Iris Klinge

Malabó

Die Vergangenheit holt mich ein.
Ich dachte, das Kapitel Afrika sei abgeschlossen, doch nun hat es sich erneut geöffnet.

Malabó war früher die Hauptstadt namens Santa Isabel auf der damaligen Insel "Fernando Póo" in der Kolonie Spanisch Guinea. Meine Tante verbrachte dort fast ihr ganzes Leben und wurde 1956 durch die Mau Mau Bewegung von ihrem Besitz vertrieben. Sie hatte Glück, gerade auf einem Schiff in Richtung Europa zu sein, denn alle Weißen auf der Insel fielen dem Gemetzel anheim, das die Schwarzen unter den Kolonialherren veranstalteten. Sie konnte nie mehr in ihr Haus in Santa Isabel zurückkehren und verbrachte ihr Lebensende auf Teneriffa.
 
Nun fand ich per Zufall die Adresse der deutschen Botschaft in Malabo und las die Geschichten der frühen Siedler aus Deutschland, deren Gräber noch heute auf dem dortigen Friedhof zu finden sind. Auch mein Onkel, der vor 1956 an Malaria verstarb, liegt dort begraben.
 
1980 kam ich mit meinem Mann auf die Insel, als er von der Internationalen Seezeichenkonferenz beauftragt wurde, alle Leuchttürme rund um Afrika aufzulisten, die mit verschiedenen Systemen funktionierten – englisch, französisch, spanisch und portugiesisch –, um sie zu vereinheitlichen.
 
Gerade hatte der Neffe des Diktators seinen Onkel umgebracht, und zum ersten Mal durften Weiße wieder das Land betreten. Es gab kein fließendes Wasser und keinen Strom. Punkt sechs Uhr versank die Sonne im Meer, und die Insel tauchte in totale Dunkelheit ein.
 
Das Haus meiner Tante am alten Hafen stand da wie eh und je. Eine schwarze Familie hatte es sich angeeignet, sogar mit den ursprünglichen Möbeln darin. Der neue "Hausherr" meinte, ich solle doch zurück kommen und wieder dort wohnen, denn die Afrikaner hofften auf dringend benötigte Entwicklungshilfe für ihre brachliegende Infrastruktur. – Ich lehnte dankend ab. Diese wurde ihnen dann später von Spanien gewährt.
 
Zu meinem Entsetzen lese ich nun, dass in der Zwischenzeit der neue Diktator aus Mangel an Einkünften in den siebziger-und achtziger Jahren Lizenzen an europäische und amerikanische Unternehmen vergeben hat, ihren Atom-und Giftmüll auf einer kleineren Nachbarinsel Annobón abzuladen. Diese Menschen verachtende Verseuchung hält bis heute an und wird kaum zur Kenntnis genommen.
Ich zitiere aus Wikipedia:

"Annobon ist mit seinen paradiesischen Stränden wohl die schönste Insel Afrikas. Doch seit 1988 ist sie auch einer der giftigsten Orte des Planeten. Diktator Obiang, Präsident von Äquatorial Guinea erteilte dem britischen Buckinghamshire Konzern die Erlaubnis, rund 10 Millionen Tonnen Giftmüll auf Annobón zu entsorgen. Noch im selben Jahr erhielt die amerikanische Axim Consortium Group eine Lizenz, rund 7 Millionen Tonnen Nuklearmüll zu vergraben. Bis heute kommen jährlich etwa 2 Millionen Tonnen neu hinzu. Obiang kassiert dafür etwa 200 Millionen US Dollar im Jahr. Die Insel steht vor dem ökologischen Kollaps. Die Pflanzen und Tiere verenden. Jedes zweite, auf der Insel geborene Kind leidet an Unterernährung, Anämie oder anderen Krankheiten."
 
Heute hat sich durch die hohen Erdölvorkommen das Land Äquatorial Guinea zu einem der reichsten Staaten Afrikas entwickelt. Leider fließt das Geld nur in die Kasse des noch immer an der Macht stehenden Diktators Teodoro Obiang, einem der reichsten Männer Afrikas, und an eine kleine Oberschicht um ihn herum. In der Stadt Malabó haben sich die Chinesen eingenistet und bauen riesige Wohn-und Geschäftshäuser sowie Luxus Hotels in den Außenbezirken der Stadt. Die kleinen, engen Straßen der Altstadt aus der Kolonialzeit sind heute Touristen Attraktionen mit Nachtclubs und Diskotheken. Das Haus meiner Tante steht noch wie vor 100 Jahren.  – Ob ich dorthin zurückkehre?

Good bye, Thailand, auf nach Äquatorial Guinea, ob sich der Wechsel lohnt? Das Klima ist dasselbe, beide liegen nah am Äquator.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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