde. Dieses Deutsch bediente sich eigentümlicher Schriftzeichen, doch Anif war neugierig und wissensdurstig.
 
Sechs Jahre verbrachte er an diesem Ort und wurde oft wegen seines Fleißes gelobt. Schon bald nach seiner Ankunft hatte er erfahren, dass seine Eltern, seine beiden jüngeren Brüder und die meisten Bewohner des Dorfes ermordete worden waren. Also war er ganz auf sich allein gestellt. Als gewalttätige Banden sich auch dem friedlichen Heim näherten und er zusehen musste, wie seine Kameraden, die etwas abseits Fußball spielten, misshandelt und entführt wurden, suchte er wieder sein Heil in der Flucht.
 
Diesmal war es ein deutscher Pfarrer, der ihn aufgriff und mit in eine Stadt nahm. Seine nur geringen Kenntnisse der Sprache verhalfen ihm erneut zur Aufnahme in einer, von Deutschen geleiteten Internatsschule. Dort schärfte sich sein Bewusstsein, dass er nur mit umfangreichem Wissen eine Chance im Leben haben würde. Aber auch diese Zeit des Lernens dauerte nicht lange, denn wegen der kriegerischen Handlungen in der Umgebung wurde die Schule geschlossen. Wieder war Anif heimatlos.
 
Er musste einen langen, entbehrungsreichen und gefährlichen Weg zurücklegen, bis er in Deutschland ankam. Es hatte ihn dorthin gezogen, weil er etwas von der Sprache und den Sitten kannte. Nun umgaben ihn Frieden und Sicherheit. Doch Anif fühlte sich fremd in einer Welt, in der das ihm einst so kostbare Gut Wasser mit Fäkalien in die Tiefe floss. Niemand hier schien das flüssige Gold, ohne das kein Leben gedeihen konnte, zu achten.
 
Er hörte im Geiste die Stimme seiner Betreuerin: „Und nach der Notdurft die Klobürste benutzen, alles sauber machen und anschließend wieder spülen.“ Dieser Anweisung folgte er aus Achtung vor seinen Eltern nie. Der Hebel an dem Wasserkasten hatte sich inzwischen selbstständig geschlossen und der Strom war versiegt. In Anif wuchs eine große Sehnsucht nach seiner Heimat Afghanistan, aber dort herrschte noch immer Krieg. Plötzlich fühlte er sich dem Wasser verbunden. Auch er war wie die Fäkalien einfach fortgespült worden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
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