Manuela Nickel

Winterduft für (d)eine Seele ...

In einer Zeit, da die Sonnenwende vollbracht schien und die Nächte sich langsam wieder anschickten, kürzer zu werden, war es dem Himmel plötzlich eingefallen, die kleine Engelin Seelina auszuregnen, damit sie die Erde für das bevorstehende Weihnachtsfest schmücke. So trat Seelina ein in den Advent. Der Teer der Straßen, der gestern noch zu einer Ödnis in anthrazit zerflossen war, schillerte nach einem kurzen Schauer in allen Farben des Regenbogens, einem langsamlaufenden Film gleich. Kein Mensch kreuzte ihren Weg; sie ging, einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzend, einer Hoffnung, einem Ziel entgegen. Doch wer kann den Weg schon vom Ziel her begreifen? Aus der Liebe Gottes können zeitweilig Flügel wachsen, in einer Zeit der Wunder, in einer Zeit der Ankunft. Auf diese Art einherschreitend überlegte Seelina also, wie sie die Erde zum Fest verschönern könne. Nach einer Weile erreichte sie ein Gewässer. Nachdenklich blickte sie auf den Wasserspiegel, und dann kam ihr die zündende Idee: Klar, die Welt muss weiß werden zum Fest, dadurch wäre alles Übel getilgt, alles Dunkel verschwunden, und es würde nur noch das Licht herrschen, das sich in Kristallen so herrlich bricht, um sich zu verteilen und seine Vielfalt zu zeigen. Aber wie kann man es anstellen, die Welt auf diese Weise zu verzaubern? "Ah, ich fliege zunächst zum Weihnachtsstern!", dachte Seelina bei sich und startete durch. So ein Flug zum Weihnachtsstern kann zuweilen ziemlich anstrengend und auch gefährlich sein, aber er lohnt sich auf jeden Fall, denn auf dem Weihnachtsstern ist es hell und voller Licht. "Achtung, ich lande!", rief Seelina und schwebte sanft hernieder. Unten angekommen, wurde sie von der Biene Jonas begrüßt, und Jonas ist ein wahrer Fachmann für wabenreine Aktionen und war unverzüglich herbeigeeilt, um an Ort und Stelle zur Verfügung zu stehen. Auf seiner täglichen Suche nach einer außergewöhnlicher Tracht hatte er bereits das eine oder andere Mal besonders leckeren Nektar aufstöbern können und zeigte sich nun willig, Seelina, zart tänzelnd, diejenigen Stellen auf dem Weihnachtsstern zu zeigen, an denen die besten Samen für eine reife, weiße Blüte zu finden seien. Und, siehe da, die Dunkelheit der Vergangenheit hat angefangen zu weichen, als die beiden ein sattes, strahlendes Feld erreichen, ein Meer bestehend aus wahrer Reinheit und ehrlicher Liebe. "Wir sind im Jetzt angekommen!", verrät Jonas, "Zeit und Raum existieren hier nicht, denn diese Zeit braucht keinen geschlossenen Raum, und ein geschlossener Raum schluckt die Zeit; dies ist der Same, der in der Welt aufgehen wird, die Zukunft heißt." – Ein herrlicher Gedanke, fürwahr. – "Aha.", antwortet Seelina, "Damit habe ich mein Ziel erreicht!" ... "Noch nicht ganz," entgegnet Jonas "wir müssen ihn schließlich noch zum Planeten Erde bringen."  Hmmm, nun überlegen beide, wie dies wohl zu bewerkstelligen sei. Jonas: "Mir fällt etwas ein, wir zünden eine Rakete." Seelina: "Wie das?" Jonas: "Ganz einfach, wir nehmen eine leere Hülse, zum Beispiel ein Filmröhrchen, bekleben und verkleiden sie hübsch mit bunter Pappe, füllen Wasser (vermischt mit Brausepulver) hinein, und ab geht die Post." Antwortet Seelina: "Das ist zwar im Prinzip eine gute Idee, aber dieser Plan wird nicht funktionieren, da die Samen aus dem Tank ja bereits vor Antritt der Reise aufzugehen drohten, denn der Behälter müsse quasi auf dem Kopf stehen und entlüde sich somit noch während der Startphase seiner kostbaren Fracht." – Stimmt auch wieder. – Beide einstimmig: "Dann müssen wir eben feste pusten, dann wird er schon ganz allein bis zur Erde fliegen und hoffentlich rechtzeitig ankommen." Gesagt, getan; sie werfen die Samen in die Höhe, und Seelina beginnt, kräftig zu pusten, während Jonas eifrig mit den Flügeln wackelt. Auf diese Weise tut sich alsbald ein leiser Wind auf, der mit seinen sanften Schwingen leicht, doch luftig die Erde berührt  und, gänzlich unerwartet, fallen weiße Flöcklein hinab zur Erde, bedecken sie rechtzeitig zum Fest mit einer feierlichen Decke, wie aus süßem Schaum. Ergo sind zu guter Letzt doch noch alle glücklich: Seelina, die die ihr anvertraute Aufgabe zu aller vollsten Zufriedenheit erfüllt hat, sowie Jonas, der sich durch seine Hilfsbereitschaft als echter Freund erweisen konnte. Und natürlich die Erdenmenschen, die ab sofort in Unschuld und Frieden das Weihnachtsfest in Verbindung mit den himmlischen Sphären begehen dürfen. Aber einige Fragen bleiben dennoch offen: Wie ist die weiße Pracht auf Erden denn nun wirklich zustandegekommen? Hat die frische Brise das weichherzige Fell der Schäfchenwolken zu Schnee werden lassen? Ist Nebel nichts anderes als eine tieffliegende Wolke, auf der dann und wann ein Engel zu uns herabsteigt, insbesondere zur Weihnachtszeit? Eines ist jedoch sicher: Wenn der Schnee geschmolzen sein wird, wird nichts mehr so sein, wie es war, das ist wohl wahr – Zeit der Wunder, Zeit der Ankunft ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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