Sabine Diebenbusch

Die Schulfreundin

Sie hätte mich einfach nicht so ansehen dürfen....

Eigentlich war sie ja einmal meine beste Freundin gewesen... wie ein Schatten war ich für sie, sie hat den Weg bestimmt, ich bin ihr gefolgt - das war schon immer so.

Wir haben uns 1967 in der zweiten Schulklasse kennen gelernt, ich war mit meinen Eltern aus einer Kleinstadt in Baden-Würtemberg hier hingezogen, es ist hart für ein Kind, mit noch nicht einmal 8 Jahren aus allem, was vertraut ist, heraus gerissen zu werden, und ich hatte Angst vor der neuen Schule und den fremden Kindern. Ich sprach anders als sie, zudem war ich klein für mein Alter, und ich trug eine dicke Brille.

Der erste Tag war der reinste Horror, es war nur noch ein Platz in der ersten Sitzreihe frei, der Strebersitz, hörte ich meine neuen Klassenkameraden tuscheln. Dann hat mich die Lehrerin auch noch mit den Worten vorgestellt: „Das ist Annette, sie hat nur gute Zensuren, nehmt Euch ein Beispiel“ - der verbale Todesstoß. Ich habe die Blicke der anderen wie Dolche in meinem Nacken gespürt. Karoline ist mir da schon aufgefallen, sie war ein hübsches, aufgewecktes, vorlautes Kind - all das, was ich nicht war. Und sie hatte keine Angst - vor nichts und niemanden. Sie hat immer am lautesten gegrölt, mit den Jungs auf dem Bolzplatz Fußball gespielt, war wild und ausgelassen - und sehr beliebt. Ich wollte verzweifelt so sein wie sie.

Aber ich war auf der untersten Stufe der Klassengemeinschaft, der unbeliebte, bestenfalls beneidete, unsportliche Streber. Beim Schulsport hat man mich immer in der Wartereihe vorgedrängt, Bockspringen, und sich schiefgelacht, wenn ich verschwitzt und verzweifelt, mit verbeulter Brille und verkniffenem Gesicht, immer wieder vergeblich versuchte, das Foltergerät zu bezwingen. Karoline hat das natürlich im ersten Anlauf geschafft, ohne Probleme, mit einem reinen, weiten Bogen, der kein Ende zu nehmen schien. Ich war nur der Staub zu ihren Füßen. Manchmal, wenn es sehr kalt war, durften wir in der Pause im Klassenzimmer bleiben. Dann haben wir auf dem alten Kassettenrecorder von Stefan Musik gehört, Sweet und T. Rex und die Bay City Rollers, die waren damals sehr angesagt. Einmal haben wir in einer Freistunde „Reise nach Jerusalem“ gespielt. Ich war schon nach dem ersten Durchlauf draußen... wie immer, saß ich zwischen den Stühlen.

Die Wende kam mit dem neuesten Pausensport: Kloschubsen. Unsere Jungs haben sich in den Pausen gelangweilt und sind auf die Idee gekommen, die Mädchen unter viel Gekicher und Gelache auf dem Pausenhof einzufangen. Dann hat man sie feierlich zu der Jungenstoilette geleitet und dort eingesperrt, bis die Pause vorbei war. Ich habe nie verstanden, was daran so toll sein soll, aber keins der Mädchen hat sich jemals auch nur ansatzweise gewehrt. Irgendwann war ich traurig, dass niemand mich in die Toilette sperren wollte... bis dann mal drei dieser Tölpel vor mir standen und mich, diesmal unter Püffen und Knüffen, ins Klo warfen. Sie haben sich nur kurz angegrient und mich dann in meinem neuen Knautschlackmantel in die dreckige Pißrinne geschmissen. Ich war vor Schock und Beschämung wie gelähmt. Als nach Ende der Pause jemand die Türe aufmachte, lag ich immer noch so da, tränenüberströmt.

Keiner hat mich angesprochen, als ich mit meinen besudelten Klamotten nach Hause gegangen bin. Auf dem Weg habe ich den Mantel ausgezogen, und in eine Mülltonne gestopft. Es war Spätherbst, ein bitterkalter Wind wehte, und der Weg nach war Hause lang. Zuhause gab’s dann gepflegtes Unverständnis wegen dem Mantel, ich bin blaugefroren und ohne Abendbrot auf mein Zimmer gegangen, aber ich habe keinen Ton gesagt - auch nicht am nächsten Tag, wo ich in der Schule nachsitzen musste, weil ich ohne Erlaubnis einfach mitten im Unterricht fortgelaufen war. Ich bin ein guter Schweiger.

Die anderen Kinder wollten mich nach der Schule hänseln, aber da kam Karoline und hat dem schlimmsten Rüpel eine Ohrfeige gegeben. Sie hat ihm gesagt, er soll mich in Ruhe lassen, und zu mir, ich soll zusammen mit ihr nach Hause gehen. Ich konnte nicht glauben, dass sie das für mich tut. Von diesem Tag an waren wir unzertrennlich...

Das war bis in die Pubertät so, wer Karoline zu einer Party einlud, musste auch mich akzeptieren. Ich trottete überall mit hin, zu den verhassten Sportveranstaltungen, den Teenie-Feten, den Turnhallen-Diskos, den Kellerparties... dafür habe ich dann nach Kräften versucht, mich nützlich zu machen. Das Karoline von mir abschrieb, fand ich nicht schlimm, ist ja auch so eine Art Anerkennung gewesen. Das mein Vater mehr Geld hatte als ihrer und sie morgens in unserem Mercedes mit in die Schule fuhr, war auch in Ordnung so, wir waren ja immer zusammen. Warum die Nachbarschaft immer wusste, was es bei uns zu Essen gab und wie viel Haushaltsgeld meine Mutter hatte, habe ich damals noch nicht verstanden - ich hätte auch nie vor meinen Eltern zugegeben, dass mich Karoline manchmal nach solchen Dingen ausfragte.

Es hätte auch nichts geändert - ich musste Karoline bei Laune halten - sie war eine Göttin, und Göttinnen dürfen launisch sein - und grausam...

Sie hat mich immer spüren lassen, dass ich nur an ihrer Seite geduldet war. Sie konnte nett zu mir sein, wenn wir allein waren, und dann hat sie mich manchmal angerufen und gesagt: „Ich gehe heute mit Nina ins Kino, wir können ja ein andermal was miteinander machen“ oder „Da kann ich Dich nicht mit hinnehmen, die Jungs können Dich nicht leiden“ oder auch „Das kannst Du doch eh nicht, da gehe ich lieber mit Tine“- das tat weh, aber sie tat es ja auch, damit ich mich nicht blamiert habe in der Öffentlichkeit.

Ich war so fixiert auf sie als Vorbild, das sie es immer wieder geschafft hat, mich mit wenigen, scheinbar unabsichtlich geäußerten Worten am Boden zu zerstören. Sie hat mich nie vergessen lassen, dass ich nicht wirklich dazugehöre, dass ich in der Clique zwischen den Stühlen sitze... Einmal haben wir mit den beliebtesten Jungs in der Klasse zusammengestanden, ich war gerade unheimlich in Martin verknallt, natürlich völlig chancenlos, und da hat sie mich einfach nur angeschaut und gesagt: „Unsere kleine Annette hat ja heute früh extra ihre Haare gewaschen, warum wohl“ und dabei Martin zugezwinkert, ich stand nur mit hochrotem Kopf wie blöde dabei und habe mich von den anderen auslachen lassen. Wahrscheinlich wusste jeder, was da abging, nur ich nicht.

Das einzig Schöne an mir, worauf ich stolz war, waren damals, so mit 16, 17, meine langen, blonden Haare. Karoline hat dafür gesorgt, dass ich sie mir abschneiden lies. Sie hatte damals einen „flotten“ Kurzhaarschnitt und hat mir einfach eingehämmert, lange Haare seinen uncool. Das hat sie ein paar mal gesagt, und ich bin zum Friseur marschiert und habe mir einen kurzen, irgendwie fusseligen Bob schneiden lassen. Sah voll Scheiße aus, fanden besonders die Jungs. Toll gelaufen für mich, wie immer.

Irgendwann habe ich dann endlich gerafft, dass Karoline Gift für mich ist. Ich habe vorgezogen Abitur gemacht, schlagartig alle Verbindungen zu den alten Cliquen abgebrochen und damit angefangen, mir eigene Freunde zu suchen. Zum Glück für mich habe ich an der Uni Leute gefunden, die mich nicht als den kleinen, hässlichen Streber kannten - ich galt auf einmal als gescheit, witzig, schlagfertig, und interessant. So ganz allmählich habe ich das auch selber geglaubt.....

In den Siebzigern habe ich mir alle Klamotten selber genäht, war aufgedreht, flippig, sexy. Auf einmal hatte ich Schlag bei den Jungs. Ich habe das natürlich voll ausgenutzt und keine Party ausgelassen. Von heute auf morgen war ich wie Karoline - beliebt, begehrt, flatterhafter Schmetterling und Party-Girl. Mit über 20 fing ich an, „richtig“ zu leben und habe mir Dinge zugetraut, die ich noch nie versucht hatte - sogar Sport war auf einmal etwas, auf das ich mich gefreut habe. Meine Kindheit erschien mir nur noch wie ein endloser, böser Traum - das unsichere, hässliche Kind, das war ich nicht mehr.

Meinen weiteren Lebensweg habe ich selbst bestimmt - und es ist fast alles so gelaufen, wie ich wollte: Ich war Go-Go-Girl auf Ibiza, hatte auch mal einen Promi als Freund, habe mich in der Musiker-Szene herumgetrieben und mit Möchtegern-Rockstars geschlafen, meine schwachen Augen, die so vieles nicht gesehen haben, habe ich operieren lassen, Hurra, dicke Brille ade, alles intensiv erlebt und erlitten, was dem „hässlichen Kind“ keiner zugetraut hätte - ich habe es erlebt und überlebt, und ich bereute nichts.

Karoline hatte ich völlig aus den Augen verloren. Ihre Eltern wohnen immer noch in der Nähe, die habe ich von Zeit zu Zeit gesehen. Mit Genuss habe ich wahrgenommen, wie ihre Mutter alt und knitterig wurde - Karoline kam immer sehr auf sie und ich habe mir vorgestellt, wie der Zahn der Zeit auch an ihr nagt. Ich wollte natürlich selbst nicht älter werden, aber für Karoline habe ich mir graue Haare und Falten vorgestellt. Und Krampfadern, natürlich - massenweise Krampfadern, auf diesen sportlichen Beinen.

Mittlerweile bin ich über 40 und sehr viel ruhiger geworden. Mit meinem Mann wohne ich immer noch in der Stadt meiner Kindheit, im ehemaligen Haus meiner Eltern, die beide noch leben und sich guter Gesundheit erfreuen, dafür bin ich dankbar. Mein Mann ist übrigens ein Goldstück, er hat mich nicht als Kind gekannt, auch nicht als „wilde Hummel“, er ist auch ein „Zugezogener“ hier und für ihn war ich ein unbeschriebenes Blatt. Wir haben und im Job kennen gelernt, eine gute, solide Basis, und ich liebe ihn wirklich abgöttisch.

Gestern habe ich Karoline gesehen, auf einem Stadtfest, auf einmal habe ich so ein komisches Gefühl im Bauch gehabt, ich sah zur Seite und da war sie, viel schlanker und noch schöner als früher, und mit einem Kinderwagen. Wir haben keine Kinder, mein Mann und ich. Karoline war alleine da, nur mit dem Kind. Ein hübsches blondes Kind, höchstens zwei Jahre alt.... und keine Falten, kein graues Haar, keine Krampfadern an der Mutter.

Karoline hat mich angesehen, mit diesem spöttischen Zwinkern in den Augen, wie früher.

Ich bin dann doch rübergegangen und wir haben Telefonnummern ausgetauscht. Wir könnten uns ja mal auf einen Kaffee treffen, wie in alten Zeiten, hat sie gesagt. Und dann hat sie so komisch gelacht.

Ich habe den Zettel mit der Telefonnummer eingesteckt und bin wieder zurück zu meinem Mann. „Wer war das“, hat er gefragt, ich habe nur gemeint: „eine alte Bekanntschaft, niemand wichtiges“ und er hat nicht weiter gefragt.

Sie hätte mich einfach nicht so ansehen dürfen... so, als ob sie immer noch alles über mich wüsste, als ob sie immer noch das Recht hätte, alles über mich zu wissen.

Ich habe sie gestern abend besucht, als es schon dunkel war. Sie wohnt alleine, ihren Mann hat sie vor einem Jahr rausgeschmissen, „er war ein Egoist“, hat sie gesagt... komisch, das aus ihrem Mund zu hören. Sie raucht auch noch immer, ständig hat sie den Rauch in meine Richtung geblasen, einfach rücksichtslos. Sie hat mich angesehen und gefragt, ob ich immer noch Angst im Dunkeln habe - nein, ich habe keine Angst im Dunkeln mehr.

Ich habe ihr die Weinflasche auf den Hinterkopf gehauen, als sie sich umgedreht hat, um noch mehr von diesen zähen, geschmacklosen Schnittchen aus dem Eisschrank zu holen, das Geräusch war nicht sehr laut, komisch, man denkt immer, das müsste man meilenweit hören, aber es ist nur ein dumpfes Geräusch, sie ist einfach umgefallen, das Kind hat schon geschlafen und ist nicht mal aufgewacht. Irgendwie wurde ich wütend, als ich sie so da liegen sah, unheimlich wütend, und habe immer wieder auf sie eingeschlagen. Sie war aber schon tot, denke ich. Das Blut war sehr rot, irgendwie unecht. Ich musste lachen, es passte zu ihr.

Ich habe sie einfach da liegen lassen und in aller Seelenruhe das Geschirr abgespült und in den Schrank geräumt, man muss tun, was getan werden muss. Die Kleine hat nicht geschrien, als ich sie aus dem Bettchen genommen habe. Sie wird es bei mir gut haben - niemand wird sich über sie lustig machen und niemand wird ihr weh tun, dafür werde ich sorgen.

Mein Mann kommt erst morgen von seiner Geschäftsreise zurück. Ich weiß noch nicht, was ich ihm erzählen werde. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich habe jetzt alle Zeit der Welt.

Eben hat die Kleine die Augen aufgemacht und sieht mich an. Sie hat blaue Augen, wie Karoline. Eben hat sie mich angegähnt und gezwinkert.

Sie sollte mich besser nicht so ansehen....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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