Sven Eisenberger

“Die erleben ja nichts mehr...“

Mensch, was haben die damals nicht alles erlebt! Na gut, nicht freiwillig, wie sie immer betonten, aber immerhin waren sie dabei, bei der größten Menschenvernichtung des 20.Jahrhunderts. Möglicherweise werden wir - oder die anderen – in diesem Jahrhundert Katastrophen noch größeren Ausmaßes erleben, doch bis dahin: Hut ab vor dem, was Klein- und Großväter wie -mütter alles er-, mit- und überlebt haben. Vier Jahrzehnte hat es gedauert, bis sie allmählich und zaghaft begannen, endlich zu erzählen - und seitdem hören sie nicht mehr auf. Wer noch nicht als sogenannter „Zeitzeuge“ figurierte, ist vermutlich schon verblichen. Sogar die bei Kriegsende erst Fünfjährigen berichten von ihren Kriegserlebnissen, von Bombennächten, Kolonnen russischer Kriegsgefangener, die gar nicht mehr aussahen wie Menschen, vom ersten Amerikaner, der meistens schwarz war (obwohl die meisten weiß waren), dem Spielen in Bombentrichtern und Ruinen, von Flucht und Vertreibung, von Nachkriegselend, Hunger, Kälte und Entbehrungen. Und die alten Männer, die mit einem Male so viel zu berichten hatten, dass selbst ihre Frauen sie nicht wiederzuerkennen glaubten, schwadronieren von Straßenkämpfen, Bürgerkrieg, Arbeitsdienst und -lagern, Massenaufmärschen und -erschießungen, geraubter Jugend und Jugend auf Raubzug. Nur den einen, entscheidenden, weil verflucht einzig wahren Satz, den habe ich nie gehört: „Ich bin verdammt froh, überlebt zu haben.“ Vielleicht war die gefühlte Schuld gegenüber all jenen, die nicht nur nicht überlebt, sondern einfach viel zu jung und zu grausam gestorben waren, zeitlebens zu erdrückend, um diesen Satz artikulieren zu können. Fühlten sie sich doch alle schuldig, obwohl sie die Schuldfrage zeitlebens so leidenschaftlich zu relativieren versuchten oder gar zurückwiesen, weil das alles ja doch nicht verstehen könne, wer es nicht miterlebt hatte.


Dürfen wir da überhaupt von unserem erbärmlich ereignislosen Leben erzählen? Ist das überhaupt ein erzählenswertes Leben, das wir da führen? Ja, es ist ein Leben, so gut und schlecht wie jedes andere, und wir dürfen und müssen erzählen und mit dem Satz beginnen: „Ich bin froh, in den frühen 60ern mit vollständigen Gliedmaßen in diese Welt gekommen zu sein, weil meine Mutter den Pharmaversprechen der schmerzfreien Geburt nicht geglaubt hatte, nicht in Vietnam, Biafra oder Palästina geboren worden zu sein, „1968“ nur zum Ballspielen auf der Straße gewesen zu sein, das Ruhrgebiet „geatmet“ zu haben, bevor der Kohlenstaub sich in Museumsstaub verwandelte, auf dem Schulweg nicht zu den Verkehrsopfern der B1 gezählt zu haben oder einem hinter Büschen lauernden „Sittenstrolch“ begegnet zu sein, Willi Lippens noch in Aktion gesehen zu haben, nicht in die Verluststatistik atomarer Planspiele eingegangen zu sein, auch im unfreiwilligen Exil die alten Freunde nicht vergessen zu haben, die notwendige Entwicklung vom Musterschüler zum Schulverweigerer durchlitten zu haben, kein Terrorist, sondern Zyniker geworden zu sein, West-Berlin und die DDR noch in all ihrer neurotischen Tristesse gekannt zu haben, weit weg und doch zu nah an Tschernobyl gewesen zu sein, ein luxuriös langes Studium absolviert zu haben, Experte für etwas geworden zu sein, was die Wissenschaft irgendwann nicht mehr interessierte, die Frau meines Lebens immer wieder gefunden und meine Erinnerung an zu früh gegangene Freunde nicht verloren zu haben.
So oder anders bin auch ich froh, noch am Leben zu sein und aller heiteren Erwartung nach nicht wiedergeboren werden zu müssen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.08.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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