Daniel Polster

Der Tod ist der engste Verbündete des Lebens

I.
"... und ich sage Euch, die ihr da draußen an den Bildschirmen sitzt: Wenn wir weiterhin versuchen Gott zu spielen, wird uns selbiger irgendwann in den Allerwertesten treten! Wir versuchen Leben zu erschaffen, wo es keines gab; wir greifen in die Natur unseres und der anderen Planeten ein, ohne dass wir die Erlaubnis dazu bekommen hätten. Wozu soll das noch führen, frage ich Euch? Vielleicht gibt es einen Grund, warum lediglich auf einem Planeten Leben existiert? Vielleicht verträgt das Universum einfach nicht mehr? Folglich muss..."

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Wolken verdunkelten den Himmel und tauchten den Boden in ein tiefes Rot. Am Firmament waren die Konturen eines Mondes undeutlich erkennbar, sein Licht reichte einfach nicht aus, um die dichten Schwaden aus Wasserdampf zu durchdringen. Ein Sturm wehte roten Sand und andere Bodenablagerungen über die gewaltigen Weiten Syria Planums. Hinter der entfernten Kraterwand ließ sich am Horizont ein Teil des zweiten Marsmondes Daimos blicken. Schon in wenigen Stunden würde er mit seinem Bruder Phobos wie die Fürsten der Dunkelheit, denen ihre Namen entliehen waren, über die Einöde auf dieser Seite des vierten Planeten wachen.
Im Hintergrund hörte man das leise, rhythmische Brummen des Atmosphärewandlers, der sich in den vergangenen zehn Jahren tief in den Boden Syria Planums eingegraben hatte. Von Fusionsreaktoren betriebene Bohrer führten Gestein aus der Marskruste in die gewaltige Umwandlungsanlage, welche sich über Kilometer auf der Oberfläche ausgebreitet hatte. Dort wurden die Felsen und Steine verarbeitet und die lebenswichtigen Stoffe Wasser und Sauerstoff aus ihren chemischen Bindungen gelöst, vaporisiert und an die Marsatmosphäre abgegeben. Seit Beginn des Terraformingprojektes hatte der Himmel tatsächlich einen leichten Blaustich bekommen und würde das unheilvolle Rot bald endgültig vertrieben haben. In den letzten Monaten war es sogar gelegentlich zu einigen Regenfällen gekommen und die ersten Flusstäler und Krater hatten sich mit Wasser gefüllt. Die ersten Pflanzen und Tierarten waren bereits von der Erde eingeflogen und auf dem Mars angesiedelt worden. Die menschlichen Bewohner der hiesigen Kraterkolonie konnten sogar schon wenige Minuten in der ungefilterten Luft des Planeten leben, ohne Schäden davon zu tragen.
"... neuester Messungen, dass der Sauerstoffanteil der Marsluft bei 14,3 Prozent liegt. Die zuständigen Experten prognostizieren, dass in sieben Monaten der Anteil hoch genug sein wird, um außerhalb der Schutzkuppeln frei atmen zu können. Die bereits ausgesetzten Pflanzen und Tiere gedeihen prächtig. Schilfrohr, Pilze, Algen, Flechten und Moose sind mittlerweile fast an jeder größeren Wasserstelle anzutreffen. Erste Getreidefelder sind am entstehen und auch die tropischen Regenhölzer, die in den wärmeren Äquatorgegenden ausgesät wurden, scheinen endlich zu blühen. Heute sollen zu den bereits freigelassenen Knorpelfischen und Quastenflossern einige Forellen und Barsche ausgesetzt werden. Wenn sie überleben sollten, sind Tests mit Säugetieren und Vögeln bereits für nächsten Monat geplant. Die Anzahl der Insektenbevölkerung wird derzeit auf etwa zehn Milliarden geschätzt, Tendenz ständig steigend. Ein Forscher witzelte, dass Insekten selbst auf der Sonne überleben würden, wenn man sie dort aussetzte. Die ersten..."

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"...gewaltige Dürre hält unvermindert an. Die hiesigen Farmer rechnen mit Ernteeinbußen von bis zu 80 Prozent. Dieses Jahr wird die Welt wohl auf die chinesischen und ukrainischen Weizenvorräte zurückgreifen müssen, aus Idaho wird nicht viel zu erwarten sein. Wenn es nicht bald regnet, könnte der Ackerboden für immer verloren sein..."

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Seufzend legte Tarin Cooper die Fernbedienung zur Seite und versuchte sich vergeblich auf die Szenen zu konzentrieren, welche die Fernsehwand jetzt zum Besten gab. "Was wäre das digitale Fernsehen ohne Erotiksender?", murmelte er und schloss die Augen. Im Geiste ging er noch einmal den vergangenen Tag durch. Der Job lief wie immer, das Fernsehprogramm war trotz fünfhundertsiebzig Sendern mehr als bescheiden, und seine Frau war wie üblich nicht zu Hause, sondern bei irgendwelchen Freundinnen oder besuchte ihre Familie. Cooper lief ein Schauer über den Rücken als er an all diese Gestalten dachte. Wie war Marian nur in die Gesellschaft solcher Klatschweiber gekommen, fragte er sich nicht zum ersten Mal. Ihre Familie war in Ordnung, solange man sie nicht öfter als zweimal im Jahr sehen musste. Das Leben war nicht perfekt, aber er konnte damit leben. Überhaupt hatte Cooper eine sehr hohe Toleranzgrenze was Unannehmlichkeiten anging. Eine Lösung ließ sich immer finden, war sein oberstes Motto. Und wenn nicht, konnte man ohnehin nichts daran ändern. Mit diesen Gedanken schlief er ein.
Fast im selben Augenblick riss ihn ein Kuss wieder in die Realität zurück. Ein wütender Gesichtsausdruck machte einem Lächeln Platz und eine empörte Beschwerde wurde noch im Hals hinunter geschluckt. "Du bist vier Stunden eher da, als ich erwartet hatte", sagte er und nahm Marian in die Arme.
"Mutter hat die ganze Zeit von ihrem Krebs geredet und Vater hatte sich schon nach wenigen Minuten zu Freunden abgeseilt. Wäre ich noch länger geblieben, wäre ich ins Koma gefallen. Garantiert!" Sie lächelte und küsste ihn erneut. Dann fiel ihr Blick auf die Fernsehwand. "Siehst du schon wieder dieses Zeug?"
"Ich war einsam. Du hast mir gefehlt."
"Aber jetzt bin ich ja hier." Sie lächelte, ergriff seine Hand und zog ihn in Richtung Schlafzimmer. Ein letzter Druck auf die Fernbedienung schaltete die Leinwand ab.

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II.
Zügigen Schrittes lief Cooper die riesige Empfangshalle der Stellar Corp entlang. Er war spät dran und stand mit seinem Chef schon seit Monaten auf Kriegsfuß, aber Marian hatte ihn an diesem Morgen einfach nicht gehen lassen. Er schmunzelte, als er an die letzten beiden Stunden dachte.
"Guten Morgen, Kathy", sagte er und lächelte die großgewachsene Sekretärin seines Vorgesetzten an. Sie sah verdammt gut aus, dachte Cooper. Natürlich nicht so bezaubernd wie Marian, rief er sich kurz darauf ins Gedächtnis zurück. Dennoch glaubte er den Gerüchten, die um ihre Person und die ihres Bosses im Umlauf waren. Warum sollten die beiden auch nicht etwas miteinander haben, dachte er. Das Arbeitsklima konnte dadurch nur besser werden.
"Hallo!" Sie lächelte zurück, dann nahm sie einen ernsthaften Gesichtsausdruck an. "Er wartet schon auf dich. Es gibt Probleme." Cooper erstarrte in seiner Bewegung, schluckte und öffnete vorsichtig die Türe zum Chefzimmer.
Drinnen blieb er zunächst unschlüssig stehen. Er räusperte sich. "Guten Morgen, Chef."
Die tiefblauen Augen seines Gegenübers schienen einem roten Schatten zu weichen, als sie sich durch Cooper hindurch bohrten. "Setzen!", befahl er. Cooper folgte gehorsam und nahm Platz. Seine Hände waren feucht geworden.
Sein Chef wies auf einen kleinen quaderförmigen Kasten, der auf dem Tisch lag. "Wissen Sie, was das ist?", fragte er, sich um einen ruhigen Tonfall bemühend.
Cooper runzelte die Stirn. "Das ist eines der Raumschiffmodule, die ich vorgeschlagen habe. Es handelt sich um das Projekt, mit dem ich mich die letzten fünfzehn Monate beschäftigt habe."
"Sie haben vollkommen recht. Dann wissen Sie wahrscheinlich auch, dass diese Module der größte Flop waren, den unsere Firma seit Beginn ihrer Existenz je hergestellt hat."
"Wie bitte?" Coopers Augen weiteten sich. Ein Stapel Papiere flog auf den Tisch.
"Das sind die Verkaufszahlen, die Anzahl der Reklamationen und sonstiger Ausfälle. Diese Module haben die Firma insgesamt sieben Milliarden Dollar gekostet! Wissen Sie, was das heißt?", brüllte der Chef der Stellar Corp.
Cooper schluckte und versuchte sich nicht abzuwenden oder den Blick zu senken. "Ja, Sir", flüsterte er.
"Bis auf weiteres sind Sie von allen Projekten entbunden. Wir werden Monate brauchen, um die Verluste zu decken. Bis dahin arbeiten Sie in der Verwaltung. Und jetzt machen Sie, dass Sie hier raus kommen, ehe ich es mir anders überlege und sie kurzerhand feuere!"
Fünf Sekunden später stand Cooper wieder in der Empfangshalle. Kathy sah ihn mitfühlend an. "Geh jetzt erst mal nach Hause. Wenn es dir besser geht, ruf mich an. Ok?" Cooper nickte nur und schritt mit glasigem Blick zum Ausgang des Gebäudes. Sein Auto ließ er stehen. Er wandte sich nach rechts und ging die Straße hinab. Seine Gedanken rasten, nur war er außerstande, auch nur einen einzigen von ihnen fest zu halten.

III.
"...Erdbeben verwüstete große Teile Buenos Aires. Hunderte von Rettungsmannschaften befinden sich vor Ort, auf der Suche nach Überlebenden und wiederverwendbaren Rohstoffen. Die Verluste werden auf derzeit sieben Millionen Menschen geschätzt. Sachwerte im Werte von einer Billion amerikanischer Dollar wurden von einem auf den anderen Augenblick vernichtet. Gleichzeitig hält die Erdbebenwelle in Mitteleuropa unverändert an, ohne jedoch die Ausmaße des Aires Bebens zu erreichen. Die Frage ist nur, wie lange noch? Tausende von Menschen aus den betroffenen Gebieten wurden bereits evakuiert oder haben sich freiwillig für das Marsprojekt gemeldet. Dennoch wird man wahrscheinlich nicht alle retten können. Besonders die ältere Generation weigert sich beharrlich, ihre anvertraute Heimat zu verlassen..."

"Großer Gott", murmelte Phillip Hardin und faltete seine Ausgabe der "Morning News" zusammen. Sein Bus hatte die fünfundvierzigste Straße erreicht und er stieg aus. Gedankenverloren betrat er das große Geschäftsgebäude der "Arts Corporation" und wurde von einem schlagartig aufbrausenden Beifall überrascht, der ihn aus seinen Gedanken riss. Er schüttelte kurz seinen Kopf, um ihn vollständig frei zu bekommen, und starrte die Menschenmenge an, die ihn mit klatschenden Händen empfing.
"Was ist los?", fragte er und kam langsam näher.
Eine junge Frau, so um die zwanzig, kam auf ihn zu und gab ihm einen Kuss. Sandy Camen aus der Marketingabteilung, erinnerte er sich. "Deine Entwürfe wurden verkauft!"
Jetzt war Hardin platt. Seine Augen wurden doppelt so groß und sein Unterkiefer klappte nach unten. Ein unnatürliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. "Im Ernst?" Seine Stimme klang beinahe schrill.
Camen nickte und legte ihren Arm um ihn. "Den Auftrag für die Konstruktion der neuen Regierungsgebäude haben wir bekommen. Dem Präsidenten haben deine Skizzen so gut gefallen, dass er uns einen Vorschuss von fünfzehn Milliarden Dollar überwiesen hat. Fünfzehn Milliarden! Nach Abschluss der Bauarbeiten rechnen wir mit einem Reingewinn von über vierzig!"
Hardin taumelte und musste sich an einer Säule, die das Foyer zierte, abstützen. Eine kräftige, große Hand schob sich ihm entgegen und er schüttelte sie ehrfürchtig. "Sir?", fragte er. Es war erst das zweite Mal, dass er den Direktor der Corporation persönlich traf. Bei vielen Angestellten galt er nur als Mysterium oder imaginäre Person, doch stand diese jetzt in Fleisch und Blut vor ihm und reichte ihm die Hand.
"Sie haben unserer Firma einen wahrhaft riesigen Gefallen erwiesen. Ich freue mich, ihnen persönlich ihre Beförderung zum Abteilungsleiter der Architektur mitzuteilen. Selbstverständlich bedeutet das einen Haufen zusätzlicher Arbeit für sie, aber die damit verbundene Gehaltserhöhung von fünfundsiebzig Prozent dürfte das mehr als einmal ausgleichen, schätze ich."
"Danke, Sir", stotterte Hardin.
"Übrigens können Sie meine Hand jetzt loslassen."
Er wurde rot und lächelte. "Ja, natürlich, Sir." Mit zitternden Beinen drohte er zusammen zu brechen, weshalb er über den Stuhl froh war, den ihm Camen von hinten zugeschob. Hardin blickte die anderen Anwesenden an und sah einen lachenden Direktor. Diesen Tag würde er als den mit Abstand besten seines Lebens im Kalender anstreichen. Seiner Meinung nach, hatte er definitiv alles Glück, was einem Menschen im Leben zusteht, aufgebraucht.

IV.
Regen fiel in wahren Sturzbächen zur Erde und füllte innerhalb von Sekunden das ausgedehnte Netz von Kanälen und Bewässerungsrinnen. Der Boden färbte sich durch den erhöhten Wassergehalt zu einem Dunkelrot, das deutlich zu einem braunschwarzen Ton tendierte. Der mit reichlich Dünger und Mineralien versetzte Untergrund wurde von den Wassermassen umspült und gab seine kostbaren kristallinen Schätze frei. Die mit Nährstoffen angereicherte Flüssigkeit passierte auf ihrer Wanderung zu dem großen Sammelbecken im Süden eine Unzahl von kleinen, knochigen und verwinkelten Nährstoffleitkabeln. Gierig sogen die Weizenpflanzen das begehrte Wasser in ihre Wurzeln und filterten die darin gelösten Mineralien heraus. Mit Hilfe solarer Energie führten diese dann zum Ausbau starker, widerstandsfähiger Sprosse und Blätter, und somit zum Wachstum und Reifung der Millionen Getreidepflanzen, die den marsianischen Boden seit wenigen Wochen bedeckten. Vorsichtig umspielte der Wind die gelben Wogen und trieb die Wolken weiter zum nächsten Feld.

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Krachend schlug die Wasserwand gegen die Fenster der siebenten Etage des Tokio Endeavour Buildings und drückte die darunter liegenden Wände wie Papier zusammen. Stahlträger barsten und splitterten, Beton wurde durch den ungeheuren Druck regelrecht zerrissen. Die umliegenden Häuser waren längst unter den tosenden Gewalten des Meeres verschwunden, ihre Bewohner in ein nasses Grab führend. Das gewaltige Gebäude gab nach und fiel schäumend in die Fluten, während die Tsunamiwelle weiter raste und ihre nächsten Opfer suchte.

"Soeben sahen Sie Bilder der letzten Stunden Tokios. Ein Seebeben noch nicht geklärten Ausmaßes erzeugte in der Nähe der Mariannen ein Wasserwelle von rund einhundert Metern Höhe, bei den Japanern allgemein als Tsunami bezeichnet. Doch die Kraft dieses Naturphänomens war erstaunlich. Wie die Hand Gottes fegte es über die japanische Hauptinsel und ebnete die einst blühende Metropole vollständig ein. Rettungsmannschaften sind auf der Suche nach Überlebenden, doch konnten bisher keine aufgespürt werden. Die Welle, die kurz zuvor die Mariannen ausradierte, zerlief sich auf ihrer Bewegung Richtung Westen etwa zweihundert Meter vor der Kontinentalküste. Vorsichtige Schätzungen sprechen von fünfzig Millionen Toten und Vermissten, die Daten werden jedoch stündlich nach oben aktualisiert. Die japanische Wirtschaft ist am Boden, weshalb das Inselreich seine weitere Beteiligung an den Terraformingprojekten absagen musste."

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V.

Mit einem dumpfen Knall schlug die Türe zu und Cooper atmete tief durch. Nachdem er drei Stunden ziellos in der Stadt umher geirrt war, hatte es ihn wieder nach Hause verschlagen. Mittlerweile hatte er sich dahingehend beruhigt, dass noch nicht alles vorbei war. Ein Rückschlag, sonst nichts. Er würde hart und besser arbeiten und auf sein Glück vertrauen müssen. Schließlich war er nur indirekt an der Katastrophe in der Firma schuldig. Was konnte er schließlich für mangelhafte Teile? Man hätte den Konstrukteur raus schmeißen sollen, fand er. Vielleicht hatte man das sogar getan, dachte er und ging ins Schlafzimmer. Marian scheint nicht da zu sein, also kann ich erstmal eine Runde in Ruhe schlafen, dachte er und setzte seine Absicht in die Tat um.
Drei Stunden später wachte er benommen auf, als er laute Geräusche hörte, die von der Straße zu ihm herauf trieben. Er machte die Sirenen von mindestens drei Rettungswagen aus, begleitet vom aufgeregten Geschnatter einer Unmenge von Passanten. Da Marian noch nicht da war, beschloss er, sich dem Treiben anzuschließen und seine Neugierde zu befriedigen. Vor dem Spiegel strich er kurz über seine Haare, schüttelte dann resigniert den Kopf und griff zu seiner Jacke. In gemütlichem Schlenderschritt marschierte er die Treppe nach unten. Der Tumult würde sich ohnehin nicht in den nächsten Sekunden auflösen.
Als er die Haustüre öffnete, sah er gerade noch, wie über einer auf einer Trage aufgebahrten Frau, die er nur zu gut kannte, ein Sack zugezogen wurde. Alles um Cooper herum schien sich zu drehen. Die Lunge versagte ihren Dienst und die Beine knickten ein. Röchelnd brach er auf dem Bürgersteig zusammen, woraufhin die Menschenmasse von ihm Notiz nahm. Ein Polizist kam auf ihn zu und kniete sich neben ihn.
"Sir, haben Sie die Frau gekannt?"
Cooper wurde schwarz vor Augen.

VI.

Mit einem Grinsen, so breit wie der Grand Canyon, schlenderte Hardin die Straße entlang, wobei er in unregelmäßigen Abständen kleine Sprünge und kurze Schrittfolgen in den normalen Trott einfügte, so dass es aussah, als würde er auf der Chaussee tanzen. Am liebsten wäre er jedem Menschen um den Hals gefallen und hätte ihm einen Kuss verpasst. Einige der Passanten begannen angesteckt von seiner Freude ebenfalls zu lächeln und für ein paar Sekunden ihre eigenen Probleme zu vergessen. Der heutige Tag war perfekt, dessen war sich Hardin sicher. Besser konnte es nicht kommen.
Er tänzelte an einem kleinen Stand vorbei, an dem das örtliche Waisenhaus eine Solidaritätslotterie veranstaltete. Wieso sollten nicht auch andere an seiner Freude teil haben, fragte er sich und zückte seine Brieftasche. Er holte eine ZehnDollarNote hervor und überreichte ihn der kleinen Pfadfinderin, die eifrig die ihr anvertrauten Lose hütete. "Ich hätte gerne ein Los für einen Dollar. Der Rest ist Spende für euer Heim", sagte er und lächelte sie an.
Das Mädchen zog eine Blume aus einer kleinen Vase, die neben der Losschale stand. Wenigstens ein Mensch, dessen Augen genauso leuchten wie meine eigenen, dachte Hardin und nahm dankend die Blume entgegen, die ihm von einer kleinen Hand übergeben wurde. "Suchen Sie sich eins aus, Sir!" sagte die Pfadfinderin und hielt ihm lächelnd die Schale entgegen. "Der Hauptgewinn sind eintausend Dollar! Vielleicht haben Sie ja Glück!"
"Glaub mir, mein Kind. Ich hatte heute schon mehr Glück, als einem einzelnen Menschen zusteht." Er schloss die Augen und griff in die Schale. "So, wollen wir doch mal sehen, was wir hier haben", murmelte er und öffnete sein Los.
Sein Lächeln gefror augenblicklich und seine Augen wurden zu großen runden Bällen. "Tut mir leid für ihre Niete", sagte das Mädchen, das die Zeichen falsch deutete, und fühlte sich fast ein wenig schuldig. Hardin hob beschwichtigend die Hand. "Nein, nein, das ist es nicht." Zitternd reichte er ihr den Zettel in seinen Händen. Die Worte "Hauptgewinn" und "Eintausend" stachen einem beim ersten Anblick ins Gesicht. Auch die Augen der Pfadfinderin wurden groß als sie das Los entgegennahm. Sie bückte sich und kramte ihre Geldschatulle hervor. "Einen Augenblick bitte", sagte sie und begann EinDollar und ZehnDollarNoten heraus zu wühlen und im Kopf zusammen zu zählen.
Hardin sah sie an und fasste einen Entschluss. "Warte! Ich spende meinen Gewinn dem Waisenhaus!"
Die Hände des Mädchens kamen zum Stillstand. Zwei Sekunden vergingen, dann hob sie langsam den Kopf und sah Hardin direkt in die Augen. Ein Lächeln breitete sich über ihr ganzes Gesicht aus und besiegte den ungläubigen Ausdruck, der sie bisher gefesselt hatte. "Sie bekommen noch eine Quittung. Die können Sie dann von der Steuer absetzen", sagte sie.
Jetzt war es Hardin, der kurz sprachlos war. Dann begann er von ganzem Herzen zu lachen. Kurz darauf stimmte das Mädchen mit ein. Die vorbeigehenden Passanten drehten sich teils verwundert, teils schockiert um und musterten die beiden aus der Entfernung. Was sie in dem Moment dachten, war Hardin völlig egal. Eine bessere und perfektere Welt konnte es nicht geben, dessen war er sich sicher.

VII.

"...ihr sucht nach einer Erklärung für die Unzahl von Katastrophen, die unseren Planeten Tag für Tag, Minute für Minute heimsuchen? Ich sage Euch, Ihr wendet Euren Blick in die falsche Richtung! Seht nach oben, ja ihr habt ihn gefunden! Dieser kleine, unscheinbare, rote Punkt ist es, der für all das Übel verantwortlich ist. Nein, nicht verantwortlich, aber Ursprung der Misere.
Das Zauberwort heißt "Balance"! Ja, ihr habt richtig gehört. Balance!
Die Balance des Lebens hält selbiges aufrecht. Die Balance der Kräfte führt die Planeten auf ihren Bahnen. Ja, sogar das Universum selbst, wird nur durch seine eigene Balance begründet. Zu jedem Pol gibt es einen Gegenpol! Schon Newton wusste, dass jede Kraft eine gleichgerichtete Gegenkraft herauf beschwört. Haben wir etwa dieses Elementarste aller Naturgesetze vergessen? Wir, die wir der Wissenschaft huldigen, die wir ihr ergeben sind und ihr unser Leben anvertrauen, uns aber nicht den Grundfesten ihrer Existenz entsinnen?
Was will ich Euch damit sagen, meine treuen Anhänger? Ganz einfach..."

Verbindung zu Religious Channel abgebrochen. Sendung: "Referent Petersen: The Balance Effect" beendet. Verbindung zum Digital TV Netz beendet. Nutzungskosten in Krankenhausrechnung integriert.

Coopers Kopf fiel zurück aufs Kopfkissen. "Schwachsinn", murmelte er. Einen Prediger konnte er im Moment gerade gut gebrauchen. Für das Gefühl, das ihn beherrschte, gab es keinen Ausdruck. Es war dasselbe, wie wenn man die erste große Liebe verlor; eine Mischung aus allen möglichen Emotionen und Gefühlsregungen, von denen mal die eine mal die andere die Oberhand gewann. Was war nur passiert, fragte er sich. Hatte er irgend jemandem da oben etwas getan, hatte er vielleicht unwissentlich gesündigt? Zuerst der Job, dann Marian... Cooper kniff die Augen zusammen und versuchte die Tränen zurückzuhalten, die sich unerbittlich ihren Weg nach draußen kämpften. "Warum ich?" Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, diese Worte heraus zu schreien. Statt dessen flüsterte er sie kaum hörbar und war geschockt über den Klang seiner eigenen Stimme. Wut, Hoffnungslosigkeit und Angst kämpften momentan über die Kontrolle seines Geistes und verstärkten sein Martyrium. Man hatte ihm alles genommen, was er hatte. Was ihm wirklich wichtig war, korrigierte er sich. Sein Besitz, seine Wohnung und sein kleines Vermögen, war ihm noch geblieben, doch was bedeutete Geld schon. Geld war Mittel zum Zweck, mehr nicht. "Ich habe nichts mehr", flüsterte er und wischte mit der rechten Hand die Tränen aus den Augen, die seinen Blick auf die Zimmerbeleuchtung verschwammen.
"Wo bin ich überhaupt?" fragte er sich und schaute sich im ganzen Raum um. Links neben ihm lag ein weiterer Patient; schlafend beziehungsweise röchelnd. Ansonsten war die Einrichtung eher spartanisch. Genau wie in einem Krankenhaus. Aber wenn dies ein Hospital war, dann musste es doch auch... "Na bitte", murmelte er und griff nach der Klingel für die diensthabende Schwester.
Wenige Sekunden später öffnete eine Schwesternschülerin die Tür und schaute herein. "Oh, Sie sind aufgewacht!" Sie trat ganz in das Zimmer und schloss die Türe hinter sich wieder.
Cooper wedelte mit seiner Hand kurz durch die Luft. "Wo bin ich hier?" fragte er. Die Schülerin lächelte. "Sie hatten einen Nervenzusammenbruch, Mister Cooper. Bis Sie sich besser fühlen, und die Auswertung der Computertomographie da ist, sind Sie Gast unserer Einrichtung. Wir sind die psychiatrische Station 3, spezialisiert auf Schockpatienten."

VIII.
Immer wieder griffen die unheilvollen Wassermassen nach der Krone des dreißig Kilometer langen Dammes, der etliche Quadratkilometer Bauland vor der Macht des Meeres und des speisenden Stromes schützte. Seit Tagen war der Himmel über den Niederlanden so schwarz wie die Nacht. Ohne die Hilfe von Chronometern hätte niemand die genaue Uhrzeit geschweige denn die Tageszeit bestimmen können. Die Menge Wasser, die in den letzten Wochen zu Boden gefallen war, hätte mit Leichtigkeit eine größere See, wenn nicht sogar ein ganzes Meer füllen können. Nationalgardisten hatten im strömenden Regen Dammausbauten und Erweiterungen vorgenommen, nicht selten mit starken Erkältungen begleitet. Vergleichbare Dämme im Südosten waren schon gebrochen und hatten hektarweise wertvolles Ackerland versenkt. Zum Glück für die knapp zwei Millionen Menschen, die im Schutze des wohl größten Dammes aller Zeiten geduldig auf einen Rückgang der Fluten warteten. Doch waren die Auslaufflächen schon überflutet und der Tod klopfte an die Erdmassen der Flussbegrenzungsmauer. Bisher war ihm der Zugang verwehrt geblieben, dennoch hatte man vorsichtshalber mit der Evakuierung der knapp dreihundert Städte und Dörfer begonnen.
Mit gerunzelter Stirn lief der Dammmeister zum achten Male an diesem Tag das Bollwerk ab, auf der Suche nach eventuellen Schwachstellen. Das Zischen bemerkte er erst, als es zu einem durchdringenden Pfeifen geworden war. Plötzlich splitterte eine Scheibe eines nahestehenden Hauses. Unbewusst ging der Dammmeister in die Knie. Granaten?, schoss es ihm durch den Kopf. Da erscholl ein erneutes Pfeifen und Erde spritzte vor seinen Füßen auf. Der Regen spülte den Staub beiseite, und übrig blieb eine tennisballgroße weiße Kugel, die wässrig glänzte. Verdutzt hob sie der Dammmeister auf und drehte sie ein paar mal in seinen Händen. Wasser bildete sich an den Kontaktstellen. Hagel!, schrillte eine Alarmglocke in seinem Kopf. Aber in dieser Größe? Ein doppelter Pfeifton krachte in das Dach eines Hauses und hinterließ zwei ansehnliche Löcher. Es galt keine Zeit zu verlieren, die Dorfbewohner mussten gewarnt werden! Er rannte die Böschung hinab, geradewegs zum Rathaus des kleines Dorfes. Plötzlich sackten seine Beine ein und er stürzte vornüber. Seine Augen verdrehten sich, dann setzte der Herzschlag aus. Aus einer zehn Zentimeter großen Wunde am Hinterkopf sickerte Blut.
Nun ging alles sehr schnell. Der Hagel verschärfte sich innerhalb von Sekunden. Jeden Augenblick schlugen hunderte von tödlichen Geschossen in Häuser, Straßen, Wiesen und in den Damm. Nach wenigen Minuten war dieser so durchlöchert, dass er den Wassermassen nicht mehr standhalten konnte. Das Schicksal von zwei Millionen Menschen war nach einer Stunde entschieden.

Es klopfte. Dann öffnete sich die Tür und eine Ärztin betrat das Zimmer. Ihr Gesichtsausdruck zeigte wahre Betroffenheit und Mitleid. Der damit verbundene Schreck zuckte Cooper durch alle Knochen, Muskeln, Nerven und sonstigen Fasern seines Körpers. Am liebsten hätte er die kalte Hand, die seinen Rücken herab lief, ergriffen und mit seinen eigenen Fingern zerdrückt. Er schluckte. "Was ist los, Frau Doktor?" Und bitte keine langen Ausflüchte, fügte er in Gedanken hinzu.
Seine Gegenüber nahm Platz und sah ihm kurz in die Augen, ehe sie ihren Blick senkte. "Es gibt schlechte Neuigkeiten", murmelte sie.
Sekunden vergingen. Dann löste sich ein fast wahnsinniges Kichern aus Coopers Kehle und ergriff von seinem Körper Kontrolle. "Das glaube ich nicht!", piepste er mit ständig schwankender Tonlage. "Wissen Sie, was mir alles passiert ist? In den letzten Stunden habe ich meine Frau verloren und meinen Job in den Sand gesetzt!" Der Ärztin fröstelte, als sich erneut das unheimliche Kichern über Coopers Stimme legte. Sie rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, und fasste sich dann schließlich. "Sie müssen jetzt ganz stark sein!" Traurige Augen und ein überhaupt nicht dazu passen wollendes Grinsen blickten ihr entgegen. "Ihre Nachbarn haben angerufen. Ihr... ihr Haus... wurde vollständig zerstört! Ein Wirbelsturm war urplötzlich aufgetreten und hatte seine ganze Kraft über ihrer Straße hereinbrechen lassen. Sechs Häuser wurden total auseinander genommen, weitere Schäden entstanden wie durch ein Wunder nicht. Das wird jetzt eine harte Zeit für sie werden, das weiß ich. Haben Sie Verwandte oder Bekannte zu denen Sie gehen können?"
Cooper schüttelte nur mit glasigen Augen den Kopf. Kurze stoßartige Pfeiftöne kamen aus seinem Mund, mehr brachte er nicht hervor. Wieso ich?, was hab ich falsch gemacht?, fuhr es ihm immer wieder durch den Kopf. Das konnte es gar nicht geben! Er sah die Ärztin an und plötzlich kam ihm die Erleuchtung. Sie war an allem Schuld! Natürlich, so musste es sein! Musste es das? Blödsinn, was kann sie dafür, rief er sich ins Gedächtnis. Was ist nur mit mir los?, drängte sich ihm die Frage aus dem noch rational denkenden Teil seines Gehirns auf. Ist es so, wenn man verrückt wird?, fragte er sich ängstlich.
"Es gibt noch eine zweite Nachricht", fuhr sie fort. "Die Auswertung der Computertomographie ist da. Sie haben einen malignösen Metastasentumor im Kleinhirn. Ich weiß nicht, wie man so etwas schonend beibringen kann, deshalb bleibe ich direkt. Sie haben maximal noch zwei Monate! Aufgrund seiner Lage und unklarer Position des Haupttumores, können wir auch nicht operieren. Chemotherapien versprechen bei Ihrem Fall eine Erfolgswahrscheinlichkeit von unter zehn Prozent. Natürlich können wir das auf ihre Bitte hin versuchen, doch möchte ich sie warnen, dass damit auch ihre letzten beiden Monate sehr schmerzensreich werden können!" Sie tätschelte sein Knie und stand auf. "Lassen Sie die Worte erstmal auf sich einwirken. Sie werden Zeit brauchen, um damit klar zu kommen. Zeit, die sie leider nicht haben. Ich komme später noch mal wieder, falls sie eventuelle Fragen haben." Nachdem sie keine Antwort erhielt, verließ die Ärztin leise das Zimmer.
Cooper starrte die Deckenbeleuchtung an und beobachtete das grelle Farbspiel der Lichtmuster an den Wänden. Eines klaren Gedankens war er im Moment nicht fähig.

IX.
Eine Sternschnuppe erhellte den Himmel und wurde von fernen Bergketten verschluckt. Ein Sperber und eine Taube lieferten sich eine erbarmungslose Verfolgungsjagd, während eine Gruppe Rehe, von einem bedrohlichen Geräusch aufgeschreckt, in eng geschlossener Formation in den nahen Wald preschte. Der Himmel war aufgeklart und lieferte einen atemberaubenden Blick auf die majestätische Stille des Weltall. Zwar sank dadurch die Temperatur auf wenige Grad Celsius, doch machte das die Aussicht mehr als wett. Wenige Stunden zuvor hatte es in Strömen geregnet, wovon das dichte Blätterdach noch immer Zeugnis ablegte. Das Licht der Sterne spiegelte sich auf den kleinen Tröpfchen wieder, die jeden Halm und jeden Zweig besiedelten; Sinnbild für die ungeheure Lebenskraft, die in dem ganzen Arrangement steckte. Es war eine der schönsten Nächte, wie man sie je hätte auf der Erde sehen können. Einziges Makel waren die ungewohnten Weggefährten der Sterne: ein zweiter Mond und ein winziger, blauer Planet, der einsam und scheinbar verlassen über den Himmel kroch.

Ein sattes und kräftiges Dröhnen hämmerte durch die Wände eines Anwesens im Luxusviertel der Stadt. Eine Stereoanlage lief auf Hochtouren. Das einzige Geräusch, das lauter war, hörte sich für den ersten Moment wie ein Schreien an; kein schmerzerfülltes Kreischen, sondern vielmehr ein Aufschrei der vollendeten und unnachahmlichen Erfüllung und Freude.
Ein solches Gefühl der absoluten Zufriedenheit hat man nur selten im Leben, manch einer sogar nie. Deshalb sollte man diese rar gesäten Augenblicke mit jeder Faser seines Körpers aufnehmen und spüren, und sich nichts anderem hingeben als dem Moment. Hardin ließ sich vom Rhythmus der Musik treiben und schwamm auf ihr im Boot seines Glückes.
Seine neue Wohnung war einfach riesig, im wahrsten Sinne des Wortes. Die nächsten Nachbarn waren weit genug weg, um nicht von dem Lärm gestört zu werden, der jeden Raum des Hauses flutete. Es schien, als würden die Glocken eines nahen Kirchturmes ein Stück zu Ehren des neuen Besitzers spielen.
Langsam ging es Hardin auf, dass die Glocken real waren, sich aber über der Haustür befanden. Irgend jemand hatte geläutet und wollte Teil haben an seinem Glück. Auf Wolken schwebend lief Hardin zum Eingang und öffnete. Verdutzt starrte er auf die Frau, die in seiner Tür stand. "Denise?" Sekunden vergingen in der Ewigkeit. Hardins Kopf kippte zur Seite, sein Mund zu einer Grimasse verformt. Eine Breitseite mit Thors Hammer hätte ihn nicht stärker treffen können. "Denise?" Sein Blick verschwamm, als sich seine Augen mit Tränen füllten. Er blinzelte, um den Anblick seines Gegenübers nicht zu verlieren. "Denise?"
"Überraschung", flüsterte sie, gegen das gleiche Problem ankämpfend. Schluchzend fielen sich beide um den Hals. Jede Zurückhaltung erstarb, als sie von Wellen mächtiger Emotionen ergriffen und geschüttelt wurden.
Eine Viertelstunde später saßen beide in der Küche und sahen sich gegenseitig an. "Die Ärzte sagen es ist ein Wunder", ergriff sie das Wort. "Gestern abend hatten sie das erstemal seit über zwei Monaten wieder rege Gehirnaktivität feststellen können. Eine Stunde später war ich bereits in der Lage, erste Fragen zu beantworten und zu stellen."
"Sie haben mir gesagt, das Koma wäre wahrscheinlich für immer!", schluckte er. "Als ich dich vorgestern besucht hatte, war dein Zustand noch unverändert gewesen!" Er spürte ein Zittern durch seinen Körper laufen. Sein Verstand wollte einfach nicht glauben, was ihm seine Augen und Ohren zeigten. "Warum hat mich das Krankenhaus nicht angerufen?"
Sie lächelte. Wie sehr hatte ihm doch dieses Lächeln gefehlt, schoss es ihm durch den Kopf. "Ich hatte darum gebeten, dir die Nachricht selber überbringen zu dürfen", sagte sie und machte eine weitschweifige Geste. "Deine neue Adresse hatten sie mir auch gegeben. Wir haben viel nachzuholen... seit dem Unfall!"
"In der Tat!" Für einen ewig währenden Augenblick trafen sich ihre Lippen, und gestatteten es Hardin, die definitive Realität anzuerkennen. "Du kannst dir nicht vorstellen, wieviel Glück ich in letzter Zeit hatte", sagte er. "Aber du... du übertriffst alles um das Millionenfache! Ein größeres Geschenk hätte mir Gott nie machen können!"

X.
Ein schwaches, diffuses Licht kroch über den Boden des langen Korridors. Seinen Ursprung hatte es im Schwesternzimmer, das sich halbmondförmig inmitten der Station aus der Wand schälte. Die Tür war nur angelehnt, so dass die Nachtschwester hören konnte, sollte irgendein Patient auf Weltreise gehen wollen. Transparente Plastahlscheiben ermöglichten einen Blick auf die Tür jedes Krankenzimmers. Gegen Mitternacht war es normalerweise ruhig. Die letzte Kontrollrunde war vor einer halben Stunde beendet gewesen. Selbst die Schlaflosen hatten nun ihren Körpern Tribut gezollt und waren für wenige Stunden eingenickt. Die Schwester hatte sich in ein Buch der Sorte, die sich fast selbst umblätterten, vertieft. Das einzige Geräusch rührte von der Kaffeemaschine her, die in der Küche emsig ihrem Dienst nachging.
Die sich vorsichtig öffnende Tür hätte wahrscheinlich niemand bemerkt, wenn jemand von Zeit zu Zeit ein paar Tropfen Öl hätte erübrigen können. Die Schwester zuckte zusammen und lies den Blick den linken Korridor hinab wandern. Als nichts zu sehen war, wandte sie sich nach rechts und erschrak. Cooper stand neben ihr im Zimmer, als wäre er dort plötzlich materialisiert. "Ich kann nicht schlafen, Schwester", murmelte er. Als ihr Adrenalinspiegel wieder zu sinken begann, blies sie erleichtert die angestaute Luft aus der Lunge. "Ich seh' mal nach, ob der Doktor ein Schlafmittel in ihrer Bedarfsmedizin verordnet hat, Mister Cooper." Sie stand auf und ging zum Aktenwagen. "Cooper, mal sehen...", murmelte sie und schlug sein Krankenblatt auf, als ihr Blick verschwamm. Ein stumpfer Gegenstand hatte ihren Nacken getroffen und sie ins Reich der Träume geschickt.
"Es tut mir leid", murmelte Cooper, als er die Tasse in seiner rechten Hand fallen lies. Er nahm den Stationsschlüssel von der Wand. Eine Minute später fiel die Eingangstür der Station hinter ihm ins Schloss.

Die dunklen Wolken und die damit verbundenen Stürme waren nur die Vorboten gewesen. Vorboten einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. Die Knochen hatten heute morgen nichts Gutes ergeben. Absolut nichts Gutes, korrigierte sich der Medizinmann in Gedanken. Er hatte sie dreimal geworfen, doch jedesmal war das Ergebnis gleich gewesen. Wenn sie Recht behalten sollten, hatten sie das letzte Mal einen Blick in die Zukunft gewährt. Die Späher berichteten, dass in der Stadt Katastrophenalarm ausgelöst worden war, nachdem der Kontakt mit zahlreichen nördlich gelegenen Siedlungen und Städten abgebrochen war. Die Bilder der Satellitenauswertung zeigten nichts außer nacktem Sand wo sich Straßen durch Lehmhütten schlängeln sollten. Was passiert war, wusste niemand, da der Funkkontakt schon lange abbrach, ehe die Städte zu verschwinden begannen. Was auch immer die großen Nationen der Welt in die Wege leiten würden, um dem Verderben Einhalt zu gebieten, der Medizinmann bezweifelte, dass für sein Dorf rechtzeitige Hilfe eintreffen würde. Die Bewohner hatten sich in ihren Hütten verbarrikadiert, das Vieh war in den schweren Stürmen zur Mittagszeit ausgerissen oder in den Sandwehen brutal erstickt.
Ohne weitere Vorwarnung wurde der Tag zur Nacht. Ein Blick aus dem Fenster verriet dem Medizinmann die Natur des Todesbringers. Der Tornado war hundertmal breiter als der Dorf. Den bodengebundenen Rüssel sah man nur dicht über dem Boden, dann verschluckte ihn die Nacht, die sein Haupt krönte. Doch das wirklich erschreckende war seine Drehgeschwindigkeit. Deutlich war der von Flugzeugrotoren bekannte Effekt der scheinbar gegenläufigen Bewegung zu erkennen. Die kinetische Energie der wirbelnden Materie musste apokalyptisch sein, fuhr es dem Medizinmann durch den Kopf.
Der Wirbelsturm hatte die äußersten Gebäude des Dorfes erreicht. Rasiermesserscharfe Sandklingen schnitten durch die Mauern als wären sie aus Luft. Die Dächer wurden nicht abgedeckt, sondern vielmehr in mikroskopische Partikel zerfetzt; Stein und Metall im Energiesturm vaporisiert. Selbst wenn ein Schreien möglich gewesen wäre, hätte der Sturm die Töne dem Wehklagen der Seelen angeglichen, deren Existenz auf dem bisherigen Pfad der Naturgewalt abrupt beendet worden war.
Zwei Wochen später war ein Viertel des afrikanischen Kontinents dem Rausch der Natur zum Opfer gefallen. Die Todesbilanz sprengte die schlimmsten Erwartungen.

Religious Channel aktiviert. Sendung: "Referent Petersen: The Balance Effect. Wiederholung"

Das Zauberwort heißt "Balance"! Ja, ihr habt richtig gehört. Balance!
Die Balance des Lebens hält selbiges aufrecht. Die Balance der Kräfte führt die Planeten auf ihren Bahnen. Ja, sogar das Universum selbst, wird nur durch seine eigene Balance begründet. Zu jedem Pol gibt es einen Gegenpol! Schon Newton wusste, dass jede Kraft eine gleichgerichtete Gegenkraft herauf beschwört. Haben wir etwa dieses Elementarste aller Naturgesetze vergessen? Wir, die wir der Wissenschaft huldigen, die wir ihr ergeben sind und ihr unser Leben anvertrauen, uns aber nicht den Grundfesten ihrer Existenz entsinnen?
Was will ich Euch damit sagen, meine treuen Anhänger? Ganz einfach. Alles was passiert, hat eine umgekehrte Reaktion an anderer Stelle zur Folge. Um es noch einfacher auszudrücken: Hat jemand Glück, muss jemand anderes Pech haben und umgekehrt. Stirbt ein Mensch, wird ein anderer geboren.
Solange es reiche Menschen gibt, wird es auch arme Menschen geben. Erst wenn wir alle versuchen, uns auf das Notwendigste zu beschränken, wird die Menschheit den Zustand höchstmöglicher Perfektion erreicht haben. Dann erst treten wir ein in das Gelobte Land, dann erst sind wir an dem Punkt in unserer Entwicklung angelangt, den Gott für uns geplant hatte.
Alles ist ständig in der Waage. In Balance!
Und manchmal kommt es vor, dass der Zufall verrückt spielt. An einem Ort treten alle positiven Änderungen ein, an einem anderen Ort alle negativen. Quasi als ob ein Mensch alles Glück dieser Welt gepachtet hätte, und ein anderer von einem Unglück in das nächste rutscht, wie absonderlich uns auch allen diese Vorstellung wirken mag.
Und genau das ist es, was uns allen im Moment widerfährt. Auf dem Mars blüht und gedeiht das Leben. Wo, wenn nicht hier auf der Erde, sollen denn die gegenteiligen Effekte eintreten?
Ihr da draußen an den anderen Enden des Bildschirms, denkt über meine Worte nach und erkennt die damit verbundene Wahrheit! Und denkt auch über folgende Frage nach: Brauchen wir das Terraforming Projekt?"

Verbindung zu Religious Channel abgebrochen. Sendung: "Referent Petersen: The Balance Effect. Wiederholung" beendet. Verbindung zum Digital TV Netz beendet.

XI.
"Hände über den Kopf, du Penner!" Eine kräftige Hand packte Coopers Hinterkopf und riss ihn schmerzhaft zurück. "Wenn du keine Zicken machst, wird mein kleiner Freund in deinem Rücken auch keine machen!" Cooper spürte kalten Stahl über seine Lendenwirbel schaben. "Also her mit deiner Brieftasche!"
Drei Sekunden vergingen, dann fing Cooper zu kichern an. Langsam und mit einem Gesichtsausdruck, dem jede Rationalität und Vernunft abhanden gekommen war, drehte er sich um. "Willst du krepieren, Kumpel? Ich werde nicht zögern! Ich schieß dich über den Haufen! Bist du wahnsinnig?" zischte sein Gegenüber.
"Jaaa!" Kalter Zorn, Wut und Irrsinn blitzte in Coopers Augen auf. "Wenn ich dir meine Brieftasche gebe, besteht mein gesamter Besitz nur noch aus der Hülle in der meine verfluchte Seele gefangen ist!" fauchte er.
Das heranrasende Auto bemerkten beide erst, als es schon längst zu spät war. Der Fahrer war genauso geschockt, als der Aufprall erfolgte. Der Kleinkriminelle wurde durch die Luft gegen die nächste Wand geschleudert. Cooper landete ein Stück entfernt und hörte bei der Landung einen Arm und ein halbes Dutzend Rippen brechen. Gleichzeitig brach auch die letzte Verteidigungsbastion, die sein Gehirn als Schutz gegen den Irrsinn errichtet hatte.
Mit einem unmenschlichen Lachen stand Cooper langsam auf, den stechenden Schmerz im Brustbereich ignorierend. Ein Schritt zur Seite brachte ihn über die Waffe des Räubers und er hob sie auf. Dann schwenkte der Lauf zur Seite auf den bewusstlosen Verbrecher und entsandte zwei kurze Flammenfinger. Gleich darauf zielte er auf die Frontscheibe des Autos.
"Gütiger Himmel, nein!" schrie dessen Fahrer und stolperte auf die Straße. "Es tut mir wirklich leid! Bitte, nehmen Sie sich, was sie wollen, aber erschießen Sie mich nicht!" Er zog zwei Tickets aus seiner Jackentasche. "Hier, nehmen Sie die! Die sind wertvoller, als sie es sich momentan vorstellen können. Das sind Karten für einen der nächsten Siedlertransporte zum Mars! Die Regierung gewährt jedem totale Absolution, der ein neues Leben auf dem Mars beginnen will! Das ist ihre Chance, ein völlig neues Leben zu beginnen!" Der Angstschweiß lief ihm in Bächen an den Wangen herab.
"Danke, aber ich bin mit meinem Leben glücklich", sagte Cooper und brach in lautes Gelächter aus. "Ja, das bin ich wirklich!" Er drückte ab, dann richtete er die Waffe gegen sich selbst und beendete sein qualvolles Dasein. Das Echo der Schüsse hallte noch lange zwischen den Häusern hin und her. Die beiden Flugtickets wurden vom Wind erfasst und fortgetragen.

"Ich kann es immer noch nicht glauben, aber das bist tatsächlich du, die da neben mir läuft", sagte Hardin. Sein Arm lag an ihrer Hüfte und seine Hand strich sanft auf und ab, während er und die schon fast verloren geglaubte Liebe seines Lebens in der Morgendämmerung durch die gerade erwachenden Straßen spazierten. Er und Denise waren die ganze Nacht hindurch gelaufen, Arm in Arm, ihr Kopf an seiner Schulter ruhend. "Es ist wie ein Traum."
"Ich weiß", flüsterte sie.
Die beiden mit leuchtenden Hologrammen verzierten Karten wehten Hardin direkt vor die Füße. "Die seh'n ja komisch aus. Hast du schon mal sowas gesehen?", fragte Denise. Hardin hob die beiden Tickets auf und nickte mit dem Kopf. "Das sind Karten für die Innerstellar Shuttles." Er runzelte die Stirn, dann blickte er Denise in die Augen. "Das mag jetzt vielleicht etwas überraschend kommen, aber was hältst du von der Idee, uns ein kleines Häuschen auf dem Mars zuzulegen? Meine Firma plant dort schon seit langer Zeit eine Zweigstelle, also würden sie mich dabei voll unterstützen. Zumal ich ihnen einen wirklich großen Gefallen erwiesen habe. Also, was sagst du?"
Eine Zeitlang sagten beide nichts, dann fing Denise an zu lächeln. "Unter einer Bedingung!"
"Ich erfüll dir jeden Wunsch, den du hast!"
Denise sank vor Hardin auf die Knie. Er versuchte nicht zu lachen, wohl wissend, was gleich passieren würde. "Willst du mich heiraten?" kam er ihr zuvor. "Ja", flüsterte sie mit der sanftesten Stimme, die er je gehört hatte. "Zu jeder Zeit und an jedem Ort... auf dieser und auf jeder anderen Welt."
Die nächste Stunde standen beide eng umschlungen einfach nur da, die Präsenz des anderen mit jeder Faser des Körpers und Geistes spürend. Nicht einmal das Ende der Welt hätte die beiden in diesem Moment noch trennen können. Nicht einmal das...

Der Wind trug das Lachen der Kinder den Hang des Berges hinab bis in die kleine Ortschaft namens Aberdale. "Kinder, kommt rein. Das Essen ist fertig!" rief Maggie Raynor ihre Schützlinge zu sich heran. Die Raynor Familie war mit einem der letzten Schiffe angekommen und hatte sich nahe Aberdale eine Alm eingerichtet. Ihr Geschenk an die örtliche Fauna war ein beeindruckendes Sortiment an Genkapseln der verschiedensten Domestiziten gewesen. Neben zwei Dutzend Kühen und Stieren, hatten sie eine Reihe Welpen deutscher Schäferhunde und fünf Hauskatzen in die Siedlung gebracht. Während sie die Hunde und Katzen an andere Siedler getauscht hatten, blieben die beiden Meerschweinchen im Besitz der Raynor Kinder. Diese schnappten sich ihre Schützlinge und rannten ins Haus. Die Sonne ging langsam in der Bergschneise an der gegenüberliegenden Seite des Tals unter und färbte die riesigen Blumenfelder der Alm in einem satten Rot. Ironie, dass diese wunderschöne Farbe hier früher alltäglich war, dachte Maggie und schloss hinter sich die Türe. Die Raynors hatten schon lange mit dem Gedanken gespielt, sich irgendwo ein friedliches Fleckchen Erde zu suchen und dort niederzulassen. Nachdem nun letzten Monat das Subventionsangebot der Regierung gekommen war, hatte man kurzerhand das Ziel von Australien nach Syria Planum verlegt. Zwei weitere Familien aus ihrem Shuttleflug, die Nguyens, eine zwölfköpfige "Kleingemeinde", und die Hardins, ein frisch verlobtes Pärchen, hatten sich direkt im aufblühenden Aberdale niedergelassen, den Raynors war die Abgeschiedenheit der Berge lieber gewesen. Und hier waren sie nun alle und teilten sich einen ganzen Planeten mit nur fünf Millionen anderen Siedlern. Konnte es ein schöneres Paradies geben?

XII.
Alles fing ganz klein und verborgen an. Doch selbst wenn irgend jemand etwas gemerkt hätte, hätte man wahrscheinlich ohnehin nichts dagegen tun können. Soeben war das letzte ErdeMarsShuttle gestartet. Das Leuchten über Zentraleuropa war dem Piloten aufgefallen, doch hatte der in Anbetracht der bevorstehenden langen Reise nicht weiter darüber nachgedacht.
Der See lag mitten im Herzen Süddeutschlands, von Schilf, Bäumen und Bergen auf jeder Seite umrahmt und eingefasst. Ein auf dem Rücken schwimmender Fisch war hier absolut unmöglich. Das Wasser war frei jeglicher Verschmutzung, und wenn er einem Räuber zum Opfer gefallen wäre, würde er wohl kaum noch intakt über die Wasseroberfläche driften. Dennoch gab es diesen Fisch und er blieb nicht lange alleine.
Innerhalb kürzester Zeit trieb die gesamte tierische Population des Sees an seiner Oberfläche; mit abgeblätterten Schuppen, was das Ganze noch mysteriöser machte. Dann stiegen die ersten Blasen auf, Wellen schlugen gegen das Ufer, an dem sich die Schilfbestände zusammenrollten. Das Wasser kochte und heißer Wasserdampf flutete über das Tal, in dem sich der See befand. Die Bewohner eines kleinen benachbarten Dorfes starben, als die Luft um sie herum zu brennen anfing. Der Schnee der Bergkuppen begann zu schmelzen und überall in den örtlichen Wäldern bildeten sich die ersten Brandherde.
Über allem thronte die Sonne auf ihrem feurigen Hochsitz. Ihre Strahlen fluteten über die Erdatmosphäre und fanden das Loch, dass sich über Deutschland gebildet hatte. Ein totaler Kollaps sämtlicher Atmosphäreschichten war rein theoretisch absolut unmöglich, doch das kümmerte die Sonne herzlich wenig. Wie ein erzürnter Gott wies sie mit ihrem Finger auf die Erde und entsandte eine gigantische Protuberanz in Richtung des blauen Planeten. Die Partikelwellen trafen als erste ein.
Die Gammastrahlung und Hitze hämmerte auf den Erdboden ein, verbrannte organische Materie, schmolz Felsen, Straßen und Häuser ein und versiegelte die Oberfläche bakteriendicht. An den Rändern des Atmosphäreloches, an denen das gewohnte Blau dem kalten Schwarz des ungetrübten Himmelsblickes weichen musste, fraß sich letzteres immer weiter in die umgebenden Luftschichten hinein; das Loch wuchs beständig weiter. Die verdrängte Luft entschwand in den unendlichen Weiten, endlich von den Fesseln der Gravitation befreit.
Die Welle der elementarsten Vernichtung, zu der die Natur fähig war, breitete sich unaufhaltsam weiter aus. Die weitesten Ausläufer erreichten die ersten Städte und versetzten die Bewohner geradewegs in die Inkarnation der Hölle. Die Temperaturen stiegen in Sekunden auf etliche hundert Grad an, die Haut warf Blasen, Gegenstände verflüssigten sich, Häuser schrumpften in sich zusammen, Knochen brannten aus, Haare verdampften. Die Schreie der Gequälten verloren sich im Inferno. Dann erreichte das "Hauptfeld" der Vernichtung die gepeinigten Seelen und setzte allem ein plötzliches Ende. Die kosmische Strahlung nagelte sämtliche Materie in den Boden. Der Sonnensturm vaporisierte alles, was jemals an Zivilisation erinnert hatte.
Anfangs hatte man auf den abgelegenen Teilen der Erde gehofft, die Apokalypse würde sich irgendwann zerlaufen, doch fegte die Welle über die jeden Kontinent und jedes Meer hinweg. Zwei Shuttles, die zur Zeit auf der Erde im Hafen lagen, wurden eilig mit soviel wie möglich (wohlhabenden) Passagieren beladen, um diejenigen zu evakuieren, die dafür zahlen konnten. Als ob Geld noch wichtig gewesen wäre. Eines der beiden war hoffnungslos überladen und erschöpfte seine Treibstoffreserven in dem Versuch, die Erdgravitation zu überwinden. Hoffnungslos trudelte es zur Oberfläche zurück, die Wogen der Zerstörung schon am Horizont erblickend.
Am Ende des Tages war geschehen, was die Menschheit seit Beginn ihres Daseins befürchtet, aber nie für möglich gehalten hatte: der Mensch hatte seine Heimat, das Geschenk Gottes, verloren. Der Ursprung seiner Existenz war für immer verloren.

XIII.
Dreihundert Jahre später.
"Vielen Dank, dass sie Global News eingeschalten haben. Die Welt atmete heute spürbar auf, als die Regierungen Syrias und Olympus' nach einem nunmehr zwanzig Jahre andauernden Krieg einen Waffenstillstandsvertrag abgeschlossen haben. Die Föderation begrüßte diese Entwicklung und entsandt noch am heutigen Tage Botschafter zu den zerstrittenen Parteien, um die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen. Senator Benetton meinte dazu: "Wir sehen keinen Grund, warum wir die Boykotte gegen Syria und Olympus noch länger fortsetzen müssen. Allerdings müssen wir zunächst abwarten, ob sich der Waffenstillstand tatsächlich in die dauerhafte Form eines Friedensvertrages umwandeln wird.
Riesige Teile der beiden größten Staaten des Planeten liegen in Trümmern; die Föderation plant Aufbauhilfe zu leisten, da die akute Wohnungsknappheit sonst zum einem potentiellen Herd für einen Bürgerkrieg in den geschwächten Nationen werden könnte. Aberdale, die Hauptstadt Syrias, hält nach den letzten Disruptorangriffen nur noch Lebensraum für drei Millionen Menschen, weniger als die Hälfte der überlebenden Einwohner der Stadt. Ähnliche Probleme zeichnen sich in Neurussland ab, obwohl es gar keine aktive Rolle im Krieg gespielt hatte. Prognosen besagen, dass die Bevölkerung des Planeten noch in diesem Jahr die Milliardengrenze überschreiten wird, das absolute Maximum, das unsere Heimat tragen kann, wenn man den Experten glauben mag.
Dadurch kommen wir zum nächsten Thema, das Marsformingprojekt. Der erste industrielle Frachter wird nächste Woche von Phobos aufbrechen. Er wird einen der ersten Atmosphärewandler zur Erde bringen, um deren schwarzes Antlitz in das grüne Paradies zu verwandeln, das der Mars einmal war. Das Gemeinschaftsprojekt der Föderation und der beiden Mondstaaten wird umso wichtiger und dringlicher, wenn man bedenkt, wie nötig der Lebensraum für die ständig wachsende Marsbevölkerung
gebraucht wird. Vielleicht wird sich Syria und Olympus in ein paar Jahren an dem Projekt beteiligen können. Doch bis dahin feiert die Welt das Ende des Krieges. Die Menschheit ist dem Tod mal wieder von der Schippe gesprungen. Vielen Dank, dass Sie Global News eingeschaltet haben."

Mit einem leisen rhythmischen Brummen setzte sich der Atmosphärewandler in Bewegung und trieb seine Bohrköpfe tief in der verbrannte Erde. Am Horizont über Aberdale zogen sich dicke, schwarze Wolken zusammen...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.11.2000. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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