Wolfgang Küssner

Kleine Urlaubs-Geschichten 4 - Ein Thailand-Mosaik

Altona-Willy
Seit vielen Jahren verbrachten Willy und seine Frau ihren Urlaub zur Zeit des europäischen Winters im warmen, sonnigen Thailand. Beide hatten den 80. Geburtstag bereits hinter sich, beide waren leider gesundheitlich angeschlagen. Seine Frau litt an Demenz und Willy sorgte sich liebevoll 24 Stunden am Tag um sie. Er brauchte ein wenig Erholung, ein wenige Abstand, musste neue Energie tanken. Und so trat er in diesem Jahr die Reise allein an, während seine Frau in dieser Zeit in einer speziellen Einrichtung bestens versorgt wurde.

Die Tage unter südlicher Sonne taten ihm gut. Er verbrachte die Tage mit seinen Bekannten aus früheren Reisen, darunter ein anderer Willy, was ihm folglich den Namenszusatz „Altona“ bescherte. Unser Willy, also Altona-Willy, fühlte sich wohl, lebte richtig auf. Es war allen Bekannten eine Freude, dieses zu sehen.

Wie alle Touristen, achtete natürlich auch Altona-Willy aufs Geld, auf die Preise; machte regelmässig Spaziergänge, liess sich seinen Körper gern und häufig massieren. So auch heute. Die einstündige Massage in dem Salon sollte nur 200 Baht kosten. Ein echtes Schnäppchen.

Altona-Willy hatte sich wie üblich entkleidet und auf den Bauch gelegt. Das Handtuch bedeckte seinen Allerwertesten. Die Massage-Lady reinigte zunächst seine Füsse, massierte – wie gewohnt - den Rücken als erstes, danach das rechte, dann das linke Bein.

Zur Fortsetzung der Massage sollte Altona-Willy sich nun auf den Rücken legen. Doch - da verschlug es ihm die Sprache. Aus der Massage-Lady war ein Ladyboy geworden, der nun nackend vor ihm stand und seine Spezialdienste offerierte.

So schnell wie heute war Altona-Willy seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Wie von der sprichwörtlichen Tarantel ge-stochen, oder andere Stiche befürchtend, stürzte er von der Liege empor, griff seine Kleidung, zog sich blitzschnell an und rannte aus dem Massage-Salon davon.

Bei Schnäppchen – Preisen ist häufig Schnelligkeit ratsam!
 
Miller
Adonis muss einst so ähnlich ausgesehen haben. Nur war er vermutlich lockig und hatte keine Mandelaugen, wie unser. Er hat auch einen sportlich-muskulösen Körper, breite Schultern, kräftige Arme, allerdings dunkel-braune Haut, schwarze, dichte, starke Haare, tiefbraune Augen und immer ein charmantes Lächeln im Gesicht, bei strahlend-schneeweissen Zähnen.

Unser Adonis heisst Miller, zumindest ist es sein Nickname. Wenn er mit besonders tief sitzenden Shorts und freiem Ober-körper von Sonnenliege zu Sonnenliege eilt und seinen Strand-Service offeriert, werden sowohl Frauen als auch Männer leicht unruhig. Seine erotische Austrahlung erhöht sich noch, wenn er aus dem Wasser kommt oder Schweissperlen seinen nackten Körper bedecken und die Sonnenstrahlen alles in wärmsten Bronze-Tönen erscheinen lassen.

Miller ist jetzt 30 Jahre alt. Vor mehr als acht Jahren kam er mit einer Arbeitslizenz für den Bau aus Myanmar nach Thailand. Er fand – zur Freude und Augenweide nicht weniger Touristen – einen Job als Beachboy.

Sieben Jahre lang hatte er seine Geschwister, seine Eltern und Grosseltern nicht besuchen können. Das Geld reichte einfach nicht. Er blieb auch in der Regenzeit auf seinem Job. Miete und Strom, Benzin und Essen kosteten in der nassen Zeit zwar genauso viel wie in den Monaten der Hochsaison, doch da die Arbeit weniger war, meinte sein Chef, ihn mit monatlich 6.000 Baht ( ca. € 160 ) entlohnen zu können. War ja immer noch besser, als in der Heimat ohne Arbeit zu sein.

Eines Tages sass er neben mir auf der Liege und mittels Google-Earth versuchten wir auf einem Tablet, sein Dorf ausfindig zu machen.Und dann fanden wir es nach kurzer Suche, langgezogen an einem Flusslauf liegend. Miller sah zunächst die Brücke, entdeckte dann das Haus seiner Grossmutter, daneben das viel zu kleine, ihm gehörende Farmland. Er strahlte wie ein Kind, seine Augen leuchteten, als er dann das Haus seiner Eltern mit dem neuen Dach aus der Vogelperspektive sehen konnte. Mutter hatte am Telefon davon erzählt, gesehen hatte er es bis dato nicht. Etwas weiter vom Haus der Eltern entfernt, der Fussballplatz, wo er so oft gespielt hatte, dann der Tempel.

In diesem Jahr wollte er nach langer Zeit die Familie besuchen. Die Reise mit verschiedenen Bussen würde mehr als einen Tag in Anspruch nehmen, es war der günstigste Weg. Den genauen Starttermin hätte er gern noch telefonisch seiner Mutter mitgeteilt, doch zwei Tage vor der Abreise wurde sein Mobiltelefon  vermutlich von Touristen gestohlen.
 
 
 
Tek-Tek
Mit sonorer, tiefer und kräftiger Bass-Stimme hatte er viele Jahre lang das Lied vom „Meister Jakob“ variiert und seine potentiellen Kunden singend gefragt: „Are you hungry, are you hungry...“ Seine markante Stimme ist verklungen, er erlag einem Krebsleiden.

So wie einst „Meister Jakob“ bieten heute viele Verkäuferinnen und Verkäufer den Strandbesuchern Getränke und Speisen an.
Mit einem kiloschweren Aluminium-Blech voller fritierter Garnelen, Hähnchenkeulen und Frühlingsrollen eilt Tek-Tek von Liege zu Liege, von Gast zu Gast, um aus dem Angebot verkaufen und das eigene Überleben absichern zu können.

Bei anderen Anbietern gibt es frische, süsse Mangos, Papayas, saftige Pomelos, Ananas. Donats und Satay-Spiesse, fritierte Tintenfisch-Ringe, süss-salzige Maiskolben, Eiscreme und Bier, Säfte und Softdrinks sowie Wasser. Das reichhaltige Angebot befriedigt viele Bedürfnisse.

Es ist ein verdammt harten Job, den die Veräufer/innen täglich leisten. Die schweren Eimer mit Getränken und kühlendem Eis, oder Tabletts mit Essens-Portionen werden bei 30 und mehr Grad im Schatten durch den heissen Sand in der Sonne von Urlauber zu Urlauber getragen.

Und immer freundlich, immer lächelnd begegnen sie ihren möglichen Kunden. Da bleibt sogar Zeit für ein kurzes Gespräch, da werden Kunden mit „Darling“ tituliert, oder – wie bei unserer Tek-Tek – die Urlauber mit Handküsschen aus zahnlosem Mund bedacht. Wenn das keine Charme-Offensive darstellt? Zumindest ein Lächeln, das ist garantiert.
 
 
Massage
Sie gehören einfach dazu, die Massage-Salons. Spricht jemand von Thailand, so spricht er von oder denkt er meistens auch an diese Institutionen. Massagen gehören zur thailändischen Kultur. Doch das Spektrum dessen, was hier zwischen 200 und 2.000 Baht für eine Stunde angeboten wird, schwankt verständlicherweise in puncto Leistung erheblich.

Der Leser wird sich eventuell an die Erfahrung von Altona-Willy erinnern. Bei den billigsten Anbietern sind meistens keine fachlich ausgebildeten Damen am Werk. Hier ist die Massage häufig auf einen speziellen Körperteil reduziert, schliesslich möchte man ja Geld verdienen, mehr als 200 Baht. Und so mischen hier auch schon mal Ladyboys mit. ( Nichts gegen Ladyboys, wenn sie ihren Job verstehen. ) Das Ziel einer derartigen Massage ist offensichtlich ein anderes, als das allgemein übliche. Ein körperliches Wohlbefinden mag in beiden Fällen das Resultat sein, nur mit 200 Baht kommt niemand davon. Spezielle Leistungen haben überall ihren speziellen Preis.

Die wirkliche Thai-Massage ist ein meditativer Akt, hier werden die Energie-Ströme des Körpers durch Unterbrechungen neu angeregt. Der Körper wird gestreckt und gedehnt, Druckpunktmassagen durchgeführt, Gelenke mobilisiert. Energielinien des Körpers werden aktiviert. Das alles setzt Wissen und Ausbildung und Praxis voraus. Hat folglich seinen Preis.

Eine ganz spezielle Art der Thai-Massage wird überall an den Stränden angeboten.Vielleicht sollte besser von Rudimenten oder Versuchen einer Massage gesprochen werden. Für 300 Baht wird der Urlauber hier auf harten Matten liegend von Massage-Damen durchgeknetet. Da ist viel Routine im Spiel, gelangweilte Gesichter. Konzentration ist etwas anderes. Mit Meditation hat das beim Treiben am Strand absolut nichts zu tun; die knappe Stunde sichert in erster Linie das Überleben der anbietenden Damen. Die Thai-Ladies erfüllen mit ihrer Präsenz aber noch andere Funktionen: Sie sind kleine Nachrichten- und Informations-Center; sie sind Anlaufstelle für kleine Probleme von Sonnenbrand über Ameisenbiss bis Quallenkontakt; sie sind Beobachtungsposten ihrer überschaubaren Strandregion.
 
Fortsetzung folgt.
Juli 2015
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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