Wolfgang Küssner

Tage in Drepano

 

Kilometer um Kilometer näherten sich die drei Studenten Felix, Thomas und Martin ihrem Ziel Griechenland. Der hellblaue Opel Kadett war vollgepackt mit dem Reisegepäck und einer Zelt-ausrüstung für vier Wochen Urlaub unter südlicher Sonne. Es war September. Zunächst wollten sie sich auf dem Peloponnes umsehen und natürlich möglichst schnell dort ankommen. Also wechselten sie sich am Steuer ab und das kleine, flotte Auto marschierte tapfer durch Süddeutschland, durch Österreich, über den seinerzeit berüchtigten Autoput des damaligen Jugos-lawiens Richtung Griechenland.

Kalimera, Ellada! In der Höhe des berühmten Olymps machte sich Müdigkeit breit. Zum Schlafen legten sie sich einfach unter einen schattigen Olivenbaum. Ein Bauer weckte sie später und machte auf die abertausend Wespen aufmerksam, die sich diesen Baum als ihren Lebensraum gewählt hatten. Doch den dreien war nichts passiert. Weiter ging es gen Süden.

Es war das Jahr 1978. Handy bzw. Mobiltelefon waren noch unbekannt, ein Navi fürs Auto noch nicht erfunden, selbst das Internet liess noch auf sich warten. Zur Orientierung benutzten unsere drei Studenten seinerzeit übliche Landkarten. Dem heute jüngeren Leser sei erklärt, es handelte sich dabei um grosse bedruckte Papierstücke, die auf handliches Format gefaltet wurden. Das Papier war bunt bedruckt. Dem Massstab gerecht wurden hier Strassen nach Rangordnung markiert und mit Nummern versehen, Städte – je nach Grösse – ebenso wie Gebirge, Seen, Wälder in jeweils typischer Couleur wiederge-geben. Den jeweiligen Standort musste man sich allerdings gemerkt haben. Mit solchen Faltblättern hatten sie sich also auf den Weg gemacht. Für den kulturellen Teil war natürlich ein Baedeker griffbereit.

Apropos Weg: Über Larisa und Lamia, vorbei am Orakel zu Delphi, weiter nach Amfissa erreichten sie Nafpaktos und im dortigen Hafen die Fähre über den Golf von Korinth. Später lag Patras hinter ihnen, vorbei am Geburtsort aller Olympiaden ging es nach Pyrgos und Pilos – ein erster Blick auf schöne Strände. In Kalamata übernachteten die drei in einem Privathaus und meinten beim Erwachen, Regen zu hören. Das hatte gerade gefehlt. Doch beim Blick aus dem Fenster stellte sich der ver-meintliche Regen als das Rauschen von Bananenblättern im Wind heraus. Ein neues Hör-Erlebnis.

Nach Gythio machten sie einen Stopp in Sparta, um sich hier einen Eindruck vom spartanischen Leben zu verschaffen. Weiter rollte der Kadett über Tripoli nach Mykene; ein Haufen aufgeschichteter Steine war das Grabmal des Agamemnon. Bei Nafplion ereichten die drei dann den Argolischen Golf und kurz hinter dem Dorf Drepano an einer einsamen Bucht liegend einen noch nicht eröffneten Campingplatz. Der Besitzer hatte sie offensichtlich bei der Besichtigung des Areals beobachtet, kam ihnen entgegen und bot an, auf seinem Camping-Platz „Lefka-Beach“ die ersten Gäste zu sein. Eröffnet sei der Platz noch nicht, doch die sanitären Anlagen könnten voll genutzt werden, Strom und Wasser stünden zur Verfügung. Die Ent-scheidung der drei Freunde war sofort getroffen, zumal Thomas zu berichten wusste, schon Odysseus sei in diesen Gewässern gesegelt. Nun also sie hier, in der Nähe von Drepano am Argolischen Golf.

Das Steilwand-Hauszelt mit separater Schlafkabine und Vorzelt war relativ schnell aufgebaut; die Luftmatrazen aufgeblasen. Tisch in Stühle ausgeklappt; der Gas-Kocher platziert. Noch vor Sonnenuntergang inspizierten sie den weitläufigen, bis zu 15 Meter breiten Strand. Auf der einen Seite das leicht wellige Meer, rückseitig eine kleine, hellbraune, schroffe Felswand von vielleicht zehn Metern Höhe, dazwischen der leicht grobkörnige Strand. Ganz am Ende der Bucht wurde es leicht felsig und an der äusserten Spitze befand sich eine kleine, weissgestrichene, orthodoxe Kapelle. Keine anderen Gäste konnten ausgemacht werden; hier würden die drei sich wohlfühlen und Ruhe haben.

Für das abendliche Essen wurde ihnen die Taverne direkt am kleinen Marktplatz in Drepano empfohlen. Und dort sollten unsere Stundenten in den kommenden Tagen auch ihre Haupt-mahlzeit einnehmen. Der griechischen Traditon entsprechend, gingen sie zunächst in die Küche, verschafften sich durch Blicke in die köchelnden Aluminium-Töpfe einen Überblick über das jeweilige Angebot und orderten: Mal war es Bifteki, mal Stifado, mal Mousaka, mal Giouvetsi. Ein typischer griechischer Bauernsalat und Oliven durften als Auftakt nicht fehlen. Zum Essen gab es Bier oder Retsina; zum Abschluss Ouzo und Mokka. Jamas! Das alles draussen sitzend, dem Treiben auf dem kleinen Platz zuschauend. Der Pope schloss die Kapelle ab; Kinder radelten eine letzte Runde, schossen ein letztes Tor; Mütter riefen ihre Kleinen, die alten Herren spielten mit der Komboloi in der Hand und diskutierten heiss beim Mokka.
Am ersten Strandtag wählten unsere Studenten sich ein schönes Plätzlich aus, die ganze Bucht stand zu ihrer Auswahl. In der Felswand entdeckten sie kleine, schattenspendende Nischen. Ideal, um mit einem Buch in der Hand zu relaxen. Das Bedürfnis nach Sonne auf der Haut war zunächst gross und so badeten sie erst einmal im Meer und legten sich dann in die bräunende Sonne. Da die drei allein waren, kam Martin auf die Idee, textillos die Sonne zu geniessen. FKK war in Griechen-land zwar nicht gestattet, doch wer sollte sie sehen? Der Vor-schlag, sich der Badehosen zu entledigen, fand sofort Thomas Zustimmung, doch bei Felix musste noch ein wenig Überzeu-gungsarbeit geleistet werden. Dann standen alle drei nackend in der Sonne. Das musste natürlich im Foto festgehalten werden. Beim ersten Bild wurde die von der Badehose zuvor bedeckte Körperpartie noch mit vorgehaltenen Hand aufge-nommen; danach zogen alle drei blank und fühlten sich wohl.

Zwei Nächte verbrachten sie zu dritt im Schlafzelt, dann war es Thomas zu eng und er zog es vor, künftig allein im Vorzelt zu nächtigen. Felix und Martin hatten durch die Entscheidung mehr Platz in der Schlafkoje. Kalinichta! Was sollte Thomas auch passieren, wilde Tiere gab es nicht, von Ameisen war nichts zu sehen. Und doch war ihre Annahme nicht ganz richtig.

Als Martin nur wenige Tage später nach dem morgendlichen Duschen seine im Vorzelt hängende Jeans anziehen wollte, fühlte es sich auf der linken Hüftseite etwas anders als sonst an. Kurz darauf spürte er in Höhe der rechten Hüfte etwas Fremdartiges. Da konnte nur etwas in seiner Hose sein, was da nicht reingehörte. Martin öffnete die Jeans wieder und zog sie schnellsten aus und schüttelte kräftig. Doch es war nichts zu sehen. Die Hose auf links gewendet – nichts. Nach kritischen, prüfenden Blicken zog er die Jeans wieder an. Die halboffenen Sandalen standen zu seinen Füssen. Gerade als er mit dem rechten Fuss in die Sandale steigen wollte, kam dort ein wohl 20 cm langer, daumendicker Tausendfüssler herausgeklettert. Wie Plastik glänzte sein brauner Körper in der Sonne. Das war also der Fremdkörper in Martins Hose gewesen. Ob es nun ein „wildes Tier“ war, mag der Leser entscheiden.

Wenige schattige Gassen hinter der Taverne befand sich ein kleiner Tante-Emma-Laden. Hier gab es Obst und Werkzeug, Brot und Töpfe, Fleisch und Waschpulver, Zigaretten und Spiel-waren, Schnaps und Handtücher, Käse und Shampoo und was sonst alles so zum täglichen Leben gehört. Hier deckten die drei ihren kleinen Bedarf ein und wurden jedesmal mit einem griechsischen Mokka bedankt.

Eines morgens lagen die drei wieder nackend in der Sonne, als sich plötzlich ein kleines Motorboot näherte. Nicht Odysseus, sondern sechs Engländer entstiegen dem Schiff und schlugen in unmittelbarer Nachbarschaft ihr Lager auf. Für unsere drei Studenten stellte sich nun die Frage: Was tun? Konnten sie unbekleidet bleiben, oder sollten sie sich doch lieber die Bade-hosen überziehen? Da sie alle an ihrem Naturzustand Gefallen gefunden hatten und ausserdem pfiffige Studenten waren, ergab sich folgende Einschätzung der Situation:

Erstens wollten sie so bleiben, wie sie waren. Zweitens sind Engländer prüde. Drittens hätten sie Bucht gern weiterhin allein. Viertens sollten sie doch versuchen, die ungewünschten Besucher zur Weiterreise zu bewegen. Gesagt – getan. Als FKK-Initiator bekam Martin die Aufgabe, zweimal – nackend wie er war – vor den Gästen auf und ab zu gehen. Und siehe da, sie packten ein, bestiegen das Boot und wurden nicht wieder gesehen. Dabei war Martin durchaus ein Schwiegermutter-Typ. Was waren sie doch für kleine, schlaue, erfolgreiche Bürsch-chen. Sollte der Leser jetzt ein Nachspiel erwarten, so muss er leider enttäuscht werden.

Das heisst, ein kleines Nachspiel gab es schon, denn die drei wollten doch gern in Erfahrung bringen, woher die Engländer wohl kamen und ob mit weiteren Besuchern gerechnet werden müsste? Mit dem kleinen Boot waren keine grossen Ausflüge zu machen. Es musste in der Nähe von Drepano also ein touristisches Angebot geben, schlussfolgerten unsere cleveren Studenten. Also fuhren sie, deutlich früher als sonst, zum Abendessen und versuchten zuvor mit ihrem Opel Kadett die Umgebung von Drepano zu erkunden. Und da war er dann, der kleine Ort namens Tolo. Hier wimmelte es – für sie als gefühlte Einsiedler – nur so von Touristen und sie waren froh über ihre einsame Bucht in nur wenigen Kilometern Entfernung. Das war einen extra Ouzo wert. Jamas!

Doch sie bekamen noch einmal Besuch in „ihrer“ Bucht. Nein, keine Polizei. Nein, keine Engländer. Nein, nicht von der Wasserseite, sondern ein Auto stand plötzlich vor dem Camping-Platz. Ein junges Pärchen entstieg dem PKW und kam zu ihrem Zelt. Es waren deutsche Urlauber aus Hessen. Sie unterhielten sich ein wenig, tauschten Informationen aus.

Und am nächsten Tag trafen sich alle am Strand wieder. Unsere drei Studenten, wie gewohnt, unbekleidet, und das Pärchen, ofensichtlich ermuntert, kurz darauf ebenfalls textillos. Thomas und Felix hatten sich jeder mit einem Buch in der Hand in eine schattige Fels-Nische niedergelassen. Martin lag in der Sonne. Da kam vom neuen Nachbarn die Frage, ob er nicht zu einem gemeinsamen Spaziergang ans Ende der Bucht Lust hätte. Die Freundin war offensichtlich nicht zu motivieren gewesen; also machten sich beide auf den Weg. An dieser Stelle sollte vielleicht erwähnt werden, das der junge Mann eine recht attraktive Erscheinung war.

Nach wenigen Minuten des gemeinsamen Ausfluges kam die Frage vom Hessen, wie es denn zwischen den dreien funktio-nieren würde, ob sie in dieser Konstellation keine Probleme hätten? Er war wohl ein Sozialpädagoge oder Lehrer. Martin erklärte ihm, die Reise der drei sei bisher problemlos verlaufen, sie seien Studenten, könnten sich artikulieren, eventuell auf-kommende Probleme diskutieren und lösen. Gingen die Gedanken des neues Besuchers eventuell in eine ganz andere Richtung? Wollte er etwas über die drei in Erfahrung bringen? War Martin zu naiv gewesen, dieses zu merken?

Und so kamen die beiden nach einer knappen halben Stunde an das Ende der Bucht. Um auf den Felsen mit der kleinen Kapelle zu gelangen, mussten sie zunächst durch hüfttiefes Wasser gehen, kein Problem, waren beide doch nackend. Ein Octopus ergriff die Flucht. Während Martin stehen geblieben war, kletterte der Hesse bereits auf dem Felsen und fordete ihn mehrfach auf, doch bitte zu folgen. Martin war zuvor schon etliche Male allein als auch mit Felix und Thomas hier gewesen. Auf einem kleinen Plateau hatten sie in der Sonne gelegen, geschwommen, getaucht. Es war also nicht neu. Nach weiteren Aufforderungen standen dann beide auf dem Felsvorsprung vor der winzig-kleinen, weissen Kapelle.
Blauer Himmel, Sonnenschein, das glitzernde Meer, der Felsen, die Kapelle mit der kleinen Sitzbank aus Stein davor – beide mit  nackter Haut. Er setzte sich und bat Martin, doch ebenfalls – an seiner Seite – Platz zu nehmen. Doch dieser starrte nur auf die blonden Härchen der braunen Haut seines gegenübers und blieb stehen. Hatte der Urlauber aus Hessen – trotz Frau oder Freundin – es hier auf ein Sex-Abenteuer abgesehen? Was wäre passiert, hätte Martin sich zu ihm gesetzt? Oder ging seine Phantasie jetzt mit ihm durch? Fehlte es beiden an Mut? Geschehen ist weiter nichts. Das heisst doch: Beide gingen sich unterhaltend zu den anderen – die schon auf sie warteten – zurück.

Nach einer erholsamen Zeit in Drepano kam dann auch für Felix, Thomas und Martin der Tag der Rückreise. In Epidaurus hatten sie noch kurz die Akustik getestet; den Isthmus von Korinth mit ihrem Kadett überfahren und sich die antiken Steine der Akropolis in Athen näher angesehen. Doch dann hier es: Efcharisto und Adio Hellas!

März 2015
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