Horst Werner Bracker

. . . sie nannten ihn Rübe

 

 

Eigentlich war Hans-Peter ein Junge wie jeder andere Junge im Dorfe auch. Aufgeweckt, fröhlich und unbeschwert, zu streichen immer aufgelegt.
Seine äußere Erscheinung hob ihn aber deutlich von den Jungen gleichen Alters, ab.
Er war von gedrungener, kräftiger Gestalt und wirkte für sein Alter immer ein bisschen zu klein. Sein Haar war kupferrot und von großer Fülle. Es wuchs in alle Richtungen. Das Haar wuchs so üppig und dicht, das kein Friseur es in Form bringen konnte. So sahen die Haare, den auch stehst ungekämmt, wuschelig und zerzaust aus.
Mehr als einmal griffen die Lehrer in sein Haar und schüttelten seinen Kopf in recht roher weise Hin und Her.
„Schon mal was von einem Kamm gehört, Hans-Peter? Morgen will ich dich gekämmt sehen!
"Verstanden?"
„Ja, Herr Lehrer!“
Am anderen Morgen brachte Hans-Peter einen Brief mit zur Schule und überreichte ihn dem Lehrer. Seine Mutter hatte ihn geschrieben. Darin forderte sie den Lehrer auf, sich die Haarpracht ihres Sohnes einmal genauer anzuschauen. Dann Wüste er, warum die Haare ihres Sohnes so zerzaus aussahen. Der Lehrer lass den Brief und ging zur Bank, wo Hans-Peter saß. Er fuhr ihm mit Hand durchs Haar und sagte, „Vielleicht solltest du ein Fuchs werden!"
Die meisten Kinder lachten.
Mieser Lehrer, dachte ich!
Hans-Peters rundes Gesicht hatte etwas Spitzbübisches und war von Sommersprossen förmlich übersät. Die Stupsnase zierten besonders große, ineinander verlaufende Sommersprossen. Die etwas abstehenden Ohren, stets gerötet und durchscheinend, ließen unwillkürlich an die Ohren des tasmanischen Beutelwolfs denken. (Entschuldigung Hans-Peter!) Nein, so aggressiv wie der tasmanische Beutelteufel war Hans-Peter überhaupt nicht.
Er war ein sanftmütiger und friedfertiger Junge.
Man musste ihn einfach gerne haben.

Doch all die fehlenden Schönheitsmerkmale, die für das Schönheitsempfinden maßgeblich sind, wie, die Symmetrie des Gesichts, die Proportionalität des Körpers, wurden von zwei wunderschönen, grünen Augen, mehr als wettgemacht! Seine Augen waren von einem so wunderbaren grün, dass die Frauen des Dorfes in Verzückung gerieten, wenn sie in seine Augen schauten.
Seine Augen waren hellwach und ließen auf eine hohe Intelligenz schließen.
Hans-Peter war sein Name.
Aber bitte mit Bindestrich, darauf legte er großen Wert.
Hans-Peter, mit Bindestrich, sah toll aus, ja, wirkte geradezu vornehm! Wenn er nach seinem Namen gefragt wurde, sagte er stets, „Hans-Peter mit Bindestrich!“
Dann blickten die Schreiber auf und sagten mit einem Lächeln, „Du hast aber einen schönen Namen!“ Dann freute sich Hans-Peter.
Von der Dorfjugend wurde er nur „Rübe“ genannt. Das ärgerte ihn über alle Maßen. Zumal, er doch einen so schönen Namen hatte.
»Ich heiße: Hans-Peter!", und zwar mit Bindestrich! Kapiert?«
Aber das (Mobbing) ging weiter.
Je mehr sich Hans-Peter empörte, je mehr wurde er geärgert. Schließlich erkannte er, dass es zwecklos war, sich dagegen zu wehren. Er ergab sich, scheinbar in sein Schicksal. In mir hatte er einen Verbündeten!
Ich nannte ihn mit seinen richtigen Namen.
Doch in seinem tiefsten Innern, rumorte es heftig. Wie konnte er es Anstellen, dass er endlich seinen blöden Spitznamen loswerden konnte. Doch so sehr auch hin und her überlegte, es wollte ihm nichts einfallen. Zaubern müsste man können! Ja,- richtig zaubern können, das wär toll. Sie Alle würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Er würde sich endlich Respekt verschaffen. Aber Hallo!

Es war Sommer.

Heiß brannte die August-Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Mensch und Tier hatten sich in die kühlen Schatten der Häuser, der Bäume und Sträucher zurückgezogen. Seit fast fünf Wochen war kein Regen mehr gefallen. Nach den Wetterberichten war auch kein Tief, kein Regen, in Sicht. Über Radio und in den Printmedien wurde vor Waldbrandgefahr, gewarnt.

Der feine Zuckersand auf den Feldweg war von der gleißenden Sonnenglut aufgeheizt.
Hans-Peter bemühte sich die Zähen nach oben zu strecken und hatte die Fußsohlen nach außen gekippt, er befürchtete, sich am heißen Sand, die Füße zu verbrennen. Manchmal wechselte er die Straßenseite und ging im Schatten der Eichenbäume. Leider standen am Feldweg nur wenige, Schatten spendende Bäume.

Laut prustend, mit watscheligem Gang und wehleidige Klagelaute ausstoßend, - „Aua! Oh!! Autsch! Aua! Mist! Autsch!“, bahnte sich Hans-Peter seinen beschwerlichen Weg, durch die Sonnedurchglühten Feldmark. Bis er den Waldrand erreichte. Hier war der Boden fest und kühl. Es ließ sich prima Laufen, wenn es die kratzigen Kiefernadeln und das trockene, spitzige Buschwerk nicht geben, würde. Kaum hatte er zehn Meter der Waldschneise hinter sich gelassen, als sich etwas Spitzes in seiner Fußsohle bohrte.
Einem Tarzan Schrei ausstoßend, hüpfte er auf einem Bein zu einem Baumstupf und setzte sich. Schnell hatte er den Stachel entdeckt und zog ihn heraus. Die Hitze des Tages, das Beschwerliche gehen, der Schmerz und die ständige Anspannung hatte ihn zum Schwitzen gebracht. Auf seiner Stirn perlte der Schweiß und lief ihm in die Augen. Hans-Peter öffnete seinen Tornister und nahm das Löschblatt aus dem Diktatheft und tupfte seine Stirn trocken. Auf der kleinen Waldlichtung war es geradezu kühl. So beschloss er, sich erst einmal ausruhen. Denn Tornister legte er schräg am Baumstumpf und legte sich ins Grüne Moss.
Ah, wie gut das tat! Sein Blick schweifte über den blauen Himmel, wo zwei Habichte ihre Kreise zogen. Ihre Rufe konnte er deutlich hören. Fliegen müsste man können, dachte er. Seine Augenlieder wurden schwer und fielen im zu. Schon bald war er eingeschlafen.

Seine letzten Gedankengänge hatte er mit in seinen erholsamen, entspannenden Schlaf genommen. Die Leichtigkeit des Schlafes, die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit seiner Gedanken, vermischen sich zu einem kindlichen Wunschtraum und, indem sich Traum und Wirklichkeit zu einer imaginären Allegorie vermischen, hielt ein wunderschöner Traum ihn umfangen. Der Traum war so intensiv, - dass seine Augenlieder und seine Hände zuckten. Um seinen Mund spielte ein glückliches Lächeln.
 
´Eine schöne Vogelstimme weckte ihn aus dem Mittagsschlaf. Auf einen Zweig eines Vogelbeerbaumes, - zum Greifen nahe, saß ein zitronengelber Pirol Hahn. Sein gelbes Gefieder leuchtete in der Sonne, wie gelbes Gold. Sein Lied, das er mit Inbrunst zu singen schien, erfreuten Hans-Peter über alle Maßen. So sehr, dass er nicht zu atmen wagte, aus Angst er könnte den gelben ´Zaubervogel´, den das konnte nur ein ´Zaubervogel´ sein, davon war er fest überzeugt, zu verscheuchen.
Der Pirol-Hahn hüpfte einen Zweig tiefer und schaute Hans-Peter geradewegs ins Gesicht. Seine samtschwarzen Augen schauten ihn an, immerzu an. Hans-Peter konnte dem Blick des Vogels kaum standhalten.
„Was betrübt dein Herz mein kleiner Freund?“, hörte er den Vogel sagen.
Der ´Gelbe, ´ konnte sprechen! Meinen Freund hatte der Vogel ihn genannt!
Er richtete sich ein wenig auf, vermied es tunlichst, unkontrollierte Bewegungen zu machen, die den Pirol hätten erschrecken können.
„Mein Name ist Hans-Peter, mit Bindestrich, sagte er leise. Doch alle nennen mich ´Rübe´!“
„Das finde ich ungerecht!“, sagte der Pirol.
„Du solltest etwas unternehmen und deinen schönen Namen wieder zur Geltung zu bringen!“
„Zaubern müsste ich können!“, sage Hans-Peter.
„Zaubern, dann wäre alles gut!“
Dann würden alle Jungen und Mädchen des Dorfes staunen und mich achten und gerne haben!“
„Ich gebe dir die Kraft des Zauberns!“, sagte der Pirol.
„Du kannst zaubern, wenn du nur fest daran glaubst!“
 „Fest dran glauben, hörst du?“
„Ja!“, sagte Hans-Peter.
„Ich habe noch eine Verabredung mit dem Wiedehopf. Lebe wohl und viel Spaß beim Zaubern, aber übertreibe es nicht!“
Er flog davon.
Hans-Peter schlug die Augen auf. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er sich befand und wie er hierhergekommen war. Es dauerte eine kleine Weile, dann viel ihn alles wieder ein.
Er war nun ein Zauberer!
Er, - Hans-Peter mit Bindestrich, konnte zaubern! Ein wahrer Glücksschauer lief ihn durch den Körper.

Das feuchte Moos hatte trotz der Wärme des Sommertages, seine Kleidung durchfeuchtet, ihm fror. Außerdem hatte er Hunger, einen Bärenhunger! Er erhob sich und setzte seinen Weg fort. Der Pfad führte ihn zu einem hohen Kiefernwald. Baumstamm an Baumstamm, stand hier. Die achtzig Jahre alten, rostroten Kieferstämme sahen alle gleich aus, so, als seien sie alle miteinander eng, verwandt.
An einer Weggabelung blieb Hans-Peter stehen. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Er hob feierlich den rechten Arm, öffnete die Hand und zeigte wie winkend, in die Runde und sagte mit geradezu jovialer Stimme: „Hokus!“ Pokus!, jeder nehme eine andere Farbe an! Kaum war der Zauberspruch ausgesprochen, hatten alle Stämme der Kiefern eine andere Farbe!“ Der Wald war bunt wie ein Kinderbuch!
Hans Peter war außer sich vor Freude. Sein Staunen wollte kein Ende nehmen. Seine weit aufgerissenen Augen machten einem ekstatischen, ja, leicht verwirrten Eindruck. Zwei Männer, die aus dem Wald kamen, blieben einen Moment stehen, schüttelten ihre Köpfe und gingen weiter. Gingen einfach weiter, als hätten sie die Veränderung des Waldes nicht bemerkt. „Verrückt und drei sind sieben und ich lass einen fliegen!“, scherzte Hans-Peter und ärgerte sich über so viel Ignoranz.
Noch einmal hob er den Arm und gebot den Bäumen, den Zauber abzulegen.
Die Kiefernstämme hatte wieder ihre natürliche Farbe.

Über alle Maßen glücklich, ein Lied trällernd, trat er in die Küche, wo es herrlich nach Bratkartoffeln roch.
Seine Mutter fragte ihn, „wo kommst du denn so spät her?“
„Vom ´Gelben! ´sagte er.
Seine Mutter schaute ihn fragend an und stellte die Eisenpfanne mit den Bratkartoffeln auf den Tisch.

Über Nacht war ein Gewitter übers Land gezogen und hatte endlich den so sehnsüchtig erwarteten Regen gebracht. Ein erlösendes Seufzen schien durch die dürstende Natur zu gehen. Der Regen hatte den grauen Staub, der auf Blätter und Halmen gelegen hatte, weggewaschen. Grün und frisch zeigte sich am anderen Morgen der Wald. Auf den Wegen standen große Regenpfützen. Ihr Wasser war herrlich warm. Hans-Peter genoss die wohlige Wärme und ließ keine Pfütze aus. Als er den Schulhof erreichte, sahen seine Füße, vom vielen Wasser, verschrumpelt aus.
Er Lehnte sich an die Wand der Schule und schaute ekstatisch in den wolkenverhangenen Himmel. Jede Wolke hatte eine andere Farbe, blau, rot, grün, gelb, lila, einfach alle Farben, die es gab. Hans-Peter schaute mit weit aufgerissenen Augen zum Himmel und lachte.
Die Kinder kamen näher und umringten ihn, Mitgefühl lag in den Augen einiger Kinder und einige Mädchen weinten sogar.
Sie nahmen seine Hand und führten ihn ins Klassenzimmer.
Er wusste nicht, wie ihm geschah.
Ein junger Lehrer, der auch Psychologie studierte, hatte die seelischen Nöte des Jungen erkannt und mit den Kindern gesprochen.
Fortan nannten sie „Rübe“, nur noch mit seinen richtigen Namen: Hans-Peter, mit Bindestrich!
(19.06.2015)


 

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