Christa Astl

Die ungleichen Brüder

 


Ein Vater hatte zwei Söhne. Als sie erwachsen waren, schickte er sie in die weite Welt hinaus, um das zu lernen, was sie im Leben brauchten. In drei Jahren sollten sie kommen und ihm erzählen, wie weit sie es gebracht hätten.
Beide zogen fort, der eine nach West, der andere nach Ost. Der ältere der Söhne war ein ernsthafter, strebsamer junger Mann. Er wollte viel lernen, reich und berühmt werden und fuhr deshalb in die große Stadt im Westen. Dort besuchte er Schulen, lernte Sprachen, die höhere Mathematik, studierte Architektur und baute schöne Häuser, Kirchen und Paläste. Seine Bauwerke mussten die schönsten, höchsten, größten und reichsten sein, anders war er nicht zufrieden.
Der jüngere Sohn zog nach Osten, in die tiefen undurchdringlichen Wälder. Er liebte die Natur mehr als die Menschen. Er lauschte dem Gesang der Vögel, versuchte sie anzulocken, um sie genau zu sehen und zeichnete sie mit bunten Farben ab. Auch Blumen und Gräser zeichnete er fein säuberlich und vergaß auch nicht, den Platz anzugeben, wo er sie gefunden hatte. Wenn er in einen Ort kam, zeigte er seine Bilder und fragte die Leute nach den Namen der abgebildeten Tiere und Pflanzen.
Nach gut einem Jahr kam er zufällig in die gleiche Stadt, in der sein Bruder wohnte. Am Stadtrand kaufte er sich ein kleines Haus mit einem riesigen Garten rundum. Dort säte er all die Samen, die er von seinen Walddurchquerungen mitgenommen hatte.
Obwohl die beiden Brüder in derselben Stadt lebten, sahen sie einander nie, sie wussten nichts von einander.
Nach drei Jahren wollten beide nach Hause um ihrem Vater zu berichten, was sie gemacht hatten. Der ältere Sohn fuhr natürlich mit seinem neuesten schnellen Sportwagen, der jüngere reiste bequem mit der Eisenbahn, aber er war schon einen Tag früher weggefahren, so kamen beide am gleichen Tag und auch zur gleichen Stunde nach Hause, wo sie der Vater bereits sehnsüchtig erwartete. Das war nun ein großes Erzählen. Der Ältere hatte einen dicken Ordner mit Bildern seiner Bauwerke, und der Vater staunte über deren Schönheit. Dann packte der Sohn seine Pläne aus und schilderte seine Kunst in allen Einzelheiten.
Der Jüngere hörte still zu. Als der Vater ihn fragte, was er denn geleistet hatte, zog er seine dünne Zeichenmappe heraus und blätterte sie langsam durch. Viele Gräser, einige Blumen, Käfer, auf Ästen sitzende unscheinbare Vögel zeigten sich den Betrachtern.
Du zeichnest doch nur Unkraut, und Vögel sitzen doch auf allen Bäumen, die brauchst du nicht lang zu zeichnen, meinte spöttisch der ältere Bruder, und auch der Vater war ein wenig enttäuscht. Wenn der Sohn wenigstens schöne Landschaften oder Porträts von berühmten Menschen gezeichnet hätte, aber so gewöhnliches Unkraut?!?
Und der Vater wandte sich dem Älteren zu, lud Freunde und Nachbarn ein und feierte mit ihnen seinen berühmten Sohn.
Der Jüngere saß unbeachtet in einer Ecke und sann darüber nach, was er machen könnte, um wenigstens die Liebe und Achtung seines Vaters wieder zu bekommen. Doch weil ihm nichts einfiel, ging er in den dichten Wald hinter dem Ort um die dortigen Pflanzen und Kräuter zu bestimmen. Wieder zurück, setzte er sich hin und beschrieb die gefundenen Gewächse und deren vermutliche Wirkung.
Einen Tag nach dem großen Fest wurde der Vater schwer krank und musste im Bett bleiben. Es wurde still im Haus.
Da reiste der ältere Sohn wieder ab, zurück in seine große Stadt. Es war ihm zu Hause zu langweilig geworden, da niemand mehr seine Bauwerke bewundern wollte. Der Jüngere hingegen blieb beim Vater. Den ganzen Tag saß er an dessen Bett, machte ihm kühle Umschläge, doch das Fieber und die Schmerzen wichen nicht. Die vom Arzt verordneten Medikamente brachten auch keine Besserung und es hieß, der Vater müsse bald sterben. Da erinnerte sich der Sohn an eine seiner ersten Reisen, wo ihm eine kräuterkundige Frau allerhand Teezubereitungen verriet. Und diese Kräuter hatte er am Vortag alle in seinem heimischen Wald wieder entdeckt. Als der Vater gerade fest schlief, rannte er schnell los und kam bald mit dem Gesuchten zurück. Im Krankenzimmer brühte er den Tee auf, hängte wohlriechende Zweige übers Bett, sodass der Vater leichter atmen konnte. Und als er die zweite Tasse des Tees getrunken hatte, ging tatsächlich das Fieber zurück und nach einigen Tagen konnte er sogar wieder aufstehen. Da sandte der Sohn seine Zeichnungen und die beigefügten Erklärungen an eine Universität in eine ferne große Stadt, wo er schon früher Bilder hingeschickt hatte.
Als der ältere Sohn im nächsten Jahr den Vater wieder besuchte, kam gerade an dem Tag mit der Post ein großes dickes Paket für den Jüngeren. Darin war ein wunderschönes gedrucktes Buch mit all seinen Zeichnungen und genauen Beschreibungen der darin abgebildeten Pflanzen mit Erklärungen über den Fundort und deren heilkräftige Anwendung.
Da freute sich nun der Vater und der Ältere bat den Bruder, rund um sein neu erbautes Haus, in das er sich zurückziehen wollte, weil er sich in letzter Zeit nicht mehr so gesund fühlte, einige dieser heilkräftigen Blumen zu setzen.
So fuhren dann beide gemeinsam in ihre Stadt und trafen sich von da an sehr oft. Noch bevor der Winter kam, holten sie auch den Vater, der im Haus des Älteren ein eigenes schönes Zimmer bekam.
 
 
ChA 03.03.12

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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