Wolfgang Küssner

Kleine Urlaubs-Geschichten 6 - Ein Thailand-Mosaik

Look
Der Militärputsch vom 22.Mai hatte ihm den Job gekostet. Das betraf zwar auch andere, machte die Sache für ihn aber nicht angenehmer oder erträglicher. Er hatte das Pech, bei einem jener Unternehmer untergekommen zu sein, die von der Militär-Regierung beschuldigt wurden, mafiaähnliche, illegale Geschäfte ohne jegliche Rechtsgrundlage zu betreiben. Der Kampf der neuen Regierenden galt der Korruption. Sein Chef war eines der „Opfer“. D.h. sein Chef hatte natürlich in vielen zurücklie-genden Jahren ein Vermögen erwirtschaftet. Opfer war er, der seinen Job eingebüsst hatte.

Look – der Leser wird es ahnen – ein Nickname, ist Burmese. Seit einigen Jahren abeitete er als Beachboy am Strand. Immer freundlich, immer lachend, fast immer laufend, sportlich aktiv, quirlig, nix mit Alkohol und Zigaretten, muskulöser Körper. Immer ein freundliches Wort auf den Lippen, keine dreissig Jahre jung, nicht gerade der grösste, aber ein herzlichguter Typ, so einer zum Knuddeln.

Doch was tun? Job weg, Regenzeit, weniger Touristen, kein Geld. Zurück nach Myanmar? Keine Jobs in Aussicht. Und so lief er von Pontilus zu Pilatus, die hier natürlich thailändische Namen tragen, um seine Arbeitskraft zu offerieren. Nach Wochen intensiver Suche fand er einen Job als Nachtwächter in einem kleinen Hotel. Besser als gar nichts. Ein Burmese hat die Wahl zwischen Thailand oder Myanmar, aber nicht zwischen einzelnen Jobs.

Als sich am Strand erste Veränderungen abzeichneten, die alten Arbeitsgeber in neuem „Gewand“ wieder aktiv wurden, da kam auch Look zurück. In der Hochsaison zahlte ihm sein alter und neuer Chef nun 500 Baht pro Tag, in der Nebensaison leider nur 100 Baht. Jede Ausgabe muss also überlegt werden. Das Trinkgeld früherer Tage fehlt. Es gibt keine Strandliegen mehr, sondern nur noch Matten auf dem Sand. Nicht mehr ganz so komfortabel, wie zu früheren Zeiten. Für ältere und schwer-gewichtigere Menschen ein Unding. Von Urlaubern mit Handicap ganz zu schweigen. Das Bodenständige scheint den Touristen kein Trinkgeld mehr wert zu sein. Was können Look und die anderen Beachboys für diese Situation?
 
Fischsuppe
Leichter, warmer Sommerwind, Sonnenschein, blauer Himmel. Die Temperaturen liegen bei 32 Grad im Schatten, der Strand ist von der Sonne aufgeheizt. Das türkis-farbene Meer lädt zum Bad. Da die Wassertemperatur bei ca. 30 Grad liegt, ist beim Schwimmen keine grosse Erfrischung zu erwarten. Doch es ist angenehm. Wirklich angenehm?

Nach zwei Schwimmzügen entsteht das Gefühl, im Wasser etwas berührt zu haben. Kleine Fische tummeln sich im Nass und scheinen Touristen zu beobachten. Sollten wir uns zu nahe gekommen sein? Eigentlich halten sie immer einen guten Meter Distanz. Doch die Hände berühren immer wieder etwas Unsichtbares. Mit beginnender Flut nehmen diese Kontakte zu. Was kann das sein? Quallen? Es schmerzt nicht, die Berüh-rungen sind nur unangenehm, werden mehr und mehr.

Der hechtähnliche Barrakuda ist in vielen Meeren anzutreffen. Hier im Indischen Ozean lebt der Grosse Barrakuda, mit einer Länge von bis zu 2 Metern und einem Gewicht von bis zu 50 Kilogramm. Diese Raubfische sind unberechenbare Einzelgänger und können recht aggressiv sein. Ihr ausgesprochen starker Unterkiefer kann zu erheblichen Bissverletzungen führen.

Der Grosse Barrakuda gibt Laich und Sperma einfach ins Meer ab und überlässt der Natur den weiteren Prozess. Ein solches Laichgebiet befindet sich vor der Küste Myanmars. Das Mergui-Archipel ist nur wenige hundert Kilometer von Phuket entfernt. Und in diesem Jahr hatten sich die Fische entweder etwas verschätzt, doch offensichtlich auch vor der thailändischen Küste gelaicht.

Es war wenigen Badegästen möglich, dieser zunächst unsicht-baren Objekte habhaft zu werden. Doch es gelang. Sie waren ca. 10 mm gross, zeigten zwei kleine Punkte –  die späteren Augen ? – und eine kleine Spitze – der wohl spätere kräftige Kiefer dieser Räuber.

Die Urlauber schwammen sozusagen wenige Tage im Früh-stadium einer speziellen Art von Fischsuppe.
 
Tsunami
Der zweite Weihnachtsfeiertag 2004 hat hier in der Region des Indischen Ozeans unvergessliches Leid gebracht. Die nach dem Seebeben ausgelösten Tsunami-Wellen brachten Tod und Zerstörung. Mehr als 220.000 Menschen wurden Opfer dieser Naturkatastrophe. Das Epizentrum lag knapp 700 km von der Insel Phuket entfernt. Der Süden Thailands wurde also nicht verschont. Altona-Willy und seine Frau konnten rechtzeitig auf einen kleinen Turm klettern, Manfred sein Appartment in letzter Sekunde verlassen, Felix fuhr damals – ahnend was kommt? – auf der deutlich kürzeren Strecke der Beachroad nach Phuket Town und konnte so den zerstörerischen Wellen entkommen. Mit gut 8 Metern Höhe und 700 Stundenkilometern näherten sich diese dem Urlaubsort. Tausende hatten kein Glück bei dem Versuch, sich vor der Naturgewalt in Sicherheit zu bringen.

Viele Kinder verloren ihre Eltern. Bis heute konnten allein in Thailand über 500 Tote nicht identifiziert werden.

Am 26. Dezember, dem Jahrestag der Katastrophe, wird in speziellen Veranstaltungen jährlich der Opfer und Hinterbliebenen gedacht. Schulkinder gestalten dann den Strand in eine Gedenkstätte um. Es werden Blumen und Meerestiere aus Sand geformt, es werden kleine Löcher in den Strand gegraben und hunderte Kerzen darin deponiert. Bei Dunkelheit erstrahlt  der Strand dann im warmen Kerzenschein, werden Blumen dem Meer übergeben, steigen - von einer kleinen Flamme befeuerte - Papier-Ballone in den nächtlichen Himmel und versuchen, die Sorgen und Nöte, die Trauer der Versammelten davonzutragen; bei aller Schwere, allem Leid, dem ganzen Gedenken etwas Positives, etwas Befreiendes, Erleichterndes zu geben. Das Leben geht weiter.

Tsunami-Warnanlagen wurden längst installiert und funktionieren auch, wie Warnungen nach vorhergesagten Folgebeben oder Tests bewiesen haben. Die Hotels haben entsprechende Vorkehrungen getroffen und üben jährlich einmal die hoffentlich nie weider eintretende Situation.

Wenn die Prognosen der Wissenschaftler stimmen, werden die Erdplatten etwa 400 Jahre benötigen, um eine ähnlich bedrohliche Spannung wie 2004 aufzubauen. Doch mal ehrlich: Wer hat schon so lange Urlaub?
 
Vielfältgikeit
Traditionell steht die Regenbogenfahne für Tolerenz, Akzep-tanz, Vielfältigkeit, Hoffnung, Sehnsucht. Schon in den Bauern-kriegen ( ab 1524 ) war die Regenbogenfahne neben dem Bundschuh das Symbol für eine neue Zeit, für Hoffnung und Veränderung. Die PACE-Bewegung bedient sich dieser Fahne seit ihrem Friedensmarsch im September 1961. Bei der Bei-setzung der in Schwulenkreisen sehr beliebten Schauspielerin  Judy Garland 1969 wurde die Regenbogenfahne gezeigt. Erinnert sei an Garland´s Song „Over the Rainbow“ aus „Der Zauberer von Oz“. 1978 wurde die Regenbogenfahne mit den sechs Farben kreiiert und zum Tod von Harvey Milk, dem schwulen stellvertretenden Bürgermeister von San Francisco als Symbol der Schwulen- und Lesben-Bewegung etabliert.

Die Regenbogenfahne ist ein Symbol für Tolerenz und Akzeptanz geblieben, steht für die Vielfalt in der Liebe.

Die Fahne weht dort, wo Schwule und Lesben auf ihre Situation aufmerksam machen, wo sie ihre Rechte einfordern, wo sie Urlaub machen. So war es viele Jahre auch hier in Patong. Doch seit dem vergangenen Jahr ist die Fahne vom Strand verschwunden. Verteilungskämpfe hinter den Kulissen zwangen die Betreiber des Gay-Beaches zur Räumung des Areals.

Das hat nichts daran geändert, dass Patong unverändert auch eine Gay-Destination ist. Waren es früher eher die älteren Herren, die sich hier ihren Go-Go-Boy suchten, so sind es heute Schwule und Lesben aus allen Teilen der Welt, die hier unter Gleichgesinnten Urlaub und Party machen. Und am Strand ist es in der Hochsaison – auch ohne Fahne – quirlig und lustig wie in alten Zeiten.

Urlauber, die sich wagen, einmal das Areal der  sogenannten „Sexy Girls“, der „Ping-Pong-Shows“ zu verlassen und dem kleinen Gay-Paradise einen Besuch abstatten, werden überrascht sein, wie zivilisiert, wie angenehm, wie höflich, wie lustig, wie ...  wie ..... es hier zugeht. - Willkommen! Bienvenue! Welcome! – Fremder, Étrange, Stranger......
 
Fortsetzung folgt.
Juli 2015
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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