Horst Lux

Mein Freund Milan

Eigentlich hieß er ja Grzk. Milan Grzk, um genau zu sein. Aber jeder im Betrieb nannte ihn nur Milan.
Wer um Himmels willen hätte seinen Nachnamen aussprechen können, ohne ins Schleudern zu kommen?
Als er in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kam, hatte er die Hoffnung, einen Zipfel des Glücks zu erhaschen, von dem die Leute in dem kleinen Dorf Dubrovčak an der Sava erzählten, wenn sie mit erwartungsvollen Augen von Njemačka sprachen.

 Deutschland schien für diese Menschen das Paradies zu sein. Viele ließen sich damals anwerben, um in der Ferne zu arbeiten, um dann ihre Familien besser versorgen zu können. 
Milan hatte sehr großes Glück, er fand einen Arbeitsplatz in einer westfälischen Textilfabrik, in der auch ich in leitender Stellung tätig war. Da er auch schnell eine tolle Werkswohnung bekam, konnte er kurzfristig seine dreiköpfige Familie nachholen. 
Alles in allem - es ging ihm gut, die Zufriedenheit leuchtete richtig aus seinen Augen. Das Lächeln, mit dem er mich an jedem Morgen begrüsste, war so herzerfrischend, dass ich schon fast süchtig danach war, ihn morgens zu sehen.

Es war ein herrlicher Oktobertag, das Laub der Bäume leuchtete in allen Farben des Herbstes. Milan hatte mich zu sich nach Hause eingeladen, er wollte mir seine Familie vorstellen. Ich hatte diese Einladung gern angenommen, mir aber ausbedungen, dass sie ja keine grossen Umstände machen sollten.
Mit einem kleinen Gastgeschenk machte ich mich dann auf den Weg. Freudestrahlend öffnete Frau Grzk mir die Tür, empfing mich mit einer Herzlichkeit, die ich so in dieser Form selten erlebt hatte. 
Mattea war eine wunderschöne Frau, so eine richtige Dalmatinische Schönheit. Und die kleinen Zwillinge waren niedlich und wohlerzogen, und alle drei fassten auch gleich Vertrauen zu mir und so ließ sich der Nachmittag gut an. 
Milan erzählte aus seiner Heimat, erwähnte dann dabei, dass Mattea den besten Kaffee nach einer alten kroatischen Weise kochte! 
Das wollte ich mir dann aber auch nicht entgehen lassen. 

Dieser Kaffee wird in einem Kupferkessel vorbereitet. Der gemahlene Kaffee - pro Tasse zwei Teelöffel - wird mit der entsprechenden Menge von kaltem Wasser angesetzt. Dann wird das Wasser mit dem Kaffee zum Kochen gebracht, gleichzeitig wird noch eine ziemliche Portion Zucker zugefügt. Da dieser Kaffee im Endeffekt sehr stark ist, gehört eben auch viel Zucker hinein. 
Heiß wie die Liebe, süß wie ein Kuss und schwarz wie die Nacht, heißt es ja so schön!

So weit, so gut. Nach einer Weile wurde uns dann auch von Mattea der Kaffee kredenzt. Ich betone das ausdrücklich so, weil es eine wirkliche Zeremonie war, die da ablief. Irgendwie kam ich mir vor wie bei einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die Teppiche auf dem Boden und an den Wänden sowie unzählige Kissen taten ein Übriges, um diesen Anschein zu stärken.

Dann kam der große Augenblick, da ich den Kaffee genießen sollte. Erwartungsvoll sahen mich vier Augen an, ich spürte richtig den Stolz Milans auf seine Frau Mattea.

Ich nahm meine Tasse, führte sie zum Munde, der Kaffee war siedend heiss, dann der erste Schluck - es war wirklich ein einzigartiger Kaffee, so etwas hatte ich noch nie getrunken. 
Milan fragte andachtsvoll: »Na, iis das guttt?«

Ich hatte den ersten Schluck überwunden, nickte mehrmals heftig zustimmend, bekam dann jedoch einen leichten Hustenanfall.

»Ja«, krächzte ich danach, »sehr gut!«

Dann trank auch Milan seinen Kaffee. Das heißt, er wollte ihn trinken! Nach dem ersten Schluck sprang er auf, prustete laut in ein Taschentuch und gab dann einige unverständliche Worte von sich. Mattea, die aus der Küche herbeigeeilt war, brach in Tränen aus und lief weinend wieder hinaus.

Des Rätsels Lösung? Ganz einfach. Die gute Mattea hatte in der Aufregung wegen des deutschen Besuches statt des Zuckertopfes den Topf mit dem Salz erwischt! Und die Menge hätte gereicht, um eine Gulaschkanone voller Suppe zu salzen ...

Es wurde trotzdem noch ein schöner Abend! Bei einer Flasche rotem Plavic liess es sich auch gut erzählen. Und als ich mich später von meinen Gastgebern verabschiedete, drückte mir Mattea ein Küsschen auf die Wange und bat noch mal für den Unfall um Verzeihung.

Wenn Milan und ich in späterer Zeit in der Kantine einen Zuckerstreuer sahen, brachen wir stets in lautes Gelächter aus. Im ganzen Raum konnte sich niemand erklären, warum wir immer so lauthals lachten!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

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