Marcel Hartlage

Jenseits des Flusses

Ich begegnete Ricky morgens auf dem Weg zur Schule, als ich der Straße folgte, die zwischen Fluss und Wald entlangführte und die ich eigentlich nicht benutzen sollte, weil sie so abgeschieden lag. Er stand am Straßenrand vor dem morschen Holzzaun und blickte auf die andere Seite des Ufers, wo der Waldrand verschleiert im Nieseldunst dalag wie eine hohe, finstere Mauer.
»Ich halt nur Ausschau«, sagte Ricky, als hätte ich ihn gefragt, was er da macht.
Ich blieb hinter ihm stehen und musterte seine dickliche Figur in dem roten Anorak und den Bluejeans. Sein Haar war kurz und nussbraun und ordentlich gekämmt, und ich konnte die kleinen Nieseltropfen darin perlen sehen wie winzige Kristalle. Sein Ranzen klebte ihm so stramm am Rücken wie ein Magnet, und auf dem Ranzen waren Bilder von Raketen und UFOs und Tentakelmonstern, die ziemlich albern aussahen.
»Nach Bill Archer«, sagte ich.
»Ja«, sagte Ricky.
Der Regen prasselte, und ich stellte mich neben ihn. Er roch nach Nässe und kaltem Schweiß, und sein Atem roch nach Nutella und Wurst. In seiner Klasse nannten sie ihn manchmal Dicki-Ricky, aber ich machte da nie mit.
»Wenn ich hier nach der Schule hingeh und längere Zeit auf die andere Seite schaue«, sagte Ricky, »bild ich mir manchmal ein, ihn sehen zu können, weißt du. Gerade in den letzten Tagen. Wie er dort zwischen den Bäumen steht und zu mir rüberguckt und winkt. Meistens dort drüben, zwischen diesen zwei dicken Stämmen da. Den Eichenstämmen.«
Ricky deutete auf die zwei dicken Eichenstämme schräg gegenüber, die völlig friedlich und unverdächtig dastanden und halb kaschiert wurden von einem Vorhang aus Ästen. Das Blattwerk zwischen ihnen bildete eine kleine Lücke, durch der man in die Dunkelheit des Unterholzes schauen konnte, ohne jedoch viel erkennen zu können. Die Stämme selbst wuchsen ein wenig schief, wie mir auffiel. Als wollten sie sich kreuzen oder gegenseitig stützen. Und je länger ich sie ansah, desto mehr rief ihr Anblick irgendwie ein seltsames Unbehagen in mir aus, wie bei einer glatten Schneefläche, deren Perfektion man mit einem geworfenen Stein zerstört hatte. Plötzlich hatte ich das Verlangen, mich zu schütteln und mit den Zähnen zu knirschen, und wandte den Blick schnell ab.
»Seit einiger Zeit bin ich mir sicher, dass er es wirklich ist«, sagte Ricky. »Aber wenn ich zurückwinke, reagiert er nicht. Er lächelt auch überhaupt nicht, und wenn ich ihm was zurufe, bleibt er stumm. Er hebt einfach nur die Hand und starrt zu mir rüber, ohne sich zu bewegen.«
Ich konnte es nicht lassen und konzentrierte mich wieder auf die Lücke zwischen den zwei schiefen Eichenstämmen, doch egal, wie sehr ich mich anstrengte, ich vermochte nichts Konkreteres zu erkennen als eine Ansammlung erdiger, matschiger Farben, als hätte man direkt hinter den Bäumen ein Stillleben aufgestellt, das zerlaufen war. Das liegt am schlechten Wetter, sagte ich mir, aber ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass der Wald auf der anderen Seite des Flusses schattiger und undurchdringlicher war als auf dieser Seite des Flusses. Selbst die Bäume schienen drüben höher zu sein als auf unserer Seite, höher und spitzer, wie Lanzen, die in den Himmel stachen und die Wolken aufspießten. Einmal hatten wir mit der Schule einen Wandertag gehabt und waren hier spazieren gegangen, und es war sehr windig gewesen an diesem Tag, und ich hatte mit heimlichem Vergnügen dem Orchester in den Baumkronen gelauscht, das sich gebildet hatte. Blätterrascheln klingt, wenn man die Ohren spitzt, wie das Rauschen von Wellen auf dem Meer, eine einzige, einheitliche Klangfarbe wie von Tausenden flüsternden Stimmen – doch die Blätter auf der anderen Seite des Flusses hatten nicht geflüstert, sondern gekreischt. Und das glaube ich bis heute. Es war eine Kakophonie gewesen, wie wenn man im Wahn Klavier spielt, bis die Finger bluten und die Tasten zerbersten.
»Ich hab schon überlegt, mal rüberzugehen«, sagte Ricky und riss mich aus meinen Gedanken. »Aber Vater sagt, da ist Naturschutzgebiet und ich dürfe da nicht hin, weil ich sonst alles kaputtmache. Das Öklosystem oder so.«
Er wandte den Blick vom anderen Ufer ab und sah mich an. »Wollen wir zusammen zur Schule?«
Ich nickte, und wir folgten gemeinsam der Straße, die seit geraumer Zeit eigentlich für uns verboten war, weil Bill Archer hier im Fluss ertrunken war. Zumindest sagten die Erwachsenen, dass er ertrunken sei, obwohl sie von ihm bisher nicht mehr gefunden hatten als seinen Schulranzen, der sich unten am Flussufer zwischen dem Schilf verfangen hatte. Für viele Kinder war die Straße seit jeher eine Abkürzung zur Schule, doch als Bill an jenem Tag nicht in der Schule aufgetaucht und auch am Nachmittag nicht nach Hause gekommen war, hatte man ihn zu suchen begonnen, und wir hatten die Straße tagelang nicht passieren oder überhaupt allein aus dem Haus gehen dürfen. Meine Eltern hatten mir von Männern erzählt, die nach Kindern in meinem Alter suchten und sie dann mitnahmen, um ihnen Böses anzutun, und ich hatte lange Zeit Angst gehabt, dass mir das Gleiche passieren würde wie Bill Archer, bis man uns dann gesagt hatte, er sei ertrunken. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, war aber alles fast wieder beim Alten, und obwohl ich die Straße eigentlich immer noch meiden sollte, benutzte ich sie trotzdem wieder. Ricky erzählte mir auf dem Weg, er träume seit einigen Tagen von dem Fluss, deswegen gehe er jetzt auch morgens hier lang. »Es sind echt üble Albträume«, meinte er stolz. »In denen ist hier alles bis zum Himmel unter Wasser, und überall schwimmen Monster und tote Wale.«
Als wir bei der Schule ankamen, trennten sich unsere Wege, und ich sah ihn für den Rest des Tages nicht wieder; als ich am Nachmittag nach Hause ging und wieder am Holzzaun vorbeikam, an dem er gestanden hatte, war er nicht da. Mein Blick ruhte für eine Weile auf den zwei krummen Eichenstämmen, aber nicht lange. Zuhause dachte ich nicht mehr an ihn oder Bill Archer oder den Wald, sondern spielte im Nieseldunst Ball.
Am nächsten Morgen, als das Wetter sich noch ein bisschen verschlechtert hatte und die Luft ein wenig kühler und nebliger geworden war, stand Ricky wieder auf seinem alten Posten am Zaun und spähte über den Fluss auf den Waldesrand. Er trug die Sachen von gestern, den roten Anorak und die Bluejeans.
»Hallo Ricky«, sagte ich.
»Ich überleg, wie ich’s am besten anstelle«, sagte Ricky zur Begrüßung. Er hatte die Arme auf den Zaun gelegt und die Augen starr auf die zwei krummen Eichenstämme geheftet. »Ich weiß nicht, wie tief das Wasser ist, und ich kann nicht schwimmen. Vater sagt, ich würde mich mit den Beinen in den Pflanzen verheddern und ertrinken, genau wie Bill, deswegen soll ich es nicht machen. Er hat mich angeschrien deswegen, mein Vater. Sagt, ich soll hier nicht rumwuseln.«
Der Fluss lag still unter einem grünen Flickenteppich aus Seerosen und Schilfrohr da, und auf den steilen Böschungen wuchsen Urwälder aus Brennnesseln und Gänsefüßen. Das Wasser war braun wie Matsche und schien sehr niedrig zu sein – es ähnelte eigentlich mehr einer Schlammdecke –, und ich fragte mich, wie man darin verschwinden konnte, ohne eine Spur zu hinterlassen außer den eigenen Schulranzen.
»In der Nähe gibt es eine Brücke«, sagte ich.
»Ja, aber die is viel zu weit weg von hier und führt ganz woanders hin«, sagte Ricky. »Das ist nicht das Gleiche, verstehst du?«
Ich verstand nicht, und allmählich begann mich seine versessene Art zu nerven. Bevor ich ihm hier begegnet war, hatte ich nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie man rüberkam, und jetzt war es, als wolle er mich in seinen Sog der Rastlosigkeit mit reinziehen.
»Ich könnte durchwaten«, überlegte er laut. »An einer niedrigen Stelle, wo ich nicht schwimmen muss.«
»Tu, was du willst«, sagte ich, und dann ließ ich ihn mit seinen Gedanken allein und ging weiter, weil ich nichts mehr damit zu tun haben wollte. In der Nacht träumte ich von brandenden Wellen und kreischenden Möwen vor einem bewölkten Horizont über einem schwarzen Ozean, und der Ozean war tief und voller Ungeheuer. Ich wachte schweißgebadet auf, und für einen Moment glaubte ich, eine kindliche Gestalt würde am Fußende meines Bettes stehen und mich anstarren. Mit gehobener Hand und leerem Gesicht. Als ich blinzelte und den Kopf schüttelte, war die Erscheinung weg, aber ich schlief trotzdem schlecht für den Rest der Nacht.
Am nächsten Morgen war es noch immer am regnen und der Nebel in der Luft war grünlich und dicht und machte mich schläfrig, wie Alkohol.
Ricky stand wieder am Zaun, und diesmal hatte er seinen Ranzen abgelegt.
»Ich glaube, man darf einfach nicht müde werden«, sagte er. Er sah genauso zerstreut aus wie ich, aber auch ausgelaugter und irgendwie dünner. »Wenn man nicht müde wird und sich nicht in den Pflanzen verheddert, kommt man rüber. Ich bin ganz sicher.«
»Das sind mindestens zehn Meter, Ricky«, sagte ich, und mein Blick fiel wieder auf die beiden krummen Eichenstämme, die sich gegenseitig stützten und deren Wipfel sich im Nebel verloren wie babylonische Türme. Nach ein paar Sekunden wurde mir schwindelig, und ich musste blinzeln und den Blick abwenden. Die Luft roch nach Blütenstaub und nasser Erde, davon wurde mir immer schwindelig.
»Bill hat es auch geschafft«, sagte Ricky.
»Bill ist hier ertrunken.«
Ricky antwortete nicht, und so setzte ich nach: »Komm einfach mit zur Schule, das ist viel wichtiger als das hier. Du läufst nur weg.«
»Nein«, sagte Ricky, und dann, nach kurzer Überlegung: »Geh ruhig vor. Ich komm dann gleich nach.« Und während er das sagte, blickte er weiter auf die Eichenstämme auf der anderen Seite des Flusses, mit einem stählernen Blick, der immer stählerner wurde, und ich wusste schon da, ich hätte es besser wissen müssen.
Dennoch ging ich. Ich ging, weil ich selbst davonrannte, aber nicht vor dem Unterricht.
In der Schule hielt ich Ausschau nach ihm und fragte seine Freunde, ob er in der ersten Stunde da gewesen sei, doch sie meinten, er wäre heute nicht aufgetaucht, er sei wohl krank oder so. Angst stach durch meine Brust wie ein Eiszapfen, zusammen mit Schuldgefühlen. So rannte ich in der Pause hastig die Straße hinunter zum morschen Holzzaun auf unserer Seite des Flusses und blickte die Böschung hinab.
Ich blickte sie hinab, und mir wurde eiskalt.
Eine Schneise zog sich durch die Gänsefuß- und Brennnesseldickichte. Auf halbem Weg entdeckte ich seinen Ranzen mit den Raketen und UFOs und Tentakelmonstern, die so albern aussahen. Zwischen den Seerosen auf dem Wasser hatte sich eine Art Graben gebildet, dessen regelmäßige Form sich inzwischen wieder ins Unregelmäßige verlor. Das Schilfrohr auf der anderen Uferseite war umgeknickt. Meine Augen folgten weiter die gegenüberliegende Böschung hinauf, wo sich der Pfad fortsetzte, und mit jedem Meter wurde mir enger in der Brust, heißer im Kopf. Die Schneise setzte sich fort bis zu der Lücke zwischen den beiden krummen Eichenstämmen, wo mein Blick verharrte und beinahe auch mein Herz.
Dort stand Ricky. Ich konnte ihn kaum erkennen, weil er im Halbdunkel unter den Bäumen stand und Äste und Zweige vor ihm hingen, aber ich erkannte seinen roten Anorak und die Bluejeans. Und er hatte die Hand gehoben. Zum Gruß. Ein stummer Wink.
Wind kam auf, und die Blätter über ihm rauschten. Es klang wie kreischende Möwen, wie das Branden des Meeres. Wie eine Kakophonie des Chaos.
Hinter mir ertönten Schritte; sie kamen von Henry Baker, einem Freund, der mir offenbar nachgelaufen war. Ich drehte mich nicht zu ihm um, aber als ich im selben Moment blinzelte, konnte ich Ricky plötzlich nicht mehr erkennen. Er schien zurück in den Wald gelaufen zu sein.
»Was machst du hier?«, schnaufte Henry. »Warum bist du abgehauen?«
Ich wartete, aber er tauchte nicht wieder auf. Er musste doch aber wieder auftauchen, oder nicht? Er war ja nur rübergewatet. Nur in den Wald gegangen, ein paar Meter tiefer hinein. Dazwischen konnten doch keine Welten liegen.
»Alles klar mit dir?«, fragte Henry.
»Ja«, sagte ich abwesend, »ja, ich halt nur Ausschau.«
Henry japste verwirrt. »Nach Ricky?«
Und ich sagte: »Ja. Nach Ricky.«

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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