Marco Mohr

Der Wüstentempel

Der Wüstentempel

Telios stand vor der Konsole und starrte auf den Bildschirm. „Geben sie das Passwort ein" stand dort in grüner Schrift auf dem ansonsten schwarzen Bildschirm. Das hatte ihm noch gerade gefehlt.

Durch unzählige Länder ist er gereist, hat alle Karten studiert, die er in die Hände bekam. Jahrelang hatte er für diesen Moment hingearbeitet aber ausgerechnet das Passwort, welches den Zugang zum Tempel ermöglichte, fehlte ihm. Telios schwitze, lag dieser unscheinbare Bau hinter einer Düne mitten in der Sahara. Die Sonne prallte auf sein schwarzes, langes Haar. Für ein Besuch beim Friseur fehlte ihm das Geld, welches er aber durch den vermuteten Schatz hinter diesem Sandstein-Tor endlich bekommen will.

Er ärgerte sich nicht nur über das benötigte Passwort oder dem nicht vorhandenen Vordach des Tempels um sich vor der hoch stehenden Sonne zu schützen, er dachte auch über seine Familie nach. Sie war hunderte Kilometer weit weg und war bitterarm. Ihm machte es zu schaffen, das er sie bisher nicht ausreichend versorgen konnte. Jahrelang versuchte Telios, Arbeit zu finden, doch keiner wollte ihn, weil er nicht von der Erde stammte. Er verstand die Einstellung der anderen gegenüber ihm nicht, außer seiner schuppigen Haut und seinem großgewachsenem Körper war er doch dem Menschen sehr ähnlich.

Während Telios nachdachte, näherte sich ein Sandjäger am Horizont dem Tempel an. Der Sandjäger war eine Art Jetski, welches mit Düsen über dem Wüstensand fliegen konnte. Auf dem braunen Gefährt saß ein Mehri, dem Volk, von dem Telios abstammte. Dieser hörte den Sandjäger und drehte sich langsam um. War dies seine Hilfe, seine Erlösung, die gekommen ist, um ihn zu helfen? Es könnte auch ein Konkurrent sein, der den Schatz nur für sich haben wollte. Telios beängstigte diese Ungewissheit und zückte vorsichtshalber seine Pistole.

Nicht schießen, Bruder. Ich komme in Frieden", schrie der Unbekannte, der einige Meter vor ihm von Sandjäger abstieg. Es war ein älterer Mehri, die Schuppen waren leicht verblasst und nicht mehr hautfarbend. Ebenso auf sein hohes Alter wiesen sein graues Kopf- und Barthaar hin, genauso wie bei Menschen eben. „Wir wollen beide das gleiche, nicht wahr? Wir haben beide zuhause eine Familie, die versorgt werden muss. Eine Arbeit bekommen wir aufgrund unserer Herkunft ebenso nicht. Auch ich habe unzählige Tage und Nächte verbracht, diesen Tempel zu finden."

Seine Angst wurde nicht weniger, als er sich fragte, warum der ältere Herr wusste, das er ebenso eine Familie besaß. Trotzdem steckte er die Waffe in die Tasche seiner bereits mitgenommenen Jeans und erzählte ihm vom Passwort-Problem. „Das ist in der Tat überraschend, da ich davon ausgegangen bin, das die eigentliche Herausforderung darin besteht, diesen verdammten Tempel irgendwo am Arsch der Welt zu finden", äußerte sich der ältere Herr sichtlich schockiert.

Telios dachte nach, drehte sich um und starrte auf das Steintor: Die Oberfläche war sehr rau und uneben, möglicherweise durch den ganzen Wüstensand. Als er nach oben blickte, sah er einige Muster in den Stein eingeritzt. „Bruder, kannst du mich kurz hochheben?", fragte Telios. Der ältere Herr schaute ihn erschöpft an: „Bitte was? Ich bin zu alt, um so eine Kraft noch aufbringen zu können". „Dann machen wir es andersherum. Ich werde dich dann eben hochheben, damit du die Markierungen anschauen kannst. Vielleicht ist dort der Schlüssel irgendwo eingraviert".

So hob Telios den alten Mann hoch, doch dieser konnte nichts brauchbares aus den Zeichen entziffern. Da die Tastatur der in die Mauer des Tempels eingebauten Konsole so oder so kein hieroglyphisch kann, versuchten sie es auch erst gar nicht. „Wie wäre es, wenn wir die gesamte Anlage genauer untersuchen. Zu zweit sollte es doch gehen", fragte Telios und hoffte auf Zustimmung, um den nicht ganz so leichten Mann endlich absetzen zu können. Als dieser dem Vorschlag zustimmte, setzte Telios ihn ab und beide begannen, die Wände des Tempels zu inspizieren.

Der Tempel hatte etwa eine Größe eines durchschnittlichen Zimmers und eine Höhe von drei Metern. Es war eigentlich nur ein Kasten aus Sandstein, was ihn so schwierig machte, entdeckt zu werden. Als die Sonne beschloss, wieder hinter dem Horizont zu verschwinden und die letzten Flaschen Wasser aus Telios Rucksack leer getrunken waren, rief der alte Herr Telios herbei: „Ich habe es gefunden, das hier muss das Passwort sein!". Als Telios ankam, sah er den alten Herr, von dem er immer noch nicht den Namen wusste, auch weil er sich bisher nur für den Schatz interessierte, hockend vor einem Stein. Der Stein lag einige Meter vom Tempel entfernt und war vorher mit Sand bedeckt, so dass dieser dementsprechend eine Tarnung gehabt hatte. „Schau Bruder, das Passwort". Der Mann zeigte auf die Zahlenkombination: „17082125“.

Telios rannte zur Konsole und tippte wild auf der Tastatur herum, als der alte Herr sich die Zahl noch einmal anschaute. Eiskalt lief es ihn den Rücken herunter, als er die Zahl als Datum las. Er wusste nicht, welcher Tag heute ist, da er so einige Tage und Nächte abseits jeglicher Zivilisation die Wüste durchkämmte. Es wahr jedoch sehr wahrscheinlich, dass es sich um den heutigen Tag handeln könnte. Mit dieser Befürchtung versuchte er, den aufgebrachten Telios zu stoppen, könnte dies eine Falle sein. Dann blieb der alte Herr stehen. Ihm durchdrang der Gedanke, wenn jemand alles, wie eben die Ankunft der beiden Mehri, vorhergesehen haben könnte, wenn dies sogar Schicksal wäre, dann könnte er niemals Telios aufhalten. Er sollte recht behalten, denn daraufhin erfolgten schrille Signale ähnlich einem alten Modem und die Tore öffneten sich nach und nach.

Dem vermeintlichen Opfer war nun alles egal, er lief hinein und fand sich mitten in einem leeren Raum wieder. „Das...das kann nicht sein. Warum ist hier nichts? Warum?". Völlig aufgelöst brach Telios sowohl vor Erschöpfung als auch vor Enttäuschung zusammen. Der alte Mann stand vor dem geöffneten Tor und wusste nicht, wie er nun reagieren sollte, spürte jedoch, dass er sich niemals vergeben könnte, wenn er dem Schicksal zumindest nicht entgegen treten würde. Vor allem dann nicht, wenn es um einen Bruder seiner Art ging.

Telios, komm raus, das könnte eine Falle sein!", schrie er durch die geöffneten Tore in die Halle rein. Der Trauernde aber blieb auf dem Boden liegen, seine Tränen liefen auf seine Arme, auf denen er anschließend sein Kopf fallen lies. Mühsam versuchte er, zu antworten: „Ich...ich bleibe hier. Geh, geh einfach. Kann nicht mehr...kann...kann so nicht zu meiner Familie zurückkehren. Habe..nichts...NICHTS." Telios hatte sich vorgenommen, nie wieder ohne Geld zu seiner Familie zurück zu kehren. Noch einige Sekunden verharrten beide in ihren Positionen, bis sich das Tor wieder in Gang setzte um sich zu schließen. „Verdammt, komm raus. Ein armer, aber lebendiger Vater ist immer noch besser, als ein toter, der bis zum bitteren Ende versuchte, seine Ehre zu retten. Mach kein Quatsch, Bruder!", brüllte der Alte verzweifelt. Doch von Telios kam keine Regung mehr, keine Antwort.

Dem alten Mann, dessen Kräfte zu schwach waren, um ihn noch heraus zu zehren, drehte angesichts der hoffnungslosen Situation um und stieg auf seinen Sandjäger. Als er losfuhr, blickte er kurz in den Rückspiegel. Das Tor war nun wieder zu, von Telios war keine Spur zu sehen. Dieser lag in der scheinbar leeren Halle immer noch auf den Boden, als er plötzlich eine Bewegung auf dem kalten, steinigen Untergrund spürte.

Telios hob seinen Kopf und entdeckte einen Meter vor ihm eine Öffnung im Boden. Er raffte sich auf und blickte auf ein Loch mit einer angebrachten, etwas morsch aussehenden, Holzleiter. Ihm war der Zustand der Leiter egal, da er bereits innerlich mit dem Leben abgeschlossen hatte. Als er mit beiden Füßen auf der fünften Stufe der Leiter stand, brach diese unter dem Gewicht zusammen und Telios fiel einige Sekunden lang das Loch hinunter. Noch gerade so schaffte er es, eine Hand an einer Stufe der Leiter zu bekommen, bevor er auf den Boden gefallen wäre. Die letzten Meter stieg er noch hinab. Unten angekommen, wurden seine Augen so groß, wie noch nie zuvor.

Vor Telios erstreckte sich ein riesiger Raum, der zum Träumen einlud. An der Decke waren einige große Kronleuchter angebracht und strahlten mit voller Kraft. Die Wände waren mit Gold und Hieroglyphen verziert, der Boden bestand aus bestem Marmor. Mitten hindurch führte ein typisch orientalischer Teppich von der Leiter bis zum anderen Ende des Raumes. Rechts und links des Teppichs standen lebensgroße Statuen von Pharaonen. Am Ende des Ganges stand ein Kühlschrank. Keine Schatztruhe oder ein Haufen Gold, es war ein schlichter, handelsüblicher Kühlschrank. Als er diesen öffnete, blickte er auf unzählige Wasserflaschen und einen Zettel:

Hallo Fremder. Herzlichen Glückwunsch, du hast es geschafft. Hier kannst du dich von deinen Reisestrapazen ausruhen. Trinke viel Wasser, das ist wichtig. Wahrscheinlich fragst du dich, wo nun der Schatz bleibt. Wenn du zu deiner Rechten schaust, solltest du gleich eine Konsole auftauchen sehen. Das Passwort steht auf der Rückseite des Zettels. Dieses Passwort kann nur einmal eingegeben werden, danach verfällt es. Gehe anschließend in den Raum, welcher sich zu deiner Linken öffnen sollte und nehme so viel mit, wie du tragen kannst. Um das Tor des Tempels wieder zu öffnen, musst du das Eingangs-Passwort hier unten eingeben. Beachte jedoch, dass sich der Raum zu deiner Linken in dem Moment wieder schließen wird. Für immer."

Gespannt öffnete Telios eine Flasche und trank einen kräftigen Schluck des gekühlten Wassers. Als er den Zettel umdrehte, um das Passwort zu lesen, spuckte er das Wasser wieder aus. Dort stand groß hin gekritzelt das Wort „Familie". Er wusste nicht warum, für ihn schien dies alles Schicksal. Er gab das Passwort in die Konsole ein, der angekündigte Raum öffnete sich. Er war nicht groß, jedoch gut gefüllt mit Schmuck, Gold, einigen Geldscheinen und Nahrungspaketen. Er füllte seinen Rucksack mit allem, was er in die Hände bekam. An der Konsole wieder angekommen, gab das Passwort vom Stein ein und stieg die Leiter wieder hinauf. Das Tor aber, blieb verschlossen. Nach einigen Stunden des vergeblichen Wartens wurde Telios müde und nutze seinen prall gefüllten Rucksack als Kopfkissen. Sein graues Hemd war nass, seine Hose dreckig, sein Gesicht von Tränen und Sand gezeichnet. Völlig am Ende schlief er ein.

Nach einigen Stunden, Telios war noch tief am schlafen, öffnete sich das Tor. In der abendlichen Dämmerung, der Himmel war bereits rötlich und die Sonne bereits zur Hälfte hinter der nächsten Düne versunken, stand ein weiterer Mehri. Er war etwas jünger als der unbekannte alte Mann, trug feine Klamotten und gegelte kurze braune Haare. Er kam Telios näher und flüsterte ihm ins Ohr, das er aufwachen soll.

Telios öffnete seine Augen, raffte sich abermals auf und schaute leicht verwirrt den Mann an. „Bin ich...bin ich im Himmel?“, fragte er.

Der Mann lachte: „Nein, sind sie nicht. Ich denke, hier herrscht etwas Erklärungsbedarf“. Er stellte sich als Lorus Takato vor. Er war Personalchef einer Firma, welche Expeditionen nach verborgenen Schätzen organisierte. Sie stellten ausschließlich Mehri ein, um der ausgegrenzten Spezies eine Chance zu geben.

Wissen sie, Familie ist das wichtigste für uns. Daher tun wir doch alles, um sie glücklich zu machen. Schauen sie sich an, was sie alles geleistet haben. Sie sind nun 224 Tage unterwegs gewesen, haben die Welt dabei fast umrundet und bereits zweimal mit ihrem Leben abgeschlossen. Jetzt stehen sie vor mir, haben als einziger den Schatz gefunden. Daher würde ich sie gerne in unserem Unternehmen Willkommen heißen“.

Telios war zunächst schockiert, dass er schon solange von der Familie weg war. Doch dann überkam ihm Stolz über das, was er hinter sich gebracht hatte und nahm das Jobangebot an. Zunächst jedoch machte er sich auf, zu seiner Familie zurückzukehren. Er hatte noch ein Versprechen einzulösen.

Ende

Eine kleine Sci-Fi/Abenteuer-Geschichte, die ich so zur Übung zwischendurch mal geschrieben habe. Über Feedback würde ich mich sehr freuen. Falls übrigens Interesse bestehen sollte, könnte ich mir eine Fortsetzung durchaus vorstellen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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