Anita Voncina

"jung, männlich, motorisiert" - Ampel und Haarnadelkurve

Eine Woche nach dem Vorfall mit Omas Neuwagen hatte der Rechtsanwalt der Familie noch immer nicht den Fall mit dem dunkelblauen VW-Käfer in der Tasche und war nun zudem auch noch damit beschäftigt, die Rechnung der Leihwagenfirma dahingehend zu überprüfen, warum der Mercedesfahrer so unvermeidlich auf ein Modell der nächst höheren Klasse zurückgreifen hatte müssen. Der grosse Blondschopf hingegen, nun gerade frisch gebackener Abiturient, hatte die Sorgen des Anwalts nicht und war gerade in bester Laune dabei seinen Koffer für den jährlichen Sommerurlaub mit der Familie in Spanien zu packen. Und weil er dort, gleich am Tag nach der Ankunft im gebuchten Ferienhaus, sein Mofa beim Überfahren einer roten Ampel im Zusammenstoß mit einem Moped eingebüßt hatte, musste er auch hier wieder auf möglichst rasche Abhilfe sinnen, die seinem unmotorisierten Dasein ein schnelles Ende bereiten könnte. Erschwert wurde sein Vorhaben diesmal allerdings durch das absolute Fahrverbot, das ihm die Eltern unmittelbar danach für den Rest des Urlaubs auferlegt hatten. „Völlig überzogen wegen so einer Bagatelle“, dachte er und beschloss trotzdem sogleich, den beiden ihre ganz offensichtliche Überreaktion zu vergeben, „wird wohl mit dem ganzen beruflichen Stress zusammenhängen, den die beiden in der letzten Zeit hatten, und sie sind dabei ja auch nicht mehr die jüngsten.“
     Glücklicher Weise befand sich die Lösung seines Problems ganz in der Nähe, genauer gesagt unten in der Garage des Hauses. „Ist alles nur eine Frage des richtigen Timings“, stellte er einen Tag später zufrieden fest und befüllte den Tank des schweren Motorrades aus dem verstaubten Kanister in der Ecke. Die Familie hatte sich bereits gleich nach dem Frühstück getrennt, jeder war dabei seiner Wege gegangen und die drei anderen würden mit Sicherheit nicht vor den späten Nachmittagsstunden wieder nach Hause zurückkehren. Keiner also würde seinen kleinen Ausflug bemerken und niemand konnte ihn zuvor an das unsinnige Fahrverbot erinnern.
     Wenig später glitt die Maschine des älteren Bruders bereits über den hitzeflimmernden, weichen Asphalt dahin, schraubte sich anschließend schier mühelos über die Serpentinen der schmalen Straße dahin, höher und höher hinauf bis in die verlassenen Regionen des hügeligen Hinterlandes, die in dieser Jahreszeit nur äußerst selten Touristen von den Stränden wegzulocken vermögen.
     „Heute gehört die Straße nur uns beiden allein, meine Schöne“, dachte er beglückt, fühlte sein Blut vor Begeisterung hinter den sonnenverbrannten Schläfen pochen, umfasste dabei den Lenker des Motorrades noch fester und verwarf den unangenehmen Gedanken an den ahnungslosen Eigentümer dieses Prachtstücks noch im selben Augenblick. In der vorletzten Haarnadelkurve jedoch geschah das Unerwartete. Gerade als er die Maschine von der Straßenmitte aus noch ein wenig mehr nach außen lenken wollte, um sich dann entsprechend schräg, und mit dem Knie beinahe am flimmernden Asphalt schleifend, in die Kurve zu legen, kam ihm ein weißer Kleinwagen entgegen. Die flirrend heisse Luft, die er in der ersten Schrecksekunde automatisch eingesogen hatte, entwich ihm Augenblicke später mit einem leisen Zischen, nachdem es ihm nur noch mit äußerster Mühe gelungen war dem kleinen Weissen auszuweichen und er danach in hohem Bogen im stacheligen Buschwerk gelandet war. Doch als er unter den vorsichtig geöffneten Augendeckeln heraus seinen prüfenden Blick durch die nähere Umgebung geschickt und dabei erleichtert festgestellt hatte, dass auch die Maschine weich gelandet und damit sicherlich nicht sehr beschädigt war, liess er sich zurück in den staubigen Strassengraben kullern, richtete dort das Motorrad wieder auf und begann dann vor Anstrengung prustend den kurzen, jedoch steilen Aufstieg zurück zur Strasse.
     „Also damit konnte man doch wirklich nicht rechnen“, schloss er eine knappe Stunde später seinen Bericht mit feuerroten Backen und zerzaustem Lockenhaar, schüttete mit einem einzigen Zug das Glas Limonade hinunter und drückte der Mutter der beiden Freunde aus dem benachbarten Block sein schmutziges T-Shirt in die Hand. „Damit sich meine Mutter nicht gleich wieder so aufregt“, erklärte er der Frau, die ihm versprochen hatte es für ihn zu waschen, mit einem gewinnenden Lächeln.
     Als er mit der Familie am Abend auf der Terrasse zusammensaß und sie gemeinsam speisten, drohte die Idylle jedoch noch einmal ein vorschnelles Ende zu finden. Die Eltern, die an jenem Tag zusammen mit Freunden in deren Wagen eine kleine Spritztour unternommen hatten, erzählten nämlich von einem offensichtlich völlig durchgeknallten Motorradfahrer, der sie auf der schmalen Straße oben in der Hügelregion in einer der Kurven ziemlich dreist geschnitten habe. An dieser Stelle des Berichts verschluckte er sich zwar vor Schreck an seiner eisgekühlten Cola, fand jedoch gerade noch rechtzeitig seine Fassung wieder und versäumte anschließend nicht den Eltern bei ihren düsteren Ausführungen über jene unnutze Spezies von Mitmensch beipflichtend zuzunicken. „Ein echter Asphaltrowdy der Typ“, kommentierte er abschließend den Bericht mit vollen Backen kauend und unterdrückte dabei den winzigen Anflug von schlechtem Gewissen mit jugendlicher Leichtigkeit.  
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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