Christiane Mielck-Retzdorff

Eine unverbindliche Beziehung



 
„Scheiße“, schrie Jennifer enttäuscht und war kurz davor ihr Smartphone gegen die Wand des Wohnzimmers zu werfen. Sie stand herausgeputzt neben den Designermöbeln und schaute auf ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Draußen dämmerte es bereits und die Lichter der Großstadt zeugten von dem beginnenden Nachtleben. Jennifer fühlte, wie die Straßen in der Tiefe sie riefen. Stürze dich hinein in den Trubel. Feiere mit anderen Menschen deine Unabhängigkeit. Zeige der Welt die Attraktivität einer erfolgreichen Frau. Andere Männer warten nur auf dich.
 
Natürlich war es der Plan der jungen Frau gewesen, heute Abend auszugehen. Doch sie wollte Gordon treffen jenen amerikanischen Geschäftsmann, der nicht nur gut aussah und charmant plaudern konnte, sondern auch verstand, ihre sexuellen Wünsche vorzüglich zu befriedigen. Sie hatten sich einst auf einem internationalen Kongress kennengelernt. Zwei ungebundene, abenteuerlustige Menschen, die in hektischen Zeiten nicht damit warten wollten, sich einander hinzugeben. Fortan meldete Gordon sich immer, wenn ihn seine Geschäfte in diese Stadt verschlugen. Sie gingen gemeinsam Essen und landeten anschließend in Jennifers Bett.
 
Es war nicht so, dass die junge Frau nicht gelegentlich auch andere Männer zu sich einlud, aber keiner von diesen vermochte ihre Begierden zu stillen. Außerdem äußerten etliche den Wunsch, die Beziehung zu vertiefen, was Jennifer stets ungehalten ablehnte. Sie wollte nicht ihr Leben mit einem Mann teilen, ihn bekochen, seine Wäsche waschen und letztlich, so wie ihre früheren Freundinnen, in einer langweiligen Ehe mit Kindern enden. Mit Mitte dreißig tickte ihre biologische Uhr noch gleichmäßig und sie verdiente genug Geld, um sich einen sehr angenehmen Alltag zu gestalten. Außerdem war sie beruflich zu ehrgeizig, um sich mit den Problemen einer Familie  belasten zu wollen.
 
So stellte Gordon eine hervorragende Alternative dar. Er lebte weit weg in den USA, kam, um sich mit Jennifer zu vergnügen, stellte keine Ansprüche und verschwand wieder. Nur sehr selten schickten sie einander Nachrichten über das Internet. Bei ihren Treffen sprachen sie über Weltwirtschaft und wussten kaum etwas über das Privatleben des anderen. Doch nun hatte Gordon schon zum zweiten Mal ein Verabredung kurzfristig abgesagt und das beunruhigte Jennifer.
 
Sollte sie vielleicht bei Facebook nachforschen, ob der Mann mittlerweile in einer Beziehung feststeckte? Aber so ein Vorgehen würde die unausgesprochenen Regeln zwischen beiden verletzen. Hatte er berufliche Probleme, die ihn zwangen, sich voll auf seine Arbeit zu konzentrieren? Aber das würde Jennifer doch verstehen. Warum weckte er erst ihre Vorfreude auf einen gemeinsamen Abend, um sie dann unbefriedigt im Regen stehen zu lassen?
 
Diese Fragen und ein Knacks in ihrem Selbstwertgefühl ließen Jennifer vor den Spiegel treten. Ihre sorgfältig geglätteten, langen Haare glänzten im Schein der Lampe. Durch mehrmaliges Tuschen volle Wimpern, zartes Make-up und schimmernde rote Lippen unterstrichen das Gesicht einer verführerischen Frau. Ein wohlgeformter Busen über schmaler, durch einen Gürtel betonter Taille und ein eng anliegender Minirock zeigten eine reizvolle Figur. Das edle Sakko, das noch auf seinem Bügel hing, würde Jennifer den Touch einer erfolgreichen Geschäftsfrau geben, deren Füße natürlich in teuren, hochhackigen Schuhen steckten. So sah eine begehrenswerte Frau aus, die alles erreichen konnte.
 
Doch auch dieser Anblick besserte Jennifers Laune nicht. Sie fühlte sich plötzlich einsam. Natürlich konnte sie sich problemlos über die sozialen Netzwerke mit irgendjemandem verabreden oder einfach eines der ihr bekannten Lokale besuchen, wo sie bestimmt einen Mann für die Nacht finden würde. Aber danach stand ihr nicht der Sinn. Sie wollte wissen, warum Gordon abgesagt hatte. Plötzlich interessierte es Jennifer, wie es ihm ging, was er in seiner Freizeit machte, welche Bedeutung sie für diesen Mann hatte. Sie sehnte sich nach seiner Stimme, nach seinem Lachen, nach seinen Berührungen. Ein unbekannter Schmerz zog ihr Herz zusammen.
 
Als ihr Smartphone klingelte, schaute Jennifer wie gewohnt, aber ohne Freude auf das Display. Doch dann verschlug es ihr fast den Atem. Gordon rief an. Warum zitterte ihre Hand? Als Jennifer sich meldete, stammelte sie beinahe. Eine heiße Woge durchflutete ihren Körper, als sie die vertraute Stimme hörte. Diese erklärte, dass es erneut eine Terminverschiebung gegeben habe. Gerade war Gordon auf dem Flughafen der Stadt gelandet. Er hoffte sehr, sie sei keine anderen Verpflichtungen eingegangen. Als Jennifer das verneinte, floss eine Träne der Erleichterung ihre Wange hinab. Heute wollte sie diesen Mann endlich kennenlernen.
 
Sie trafen sich wie immer in einem Steakhouse, was Jennifer einst eingeführt hatte, weil sie der Meinung war, ein gutes Stück Fleisch wäre der Manneskraft zuträglich. Den bestellten Tisch hatte die Frau noch nicht abgesagt und als sie Gordon dort sitzen sah, lächelte sie ihn so selig an, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte. Dabei wurden ihre Gesichtszüge weich wie die eines jungen Mädchens. Dieser Anblick berührte den Mann tief.
 
Gordon erhob sich von seinem Stuhl, umarmte Jennifer vorsichtig und hauchte einen Kuss auf ihre Wange. Beide sprachen Deutsch miteinander, da die Mutter des Mannes aus Niedersachsen stammte und ihn schon als Kind mit dieser Sprache vertraut machte. So konnte er bei jedem Treffen seine Sprachkenntnisse trainieren.
 
Da sie sich so selten trafen, dass sie sich in den ersten Augenblicken wie Fremde gegenüber saßen, hatten sie Rituale entwickelt, an denen sich die Vertrautheit emporranken konnte. Sie begannen mit der Frage nach dem gewünschten Aperitif, dem Blick in die Speisekarte und der Bestellung. Dieses wurde nur von spärlichen Worten begleitet. Dann folgte die übliche Analyse der wirtschaftlichen Entwicklungen. Beim Essen wurden Erinnerungen an frühere, gemeinsame Erlebnisse ausgetauscht. Manches Lachen ertönte.
 
Doch Jennifer war von einer seltsamen Unruhe erfüllt, die Gordon zwar bemerkte, aber nicht zu deuten vermochte. Schließlich bestellte die junge Frau noch eine weitere Flasche Wein, was sonst so gar nicht ihre Art war. Das gefüllte Glas erhebend fragte Jennifer unsicher:
„Wie geht es Dir sonst so? Läuft alles glatt im Job?“
Erstaunt über dieses ungewohnte Interesse antwortete Gordon nur, dass alles seinen geschmeidigen Gang gehe.
Jennifer nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte weiter:
„Hast Du eigentlich eine Frau oder Partnerin in den USA?“
Gordon stutzte. Hatten sie nicht vereinbart, solche Themen in ihren Gesprächen auszusparen? Was mochte die Ursache für Jennifers plötzliches Interesse an seinem Privatleben sein?
„Das kannst Du doch alles bei Facebook nachlesen.“, wich er aus.
„Ich möchte aber, dass Du es mir erzählst.“
„Wir kennen uns nun schon über drei Jahre, doch nie wolltest Du etwas über mich und mein Leben wissen. Was hat sich plötzlich geändert?“
Diese Frage brachte nun Jennifer in Verlegenheit, denn sie wusste es selbst nicht genau. Also flüchtete sie sich in den Angriff.
„Nun zier dich doch nicht so.“
„Also gut.“, gab Gordon nach. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Sollte er das Risiko wirklich eingehen? Ihm lag mehr an den Treffen mit Jennifer als diese ahnte. Nun musste er den Kampf mit dieser undurchschaubaren Frau aufnehmen.
„Ich bin schon seit 10 Jahren verheiratet und habe fünf Kinder. Der Älteste spielt sehr gut Baseball. Da habe ich gerade ein Video bei Facebook eingestellt.“
Diese Offenbarung traf Jennifer wie ein Keulenschlag und sie benötigte all ihre Beherrschung, um das nicht zu deutlich zu zeigen. Schnell leerte sie ihr Weinglas in einem Zug. Ihr fehlten die Worte, also bemerkte sie nur:
„Das ist ja toll.“
Überzeugend klang sie dabei nicht. In ihr war brutal eine Hoffnung gemeuchelt worden, von der sie bisher nichts gewusst hatte. Mit Gordon wollte sie ihr Leben verbringen. Aber wie hatte sie annehmen können, dass dieser attraktive Mann solo ist? Ihre eigene Naivität erschütterte sie. Doch auch das Bewusstsein, nie wieder ungezwungen in seinen Arm liegen zu können, jagte Schauer über ihren Rücken.
„Was hast du?“, fragte Gordon fürsorglich. „Ich dachte, unsere Beziehung sei vollkommen unverbindlich. Du hast doch nie Zweifel daran gelassen, dass eine feste Bindung für dich nicht in Frage kommt.“
Jennifer fühlte sich ertappt, gedemütigt und hilflos. Hektisch sprang sie von ihrem Stuhl auf und sagte:
„Ich glaube, eine Erkältung greift mich an. Es tut mir leid, aber ich muss allein nach Hause und sofort ins Bett.“
Dann rannte sie aus dem Lokal, bevor Gordon eingreifen konnte.
 
Wieder in ihrer Wohnung ließ Jennifer ihren Tränen freien Lauf. Sie ärgerte sich über sich selbst und ihre aufgebrachten Gefühle. Doch jeder Versuch ihres Verstandes die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen, scheiterte. Dann beschloss sie ihre Qualen noch weiter zu vergrößern, in dem sie sich Gordons Familienidylle bei Facebook ansehen wollte.
 
Als sie sein Foto sah, pochte ihr Herz zum Zerspringen. Sie hatte den wichtigsten Mann in ihrem Leben verloren. Doch es hatte keinen Zweck davonzurennen. Nun wollte sie sich alles ansehen, alles erfahren und dann mit dem Thema abschließen.
 
Aber laut Facebook war Gordon nicht verheiratet, hatte auch keinen Baseball spielenden Sohn. Hatte er sie belogen oder diese Informationen bewusst zurückgehalten, um sich als vermeintlich ungebundener Mann auf der ganzen Welt verlustieren zu können? Was wusste sie überhaupt von ihm? Wollte er nicht sogar mal mit ihr Urlaub machen? War Gordon ein hinterhältiger Betrüger, ein Mann, der sie nur zum Sex missbraucht hatte?
 
Wo hatte sie nur den goldenen Ring gelassen, den er ihr einst geschenkt hatte, den sie aber nie trug, weil dieser wie ein Verlobungsring aussah. Hatte Gordon nicht damals sogar einen Tisch in einem vornehmen Restaurant bestellt, doch sie darauf bestanden, wie gewohnt vor den nächtlichen Vergnügungen im Steakhouse zu speisen? Hatte etwa ihre Bindungssangst ihren Blick auf seine Gefühle vollkommen vernebelt? Oder war der Mann doch nur ein Hallodri, für den das Leben ein Spiel war.
 
Als es kurz vor Mitternacht an der Tür klingelte, erzitterte Jennifer. Irgendjemand war offensichtlich durch den Haupteingang in das Hochhaus gekommen und stand nun vor ihrer Wohnung. Es war unvernünftig zu öffnen. Doch eine drängende Hoffnung trieb sie zur Tür. Ohne durch den Spion zu schauen, riss sie diese auf. Dort stand Gordon mit einem vor Sorgen zerfurchten Gesicht. Jennifer war unfähig, sich zu rühren. Dann hörte sie die Worte:
 
„Seit Jahren gibt es nur eine Frau in meinem Leben und die bist Du. Ich liebe dich, Jennifer!“
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.08.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Die Töchter der Elemente: Teil 1 - Der Aufbruch von Christiane Mielck-Retzdorff



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