Wolfgang Küssner

Kleine Urlaubs-Geschichten 5 - Ein Thailand-Mosaik

Freihandelszone
Hier gibt es die wohl grösste Dichte an Verkäufern von Sonnenbrillen weltweit. Eigentlich schulpflichtige Kinder, junge Männer, kräftige Frauen, Greise – sie treten sich fast gegenseitig in die Hacken, um den Strandbesuchern angeblich kratzfeste, elastische Sonnenbrillen von aktuellem Pop-Design bis klassisch zu offerieren.

Nicht nur Papier, auch Glas und Plastik sind geduldig, was z.B. das Tragen nobler Designer-Namen auf den Gestellen betrifft. Von UV-Schutz spricht hier niemand. Hier geht es um Chic für den Moment. Alles illegal nachgemachte Produkte. Es muss gehandelt werden und am Ende macht der Verkäufer immer den Gewinn. Auch wenn der Käufer meint, es sei ein Schnäppchen gewesen.

Gut 100 Jet-Skis warten am etwa 2,5 km langen Strandabschnitt auf temporäre Mieter. Und damit der Leerlauf nicht allzu lange dauert, versuchen mehr als 300 junge Männer diese stinkenden, lärmenden, gefährlichen, umweltschädlichen  Geschosse an die Kunden zu bringen.

An manchen Tagen sind es zusätzlich bis zu 10 Motorboote, die darauf warten, Kunden an bunten Fallschirmen hängend 70 bis 80 Sekunden lang durch die Luft zu ziehen. Die Strände gehören eigentlich der Bevölkerung, doch die Betreiber der Boote nehmen gern das zeitweise alleinige Nutzungsrecht in Anspruch, pfeifen Badegäste einfach zurück.

Urlauber, die noch keinen Selfie-Stick für ihr Phone besitzen, müssen nicht lange warten, der nächste Anbieter kommt in Kürze. Oder braucht ein Gast einen neuen Bikini, eine neue Badehose, einen Sarong, ein T-Shirt, ein Kleid, eine Uhr von Rolex, Tagheuer oder Breitling, einen Tischläufer, eine Hängematte, ein Henna-Tattoo, einen Elefanten oder ein Motarrad aus Holz, Feuerzeuge mit und ohne elektrischem Schlag, eine Plastik-Blume fürs Haar oder, oder, oder.... in Kürze wird es ihm angeboten werden. Kein Grund nervös zu werden.

Aktivitäten dieser Art – von den Booten einmal abgesehen, da stecken starke Befürworten hinter – sind zwar illegal, doch wen interessiert das. Da gibt es die Sportzone für die Boote, die Schwimmerzone für die Badegäste und eben die alles über-greifende Freihandelszone für die fliegenden Händler. Und sollte widererwartend mal Polizei gesichtet werden, machen die „fliegenden Händler“ ihrer Bezeichnung alle Ehre.
 
Russian Girls
Abend für Abend stehen sie auf der berühmt-berüchtigten Amüsiermeile Soi Bangla. Hellheutig, langbeinig, schlank, langes, offenes und blondes Haar und herausgeputzt, als ginge es ins Chambre Separee. Sie tragen ein Schild vor sich mit den Worten „Russian Girls“. Es gilt Aufmerksamkeit für Etablissements zu wecken, die sich in den ersten Etagen befinden. Beim Blick nach oben sieht man Girls gleichen Typs in Schaufenstern tanzen. Einige von ihnen scheinen sich zu schämen, oder möchten nicht erkannt werden – sie tragen Gesichtsmasken.

Nicht wenige Passanten fragen sich: Wie ist das möglich? Wir sind doch in Thailand. Bestimmte, einfache Berufe ( wie Gerber, Landwirt, Friseur etc. ) sind ausschliesslich den Thais vorbehalten. Wo haben die Girls ihre Arbeitserlaubnis bekommen? Die Beschäftigung einer ausländischen Arbeitskraft muss in Thailand sehr detailliert begründet werden und bei Genehmigung, müssen für eine Einstellung fünf Thais ein Arbeitsplatz erhalten. Welcher Arbeit gehen diese Girls nach?

Prostitution ist in Thailand illegal (..........), also können diese jungen Frauen keine Angehörigen des horizontalen Gewerbes sein. Das scheidet aus. Aber was sind sie dann? Es sind – so ist zu lesen – „Russian Girls“. Selbst bei bestem chirurgischen Können wird es den Spezialisten kaum möglich sein, aus einer Thai ein „Russian Girl“ zu kreieren. Etwas anderes könnte uns eventuell weiterführen. Sind sie unter Umständen bedroht ( das Tragen von Masken könnte ein Hinweis sein ), machen Demon-stranten ähnlich mit einem Transparent auf ihre Situation aufmerksam? Vielleicht führen die nach oben gerichteten Blicke zur Klärung der Frage weiter.

In den Schaufenstern sieht man sie um eine Stange herum tanzen. Hier scheint sich eine Antwort anzudeuten, finden zu  lassen. In anbetracht der vielen russischen Urlauber – die teilweise auch längere Zeit in Thailand verweilen – könnte es ja zum Beispiel Aufgabe dieser Girls sein, heimatliche Gefühle wach zu halten,  von der Einsamkeit in der Fremde abzulenken und - durch die Aufführung und Präsentation russischer Volkstänze........ Naja, so etwas ähnliches halt, wie es von Truppenbetreuungen fern der Heimat bekannt ist. Oder?
 
 
 
Heinz
Er tickt – um es deutlich zu sagen - wie ein Uhrwerk, unser Heinz aus Laatzen bei Hannover. Morgens um zehn nach elf ist er täglich am Strand. Das Einkaufszentrum öffnet nicht zeitiger und genau dieses Shopping-Paradies muss er auf seinem Weg an den Strand durchqueren. Um 14 Uhr trinkt er sein erstes Bier, um 15 Uhr eine zweite Flasche und dreissig Minuten später tritt er den Heimweg an.

In der Zeit, die er am Strand verbringt, hat er heute auf seinem e-Book von den Leichen 28 bis 53 gelesen. Am Ende werden es 98 auf 256 Seiten gewesen sein. Zwischen den Leichen war er ein paar Mal zum Schwimmen im Meer.

Er beobachtet und registriert jede Bewegung. Helmut und Erika gehen täglich um 12 Uhr zum Brunch; die Österreicher um 13 Uhr, die Schweizer um 14 Uhr zum Lunch. Fritz isst täglich seine Reissuppe um 12 Uhr 30 und schläft anschliessend am Strand. Harry geht täglich um 14 Uhr 30 aufs Klo.

Wird Heinz von irgendwem nach der Uhrzeit gefragt, so kann er sie auf die Minute genau benennen, ohne irgendein Zifferblatt, eine Digitalanzeige gesehen zu haben. Böse Zungen behaupten, Heinz würde gar nicht in seinem e-Book lesen, sondern permanent im Stillen bis 60 zählen, einen imaginären Strich machen und wieder mit eins, zwei, drei, vier .... beginnen. Und das versetzt Heinz in die Lage, jederzeit die korrekte Uhrzeit nennen zu können. Ist das eigentlich auch eine innere Uhr?
 
 
 
 
Rote Flagge
Zu den sportlichen Angeboten für den Touristen zählt fast ganzjährig die Möglichkeit, sich an einem Falschirm hängend von einem Motorboot für 70 bis 80 Sekunden durch die Luft ziehen zu lassen. Auf gut Deutsch: Parasailing. Der kurze – nicht immer ungefährliche – Spass kostet 1.200 Baht ( umge-rechnet ca. € 33 ).

Der Gast wird in enge Gurte verschnürrt und weiter mit einer Schwimmweste versehen, bevor der Fallschirm an die Gurte auf Schulterhöhe eingeklingt wird. Aus Sicherheitsgründen fliegt ein sogenannter „monkeyman“ total ungesichert, nur auf den Leinen des Schirms sitzend, mit. Ist der Wind ideal, befördert er beide gleich in die Höhe. Bei einem schlechten Start wird der Gast auch schon mal über das Wasser gezogen. Für Start und Landung wird den Gästen empfohlen, Laufschritte zu vollziehen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Verletzungen, Verstauchungen, Knochenbrüchen bei unsanftem Bodenkontakt.

In der Regenzeit ist das Meer unruhig und Wellen um die zwei Meter Höhe Normalität. Da verschwinden die Motorboote schon mal in den Wellentälern. Das Parachute-Angebot ist davon nicht beeinträchtigt, verschwindet keineswegs.

So schleppt auch an diesem Tag ein Motorboot einen an einem ca. 100 m langen Seil hängenden Urlauber und seinen „monkeyman“ durch die Lüfte. Doch anders als sonst, beginnt der in den Seilen hängende Beachboy mit einem Geschrei während der kurzen Flugphase. Er hat aus seiner Vogelperspektive eine in den Wellen treibende Person entdeckt.

Sofort nach der Landung starten einige Jet-Skis zu jener Stelle, wo der Urlauber im Wasser gesichtet wurde. Doch jede Hilfe kam zu spät. Es konnte nur noch die Leiche geborgen werden.  Der junge Mann war nur mit einer schwarzen Badehose bekleidet gewesen, zeigte keine äusserlichen Verletzungen. Wie sich später herausstellte, hatte der 30Jährige Russe offensichtlich die Kraft der Wellen und vor allen Dingen die unsichtbare Sogkraft des zurücklaufenden Wassers unterschätzt. Beste Schwimmer sind in dieser Situation machtlos. Was nutzen all die roten Flaggen, wenn sie nicht beachtet werden.
 
Fortsetzung folgt.
Juli 2015
Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Meier. Ein deutscher Geheimagent von Peter Rieprich



Bei der Amtsübergabe hatte ihn sein glückloser Vorgänger nach dem offiziellen Teil beiseite genommen und ihn zu einem kleinen Spaziergang durch den Tiergarten eingeladen. Ängstlich nach allen Seiten blickend hatte der ihm dann ins Ohr geflüstert, dass es neben den bekannten Geheimdiensten noch einen ganz „geheimen“ gäbe, von dessen Existenz nur der Kanzler und er selbst wüssten. Dieser käme immer dann zum Einsatz, wenn die offiziellen Dienste versagten, was ja leider ziemlich oft der Fall sei.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie Reiseberichte Thailand

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Primadonna - Teil 7 von Wolfgang Küssner (Krimi)
Rügen wurde etwas teurer von Rainer Tiemann (Reiseberichte)
Pilgertour XVI. von Rüdiger Nazar (Reiseberichte)