Petra von Breitenbach

sekundenlang

Auf der A66 Richtung Frankfurt herrscht am Montagmorgen, dem 28. August, dichter Verkehr. Ein Lastwagen reiht sich hinter dem anderen, am Frankfurter Kreuz ziehen die endlosen Lkw-Kolonnen dahin. Cäcilie bemerkt aus dem Augenwinkel die Beschleunigungsspur rechts von ihr. Eigentlich müsste sie wegen des hohen Verkehrsaufkommens abbremsen.

Werner sitzt am Steuer seines weißen Mercedes S-Klasse. Angespannt sucht er nach einer Lücke, um von der Beschleunigungsspur auf die Autobahn einzufädeln. Doch die endlose Wand aus Lkws lässt keinen Raum. „Wie soll ich hier bloß durchkommen?“ Ein plötzliches, ohrenbetäubendes Hupen reißt ihn aus seinen Gedanken. Er zuckt zusammen. Dann dämmert ihm: „Der macht mir Platz! Ich kann rausfahren …“

Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: Eigentlich ist das eine Einladung zum Selbstmord. Doch er weiß: Wenn er diese Chance jetzt nicht nutzt, wird er auf der falschen Autobahn landen und das Meeting verpassen. Mit einem Ruck tritt er aufs Gas, zwingt sich durch die enge Lücke zwischen zwei Lkws. Der hintere verlangsamt leicht, aber das Manöver bleibt riskant.

Cäcilie sieht, wie ein weißer Pkw mit quietschenden Reifen durch die Lkw-Linie bricht und auf die Autobahn schießt. Die rechten Außenreifen verlieren den Kontakt zur Straße – sie kennt dieses Bild aus Werbespots: Der berüchtigte Elchtest. Sekunden dehnen sich zur Ewigkeit. Der Wagen beginnt zu schwanken, hüpft wie ein unkontrollierter Ball, dreht sich zweimal um die eigene Achse – und rast direkt auf sie zu. Im Inneren schleudert der Fahrer wie eine Puppe umher, sein Kopf prallt gegen die Decke. Sein Fahrzeug hat die Kontrolle übernommen. Durch die Windschutzscheibe erkennt sie nur schemenhaft sein Gesicht – apathisch, leer.

Werners Gedanken rasen: Ich habe die Kontrolle verloren. Warum bin ich bloß in diese Lücke gefahren? Wegen Alfred, meinem Chef. Wegen meiner Angst vor ihm. Ärger wegen meiner Verspätung. Warum bin ich nicht früher losgefahren? Wegen Ilse … Wieder eine Szene. Er hat das Gefühl zu schweben. Seine Sicht verschwimmt. Kein Horizont, nur ein taumelndes Chaos. Der Gurt hält ihn fest, doch er ist wie in Trance.

Dann sieht er das blaue Auto vor sich. Jetzt ist es aus. Ich bin ausgeliefert. Kein Angstgefühl, keine Emotion.

Cäcilies Puls rast. Es geht um Leben und Tod.

Hans, erfahrener Lkw-Fahrer, verfolgt das Geschehen aus seinem hohen Führerhaus. Er fährt auf dem rechten Fahrstreifen, die Lkw-Kolonne zieht sich endlos hin. Er sieht die drohende Kollision: Der weiße Mercedes taumelt auf die mittlere Spur, direkt auf Cäcilies Citroën zu. Nur wenige Meter trennen die Fahrzeuge.

Vielleicht kann sie es schaffen – wenn ich beschleunige. Er tritt energisch aufs Gaspedal. Sein Lkw schießt rechts an Cäcilies Citroën vorbei. Und da – die rettende Lücke! Sie erkennt die Chance und zieht blitzschnell nach rechts.

„Wie ein Sechser im Lotto,“ denkt Cäcilie, während sie zitternd ihr Lenkrad fest umklammert. Sie gibt Gas, winkt dem Lkw-Fahrer im Vorbeifahren zu. Er hupt und blinkt kurz auf.

Dann: absolute Stille. Kein Auto weit und breit. Sie sieht in den Rückspiegel – nichts. Ihre Nerven liegen blank. Mit bebenden Fingern kneift sie sich mehrfach in den Arm, versucht, den Schreck loszuwerden. Sie atmet tief durch.

Wenn ich jetzt nicht weiterfahre, werde ich mich nie wieder ans Steuer setzen.

 

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