Tatiana Biever

Das Medaillon


22 Dezember 1944.
 
Der Wind heulte in dieser Nacht in bitterer, schneidender Eiseskälte, mit einem unbarmherzigen Getöse, so als wolle er in Zorneseifer die Schüsse und Schreie übertönen, die Stimmen durcheinander wirbeln, so als erhebe sich die Erde gegen  das Treiben der Menschen auf ihr. Ein Schneesturm kam auf, er erschwerte den Fußmarsch der hunderttausenden Soldaten, darunter die der deutschen Wehrmacht, sowie die der Alliierten Bodentruppen. Die Naturgewalten erhoben sich an diesem Abend, mitten im Unheil, das seinen unerbitterlichen Lauf nahm. Der Tod schlug um sich und die Schreie hallten durch die Nacht, vom peitschendem Sturm und Wind in alle Himmelsrichtungen dahin getragen, als Zeugen des Grauens, des Verderbens, der Unmenschlichkeit und als Symbol des menschlichen Größenwahns, der nicht mal mehr davor zurückschreckte in dieser schrecklichsten Schlacht die Kinder seines Volkes preis zu geben und sie dem Tod als Fraß vor die Füsse zu werfen.
 
Das war also der letzte Zug den Machthaber forderten. Und zu dieser letzten Offensive, die als Ardennenoffensive in die Geschichte einging, blieben der deutschen Wehrmacht fast nur noch Kinder und alte Menschen übrig, die dem Verderben preis gegeben wurden. denn die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn vermag in jedem Krieg irgendwann keiner mehr zu ziehen.  Wenn Macht, Hass und Zorn der Bereitschaef unterlegen alles zu opfern bedeuten Menschenleben nichts mehr und ganze Nationen sind schnell vergiftet und verseucht. Und der Untergang kam, das Verderben hatte sie ereilt,  der Kampf um Bastogne wurde zur blutigsten Schlacht des zweiten Weltkrieges. In dieser Schlacht tobte das blind um sich schlagende Grauen, es war eine weitere Schlacht im Zeichen der menschlichen Abgründe.
 
Auch  der 21jährige Johan war eingezogen worden, er wollte erst desertieren, aber Gerüchte gingen umher, dass deutsche Soldaten in Uniformen der Alliierten unterwegs seien, und Deserteuren auflauern würden um sie zu erschiessen.  Er hasste diesen Krieg, er hasste diese Schlacht, er hasste diese Nacht. Die Kälte, den Schneesturm, diese dichten undurchsichtigen Wälder der Ardennen in denen er schon seit Tagen unterwegs war, stets die Angst im Nacken diesen Schauplatz des Grauens nicht lebend zu verlassen.

Er hatte so viele Pläne, so viele Ziele, so viele Begabungen, so vieles was er erreichen wollte in seinem Leben, und da war ja auch noch sie, seine grosse Liebe…. . So weit von ihm entfernt, er sah ihr Gesicht vor sich, ihr Lächeln, ihre strahlenden Augen, in seinem Geist vernahm er ihre Stimme, er hörte ihr Lachen, so lange schon war sie seine heimliche Liebe, aber noch nie hatte er den Mut gefasst ihr dies zu gestehen.  Sie war so wunderschön, so voller Anmut und Grazie, was sollte dieses wundervolle Wesen mit einem langen schlacksigen Kerl wie ihm? Und doch, er liebte sie.
 
Am Abend bevor er eingezogen wurde, war er zu der Brücke ausserhalb des Dorfes in dem er aufgewachsen war gegangen. Er  hatte eine Kette  und einem wunderschönen Medaillon. Das Medaillon hatte die Form eines Herzens, das man teilen und wieder zusammenfügen konnte. Er wollte die Kette, mit der einen Hälfte des Medaillons seiner grossen Liebe schenken,  und vielleicht, vielleicht würde ja der Tag für ihn einmal kommen, wo sie gemeinsam das Medaillon wieder zusammenfügen konnten, dann würde er sich wie ein Ganzes fühlen, zwei halbe Herzen, zu einem gemeinsamen ganzen vereint …. . Doch ihm fehlte der Mut dies zu tun.  Vielleicht war die Idee auch zu kindisch. Aber war es nicht genau das was er fühlte? Er fühlte sich so geteilt, sein Herz wusste wohin es wollte, und doch, es gab scheinbar keinen Weg dahin.
Er überlegte wie er ihr die Kette zukommen lassen könnte, vielleicht sollte er ihr auch ein paar Zeilen dazu schreiben, vielleicht, ja, vielleicht.  Vielleicht würde er ja auch aus diesem Krieg niemals zurück kehren, aber vielleicht ja doch, und vielleicht würde sich sein Traum erfüllen, und sein Herz sich mit dem ihren vereinen können.
 
„Ach Spinner!“ sagte er irgendwann zu sich selber, als er neben sich eine Stimme hörte. Gedankenverloren wie er war, hatte er gar nicht mitbekommen dass jemand die Brücke betreten hatte. Neben sich hörte er die Worte: „Kann spinnen nicht auch schön sein? Vor allem wenn es Träume sind? Ist es nicht schön dass Menschen die Fähigkeit zu träumen haben, selbst wenn die Realität ihnen keinen Anlass dazu gibt?“
 
Johan drehte sich um, und sah einen jungen Mann neben sich, kaum älter als er selber. „Woher weisst du dass ich träume?“ fragte er. Der Junge lächelte: „Ich beobachte dich schon eine ganze Weile, sowas sieht man.“ Dann schaute er auf die Kette in Johans Hand: „Schöne Kette.“sagte er. „Für jemand Bestimmtes?“  Nun platzte es aus Johan raus und wieso auch immer, er erzählte dem Jungen die ganze Geschichte von seiner grossen Liebe, und dem fehlenden Mut ihr näher zu kommen, als sie immer nur anzulächeln, und von der Sehnsucht in seinem Herzen, sich mit ihr zu vereinen. Aber vielleicht war dies ja auch eine Fügung des Schicksals. Wer weiss? Denn der Junge bot an, die Kette für Johan zu überreichen, und so trennte Johan den einen Teil des Herzens, von dem anderen, und behielt ihn bei sich, während der andere sich so gut wie auf dem Weg zu seiner angebeteten Martha befand. Wieso Johan dem Jungen vertraute wusste er nicht, aber er tat es. Und mit den Worten: „Dieses Medaillon wird sich eines Tages wieder zusammen fügen!“ ging der Junge weg, er verschwand in einer, wie Johan dachte, leicht leuchtenden Nebelbank, die urplötzlich aufgetaucht war, obwohl die Nacht zwar bitterkalt, jedoch sternenklar war.
 
Und nun, wenige Tage später, kämpfte er sich in Bastogne, durch die Schlacht der Schlachten, durch Schnee, und eisig schneidenden Wind. In Soldatenuniform, mit schweren Stiefeln, und doch waren seine Füsse bereits so durchgefroren, dass er sie kaum noch spüren konnte. Das schwere Gewehr über den Schultern, und die Sehnsucht in seinem Herzen. Er sah ihr Lächeln vor sich, es war als fühle sie in seinen Armen, die Sehnsucht begann an ihm zu reissen. Die Sehnsucht jetzt dahin zu können wo sein Herz geblieben war, wo die andere Hälfte seines Medaillons angekommen war, hoffentlich hatte sie es wenigstens angenommen, hoffentlich … . Johan schluckte, er spürte den Stich in sich, inmitten seines Herzens. Das Geschehen um ihn herum, er wünschte er könnte dem entfliehen, doch es gab hier kein Entrinnen, es gab hier nur noch ein töten, oder getötet werden.
 
Dann kam ein grosses Getöse, Kampfgeschwader tauchten auf, ein Luftangriff, die Nacht wurde durch laut schallende und knallende Blitze erhellt, und die Schreie gingen ins unermessliche. Unweit von Johan entfernt ein weiterer Knall, für einen Moment dachte er, es zerreisst ihn nun ganz, dann fühlte er nur noch diesen Schmerz, und dass ihm schwarz vor Augen wurde. Er sackte zusammen, und sein letzter Gedanke galt der einen Hälfte des Medaillons in seiner Hemdtasche, ein kurzer Moment der Trauer, es wird sich nicht zusammenfügen. Dann verlor er das Bewusstsein.
 
Der Schmerz war unerträglich als er wieder zu sich kam. Wie aus der Ferne vernahm er laute Schreie, Heulen, Getöse. „Wir müssen hier weg!“ vernahm er eine Stimme, und laut schrie sie weiter: „Rückzug!“ Kanonen- und Gewehrschüsse übertönten das Inferno.  Er versuchte die Augen zu öffnen, es gelang ihm kaum. Er hörte wie jemand zu ihm gerannt kam, und erkannte die Stimme seines Kameraden Heinrich. „Johan, steh auf, schnell, steh auf.“ Heinrich schrie ihn panisch an. „Johan, hörst du mich.“ Einen Moment lang hielt er inne, dann sagte Heinrich leise „Oh mein Gott!“ Eine andere Stimme erklang, sie rief: „Lass ihn liegen, für ihn ist es zu spät, komm du nun oder willst du heute auch noch sterben?“ Johan spürte wie eine in unbequeme harte Handschuhe eingepackte Hand sein eiskaltes Gesicht berührte. Dann vernahm er die Worte: „Du wirst es schaffen, hörst du! Du wirst es schaffen!“ Er vernahm ein Schluchzen, und dann hörte er wie jemand Heinrich weg zog. „Los jetzt, uns bleibt keine Zeit mehr! Für den da ist es zu spät!“
 
Langsam öffnete Johan die Augen nun. Die Kälte die ihn in dieser eisigen Nacht umgab nahm er kaum noch wahr.  Fast schon war ihm als breitete sich eine wohlige Wärme in seinem Körper aus .  Die Hektik um ihm herum, die Schreie, die Schüsse, alles wirkte auf einmal so unwirklich. Johan versuchte sich aufzurichten, aber da durchfuhr ihn dieser Schmerz und er sank stöhnend und kraftlos zurück. Ganz nah neben sich vernahm er ein Schluchzen und er hörte ein leises dahin gewimmertes Wort, es lautete: „Mama!“
 
Johan drehte mühevoll den Kopf in Richtung der wimmernden Stimme. „Karl.“ sagte er erschrocken, und mit schwacher Stimme. Der Junge der blutüberströmt und mit nur noch losem wie neben ihm liegenden Bein da lag, blickte ihn an, weinend, zitternd, schluchzend, dann winselte er: „Es tut so weh! Ich will zu meiner Mama, ich will nach Hause!“  „Halte durch Karl. Halte bloss durch! Du kommst bald wieder nach Hause, halte durch!“ hauchte Johan.  In diesem Moment schrie Karl laut auf, sein ganzer Körper bäumte sich auf, er zuckte einige Male, dann sah Johan wie dieser junge Körper in sich zusammensackte, der Kopf sich seitlich senkte, und Karl mit weit aufgerissenen Augen regungslos liegen blieb. „Karl!“ flüsterte Johan, „Nein bitte, Junge, halte durch, ich hab doch gesagt du sollst durch halten.“ Tränen rannen Johan übers Gesicht, warme Tränen die in dieser bitterkalten Nacht auf dem Schnee in Windeseile zu Eiskristallen wurden …. . Karl war grade mal 16 Jahre alt geworden … ein weiteres Opfer dieses sinnlosen barbarischen Krieges.
 
Johan fühlte wie ihm wieder schwarz vor Augen wurde, sein Körper wurde wie von Schmerzen durchschossen, dies war das Ende. Es gab kein entkommen mehr, auch ihn hatte es schwer erwischt. Hier gab es kein Entrinnen mehr, hier könnte ihm nur noch ein Wunder helfen, aber, dieser Krieg liess für Wunder lang schon keinen Raum!
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Sie stand auf der Brücke, ausserhalb des Dorfes in dem sie aufgewachsen war.  Ihr Herz war so schwer. In ihren Händen hielt sie eine Kette, mit einem Medaillon, dem die andere Hälfte fehlte. Eine Träne rann aus ihren Augen. Man hatte ihr gesagt, dass er eingezogen worden war. Und dann kam dieser Junge zu ihr, und überreichte ihr diese Kette, von ihm, dem jungen Mann, in den sie schon so lange verliebt war, doch sie hatte sich nie getraut sich ihm zu nähern. Er hatte sie immer so lieb angelächelt, aber er wirkte so schüchtern, so wie sie auch. Sie hatte sich so oft gefragt ob er sie vielleicht wirklich mögen würde. Aber er war so ein schöner Junge, der schönste den sie je gesehen hatte, keiner kam an ihn heran.  Seine blauen Augen hatten so ein herrliches Funkeln wenn er lächelte, und diese Lachgrübchen, sie liebte sie.
Warum nur hatte sie sich nie den Mut gefasst ihm näher zu kommen?  
 
Aber was wollte so ein junger Mann wie er, der so voller Schönheit steckte, der dieses wundervolle Lachen hatte, schon mit einer wie ihr? So viele Mädchen aus ihrem Dorf schwärmten von ihm, aber nun, er hatte ihr dieses Medaillon zukommen lassen. Ihr!  Und die andere Hälfte, die hatte er behalten. Ihr Herz blutete, wieso nur, hatte sie nie den Mut gehabt, ihm ihre Liebe zu gestehen? Was wenn er nicht mehr aus diesem Krieg zurück kehren würde? Was wenn dieses Medaillon nie wieder zu einem ganzen Herzmedaillon vereint werden kann? Nun konnte sie die Tränen nicht mehr zurück halten. Die Angst um ihn begann ihr die Kehle zu, zu schnüren. Ihr Herz klopfte wie wild, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihm etwas Schlimmes passiert sei, dass es ihm nicht gut geht, dass er niemals zu ihr zurück kehren wird.  „Mein Leben für seins!“ rief sie auf einmal in die Stille der Nacht hinein und weinte all die Tränen, die nur Liebe weinen kann.

„Man sollte solche Worte nicht leichtfertig sagen!“ hörte sie auf einmal eine ihr seltsam bekannte Stimme neben sich. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass ausser ihr noch jemand die Brücke betreten hatte. Nun sah sie den Jungen, der ihr die Kette, mit dem halben Medaillon überreicht hatte.  „Du? Woher wusstest du dass ich hier bin?“ fragte sie. Der Junge schwieg. „Wer bist du eigentlich?“ fragte sie weiter.  „Das spielt keine Rolle, was nun wichtig ist, ist dein Herz und was du wirklich zu geben bereit bist!“ Sie spürte wie Panik in ihr hoch kam. „Es geht ihm nicht gut und du weisst mehr? Stimmt‘s? Sag‘s mir, wie geht es ihm, bitte sprich!“ Der Junge schaute sie an und sagte dann: „Folge mir!“  Was auch immer sie dazu veranlasste ihm zu vertrauen, war es die Verzweiflung? Die Angst um den jungen Mann den sie liebte, die Hoffnung dass alles doch ein gutes Ende nehmen würde?  Sie folgte dem Jungen.
 
Sie gingen Wege durch den Wald, die sie noch niemals gegangen war, obwohl sie meinte sie kenne dieses Wald in und auswendig, aber nun schien er ihr völlig fremd zu sein. „Sag, wo gehen wir hin?“ fragte sie, doch er sagte nur wieder: „Folge mir!“
 
In der Ferne sah sie auf einmal ein beleuchtetes grosses Haus. Auf einer Lichtung hinter dem Wald. Auch dieses kannte sie gar nicht. „Wieso war ich hier noch nie? Ich kenn doch alles hier in der Gegend, ich habe hier noch nie ein Haus gesehen?“ Der Junge schwieg. Mysteriös kam ihr das alles nun schon vor. Aber dennoch, irgendeine Kraft in ihr veranlasste sie dazu weiter zu gehen, und sie fühlte in sich, dass das was sie grade tat, eine entscheidende Bedeutung für den Mann haben würde, den sie liebte.  Als sie sich dem Haus nun näherten, erkannte sie, dass es sich um eine Art Schloss handelte. Aber in der Gegend hier gab es doch gar kein Schloss bisher!
 
Sie kamen zum Eingangstor des Schlosses, und sie folgte dem Jungen hinein. Ihre Schritte hallten in dem weiten leeren Flur. Sie traute sich nicht zu reden, sie stellte nun keine Fragen mehr, sie folgte ihm nur.
Vor einer grossen Doppeltür blieb er stehen. Er schaute sie an und sagte: „Du musst eins wissen, es ist dein Herz das die Entscheidung trifft, es ist nur dein Herz, und du bist frei ihm zu folgen, was auch immer es dir sagen wird. Es wird die Liebe deines Herzens sein, die dich bewegt das zu tun was die Liebe dir sagt.“ Dann öffnete er die Tür.
Sie betraten einen grossen Raum, ein wenig wirkte es wie ein Thronsaal. In der Mitte des Raumes sah sie Kerzen, zwei Kerzen. Die eine war noch sehr gross, die andere fast abgebrannt, der Docht flackerte  und flimmerte schon, und jeden Moment drohte er zu erlöschen.
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Aus der Ferne kam Nebel auf. Ihm war als würde er leuchten. Wo kam dieser Nebel auf einmal her? Wo war er eigentlich? Er schaute sich um. Die Gegend hier war ihm fremd. War er tot? Soeben gestorben? Er wusste es nicht. Er fühlte keinen Schmerz mehr, nichts, es war still, das Getöse das ihn eben noch umgeben hatte hörte er nicht mehr. Er befand sich gar nicht mehr am Platz des Geschehens. Auf einmal sah er eine Gestalt die im Nebel auftauchte und auf ihn zukam. Als sie näher kam erkannte er sie. Sein Herz klopfte. Sie war es! Sie kam auf ihn zu, sie lächelte. Um ihren Hals sah er eine Kette, seine Kette, mit dem halben Medaillon! Er griff instinktiv an seine Brusttasche, und er erfühlte die andere Hälfte des Medaillons.
 
Der Junge hatte sie ihr wirklich gegeben! Und nun war sie hier! Sie war da! Wo auch immer sie grade waren, sie war da! Oder träumte er das nur?  Sie blieb unweit von ihm stehen. Hätte er die Hand ausgestreckt, er hätte sie berühren können, aber er blieb nur regungslos stehen, und schaute sie an. Ergriffen von ihrer Anmut und Schönheit. Er konnte die Augen nicht von ihr lassen. Sie lächelte ihn an, dann fragte sie ihn: „Liebst du?“ Er schluckte, sie raubte ihm den Atem, langsam nickte er, und sagte: „Ja, ich liebe!“ Einen Moment lang sahen sie sich nur an, dann sagte sie: „Wahre Liebe endet nie!“ Dann drehte sie sich um und ging wieder in den Neben hinein. Er wollte ihr folgen, er wollte ihr einfach folgen, aber, er konnte nicht. Er schaute ihr nur hinterher, dann rief er: „Halt bleib hier! Bleib doch hier, oder lass mich mit dir gehen!“ Aus dem Nebel heraus vernahm er nun nochmal ihre Stimme mit den Worten: „Wahre Liebe endet nie!“
 
Dann wachte er auf, inmitten vieler Schreie, vielen Getöses, die Augen zu öffnen vermochte er nicht. Aber er spürte dass ihn jemand hochhob, und auf eine Pritsche legte. „Komm Junge, halte durch, du wirst es schaffen. Kipp uns jetzt nicht weg hier!“ hörte er jemanden sagen, in dem Moment fiel er wieder in eine tiefe Bewusstlosigkeit, doch irgendetwas in ihm hatte ihm die Gewissheit gegeben, dass er gerettet war.
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24 August 2003
Er wachte auf, aus einem traumlosen Schlaf. Im Zimmer hörte er die Geräusche der Maschinen, die seine Herztöne überwachten. Er wusste dass seine Zeit nun gekommen war. Und er war bereit zu gehen. Nach dem Krieg, und der Rettung in letzter Sekunde damals in Bastogne war er nach Hause zurück gekehrt. Das Trauma des Krieges nagte lange an ihm, noch schwerer als das, war dass sie, seine grosse Liebe, in derselben Nacht, als er um sein Leben rang, tot auf jener Brücke gefunden worden war, auf der er diesem Jungen damals die Kette für sie gegeben hatte. Man wusste nicht woran genau sie gestorben war, die Vermutung war Herzversagen, und sie sei in dieser Nacht auf der Brücke erfroren.  Seltsam war dass die Kette, die sie laut Aussagen ihrer Mutter von einem Jungen erhalten habe, und getragen habe, bei ihrem Auffinden nicht mehr an ihrem Hals war. Keiner wusste um ihren Verbleib.
 
Johan ging oft an ihr Grab, sie hatte die Kette angenommen, und ihre Mutter hatte ihm erzählt, wie sehr sie geweint hatte, als der Junge ihr diese Kette gebracht habe. Da wusste er dass sie ihn auch geliebt hatte. Und immer wieder musste er an diesen seltsamen Traum denken, den er in der Nacht dieses schlimmer Schlacht und ihres Todes gehabt hatte. War es wirklich nur ein Traum gewesen?  Oder war sie wirklich da gewesen, und hatte die Kette mitgenommen, in jene Welt die sie in dieser Nacht betreten hatte?
 
Johan jedenfalls behielt seine Hälfte des Medaillons, sein Leben lang. Er kaufte sich selber eine Kette, an die er es hing, trug sie und er trennte sich niemals davon.  
 
Er wurde nach dem Krieg ein erfolgreicher Unternehmer, fünfzehn Jahre nach Kriegsende heiratete er eine frühere Freundin seiner grossen Liebe.  Er schätzte sie, achtete sie, und war ihr ein guter fürsorglicher Ehemann, aber oft fühlte er sich ihr gegenüber schuldig, denn die wahre Liebe seines Herzens blieb immer geteilt, und suchte stets in allem und jedem nach der zweiten Hälfte des Medaillons, aber dieses war auf immer verschollen, und sein Herz kam niemals wirklich an.
 
Nach dem recht frühzeitigen Tod seiner Frau, blieb er Witwer, er wollte nicht nochmal eine Frau zur Nummer zwei in seinem Leben machen, er zog es vor mit seiner unerfüllten Liebe zu leben, denn sie war die einzig wirkliche die er je hatte.
 
In dieser Nacht nun, wo er als alter Mann im sterben lag, konnte er doch auf ein Leben zurück blicken, das er korrekt gelebt hatte, aber die wahre Sehnsucht seines Herzens blieb  sein ganzes Leben lang ungestillt.
 
Johan war sehr müde. Seine Augenlider wurden schwer, sein Atem auch, als er auf einmal eine Stimme neben sich hörte. „Du musst aufstehen, wir müssen gehen!“ Johan öffnete die Augen, es fiel ihm auf einmal sogar leicht. Er begann sich ganz anders zu fühlen, viel freier, irgendwie jünger. Er schaute in die Richtung aus der die Stimme kam, und da sah er einen Jungen. Sein Herz tat einen Sprung. Das war doch dieser eine Junge…. . „Du?“ entfuhr es ihm entsetzt. „Aber, du bist doch dieser Junge von damals … du bist doch, du kannst doch gar kein Junge mehr sein, du bist doch fast so alt wie ich!“ Der Junge lächelte und sagte: „Noch viel älter, aber steh du jetzt auf, du hast eine Verabredung!“ „Verabredung?“ „Ja, sie wartet schon so lange darauf!“ „Sie?“ Sein Herz tat einen Sprung. „Du meinst….“ Der Junge nickte. „Du hast ihr die Kette geschenkt, und sie hat dir ihre Kerze geschenkt, als deine am erlöschen war. Du hast ihre Zeit gelebt, weil ihr Liebe sich für dich gegeben hat.“
 
Johan spürte wie Tränen in seine Augen traten. „Wo, wo ist sie?“ fragte er. Und nun merkte er, wie das ganze Zimmer sich mit farbig leuchtendem Nebel füllte. Und er spürte wie das Medaillon das auf seiner Brust lag, warm wurde. Er richtete sich auf und er merkte dass er nicht mehr der alte Mann war, dessen geschenkte Lebenskerze in dieser Nacht erlosch. Er war wieder der junge Johan, dessen Herz bei der Gestalt, die ihm nun aus dem Nebel entgegen kam, wie wild zu klopfen begann. Wie schön sie war, genau so wie er sie in Erinnerung behalten hatte. Genau so wie er sich sein ganzes Leben lang oft so schmerzhaft nach ihr gesehnt hatte. Nun stand sie hier vor ihm. Die Kette mit dem halben Medaillon um ihren Hals und sie lächelte ihn an. „Liebst du?“ fragte sie. Er lächelte sie an, ergriff ihre Hand, die Finger seiner anderen Hand streichelten über ihre Wangen. Er nickte, und sagte: „Ja, ich liebe!“ Sie nahm das Medaillon das an seiner Kette hing, und auch jenes das an der Kette um ihren Hals hing, und fügte die beiden halben Herzen zusammen, so dass sie wieder zu einem einzigen  ganzen Medaillon vereint wurden, dann schaute sie ihn an, und sagte: „Wahre Liebe endet nie!“
 
Als die Krankenschwester das Zimmer  in Windeseile betrat nachdem die Apparate Alarm zu schlagen begonnen hatten, konnte man nur noch den Tod des alten Johan fest stellen. Was allerdings seltsam war, der alte Herr hatte sich so vehement geweigert diese Kette  an seinem Hals abzuziehen, da war Hopfen und Malz verloren, niemand schaffte es ihn dazu zu kriegen sie aus zu ziehen. Doch genau diese Kette mit diesem halben Medaillon, sie war nun nicht mehr auffindbar!
 

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Tatiana Biever).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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