Wolfgang Küssner

Kleine Urlaubs-Geschichten 2 - Ein Thailand-Mosaik

Auwei oh Wai
In weniger vom Tourismus frequentieren RegionenThailands kann es schon passieren, dass Einheimische das Bedürfnis verspüren, den Westler – hier Farang genannt – zu berühren; einfach mal der Langnase die Hand zu schütteln.

Dabei ist das Händeschütteln in Thailand und anderen Ländern Südost-Asiens gar nicht üblich. Hier wird der Wai praktiziert, sowohl als Grusshandlung als auch als Respektsbezeugung. Sozusagen zwei „Fliegen“ mit zwei Händen.

Die Flächen der Hände werden für einen Wai dabei vor der Brust zusammengeführt, sodass beide Innenflächen aufeinan-der liegen und die Fingerspitzen nach oben zeigen. Möchte man einen guten Ton bei der Begrüssung unterstreichen, neigt man ergänzend leicht den Kopf oder macht zusätzlich eine kleinere Verbeugung.
Nach alter Tradition geht bei den Thais die Gruss-Initiative von der jüngeren, oder von der Person aus, die im sozialen Ranking eine niedere Stellung einnimmt. So wird der Reisende z.B. nie erleben, dass ein buddhistischer Mönch den Wai erwidert, er steht  in der gesellschaftlichen Stellung ganz oben.

Als Zeichen des Respekts, beim Zuhören älterer Personen oder Mönchen, wäre es ratsam, die Hände zum Wai vor der Brust zu halten. Ausserdem ist der Wai ein Zeichen des Verstehens, der Jüngere hebt die Hände und signalisiert Verständnis. Und als Zeichen des Dankes würde der Thai ebenfalls die Hände zum Wai formen.
Da der Wai aber auch eine Respektsbezeugung ist, signalisiert die Höhe der gehaltenen Hände die Achtung des anderen. Die Hände können normal vor der Brust gehalten werden, bei etwas mehr Achtung könnten die Fingerspitzen dabei das Kinn berüh-ren, oder bei noch mehr Ehrerweisung würden die Daumen das Kinn leicht erspüren. Als Steigerung wären die Hände vor der Stirn denkbar, die Daumengelenke würden dann die Augen-brauen kontakten. Doch den Wai bitte nie höher als die Stirn halten, es sei denn, man ist Bettler und bittet um Almosen, sitzt im Gefängnis und bittet um Gnade.

Der von Kindern gegenüber Erwachsenen erbrachte Wai wird nicht beantwortet, hier reicht ein leichtes Lächeln, ein Kopf-nicken. Wo soll die Respekterweisung den Kiddies gegenüber auch wurzeln?

Eines allerdings – was leider immer wieder bei Thailand-Besuchern beobachtet wird – geht gar nicht: Die Hände auf Bauchnabelhöhe, oder unterhalb der Brust, vom Körper ab-weisend, zu halten. Das ist eine Missachtung, eine Beleidigung für einen Thai. Auwei. Dann lieber auf den Wai verzichten, denn – siehe oben – Kopfnicken und Freundlichkeit gehen bekannt-lich auch. Oh Wai!
 
Don
Don ist in diesem Jahr nicht  zurückgekehrt. Über zehn Jahre lang hat er Hochsaison für Hochsaison den Badegästen aus allen Teilen der Welt die Strandliegen gestellt, die Sonnen-schirme ausgerichtet, Sandwiches, Wasser, Bier oder andere Getränke serviert.

Aus seinen meistens viel zu grossen Shorts schauten gerade die nackten Füsse und wenige Zentimeter Bein heraus. Das luftige T-Shirt war von der Arbeit meistens schweissgetränkt. Immer ein Lächeln im Gesicht, immer freundlich. Versteckte sich die Sonne mal hinter Wolken, tröstete er die Strandbe-sucher mit „no sunshine, no sunshine“, und Sonnenbäder bei starker Einstrahlung kommentierte er mit den Worten „barbe-que, barbeque“. Das Lachen der Gäste war ihm jedesmal sicher.

Sein thailändischer Chef bezahlte seine Arbeit für 7 Wochen-Tage bei 10-12 Stunden täglichem Einsatz  mit monatlich  9.000 Baht ( umgerechnet ca. € 240 ). Kleine Trinkgelder besserten den kargen Monatslohn auf. Von dem Geld musste Don sich ernähren, kleiden, das Moped am Laufen halten, Zimmer und Strom bezahlen und Monat für Monat Geld an seine Frau und die beiden Kinder in der Heimat Myanmar überweisen. Auf seine Unterstützung waren sie dringend angewiesen.

Und für die Heimreise zu Beginn der Regenzeit musste Geld angespart werden. Und der Aufenthalt in der Heimat musste finanziert werden. Und, und, und.... Viel lieber wäre Don natür-lich bei seiner Familie im Dorf geblieben, doch es gab keine Arbeit, zumindest keine regelmässige. Der mögliche Lohn für einen Tag Arbeit hätte bei ca. 2  Euro gelegen; zum Sterben zuviel, zum Leben zu wenig. Und so entschied er sich – wie viele, viele andere seiner Landsleute, Jahr für Jahr ins benach-barte Thailand zu reisen und dort sein Glück zu suchen.

Während seine früheren Gäste jetzt ohne die Worte vom „no sunshine“ und „barbeque“ auskommen müssen, hat Don hoffentlich sein Auskommen in Myanmar gefunden.
 
 
Sang Som Rum
Diese Runde geht eindeutig an Ludmilla. Dabei spielt es über-haupt  keine Rolle, ob nun sie oder ihr Mann Oleg beim Karten-spiel gewonnen haben. Es ist sowieso nur der Auftakt zu einer speziellen, anderen Prozedur. Jedes Mal folgt nämlich dem Spiel ein Griff in die Strandtasche, wird eine Kartonage heraus-gezogen, die darin befindliche Rumflasche geöffnet und ein kräftiger Schluck genommen. Von beiden natürlich. Dann heisst es, Flasche verschliessen, zurück in den Karton und weg damit in die Tasche. Als wäre nichts gewesen.

Ludmilla und Oleg – halb auf einer Strandmatte im Schatten eines kleines Baumes liegend, halb sitzend – mischen die Karten erneut. Neues Blatt, neues Spiel, neues Glück. Und unabhängig vom Ausgang folgt am Ende die gleiche Prozedur mit der Flasche.

Während diese nach jeder Runde weniger Inhalt zeigt, weisen Ludmilla und Oleg erste Anzeichen von Sprachverlust und zu-nehmender Lustigkeit auf. Bei über 30 Grad im Schatten bleibt der Rum-Konsum nicht ohne Wirkung. Das Spiel geht weiter. Die Kartenabgabe ist nicht mehr ganz so exakt, die Sprache mehr und mehr vom Buchstaben L dominiert. Die Flasche bleibt längst für jeden sichtbar auf der Strandmatte liegen. Ist ja eh nicht mehr viel drin.

Noch zwei Runden des Spiels mit den Karten und der Flasche ist kein Tröpfchen mehr zu entlocken. Diese ignoriert einfach den Gewinner oder Verlierer. Ludmilla überkommt Müdigkeit. Sie fällt auf die Seite und schläft ein. Oleg versucht noch schwankend, ein Bad im Meer zu nehmen, ist jedoch schnell zurück. Ihm ist jetzt alles egal. Er lässt sich zum Schlafen neben seiner Ludmilla nieder. Aus das Spiel, aus der Rum.

Was macht´s? Morgen ist ein neuer Tag, mit einem neuen Spiel und einer neuen Flasche Rum. Eine Woche Urlaub haben beide noch. Nastrovje!
 
Ramadan´s Ende
Mit dem Ende des moslemischen Fastenmonats Ramadan kommen wieder verstärkt Urlauber aus den Arabischen Ländern nach Thailand. Während die Männer ihre häufig fetten Körper in legere T-Shirts und Shorts zu verpacken suchen, laufen hinter ihnen die Ehe-Frauen in schwarzen Burkas verhüllt. Mal ist ein Gesicht zu sehen, mal nur das Augenpaar, mal ist auch dieses verschleiert oder gar hinter filigraner Goldarbeit versteckt.

Wie bewegen sich diese mittelalterlich anmutenden Vermumm-ten überhaupt fort? Haben die Frauen Beine wie in anderen Regionen dieser Welt? Damenschuh-Mode muss in ihrer Heimat ein Fremdwort sein. Wie erkennt man sich? Mann und Frau müssen sich einander vermutlich lange in die Augen schauen. Wie erkennen Kinder ihre Mütter, Gastgeber die wirklich Geladenen?

Beim Frühstück landet der Gesichtsvorhang schon mal in der Suppe, zwischen dem Rührei oder im Kaffee. Es bedarf erheb-licher Fertigkeiten, um mit dieser Gesichts-Verkleidung nicht zu verhungern; ganz zu schweigen von Fragen der Ästhetik.

Klar möchten die Frauen auch einmal ein Bad im Meer oder im Pool nehmen. Es gibt dann wohl keinen anderen Weg, als mit der kompletten Bekleidung – sprich Burka -  ins Wasser zu steigen. Badetag und Waschtag werden eins. Hat also auch Vorteile. Und das Fahren mit dem Jet-Ski? Kein Problem – das geht auch in der Burka. Mehrfach beobachtet. Es mutet aller-dings ein wenig gespenstisch an, wenn schwarze Schleier auf knatternden Maschinen übers Wasser rasen.
 
Fortsetzung folgt.
Juli 2015
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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