Barbara Pellenz

Zukunft im Spiegel ..........


 
Seit Matthias vor vielen Jahren ihr Leben betrat als bester Freund ihres ältesten Sohnes, hat sich Vieles verändert. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau aus einem alten Adelsgeschlecht, eine starke Patriarchin oder doch wohl eher „Matriarchin“, die ihre Familie mit fester Hand und Härte regierte, ist verwundbar geworden.

Krankheiten die sie nie geglaubt hatte selber zu bekommen, sie doch nicht so Gesund und sportlich wie sie lebte, waren auch nun in Ihrem Leben angekommen. Frische Luft und Bewegung beim Tennis und beim Reiten war doch genau das was Ärzte so gerne als gut und gesund darstellen, waren ihre hauptsächliche Freizeit- oder sogar schon Lebensbeschäftigung geworden. Krank wurden doch immer nur die Anderen und sie hatte nie wirklich Verständnis für diese Menschen gehabt auch in der eigenen Familie nicht. Und dort konnte sie auch sehr verletzend sein, was Matthias immer mal wieder feststellen musste.
 
Sie hatte einen Sohn gehabt, den sie zu seinen Lebzeiten nicht verstand. Immer wenn dieser wieder mal durch seine Behinderung, die er seit seiner Geburt hatte, krank bis hin zu schwerstkrank wurde und erst nur Hilfe und später dann auch Pflege brauchte, war das für sie unerklärlich und kam schon fast einer Bestrafung gleich. Sie fragte sich immer wieder was sie denn falsch gemacht habe um mit solchen Gegebenheiten konfrontiert zu werden. Das konnte oder wollte sie nicht akzeptieren, hatte sich aber leider auch nie ernsthaft mit der Behinderung ihres Sohnes und deren Konsequenzen auseinander gesetzt. Sie sollte es später bitter bereuen.
 
Matthias, der seinen besten Freund trotz oder vielleicht auch wegen seiner Behinderung besonders schätzte, hatte immer versucht, gemeinsame Aktivitäten zu etwas Schönen zu machen. Mit zunehmender schwere der Behinderung oder der dadurch bedingten Ausfälle, nahm er seine Wünsche zurück um seinen Freund alles was noch möglich war auch erleben lassen zu können. Er war so erzogen worden und fand es auch völlig richtig so zu handeln. Auch heute nach Dieters Tod ist er immer noch der Meinung wieder so zu handeln, falls es nachmals darauf ankommen sollte.
 
Dies brachte ihm, außer manchem Ärger, aber auch die Hochachtung der gesamten Familie ein, speziell die von Dieters Mutter Sieglinde. Das führte nun schlussendlich auch dazu, dass er ein Freund der Eltern wurde und auch in anderen Familienangelegenheiten zu Rate gezogen wurde, hatte er sich doch eine gewisse Kompetenz erarbeitet. So ist zu erklären, dass er unter anderem über die Krankengeschichten vieler Familienmitglieder bestens Bescheid wusste. Sieglinde hatte seit vielen Jahren schon einen Herzschrittmacher war aber ansonsten bis vor 12 Jahren von wirklich ernsten Krankheiten verschont geblieben. Doch jedes Mal wenn sie krank war, ging die Welt unter ………… mindestens, und die Familie hatte sich um sie und ihre Bedürfnisse zu drehen.

Doch dann das Ende, ihrer Meinung nach; sie bekam die Diagnose Krebs, und dann auch noch Brustkrebs, etwas Schlimmeres hätte man dieser FRAU nicht antun können. Leider hatte der Krebs bereits gestreut weil sie Matthias´s  Ärztin nicht glauben wollte, die schon drei Jahre früher das erste Warnschild hochgehalten hatte, welches sie ignoriert hatte mit den Worten :“Was weiß denn diese Hexe schon“.

Dafür glaubte sie eher einem männlichen Arzt (einem Tennisfreund), der noch von Werten im Normalbereich sprach, bis auch der zur Operation riet.
Das war ja auch sicherlich erstmal einfacher als sich mit sich und einer möglichen ernsten Erkrankung auseinanderzusetzen.
 
Die Operation und ihre Folgen hat sie bis heute nicht überwunden und sich seitdem nie mehr als Frau gefühlt. Sie war zwar in der Lage gewesen, nach dem ersten Suizidversuch, ihre Krankheit zu tolerieren, es blieb ihr ja auch nichts anders mehr übrig, doch sie wurde zunehmend bösartiger und verletzender und fühlte sich von der Welt unverstanden. Sie war ja schließlich ernsthaft krank und darauf hatte die Welt gefälligst Rücksicht zu nehmen.
Dies war nur der Anfang einer langen Geschichte, die hier nicht weiter ausgeführt werden muss. Was aber wichtig zu wissen ist, dass Sieglinde vor zwölf Jahren ihren Mann verloren hat. Sie hat ihm bis heute nicht verziehen, dass er es wagen konnte sie hier alleine zurückzulassen.

Drei Jahre später verlor sie auch noch ihren behinderten Sohn. Sie hatte ihn zwar nochmals im Krankenhaus besucht, war aber nicht in der Lage ihn bis zu seinem Ende zu begleiten, sie ertrug es nicht und weil unter anderem auch Matthias, der seinen besten Freund so lange es ging begleiten wollt, immer weniger Zeit für sie hatte, kam der Zweite Hilfeschrei in Form von einer nicht genau zu definierenden Tablettenmixtur. Matthias der sie fand und mit dem Notarzt ins KH bringen ließ, war jetzt zusätzlich auch noch Schuld an ihrem Weiterleben. Und das ließ sie ihn spüren.

Sieglinde hat sich immer weiter eingeigelt und alle ihre Angehörigen aus ihrem Leben mehr oder weniger verbannt, auch Matthias, den allerdings als Letzten. Die Einzigen die einen Platz hatten waren ihre Beiden Haushälterinnen. Doch vor zwei Jahren starb die ältere davon, Gott sei Dank einen gnädigen schnellen Tod. Ja Sieglinde, sie starb den Tod den Du dir seit vielen Jahren wünschst und doch lebst du noch und musst immer mehr Leiden tragen.
Seit ein paar Monaten hat Matthias wieder versucht Kontakt zu Sieglinde aufzunehmen. Er wollte für sich einen Strich unter die Vergangenheit ziehen und wieder im hier und jetzt Leben.

Die noch verbliebene Haushälterin hat sich immer öfter an Matthias gewendet um einen Rat zu bekommen, weil die alte Herrscherin immer unzugänglicher, bösartiger und unnachsichtiger wurde. Sieglinde lebt seit längeren mit sich alleine und dreht sich in ihrer Welt nur noch um sich selber, ihre Gedanken, ihre Fehler, ihr Unvermögen und sie stellt zunehmend fest was sie alles nicht mehr ohne Hilfe kann. Um sie herum sterben immer mehr ihrer Freunde. Geblieben sind ihr nur noch eine alte Freundin aus Kindertagen, ihre Haushälterin und ihre Familie, die sie eigentlich aus ihrem Leben verbannt hat, und Matthias.

Sie vereinsamt immer mehr und hat vor ein paar Wochen begonnen, wieder mit Matthias zu reden, besser gesagt seine Hilfe, seine Liebe, seine Fürsorge zu suchen. Sie ist vor ein paar Tagen 93 geworden und es ist nicht mehr zu übersehen, dass sie zunehmend schwächer wird, körperlich gezeichnet und dass ihr Geist zwar immer noch funktioniert als würde er nicht altern. Aber die Altersdemenz macht sich auch immer breiter.

Sie hat immer wieder lichte Momente oder auch Stunden, aber es gibt zunehmend Zeiten in denen sie nicht mehr weiß wer sie ist. Sie ist dann hilflos im wahrsten Sinne des Wortes, sie kann sich nicht mehr helfen und sie hat nur noch Angst, macht sich selber permanent Vorwürfe wegen ihres uneinsichtigen Verhaltens ihrem Mann und ihrem Sohn gegenüber. Jetzt kann sie sie verstehen und bereut ihr Verhalten und kann nicht mehr um Verzeihung bitten was sie nur zu gerne würde und darunter leidet sie sehr.
Nur daran kann niemand etwas ändern. Sie sehnt sich danach endlich gehen zu dürfen, kann aber auch nicht (noch nicht) loslassen. In diesem Zwiespalt vergehen die Tage und Wochen und allen um sie herum ist klar, dass sie nicht mehr alleine ohne Hilfe leben kann. Besser gesagt es ist nicht mehr zu verantworten sie alleine leben zu lassen. Doch sie zeigt sich uneinsichtig und bockig. Bis jetzt hat sie es jedes Mal geschafft wenn sie „begutachtet“ werden sollte, dem Arzt oder wem auch immer klar zu machen, dass sie keinerlei Hilfe benötigt, dabei hilft ihr die strenge Erziehung ihrer Kinder- und Jugendzeit durch unerbittliche Eltern und Erzieher.
 
Aber es muss eine Entscheidung getroffen werden, für sie, damit die Zeit bis zu ihrem Ableben menschenwürdig sein wird.
 
Die Gespräche zwischen Matthias und Sieglinde werden häufiger und sind recht anstrengend, aber sie freut sich immer wieder wenn er ihr zuhört oder versucht zu verstehen und sein Bestes tut, ihr ihre Ängste zu nehmen.
 
Matthias ist nun selber schon lange im Ruhestand und macht sich so seine Gedanken über das alt werden, und das weitere Leben im Alter. Immer wieder hat er das Gefühl in Sieglindes Gesicht einen Spiegel zu sehen der ihm seine Zukunft zu zeigen versucht. Eine Zukunft die er so für sich nicht will.
Er hat auch seine Weichen schon sehr früh anders gestellt. Er ist ein positiv denkender, liebender Mensch und es gibt Menschen in seinem Leben die ihn lieben und die er lieben darf. Sicherlich werden auch bei ihm eines Tages die Einschläge der Verluste näher und näher kommen. Aber er hofft seine Liebe und seine Hoffnung bis zum Schluss nicht zu verlieren um nicht so verbittert und einsam zu enden wie Sieglinde.

Eines weiß er bestimmt, er genießt sein Leben mit allen Freuden die es ihm bietet. Er hat gelernt zu geben aber auch anzunehmen und diese Balance hält ihn fest in seinem Leben.

Doch alt werden und eines Tages sterben muss er auch und deshalb sieht er immer wieder mit einem Lächeln im Gesicht in Sieglindes Augen und in das was sie ihm Widerspiegeln.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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