Michael Dauk

Norwegen 2004 - Auszug

Å / Lofoten – endlich da!

Ich wollte früh in Bodø sein, stand deshalb um 5 Uhr 15 auf, duschte, frühstückte – und legte mich wieder schlafen. Es begann nämlich wie aus Eimern zu regnen. Gegen 8 Uhr 15 war das Wetter wieder trocken, der Himmel aber noch größtenteils bedeckt. Schnell packte ich zusammen und fuhr los.

Die Brücke über den Gezeitenstrom war höchst beeindruckend. Ich kämpfte mich die steile Rampe hinauf, argwöhnisch den scheißbereiten Möwen zublinzelnd, die auf den Lichtmasten saßen. Eine bellte tatsächlich wieder. Noch ehrfurchtgebietender aber war der Gezeitenstrom, der tief unter mir hindurch rauschte. Mit 20 Knoten Geschwindigkeit wälzten sich 400 Millionen Kubikmeter Wasser pro Tide durch den engen Meeresarm, das entspricht 18.500 Kubikmeter in der Sekunde oder eben 18 Millionen und Fünfhunderttausend Liter pro Sekunde! Gewaltige Strudel ließen die Oberfläche aufschäumen, Ruderboote tanzten wie Nussschalen auf der wirbelnden Oberfläche. Etwas landeinwärts gab es einen Bootsverleih. Es war mit einigem Risiko möglich, sich durch den Mahlstrom seewärts treiben zu lassen. Die Rückkehr zu Wasser war allerdings erst nach Umspringen der Tide möglich, gegen diesen Sog war ein Rudern ein aussichtsloses Unterfangen.

Die Möwen verschonten mich, der Wind meinte es gut mit mir – es war leichtes Rollen nach Osten, zum landseitigen Ende des Fjords. Dort wollte ich auf die Europastraße 80 treffen, der Route nach Bodø. Die Vorfreude auf die Lofoten, die ich endlich morgen erreichen würde, ließ mich die etwas triste Landschaft wie etwas Wunderbares genießen. Voller Euphorie setzte ich mich an der lebhaften Tankstelle der Straßenkreuzung an der E 80 in das angeschlossene Kafe, genoss fantastische Bacon-Pølser mit ebensolchem Kaffee, schaute einer Gruppe von Motorradfahrern aus Italien zu, die aus ihren kleinen Packtaschen geradezu Unmengen von Leckereien hervorzauberten und unter lautem fröhlichen Geschnatter auf den kleinen Sitzgruppen im Garten verzehrten.

Was störten mich auf der anderen Seite des Fjords der Gegenwind, der überraschend starke Verkehr? Ich war wieder auf dem Weg nach Westen, nach Bodø, auf die Lofoten! Noch vor Erreichen des eigentlichen Stadtgebietes konnte ich einen breiten glatten Radweg benutzen. Am Nordufer des Fjords zogen sich langgestreckte Vorstädte hin, bestehend fast ausschließlich aus Holzhäusern. Die E 80 hatte sich inzwischen zu einer sechsspurigen Hauptverkehrsader entwickelt – ich fühlte mich nicht mehr wie im nördlichen Europa, sondern wie in einer Metropole im Zentrum unseres Kontinents. Der Radweg führte zwischen den belebten Fahrbahnen und den vielen Einfamilienhäusern in stetigem Auf und Ab dahin, die Häuschen durch Schallschutzmauern, Palisaden oder üppig wuchernden Hecken vor dem Lärm der Straße geschützt. Das Schalten fiel mir allmählich schwer, der Umwerfer der Kettenblätter wollte nicht mehr richtig so, wie ich wollte. Ich machte mir keine Gedanken: Ich war bereits früh in Bodø und würde also ausreichend Zeit auf dem Campingplatz haben, den Schaden zu beheben. Der erste erreichbare Platz lag links in einem unansehnlichen Industriegebiet und gefiel mir überhaupt nicht. Der nächste lag dem Zentrum wesentlich näher, machte einen angenehmeren Eindruck und war für mich somit der Favorit. Zunächst fuhr ich jedoch zum Bahnhof, um die Bahnfahrkarte von Bodø nach Trondheim zu buchen. Enttäuscht las ich die Mitteilung am Fahrkartenschalter, dass er erst wieder ab 17:45 geöffnet sei. Jetzt war es 14 Uhr. Zunächst zurück zum Campingplatz und dann abends wieder hierher? Ich war unentschlossen. Die Anleger der Hurtigruten und der Fähre nach Bodø befanden sich direkt neben dem Bahnhofsgelände. Ein neues Schiff der Hurtigruten, die „Finnmark“, lag am Kai, das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen! Trutzig und gleichzeitig elegant lag der weiß-rote Rumpf im Wasser, ein Maler auf einem wackeligen Hängegerüst besserte außenbords Stellen auf der makellos erscheinenden Schiffswand aus. Amerikanische Touristen (so schloss ich aus der Sprache) strömten auf das Schiff, fotografierten sich gegenseitig an der Pier oder bevölkerten das Kafe des Fährterminals. Allen gemeinsam war die geradezu lächerliche Expeditionskleidung, mit der sie sich ausstaffiert hatten. Verwegene Buschhüte, Safariwesten mit aufgesetzten Taschen ohne Zahl, ausgebeulte Breeches, selbstverständlich Halstücher wie John Wayne in „Rio Bravo“, derbe Schnürstiefel – es fehlte nur noch, dass sie ein ausgezehrtes Maultier mit Winchesterbüchse im Halfter hinter sich her zerrten. Wie mochten wohl die Besatzungsmitglieder der Hurtigrutenschiffe über diese Leute denken? Schließlich waren nicht mehr Postdampfer auf dieser Linie im Einsatz, sondern höchst komfortable Kreuzfahrtschiffe mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten. Und war ein Landausflug nach Bodø wirklich so aufregend und abenteuerlich, um sich in solche Kostüme zu werfen? Ich kam mir zwischen diesen Karnevalsgestalten verdammt normal vor.

Der Fahrplan im Terminal verriet mir, dass eine Fähre nach Moskenes auf den Lofoten um 15 Uhr 30 ging. Ich reihte mich sofort in die lange wartende Schlange der Fahrzeuge ein. Meinen Zug nach Trondheim würde ich schon noch irgendwie buchen können, wenn es sein musste, eben telefonisch. Zum Glück halten mich solche Dinge wie das Organisieren einer Rückfahrt nicht von spontanen Entscheidungen ab. Die Sonne beleuchtete das riesige Areal, als die Fähre aus Moskenes eintraf und eine große Menge von Fahrzeugen ausspuckte. Diese umrundeten die Wartespuren und verloren sich in der leicht abschüssigen sanften Linkskurve der Hauptstraße von Bodø, die dicht gesäumt war von Geschäftsgebäuden, keines höher als zwei Stockwerke.

Unter den wartenden Autos befanden sich auffällig viele mit italienischen Kennzeichen. Ein Wohnmobilinsasse entleerte seinen Fäkalientank recht schlampig über einem Gully und sorgte für allgemeines Naserümpfen. Wieder einmal hatte ich mit meinem Gefährt und meinem vielen Gepäck Glück: die blutjunge Fahrkartenverkäuferin sah mich, winkte mich aus der inzwischen über das Areal heraus ufernden Schlange heraus und wies mich an, direkt auf die Fähre zu fahren und dort zu bezahlen. Das tat ich mit Freuden und entrichtete brav meine 132 NOK. Im Gegensatz zu den sonstigen Gepflogenheiten auf den norwegischen Fähren mussten Fahr- und Motorräder an eigens zugewiesenen Plätzen festgezurrt werden. Ich war inzwischen nicht der einzige Radler, der nach Moskenes wollte, vier schwer bepackte Drahtesel zwangen die Motorradfahrer, enger zusammenzurücken. Der Aufenthalt auf dem Fahrzeugdeck war ebenfalls im Gegensatz zu den anderen Fähren nicht erlaubt.

Als ich oben an der Reling auf die Abfahrt wartete, zog die „Finnmark“ majestätisch an uns vorüber. Deutlich konnte ich das „Luxusdeck“ erkennen: Kabinen mit kleinen Balkons, Duschen außenseitig verglast (beim Shampoonieren die Felswände des Trollfjords zu betrachten, scheint eine beliebte Beschäftigung zu sein), ein separater Swimmingpool, eine kleine exklusive Bar – alles zeugte von Exklusivität und nicht von der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer ehemaligen Postschifflinie. Und diese Exklusivität ließ sich die Reederei teuer bezahlen: Das Hamburger Paar, das ich in Fagoy getroffen hatte, war zwei Stationen zurück nach Bodø in dieser Klasse mitgefahren. Es hatte fast ihre Reisekasse gesprengt.

Wir folgten dem Hurtigrutenschiff ein Stück durch das küstennahe, von niedrigen Schären geprägte Gewässer. Dann bog der weißrote Rumpf direkt nach Norden ab, während unser Schiff seinen Weg nach Westnordwest aufnahm. Die Fähre war recht groß, viel größer als die üblichen Fjordfähren, kein Wunder, musste es doch vier Stunden über das offene Meer fahren. Ich hatte bereits wieder großen Hunger, hatte ich doch heute außer dem Frühstück und den Bacon-Pølsern noch nichts gegessen. Selbstverständlich hatte das Schiff einen großen Salon mit Kafe. Ich reihte mich in die wartende Schlange ein, bestellte mein Essen, bezahlte, bekam einen Zettel mit einer Nummer (Nr. 11), suchte mir einen schönen Platz und wartete, bis ich aufgerufen wurde. Zu meinem Glück wurden die Durchsagen auch in englischer Sprache gemacht, sonst hätte wohl jemand anders meine Bestellung in Empfang nehmen können. Vor „Number eleven“ hörte ich nämlich etwas, das wie „Krschgmöschtonntoworsch“ klang – klar, Nummer elf. Mein Essen bestand aus frisch gebratenen Karbonader, dazu Spiegelei auf Brot und einem kleinen Salat. Es schmeckte mir wie ein eigenes Picknick! Wenn das Essen so gut war, wie mochte dann der Kuchen sein? Ich testete es später mit zwei Stücken Schokoladentorte und einer weiteren Portion Kaffee. Er war genau so gut.

Als die südlichen Lofoteninseln Rost und Varoy in Sicht kamen, hielt mich nichts mehr im Salon, ich eilte auf das Oberdeck. Die Meeresoberfläche glänzte silbern unter einem größtenteils bedeckten Himmel, lediglich weit im Westen hinter den beiden Inseln war ein hellroter Streifen zu sehen. Wie Schattenrisse stachen die Eilande mit ihren steilen Bergflanken aus der See heraus, scharfkantig und dunkel, ein wenig unheimlich aussehend. Ein riesiger Labrador sprang fast über die Reling bei dem Versuch, eine dicht vorbei fliegende Möwe zu packen. Die junge Frau am anderen Ende der Leine wurde bei dieser Aktion fast über Bord gerissen. Die Menschen drängten sich an der Reling, um zu fotografieren, zu filmen. Ein kräftiger Mann mit Rauschebart, strubbeligem Haar, Rucksack und kurzen Hosen schien besonders fasziniert von der näher kommenden Bergkulisse der Lofoten zu sein. Abwechselnd schaute er durch sein riesiges Fernglas und seine konventionelle Spiegelreflexkamera mit abstrus langem Teleobjektiv und fotografierte, fotografierte. Aus einem Grund, den ich erst später kennen lernen sollte, grinste er mich ab und zu an. Der Anblick der Ostseite der Lofoten, der wir uns näherten, war nicht freundlich, er war düster, abweisend – und ungemein fesselnd! Schroff erhoben sich die Berge, weiche Konturen gab es nicht, die Kanten waren scharf umrissen und vermittelten den Hinweis: hier habt ihr es nicht leicht. Die Sonne stand jetzt am späten Nachmittag hinter der Inselkette, kein grüner Hang war beleuchtet, kein Schneefeld glitzerte.

Das Einfahren in die Bucht von Moskenes konnte ich nicht verfolgen, denn wir Passagiere wurden aufgefordert, uns zu unseren Fahrzeugen zu begeben. Dort startete ein italienischer Motorradfahrer zunächst seine Maschine und ließ sie laufen, während er sein Gepäck verzurrte und mit aufreizender Langsamkeit jedes Teil seiner Moto-Guzzi auf sicheren Sitz kontrollierte. Der Gestank wurde unerträglich, zumal der Auspuff genau auf uns Radfahrer wies. Erst unser gemeinsamer Protest brachte ihn, wenn auch mit Widerwillen, dazu, den Motor wieder abzustellen. Fast wäre es nicht mehr mit Worten gegangen – ich glaube, wir wären bereit gewesen, handgreiflich zu werden.

Als ich von der Fähre auf die Kaianlagen strampelte, war der düstere Eindruck der Lofoten vergessen: Bunte Fischerboote dümpelten im Wasser, Geschäfte, Restaurants und Kafes säumten den Hafen, eine schmucke, weiße Holzkirche überwachte von einem kleinen Hügel aus das quirlige Treiben. Die Berge waren immer noch schroff, aber sie wirkten aus der Nähe nicht mehr düster, der grüne, moosartige Bewuchs war jetzt deutlich zu erkennen. Ein Campingplatz lag direkt am Fähranleger, meine anderen drei Mitradler machten hier auch Station. Ich jedoch wollte nach Å an der Südspitze der Insel, dort sollte es sehr schön sein. Ich fuhr eine extrem kurvenreiche, extrem hügelige (wobei die Hügel nicht höher als 20 bis 30 Meter waren) Straße vor einer extrem zerklüfteten, faszinierenden Bergkulisse entlang, vorbei an zahlreichen kleinen Buchten mit einer unübersehbaren Zahl von Fischerbooten, durch dicht besiedeltes Gebiet mit farbigen Holzhäusern. Ein Passieren des Gegenverkehrs war den Autofahrern nur an den zahlreichen Ausweichstellen möglich. Bei der dritten oder vierten Bucht hörte ich beim Schalten ein Knacken: der Schaltzug des Umwerfers war im Schalter gebrochen. So musste ich den Rest der Strecke mit dem alleinigen Gebrauch des kleinen Kettenblatts bewältigen. Na, für die paar Kilometer war es nicht wirklich ein Problem. Ich hatte keinen Ersatzzug dabei, machte mir aber keine Sorgen. Bis ich einen neuen Zug aufgetrieben hatte, würde mir schon eine provisorische Lösung einfallen.

Die Straße endete hinter Å nach einem kurzen Tunnel auf einem großen Parkplatz. Am Ende dieses Platzes wies ein hölzernes Schild „Campingplass“ auf einen schmalen, geteerten Weg, der für Autos nicht zu befahren war. Nach weiteren 300 Metern hörte auch dieser Weg auf, was dann kam, war eine buckelige Klippenlandschaft, teilweise mit Moos, Heide, Blau- und Preiselbeerbüschen bewachsen. Ein knappes Dutzend Zelte verteilte sich auf einem sehr großen Gebiet, es konnte noch ein jeder hier seinen Traumplatz finden. Ich suchte mir eine windgeschützte,trockene Mulde, dicht mit Heide bewachsen, mit Ausblick auf das Meer, auf die Klippen und auf die Berge. Welch ein Platz! Schade um die Beeren, die ich beim Aufschlagen des Zeltes zerquetschte. Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich vor das Zelt und schaute.

Ich weinte.

Nach dem Kaffeepause inspizierte ich zunächst einmal die Örtlichkeit. Die Bucht endete in einer tiefen Schlucht, an deren steilen Felswänden Tausende von Vögeln nisteten. Ich erkannte hauptsächlich Möwen und Austernfischer, die anderen Vögel wusste ich nicht einzuordnen, meine ornithologischen Kenntnisse sind halt rudimentärer Natur. Der Campingplatz war eigentlich ein wildes Zeltgelände, es gab kein Sanitärgebäude oder sonstige Einrichtungen, die das Leben auf den organisierten Plätzen komfortabel machen. Wasser konnte von der öffentlichen Toilette am anderen Ende des Parkplatzes geholt werden – also gab es auf jeden Fall Wasser und auch ein Örtchen.

Als ich von dem kurzen Rundgang zurück kam, machte ich mir zunächst einen Tee, setzte mich wieder vor das Zelt und schaute aufs Meer hinaus. Auf dem Gelände campierten vorwiegend junge Leute, sie saßen vor ihren Zelten oder auf den Klippen, schauten auf die Landschaft – und schwiegen. Es war auch nichts zu sagen, diese Welt sprach für sich. Nur die Touristen, die nicht zelteten, sondern in den Wohnmobilen auf dem Parkplatz übernachteten, schwärmten wie die Bienen herum, schwatzten und lärmten. Nicht alle: eine ältere Frau, die auf der Fähre neben mir gesessen hatte, erzählte mir leise, dass sie als Kind einmal auf den Lofoten gewesen und es ihr Lebenstraum sei, einmal wieder hier her zurückzukommen. Ich glaube, dass sie Norwegerin war, die mit ihrem Mann, einem Deutschen, in einem VW-Joker unterwegs war. Ich fragte sie allerdings nicht, es war nicht wichtig. Auch sie sagte, dass sie am liebsten weinen würde, so schön sei es hier. Zum Abschied wünschte sie mir, die Natur weiterhin so genießen zu können – mit Gottes Segen. Wenn ich auch nicht an Gott glaube, über einen solchen aufrichtig gemeinten Wunsch (in dieser Beziehung war ich mir vollkommen sicher) freute ich mich wirklich.

Auch hier fiel mir das seltsame Verhalten der meisten anderen Reiseradler auf: fast alle blieben für sich, es wurde kaum versucht, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Ich dagegen wurde ständig von fremden Menschen angesprochen und hatte auch keine Scheu, auf sie zuzugehen. Lag es vielleicht daran, dass ich einigermaßen normal aussah und nicht wie ein grell geschminkter Zirkusclown? Oder lag es daran, dass ich nicht nur verbissen und stur die Fahrradsache sah, sondern mich der Umwelt erfreute und das auch offen zeigte? Die anderen Radler sahen so verbittert und ernst aus, als ob sie aller Welt zeigen müssten, dass ihre Art zu reisen die einzig richtige und wahre sei und nichts anderes zähle. Mit solchen Leuten möchte ich nicht reden und vermied es auch meistens. Auch hier gab es selbstverständlich Ausnahmen: zum Beispiel das Hamburger Paar in Fagoy; die hätten auch Müsli zum Frühstück essen dürfen – sie taten es nicht.

Der Mann mit den kurzen Hosen von der Fähre kam vom unter mir liegenden Hang heraufgeklettert und sprach mich freudig überrascht auf Deutsch an. Ihm war auf dem Schiff aufgefallen, dass ich außer ihm der einzige Mensch war, der kurze Hosen trug, trotz des beißenden, kalten Windes. Ihm war klar, dass er jemanden vor sich hatte, der genau wie er viel in der freien Natur unterwegs war. Er war Norweger und lebte etwa 100 Kilometer südlich von Oslo auf einem Bauernhof und arbeitete mit behinderten Menschen. Er war mit einer gebürtigen Deutschen verheiratet, die sich während eines Urlaubs in ihn verliebt hatte und kurzerhand nach Norwegen umgesiedelt war. Auch er war zum ersten Mal auf den Lofoten und wollte drei Wochen hier bleiben, um ausgiebig zu wandern. Es war schon immer sein Traum, auf diese Inselkette zu kommen. Er war mit dem Zug bis Bodø gefahren, hatte nur einen Rucksack bei sich und wollte in Jugendherbergen übernachten. Ich bot ihm einen Tee an, den er gern annahm, meinte jedoch bedauernd, dass wir dann aber aus einem Becher trinken müssten, weil ich auf Gäste nicht eingerichtet sei. Er kramte ein wenig in seinem Rucksack herum und förderte einen alten, verbeulten Edelstahlbecher zu Tage. So konnten wir beide unseren Tee auf die eigene Art genießen, er trank ihn in Gegensatz zu mir nämlich ohne Zucker. Natürlich fragte er mich irgendwann, wie es mir denn in seinem Land (er sagte tatsächlich „mein Land“) gefalle. Meine Antwort fiel gewohnt euphorisch aus, es schien ihn sehr zu erfreuen. Zum Schluss bat er darum, von mir ein Foto machen zu dürfen, wie ich im Schneidersitz vor meinem Zelt saß. „Zur Erinnerung an den glücklichen Deutschen“ wie er sagte. Schade, ich sah ihn nie wieder.

Ich verzichte an diesem unglaublichen Abend auf das Abendbrot, verzichtete auf das Tagebuch Schreiben (ich machte meine Notizen erst am folgenden Tag); ich konnte mich einfach nicht losreißen von diesem hinreißenden Anblick, der sich von meinem Zelt aus bot. Erst gegen Mitternacht ging ich schlafen in ein sagenhaft weiches, heidegefüttertes Bett. Es war noch fast taghell.

 

Ramberg - Postkartenansichten

Gegen fünf Uhr weckte mich die Sonne, die in mein Zelt schien. Ich musste nicht die Natur beanspruchen, sondern schaffte den weiten Weg zur Toilette auf dem Parkplatz. Anschließend kochte ich mir meinen Morgenkaffee, setzte mich vor das Zelt und schaute. Andere Zelter, die an mir vorüber kamen, sprachen nicht, hoben nur die Hand zum Gruß. Schon früh saßen die jungen Leute vor ihren Zelten oder auf einer Klippe, schauten – und schwiegen. Ein einsamer Fischkutter zog langsam seine Bahn gen Süden, eine schier endlose im Gegenlicht glitzernde Bahn auf der sonst glatten silbrigen Wasserfläche hinter sich her ziehend. Es dauerte zwei Stunden, ehe ich mir Frühstück machen konnte, vorher war es mir nicht möglich, mich von diesem grandiosen Ausblick loszureißen. Den anderen schien es ähnlich zu gehen.

Nach einem ausgiebigem und reichhaltigen morgendlichen Mahl (schließlich hatte ich das gestrige Abendessen ausfallen lassen) nahm ich eine notdürftige Reparatur des Schaltzugs vor. Ich baute den Schalter auseinander, entfernte lose Kabelteile und den abgerissenen Anlötkopf, feilte das zerschlissene Kabelende sauber ab, spleißte einen kleinen Knoten hinein und drückte ihn mit der Rohrzange so fest zusammen, dass er in das Endloch des Schalters passte, ich entfernte Seelenteile aus der Hülle (eine Schweinearbeit!) und baute alles wieder zusammen. Es funktionierte. Allzu viel Vertrauen hatte ich allerdings nicht in diese Konstruktion. Ich musste mir bei nächster Gelegenheit unbedingt einen neuen Zug kaufen. Jedenfalls war diese Maßnahme notwendig: bei dieser Straßenführung auf den Lofoten schaltete ich mir schier einen Wolf. Leider trübte ein Missgeschick den Erfolg: mir fiel ein etwa einen Meter langes Seelenstück aus der Hand, das ich auch bei sorgfältigster Suche auf dem dichten Heideboden nicht wiederfinden konnte. Ich mochte mir gar nicht ausdenken, was wohl passieren würde, wenn einer der unzähligen Vögel hier diesen Draht in den Hals bekäme.

Auf der Fahrt nach Moskenes, die ich gestern in umgekehrter Richtung ja lediglich auf dem kleinsten Kettenblatt fahren konnte, freute ich mich sehr über die gelungene Reparatur. So war es doch ein erheblich zügigeres Fahren! In Moskenes steuerte ich sofort das Hafencafé an, um zwei Stücke meines geliebten Schokoladenkuchens zu essen. Ich saß vor dem Lokal im Freien und freute mich an der bunten Vielfalt und dem geschäftigen Treiben im Hafen. Die Morgenfähre aus Bodø legte an und spuckte einen Strom von Motorradfahrern und Wohnmobilen aus. Die schmucke, weiße Holzkirche auf der kleinen Anhöhe über dem Hafen begrüßte die Ankommenden mit strahlender Helle.

Und dann begann eine wahrhaft atemberaubende Fahrt entlang der Ostküste der Lofoten! Des Öfteren rief ich „Ich kann doch nicht schon wieder anhalten!“. Ich tat es dennoch und fotografierte, was die Kamera her gab. Links vor mir die Kette der Lofoten, ein Gipfel nach dem anderen, die Straße sich windend, Täler und Zacken in schnellem Takt, Klippen, Moos, Heide, Beeren, Felswände und im Osten im Dunst schwach erkennbar das Festland.

Reine – ein pastellfarbenes Spielzeugdorf um tiefblaues Wasser herum, eingefangen von grünen, steilen Hängen, eine Unzahl von Fischerbooten auf dem Wasser, Holzhäuser, vorwiegend in Rostbraun auf Pfählen über dem Wasser stehend, Brücken, einspurig zu befahren, der Einbahnverkehr durch Ampeln geregelt, führten über die Fjordarme. Die Brücken waren sehr rationell gebaut: es gab keine langen, sanft ansteigende Rampen, sondern es ging mit Schmackes kurz bergauf und genau so steil wieder hinunter. Radlers Freude. Die Tunnel auf der Küstenstraße wurden durch ausgeschilderte Radwege umgangen, die großartigste Aussichten auf das Meer, die vorgelagerten Inseln und die Berge boten. Hoch auf einer Klippe fand ich einen Rastplatz, bestückt mit zahlreichen Tischen und Bänken, allerdings völlig schattenlos. Dieses war nun nicht arg schlimm, herrschte doch trotz des wolkenlosen Himmels und der strahlenden Sonne eine sehr gemäßigte Temperatur. Der Picknickplatz lag auf der Wasserseite der Straße und bot – auch wegen der hohen Lage – einen entsprechend atemberaubenden Ausblick. Zurück sah ich die letzte weiße Brücke von Reine, sie sah wegen der steilen Rampen mehr wie ein Torbogen aus. Dahinter erhoben sich die zahllosen Berggipfel, und weit, weit hinten erkannte ich im Dunst schemenhaft die Umrisse von Rost und Varoy.

Ich hatte mich in Reine noch einmal mit Lebensmitteln eingedeckt, fand aber keinen Brennspiritus, der mir schon arg zur Neige ging. Der Picknickplatz war aber dermaßen schön, dass ich mir mit dem letzten Brennstoff zwei Becher Tee machte, etliche belegte Brote aß (endlich auch wieder mit Nutella), Tomaten mit Zwiebeln genoss, mich am Obst gütlich tat und mich ungeheuer wohl fühlte.

War das Verhalten der Touristen auf diesem Gelände vielleicht symptomatisch für die verschiedene Mentalität der einzelnen Nationen? Ein PKW mit deutschem Kennzeichen fuhr auf den Parkplatz, der Motor wurde nicht ausgestellt, die Leute saßen fünf Minuten im geschlossenen Wagen, der Wagen fuhr wieder an und setzte seinen Weg fort. Ein italienischer PKW kam an, ein Paar stieg aus, räumte den Inhalt des randvollen Kofferraums auf den Tisch (es sah nach der Speisung einer Großfamilie aus: Teller, Tassen, Becher, Gläser, Schüsseln, Bestecke, Vorratsdosen, Tüten, Flaschen, Kannen und lose verpackte Lebensmittel bedeckten jeden Quadratzentimeter der Tischplatte – es fehlte nur noch der fünfarmige Messingleuchter), der Mann warf den Gasbrenner an und schnitt Zwiebeln, die Frau zerkleinerte Gemüse und bereitete den Salat vor. Und dies alles unter fröhlichstem Geplauder und Lachen. Ein Wohnmobil aus Holland gesellte sich zu uns, die Klappstühle wurden herausgeholt und mit Blick auf das Meer aufgestellt, das ältere Paar setzte sich hinein und genoss diese Landschaft. Wie das opulente Mahl der Italiener nun weiter ging, bekam ich nicht mehr mit, denn ich brach auf.

In allerbester Stimmung fuhr ich weiter, die Straße schwang sich über eine weitere Spannbetonbrücke direkt neben einer alten, nun gesperrten Hängebrücke über einen schmalen Fjord, der zwei Lofoteninseln von einander trennt. Ein Schiff (Boot?) kam mir entgegen, fast ausschließlich nur aus Bug und Steuerhaus bestehend. Der Weg schwenkte nun von der Ost- auf die Westseite der Inselkette. Bald schon konnte ich weit vor das Nordmeer erkennen. Zwei Schmackes-Brücken führten über schmale Fjordarme, an einer Abzweigung stand ein offiziell aussehendes Straßenschild „Bakeri“. Auf den Inseln herrschte fast ausschließlich freie Weidewirtschaft, Schafgruppen zogen ohne die geringste Scheu über die Fahrbahn. Die wenigen Autofahrer, die ich traf, waren geduldig und gewährten den Tieren die Vorfahrt. Schroff durcheinander gewürfelte Bergspitzen verwehrten den Blick zurück nach Osten, nach vorn, zum Meer, zum Licht war die Sicht frei auf dieses unfassbar strahlend blaue Wasser.

In Ramberg musste ich schon wieder einen Supermarkt aufsuchen, soviel hatte ich beim Picknick gegessen. Am Ortsausgang lag ein sehr schön gelegener Campingplatz; obwohl es noch früher Nachmittag war, beendete ich den heutigen Tag, ich wollte einfach das Wetter und diese herrliche Landschaft in aller Muße genießen. Ich fand einen Stellplatz direkt am Strand mit einem unverstellbaren, ungehinderten, weiten Blick auf das Meer. Der Strand schien einer Südsee-Postkarte nachgebildet zu sein: feinsandig wölbte er sich zu einem perfekten Halbkreis, glasklares Wasser plätscherte in kleinen Wellen heran, ein Beachvolleyballfeld war von Kindern bevölkert, am landseitigen Rand versuchte Strandhafer, den Sand am Fortwehen zu hindern.

In drei Miethütten hatte ein Radreiseunternehmen neun Leute untergebracht, die mit Leihrädern und ohne mitgeführtem Gepäck die Lofoten erkundeten. Es war eine angenehme, ruhige Truppe, die da 15 Meter neben mir ihr Abendessen zubereitete. Es war wohl Usus, dass sich alle daran beteiligten. Für heute war ein Grillabend angesagt: Es gab drei Sorten Fisch, verschiedene Arten von Fleisch, Gemüse, Salat, Kartoffeln – und ungewürzte vegetarische Gemüsespieße. Aus Solidarität (oder aus Prinzip?) versuchten sich alle an der fleischlosen Kost, die Mehrzahl machte dabei eindeutig lange Zähne. Obwohl sie alle zusammen saßen, aßen und klönten, war es sehr ruhig. Hier war auch kein Platz zum Lautsein.

Mein Mahl war schon wesentlich profaner: Ich kochte Nudeln, briet Speck aus, gab gewürfelte Zwiebeln hinzu, gab die fertigen Nudeln mit in die Pfanne und briet sie kräftig mit, schüttete eine gehörige Portion Sauce Bolognaise hinzu und freute mich über den köstlichen Geschmack. Ich hätte die doppelte Menge essen können. Nach dem Essen machte ich mir noch zwei Becher Tee, schrieb das Tagebuch, verdrückte zwei Tafeln Freia und fühlte mich wieder unbeschreiblich gut. Daran konnte auch die dunkle Wolkenfront nichts ändern, die am Abend langsam vom Meer heran zog. Als sie die Sonne erreichte, sandte diese durch Wolkenlücken einen Kranz von Lichtstrahlen zur Erde, der den Darstellungen auf Heiligenbildern nichts nachstand.

Nach diesem einen Tag und einem Abend konnte ich schon resümieren, dass die Lofoten alle meine Erwartungen, die schon reichlich hoch gewesen waren, weit übertroffen hatten. Nun hatte ich bisher auch großes Glück mit dem Wetter. Aber jetzt spät am Tag war die nördliche Breite schon zu spüren: es wurde empfindlich kalt.

Gegen 22 Uhr 30 schaute ich noch ein wenig aufs Wasser und legte mich bei hellem Tageslicht schlafen.

 

Lyngvær – schöner Regen

Lofoten! Lofoten! Was wollen die Leute alle auf den Lofoten! Dort regnet es doch nur!“ So hatte der dänische Radler gesprochen, der mir beim Anstieg auf das Korgfjellet begegnet war. Nun, heute regnete es tatsächlich, aber kräftig. Ich stand um 5 Uhr 15 auf, duschte, kochte mir Kaffee, schaute auf das Meer hinaus, machte mir das Frühstück, schaute auf das Meer, packte meine Siebensachen zusammen und fuhr los. Eine dichte Wolkendecke drückte tief herunter, es war ausnehmend kühl, doch ein kräftiger Südwind trug mich nach Norden. Ich fuhr mit T-Shirt, Hemd, Pullover und Jacke – aber mit kurzer Hose und barfüßig in Sandalen.

Ich passierte den immer noch blendend weißen Strand und wandte mich Richtung Flakstad. Rechter Hand waren die Berge ab 200 Meter Höhe in dichte Wolken gehüllt, links schimmerte bleiern der Nordatlantik, grau und dicht darüber eine dunkle Watte. Es sah nicht vielversprechend aus.

Flakstad grüßte mit einer wunderbaren, kleinen, rostbraunen Holzkirche. Ich bog extra ab, um sie vom Nahen anzuschauen. Sie war dann zwar immer noch schön, aber aus dem Winkel heraus kaum zu fotografieren. Und von der Hauptstraße her hätte ich das Teleobjektiv aufsetzen müssen, das war mir in diesem Moment und sowieso in vielen Momenten zu umständlich und zeitraubend.

In einem weiten, weiten Bogen ging es anschließend um die folgende Bucht herum, den Flakstad-Pollen. In einer Moor-, Heide- und Mooslandschaft türmten sich riesige Felsbrocken wie von Riesenhand gewürfelt, auch diese oft bewachsen. Als ich zum Fotografieren einmal ins Gelände ging, sackte ich bis über die Knöchel in dem weichen Bewuchs ein. Nicht in Morast, nein, in weiches Moos. Die Straße führte nicht um die Nordspitze von Flakstadoy (so hieß diese Insel) herum, sondern nahm eine Abkürzung durch den inneren Teil, verbunden mit einem entsprechenden Anstieg. Schnurgerade und mordsmäßig steil ging es dann hinunter zum Nappstraumen. Ich jagte am alten Fähranleger vorbei auf ein gähnendes schwarzes Tunnelloch zu. Ich wusste bereits, dass ich hier unter dem Meeresarm hindurch musste, hatte auch schon von anderen gehört, dass diese Fjordtunnel schrecklich seien. Ich stellte mir mit Grausen vor, dass diese Tunnel vielleicht gar wie die Schmackes-Brücken seien. Dieser jedenfalls war es! Es gab zwar einen schmalen Fuß- und Radweg, durch eine hohe Bordsteinkante von der Fahrbahn abgegrenzt. Doch ich sah, wie steil es hinab ging. Ich benutzte die Straße, um das Rad schneller laufen lassen zu können. Ich bekam Schwierigkeiten mit dem Sehen, weil der eiskalte Fahrtwind mir ständig Tränen in die Augen trieb. Sehr schnell war die Tunnelsohle erreicht – und es ging genau so steil wieder hinauf! Da nahm ich dann doch lieber den Fuß- und Radweg, denn bei dieser starken Steigung schwankte ich wie ein Betrunkener hin und her. Die beiden Fahrbahnen waren sehr schmal, der Tunnel beschrieb eine enge Kurve, die Straße war nicht weit einzusehen, und der Tunnel war äußerst schlecht beleuchtet, so ging ich lieber auf Nummer sicher. Aber auch auf dem schmalen Radweg lief ich manches Mal in Gefahr, über den hohen Bordstein auf die Fahrbahn zu geraten. Während zweier Verschnaufpausen hielt ich mich im Sattel sitzend an einem schaumstoffummantelten armdicken Kabelkanal fest. Ein Fehler! Der Ruß Tausender Auspuffanlagen hatte sich darauf abgesetzt. Ich sah aus wie eine Sau! Nach Verlassen des Tunnels musste ich in Ermangelung von Wasser erst einmal meine Hände und die Lenkergriffe mit Brennspiritus reinigen. Gemäß meiner Karte war dies der einzige Fjordtunnel, den ich durchfahren musste. Ich hoffte inständig, dass die Karte wahrheitsgetreu war.

Nach Umfahren einer Landzunge lag eine weite, leicht wellige Ebene vor mir, darin großflächig verteilt die Häuser von Leknes, dem größten Ort auf den Lofoten. Es gab einen zentralen Platz mit einem Kreisverkehr, nach zwei Seiten erstreckte sich die Hauptstraße mit den Geschäften. Das Einkaufszentrum „Lofoten-Senteret“ wies ein Sportartikelgeschäft auf, einige Fahrräder standen zum Verkauf. In Blisterpackungen wurden komplette Schaltungen angeboten, jedoch keine einzelnen Züge. Ich erklärte einem Verkäufer mein Problem, er ging mit mir in ein Hinterzimmer, in dem ein riesiger Schrank mit Dutzenden von Schubkästen stand. Zielsicher zog er einen Kasten auf (sie waren nicht beschriftet) und überreichte mir den passenden Zug. Problem gelöst, 49 NOK weniger in der Börse.

Ach, ja: Ein Kafe gab es auch: Mohnhörnchen mit Schinken und Käse, Kaffee. Das Kafe lag im Obergeschoss, eine unglaublich dicke Frau kämpfte sich die Treppe herauf, setzte sich schwer atmend auf den nächstbesten Stuhl und war in den nächsten zehn Minuten damit beschäftigt, sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Dann erst stand sie auf, holte sich zwei enorme Sahnetortenstücke vom Büffet, ließ sich an einem Tisch am Fenster nieder und musste sich erst einmal wieder den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Dann erst konnte sie mit dem Essen beginnen. Den Rest sah ich mir nicht mehr an, ich ging.

Die Radler aus Hamburg hatten mir geraten, ab Leknes nicht die Europastraße 10, sondern die RV 815 zu nehmen, weil sie wesentlich schöner und weniger stark befahren sei. Außerdem führte sie stets an der Ostküste entlang und war relativ eben. Kaum hatte ich Leknes auf genau dieser Strecke verlassen, sah ich eine schier endlose Steigung vor mir, fast gerade. Eine Landzunge wurde durchschnitten. Laut meiner Karte umging eine kleine Straße diesen Höhenzug, an der Abzweigung stand sogar ein Hinweisschild, dass Fußgänger und Radfahrer diese Ausweichstrecke benutzen sollten. Wartete auf der RV 815 etwa ein bösartiger Tunnel? Für die nächste Norwegenfahrt musste ich mir unbedingt das berühmte „Tunnelbuch“ besorgen, in dem sämtliche Tunnels Norwegens mit Länge, Beleuchtung, etwaigen Verboten, Steigungen und Gefällen, Belüftungsanlagen und sonstigen Eigenschaften aufgeführt waren. Jedenfalls nahm ich vorsichtshalber die Ausweichstraße und wurde reich belohnt. Auch sie führte über den Höhenzug, aber nicht so hoch und in angenehm zu fahrenden Serpentinen (selbstverständlich war auch hier der kleinste Gang angesagt), die einen wunderbaren Ausblick zurück auf Leknes und den Nappstraumen gewährten. In Schlangenlinien ging es dann an der Ostküste entlang, immer dem Küstenverlauf folgend. Leider war die Sicht auf die Berge durch dichte Wolken versperrt. Zudem begann jetzt der Regen. Anfangs nicht stark, aber schon Regenzeug verlangend. Nachdem ich wieder auf die RV 815 gestoßen war, suchte ich mir die nächste Bushaltestelle mit Wartehäuschen, zog meine Regensachen an und verpackte die Kameratasche am Lenker mit einer blauen Mülltüte. Die Tasche ist leider in keiner Weise wasserdicht. In bester Stimmung trotz des immer schlechter werdenden Wetters fuhr ich weiter. Obwohl die Sicht sehr mäßig war, gab es doch so viel zu sehen! Bizarre Felsformationen am Ufer, oft mit Moos überwachsen, der von der Ebbe freigelegte Teil mit dichtem hellgrünen Tang bedeckt. Als ich einen kleinen See passierte, flüchteten Hunderte von Haubentauchern aus dem ufernahen Bereich und verursachten ein Gewirr von kleinen Flutwellen. Können Haubentaucher fliegen? Überall Häuser in den schönsten Formen, Farben und Lagen. Und Vögel, Vögel, Vögel, Schafe, Ziegen. Was ist dies für ein Land, in dem die Möwen (wenn es denn welche sind) bellen, grunzen und stöhnen, die Schafe niesen und neugierig wie die kleinen Kinder mein Gefährt betrachten, die Ziegen an allen erreichbaren Sachen knabbern?

Wiederum in einem Wartehäuschen machte ich eine Rauchpause. Der Regen war stärker geworden, ich wollte erst beim Nachlassen weiter fahren. Ich nickte ein. Geweckt wurde ich durch das Geräusch des prasselnden Regens, der auf das Dach trommelte. Er hatte nicht nachgelassen, er war erheblich stärker geworden. Eine Änderung schien nicht in Aussicht. Der nächste Campingplatz lag ungefähr 30 Kilometer entfernt. Mein Lager irgendwo auf freiem Feld aufschlagen wollte ich nicht, und für eine Hütte oder Rorbuer (ehemalige Fischerhütten auf Pfählen, die jetzt vorwiegend als Touristenunterkünfte hergerichtet werden) musste es schon wesentlich dicker kommen. Also setzte ich mir eine zusätzliche Schirmmütze auf, zog die Kapuze darüber, verschloss die Jacke bis zum Kinn, und ab ging die Post! Was sollte mir passieren? Meine Kleidung war wasserdicht und trocken in den Taschen verstaut, mich schützte die Regenkleidung. Singend fuhr ich sausend durch den prasselnden Regen. Ich hatte nämlich starken Rückenwind. Andersherum wäre es wahrscheinlich unangenehm gewesen. So raste ich durch große Pfützen, wahre Wasserfontänen zur Seite schleudernd. Ich fuhr ohnehin barfuss mit Sandalen, da machte auch das Wasser von unten nichts mehr aus. Was ich von der Landschaft sah, war immer noch faszinierend. Einmal fuhr ich durch die Meerseite eines weit eingeschnittenen Tals, ich fühlte mich in die Elbmarsch in Dithmarschen versetzt. Ich war so guter Stimmung, dass ich zwei entgegenkommenden Radlerinnen, die sich gegen Wind und Regen stemmten, ein extrem fröhliches „ein wunderschöner Tag“ zuschmetterte. Sie stöhnten nur. Ich aber habe diesen Urlaub so gewollt, ich wusste, dass das Wetter auf diesen Inseln oft schlecht war. Wenn es denn tatsächlich so war, konnte es meine gute Stimmung nicht vermiesen.

Nach meiner Karte fuhr ich einen breiten Fjord entlang, den ich auf einer Brücke überqueren musste, um dann am anderen Ufer in entgegengesetzter Richtung weiter zu fahren. Nur – das andere Ufer war nicht zu sehen. Zu sehen war allerdings bald die Brücke. Ein wahrer Schmackes-Hammer! Sehr hoch, sehr steil. Ich sah zunächst nur die gegenüber liegende Hälfte und dachte mir, wenn meine Seite genau so steil wäre, müsste ich schieben. Aber ich hatte Glück: Die Straße stieg sanft am Berghang an und führte in einer mäßigen Steigung auf den Scheitelpunkt der Brücke. Ich raste dann aber nicht hinunter, sondern fuhr stark gebremst. Ich wusste um die teilweise sehr unangenehmen Dehnungsfugen dieser Brücken. Die Vorsicht war angebracht. Wäre ich mit Wucht über diese Schwelle gefahren, hätte es mir wahrscheinlich das Rad zerschlagen.

Das kurze Stück zum Campingplatz in Lyngvær durfte ich bei Gegenwind ohne Regen fahren. Schön. Beim Aufbauen auf dem recht vollen Platz begann wieder die Nässe von oben zu kommen. Als mein Haus schließlich stand und ich alle Sachen verstaut hatte, kam es wie aus Eimern vom Himmel. Nicht einmal Kaffee konnte ich mir kochen: Bei der rasenden Fahrt wurde die Wasserflasche herunter geschleudert und landete unglücklicher Weise auf dem Verschluss. Von wegen „unkaputtbar“. Und bei dieser Sintflut von oben wollte ich nicht die Hundert Meter zur nächsten Zapfstelle gehen (aber stundenlang in strömendem Regen fahren!). Erst nach etwa 30 Minuten machte ich mir das ersehnte Gebräu, zog mir frische, warme Kleidung an und fühlte mich sauwohl. Noch ein Schokotörtchen, 3 Karbonader mit Kartoffelsalat, ein Becher Tee, ein unvollständiges Tagebuch (ich schrieb dies am nächsten Morgen) und ab in den warmen Schlafsack. Es war sehr kalt geworden. Und auf das Zeltdach trommelte unaufhörlich der Regen.

 

Stokmarknes - auf Wiedersehen Lofoten, guten Tag, Vesteralen

Als ich um 4 Uhr 35 aufwachte, regnete es noch immer. Ich legte mich weiter schlafen und stand schließlich gegen 6 Uhr 30 auf, weil es inzwischen trocken war. Dafür war es bitter, bitter kalt, und es wehte ein scharfer kühler Südwind. Ich machte mir den ersten Kaffee des Tages, hüllte mich in den Schlafsack ein und vervollständigte das liegengebliebene Tagebuch von gestern. Erst dann gönnte ich mir das Frühstück. Heute war eine neue Kleiderordnung angesagt: Socken, Turnschuhe, lange Jeans, T-Shirt, Jeanshemd, dicker (!) Pullover, Jacke, Handschuhe – so niedrig waren die Temperaturen. Zunächst erfreute mich ein frischer Rückenwind, der mich schnell voran trieb. Die Sicht war gut, nur um die Spitzen der höchsten Berge trieben ein paar Wolken. Häufig kam die Sonne heraus, das Meer glitzerte blausilbern. Ich passierte kleine Dörfer wie aus dem Bilderbuch.

In Kabelvag musste ich die Batterien der Kamera erneuern, erstaunlich, dass sie nach so kurzer Zeit bereits leer waren. Lag es vielleicht an den niedrigen Temperaturen? Über der alten Hafenmole war ein Restaurant/Café mit hölzerner Terrasse gebaut. Leute saßen darauf und tranken ihren Vormittagskaffee. Eine Segelyacht aus Schweden mit einer zeltförmigen Plane statt einer Kajüte lag am Schwimmponton, zwei junge Leute saßen darunter und genossen offensichtlich dick eingemummelt ihr Frühstück. Zwei alte farbenfroh angestrichene Holzkutter lagen vertäut vor einem ebenso gehaltenen Holzhaus, dessen Balkone mit Massen von blühenden Geranien geschmückt waren. Eine alte Frau in blauer Kittelschürze goss liebevoll die Blumen.

Alle Rastplätze, die ich an diesem Morgen passierte, waren mit campierenden Wohnmobilen regelrecht vollgeschissen. Ich entdeckte vorwiegend italienische Nummernschilder (diese Konzentration von Forza Italia war mir auf dem Festland nicht aufgefallen). Auf den Campingplätzen sah ich am häufigsten deutsche Reisende. Und Norweger selbstverständlich, schließlich herrschte jetzt die Hauptreisezeit.

Ich erreichte Solvær, das viel gerühmte Solvær, und war zunächst enttäuscht. Ich fuhr an einem industriegesäumten, hässlichen Fährhafen vorbei, schaute mir den wenig ansprechenden Marktplatz mit Coop und Kafe ( Schokokuchen und Kaffee) an und verließ schnell wieder das durch umfangreiche Bauarbeiten aufgerissene Gelände. Dann aber erfreute mich das alte Hafenviertel mit den vielen kleinen Geschäften und Cafés. Die Ankerbrygge, ein in das Hafenbecken hinein gebautes Mini-Viertel wies Restaurants, Cafés, ein gemütliches Hotel im Lofotenstil, Fischerhütten (Rorbuer) und Hytter sowie einen zentralen Marktplatz auf – alles auf hölzernen Pfählen im Wasser stehend. Die hölzerne Pier am Yachthafen protzte mit einer ununterbrochenen Reihe von Gaststättenbetrieben der unterschiedlichsten Art auf. Ich suchte mir einen Platz in der Sonne, genoss exzellenten Schümli-Kaffee, saß direkt über dem Wasser und schaute mir das Treiben im Hafen an. Kann jemand ermessen, wie wohl ich mich fühlte? Auch die Norweger wussten sehr wohl diesen Platz zu schätzen, denn fast alle angebotenen Sitzplätze waren belegt (voll war auch der Parkplatz im Zentrum, nämlich mit Reisemobilen aus Italien).

Ich fuhr noch ein wenig kreuz und quer durch das alte Viertel von Solvær auf der Suche nach einem Fotogeschäft. Dieser Teil der Stadt gefiel mir ausnehmend gut: Kleine Straßen (natürlich steil ansteigend oder hinab führend) gesäumt von ein- oder zweistöckigen Holzhäusern, meistens in weiß gehalten. Ich fand ein Geschäft und kaufte 4 Diapositivfilme zu dem horrenden Preis von 400 NOK. Aber ich hatte den zehnten und damit letzten Film in der Kamera, und ich hätte noch viel mehr fotografieren mögen!

Weiter ging es die Ostküste von Austvagoy, der größten Lofoteninsel, entlang Richtung Norden. Auf der rechten Seite waren Berge der Insel Store Molla zu erkennen, bis 763 Meter Höhe erreichen sie. Ich bog hinein in den Austfjord, auf der anderen Uferseite gewaltige Felstürme mit über 1.000 Meter Höhe. Einen Gletscher gibt es dort droben auch, den Trolltinden mit dem Trollfjordvatnet (der Trollfjord liegt allerdings woanders). Zu sehen war die Eisfläche leider nicht, dafür befand ich mich zu dicht an den steil aufragenden Bergen. Bei Madsvika war eine Bilderbuchbucht zu bewundern; wieso gibt es hier diese fantastischen weißen Strände? Wellengeglitzer im Gegenlicht, dahinter im Dunst schroffe Bergspitzen. Ich wusste nicht, wozu sie gehören.

Beim Ort Austfjord erkletterte ich einen Aussichtspunkt mit Blick auf das Fjordende. Davor kauerte auf einer spitz zulaufenden Halbinsel eine schneeweiße Friedhofskapelle (auf den Friedhöfen sind die Grabsteininschriften sämtlich dem Meer zugewandt). Die Dörfer am anderen Ufer erstrahlten im Sonnenlicht. Ein weißgelber Fischkutter verließ den Hafen und umrundete langsam den Aussichtspunkt, um dann mit voller Kraft dem offenen Meer zuzustreben. Ein altes Paar kam mit Wolldecke und Picknickkorb heraufgekraxelt, die Beiden erklommen einen kleinen,höher gelegenen Hügel, breiteten die Decke aus, setzten sich nebeneinander nieder und betrachteten das Bergpanorama gegenüber. Sie redeten nicht.

In vielen Kurven umrundete ich die letzte Fjordbucht. Die Straße führte über viele kleine Brücken, unter denen das ablaufende Tidewasser hindurch strömte. Ein kleines Motorboot musste mit voller Maschinenkraft laufen, um gegen die Strömung in die nächste Bucht zu gelangen. War das Wasser abgelaufen, blieben viele kleine Tümpel stehen, die erst bei der nächsten Flut mit frischem Wasser versorgt wurden. Was mochte es für Leben in diesem Brackwasser geben?

Das Fjordende war erreicht. Es ging aufwärts, aber nur sehr gemächlich, dann fiel die Straße wieder ab, und der schmale, langgestreckte Sloverfjord lag vor mir. Schnurgerade, endlos lange Reihen von Bojen erstreckten sich fjordabwärts. Hatte ich eine andere Art von Lachsfarm vor mir?

Ein Wasserfall auf der anderen Seite des Flusses fesselte mich; in vielen Abschnitten kam er von weit oben, von der Kante des Felsplateaus den Berg herunter. Das konnte doch nur das Schmelzwasser vom Trolltinden sein, das hier den Hang herunter stürzte. Dieses Schauspiel wollte ich mir näher ansehen. Ich pirschte mich durch ein dichtes Birkenwäldchen ohne Weg und Steg, watete durch eine morastige Sommerwiese mit hüfthohen Gräsern und Blumen und stand schließlich am Ufer des reißenden Bergflusses. Aus schier unermesslicher Höhe fiel das Wasser senkrecht herab, fast genau auf mich zu, verfehlte mich jedoch um etwa zwanzig Meter und vereinigte sich unter lautem Getöse am anderen Ufer mit den wilden Wassern des Flusses. Es war fast unmöglich durch den dichten Strahl in die Sonne zu blicken, so sehr blendeten die diamantgleichen Tropfen. Auch der obligatorische Regenbogen fehlte nicht. Selbstverständlich stäubte die Gischt in weitem Umkreis, innerhalb weniger Augenblicke war ich völlig nass. An ein Fotografieren war überhaupt nicht zu denken. Um nicht bis auf die Knochen durchweicht zu werden, trat ich den Rückzug an, nicht ohne mich dabei immer wieder umzusehen, um dieses Naturwunder zu bestaunen. Mein Rad stand noch an der Stelle, an der ich es zurück gelassen hatte, wie immer hier in Norwegen tagsüber ohne jede Sicherungsmaßnahmen. Wer weiß, vielleicht war ich aber doch zu sorglos.

Der inzwischen lau gewordenen Fahrtwind trocknete schnell meine nassen Kleider, und ich erreichte auf der abschüssigen Straße überraschend schnell Fiskebol, den Fährhafen für die Überfahrt nach Melbu auf den Vesteralen. Geradeaus führte die Fahrbahn in einen langen und tiefen Fjordtunnel, ich bog links ab, um die Fähre zu nehmen. Die Berge der nördlich gelegenen Inselgruppe hatten mich bereits von weitem im Sonnenlicht gegrüßt. Im Kafe am Hafen nahm ich einen Kaffee und einen Rollerburger (Hackfleischröllchen im Brötchen mit Senf, Ketchup, Remoulade und sonstigem Schweinkram, der an der Theke zum Selbstbedienen bereit stand). Kaum hatte ich meinen Erwerb nach draußen getragen, wollte gerade an einem Tisch in der Sonne Platz nehmen, da kam schon die Fähre. Beide Hände mit Kaffee und Essen gefüllt hastete ich zum Rad, das ich brav in der Schlange der wartenden Autos abgestellt hatte. Ich wurde wie üblich von der Kassiererin heraus gewunken um direkt an Bord zu fahren. Trotzdem würde ich mich jedes Mal wieder einreihen. Hast und Drängelei waren hier nicht gern gesehen. Verzweifelt versuchte ich, das Ticket für die Überfahrt zu bezahlen; der Schlangenkassierer sagte mir, ich solle an Bord bezahlen, der Kassierer auf dem Schiff verwies mich an das Zahlmeisterbüro, das war verschlossen. Ich fragte die Bedienung in der Cafeteria um Rat. Die jedoch zuckte nur mit den Schultern und meinte, ich hätte dann eben Glück gehabt. Den mir servierten Kaffee bezahlte ich aber (den aus dem Kafe am Hafen hatte ich beim Fahrradschieben verschüttet).

Die Fahrzeit war nur kurz, schön allerdings war der Blick zurück auf die Berge, von denen ich gerade herunter gekommen war. Melbu selbst gefiel mir nicht. Ich machte mich also sofort auf den Weg nach Stokmarknes, meinem heutigen Ziel. Ein Hinweisschild machte mich auf eine Nebenstrecke für Radfahrer und Fußgänger aufmerksam, allerdings verbunden mit mehr als der doppelten Entfernung als die der Autostraße! Nein, danke!

Wie anders war doch auf den Vesteralen die Landschaft! Viel sanfter, viel weicher als auf den Lofoten, deren schroffe Berge auf der anderen Seite des Hadsalfjordes gut zu erkennen waren. Jetzt war auch der Trolltinden zu sehen, sogar den beschriebenen Wasserfall konnte ich ausmachen. Erstaunlich eben zog sich die Straße am Fjordufer entlang, vorbei an von der Ebbe freigelegten Tangflächen, die mit Möwen, Kormoranen, Austernfischern und Graugänsen (Graugänsen!) dicht bevölkert waren. Im Tiefflug schossen die Möwen über mich hinweg. Autos schienen sie zu akzeptieren, mich betrachteten sie wohl als Störenfried, den es nach allen Kräften zu vertreiben galt. Die kleine, achteckige, rostbraune Kirche vor Hadsel stach schön gegen den dunklen Tannenwald des Berges und den momentan strahlend blauen Himmel ab. Ich hoffte nur, dass das geschossene Foto diese Atmosphäre auch wieder gab. Ich kam schnell voran, trotz des heftigen Gegenwindes. Dieser war inzwischen wieder so kalt geworden, dass ich zeitweise mit gefütterten Handschuhen fuhr.

Die Straße schwenkte nach Westen ab, und Stokmarkes war erreicht. Über den Langoy-Sund führte in weitem Bogen eine Monster-Schmackesbrücke! Über die musste ich am nächsten Morgen hinüber. Auf die nächste Insel.

Recht abgelegen von der Stadt fand ich in einem lichten Birkenwald den NAF-Campingplatz in schöner Lage, allerdings mit etwas unebenem Gelände. Die Ausstattung entsprach dem gewohnten Standard, war also in keiner Weise zu bemäkeln. Etwas auszusetzen hatte ich an einigen arroganten deutschen Radreisenden, die nicht einmal meinen Gruß erwiderten. Der Mann nahm sein neues Winora-Reiserad mit zum Pinkeln, der Sohn, etwa 15 bis 16 Jahre alt, verschwand im Zelt, kam im Schlafanzug (!) wieder heraus und ging zum Waschen. Das Zelt war kleiner als meines, es hausten jedoch 3 Personen darin, die allesamt größer waren als ich. Was machen diese Leute nur bei Regen? Jetzt bei trockenem Wetter saßen sie draußen an Tischen und Bänken. So wie ich in meiner Behausung auch bei heftigstem Regen im Zelt sitzen, kochen, essen, schreiben und gucken konnte, konnten sie es mit Sicherheit nicht. Und nun fing es auch tatsächlich an, zu regnen, und schweinekalt war es, mir froren beim Schreiben fast die Finger ab. Dennoch wollte ich wie sonst immer wieder nackt in meinen Schlafsack kriechen.

Um 21 Uhr 58 bot mir der Platzwart an, für die Nacht die Laterne über meinem Zelt anzuschalten, damit ich gegebenenfalls nachts den Weg zum Klo fände. Ich lehnte dankend ab.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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