Barbara Pellenz

Meine Lieblingstante und Ich




Als wir uns gestern zufällig trafen, wurde mir schlagartig bewusst, wie lange wir uns nicht mehr gesehen hatten, fast eine Ewigkeit.
Du bist älter und noch zerbrechlicher geworden.
 
Sicher auch an mir sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen, ich bin auch älter geworden und spüre dies auch von Zeit zu Zeit, aber Du hast mittlerweile ein stolzes Alter von fast 90 Jahren erreicht, was man Dir auch ansehen darf.
 
In Sekundenbruchteilen gingen meine Gedanken zurück in meine Kindheit, die Zeit in der wir uns noch regelmäßiger sahen, nämlich auf allen Familienfeiern. Von denen gab es reichlich und immer waren alle da. Alle Tanten, Onkel, Cousinen, Cousins und natürlich auch Opa und Oma. Aber von Allen warst Du mir die Liebste und ich konnte nicht einmal erklären warum das so ist.
 
Doch eine Erklärung habe ich, oder hatte ich schon als Kind respektive Teenager. Für mich war das Leuchten deiner saften Augen, dein mildes Lächeln und deine liebevolle Stimme immer die absolute Krönung/ ein Fels in der Brandung und ein Grund zur Freude bei jedem Familienfest, sonst waren sie nur schwer auszuhalten. Bei manchen Feiern konnte man die Spannung zwischen den Eltern und den Kindern (der unserer Eltern zu ihren Eltern) spüren ja förmlich greifen. Du hattest immer Zeit für uns Rabauken oder später immer Verständnis für die Teenie Zicken. Du warst immer ein ruhender Pol und hast immer versucht unsere Kinderwelt heil zu lassen. Später als wir kritischer wurden und nur noch kurzerhand als APO bezeichnet wurden, war das schon schwieriger. Aber in meinem Gedächtnis eingebrannt sind deine Augen und dein Lächeln.
 
Heute nachdem ich nun auch schon 2/3 meines Lebens gelebt habe, kann ich mir einiges erklären. Wir Beide sind so etwas wie artverwandte oder auch ähnlich verletzte Seelen, obwohl wir in ganz unterschiedliche Generationen gehören. Du bist noch ein Kind der Kriegsgeneration und das was Du in dieser Zeit erlebt hast, musste ich nicht erdulden oder aushalten, einen Teil weiß ich von meiner Mutter. Wir haben solche Themen auch erst sehr viel später angeschnitten und ich weiß noch wie schwer es Dir fiel, darüber zu reden. Ich bin mir sicher Du hast mich auch damals verschont und nur einen Teil der Wahrheit erzählt.
 
Unsere Themen zu der Zeit waren ja auch ganz andere. Es war die Zeit in der mein Vater, der Erste deiner drei Brüder, nach einer schweren Krebsoperation im künstlichen Koma auf der Intensivstation lag. Wir waren eine Zeitlang die Einzigen die sich dort trafen um mit ihm zu reden oder einfach nur bei ihm zu sein, denn die Ärzte hatten ihm nur noch eine sehr kurze Zeit gegeben. Da ich immer (aus leider gegebenem Anlass) versucht habe meinen Vater und seine Handlungsweisen zu verstehen (auch und gerade was meine Mutter anging) brauchte ich Antworten. Zu dieser Zeit sprachen wir viel über Eure Kindheit und Eure Erlebnisse in dieser Zeit des damals immer noch wütenden zweiten Weltkrieges. Ich bekam ein völlig neues Bild meines Großvaters, ein Bild was mich entsetzt hat. Ich habe ja nie gewusst oder auch nur geahnt, was er speziell Dir aber auch euch beiden ältesten Kindern angetan hat.
 
Im Laufe unserer Unterhaltungen hast du mich mehrfach gefragt warum ich so still bin. Erstens musste ich diese neuen Informationen erstmal verarbeiten und zweitens musste ich für mich entscheiden, was ich dir sage und was nicht, mein Vater war ja schließlich dein Bruder, den Du anders kanntest als ich ihn. Die ganze Situation und die möglichen Konsequenzen daraus haben mich dazu veranlasst mit dir Klartext zu reden, was dich entsetzt und auch leider zum Weinen gebracht hat und deine einzige Bemerkung dazu war damals: ……. Muss sich denn alles wiederholen in dieser Familie, müssen denn alle Frauen in dieser Familie leiden. Kann es nicht einfach mal aufhören?
 
Es klingt merkwürdig, aber ich glaube ich war Dir nie wieder so nah wie in diesem Augenblick des entsetzten Schweigens.
 
Und ich habe das Schweigen gebrochen und dir gesagt: es wird aufhören und es hat aufgehört weil es keinerlei weiblichen Nachkommen gibt zumindest nicht aus diesem Zweig des Stammbaums.
Egal was auch immer Du in deinem Leben aushalten musstest, ich will das Du weißt dass ich Dich immer lieben werde, für alles Liebe und Gute dass Du mir/uns hast angedeihen lassen oder einfach nur vermittelt hast, trotz allem was Du hast erleiden müssen.
 
Heute nachdem ich nun Einiges an Nachforschungen angestellt habe was den väterlichen Teil der Familie angeht, kann ich Vieles erklären und verstehen, man kann es auch verzeihen. Ich habe zu der Zeit um meinetwillen einen Schlussstrich gezogen, aber eines kann und will und werde ich nicht tun …..…….
 
Solche Verhaltensweisen körperlicher oder seelischer Übergriffe sind nie und nimmer zu entschuldigen ………………………….. niemals.

Lieblingstante ........................  Ich liebe dich, so wie Du bist, für immer und ewig.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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