Winfried Hau

Weit unten

Ich bin zurück im Dorf meiner Kindheit. Es ist an der Zeit, wieder einmal meine Mutter zu besuchen. Sie ist jetzt 87 Jahre alt, vielleicht auch 88 oder 89.
Wir telefonieren etwa alle vier Wochen miteinander. Sie ist geistig noch vollkommen klar und kann ihren Haushalt noch selbständig führen. Das letzte Mal habe ich sie vor sechs oder sieben Jahren besucht.

Ich bin mit dem Zug angereist, denn Moni, meine Lebensgefährtin, braucht das Auto, um zur Arbeit zu fahren. Leider finden wir nie einen gemeinsamen Urlaubstermin.
Mit mir steigen einige Schüler aus, die laut johlend in die Unterführung laufen, die zur Bahnhofsstraße führt. Die Unterführung ist mit Graffities vollgeschmiert. Natürlich sind ejakulierende Penisse und pornographische Sprüche darunter, aber auch merkwürdige hieroglyphenartige Zeichen.
Der Bahnhofsstraße folgend, biege ich links in den Kapellenweg ab, der hinaufführt zum Haus meiner Mutter. Ich komme ein wenig ins Schwitzen, wechsle meinen Koffer immer wieder von der linken in die rechte Hand. Erinnerungen tauchen auf, wie wir als Kinder diese Straße im Sommer mit Seifenkisten und im Winter mit Schlitten hinuntergefahren sind.

Dann stehe ich vor dem Haus meiner Mutter, dem Haus meiner Kindheit.Ist das noch das Haus meiner Kindheit? An einen Balkon kann ich mich nicht erinnern. Wurde das Haus renoviert?
Unterhalb dem Klingelknopf steht ein unleserlicher Name. Ich drücke den Knopf, warte. Ich drücke nochmals.
"Hallo, was wünschen Sie?", erklingt eine Stimme.
Ich blicke nach oben auf den Balkon und sehe eine junge Frau mit nassen Haaren, in einen weißen Bademantel gehüllt.
"Mein Name ist Peter Mada", antworte ich. "Ich suche meine Mutter, Frau Anna Mada!"
Die junge Frau zündet sich eine Zigarette an und massiert ihre Schläfen.
"Anna Mada, ach ja, die alte Dame!", sagt sie nach kurzem Überlegen. "Die ist umgezogen, wohnt jetzt unten im Dorf."
"Wo genau?", will ich wissen.
"Das kann ich Ihnen nicht sagen", antwortet die junge Frau. "So ein Dorf erscheint zwar ziemlich klein und überschaubar, aber es hat unglaublich viele Winkel, versteckte Nebengassen und Geheimnisse."

Ich verabschiede mich mit ausgestrecktem Daumen, gehe die Kapellenstraße wieder hinunter und wähle die Festnetznummer meiner Mutter. Antwort: "Kein Anschluß unter dieser Nummer!" Da meine Mutter den Besitz eines Handys immer kategorisch abgelehnt hat, bleibt mir nur die Möglichkeit des Nachfragens nach ihrer neuen Adresse.
Die Kirchenglocke läutet sechs Mal. Das war für uns Kinder damals das Signal, langsam den Nachhauseweg aus Wiesen und Wäldern anzutreten, um zum Abendbrot kräftig in Butterbrote, Bratkartoffeln und Würstchen hinein zu beissen.
Wieder auf der Bahnhofsstraße angelangt, treffe ich ein paar rauchende, dicht zusammengedrängt stehende Jugendliche, die nach kurzen Pausen immer wieder in schallendes Gelächter ausbrechen. Anscheinend lachen sie über kurze Zoten, wobei sie sich auf die Schultern boxen.
"Hallo", sage ich, "vielleicht könnt ihr mir helfen. Ihr seid doch ortsansässig. Kennt ihr eine ältere Dame namens Anna Mada?"
Die Jugendlichen blicken sich an.
"Mada, Mada", überlegt ein lippengepiercter, etwa 17-jähriger junger Mann vor sich hin. "Ja, ja, da gibt´s ne Olle mit diesem Namen. Die ist nach unten gezogen, ganz weit nach unten. Du musst noch ein gutes Stück gehen, Alter! Biege nach etwa 50 Metern nach links in den Feldweg ab, dem folgst du etwa einen Kilometer, dann kommst du zu dem Einödhof. Und darin wohnt die olle Mada."

Ich gehe den Feldweg hinunter, an den ich überhaupt keine Erinnerung mehr habe, setze immer wieder meinen Koffer ab, wische mir den Schweiß von der Stirn und komme zum  Einödhof bei Einbruch der Dämmerung, nicht nach einem, sondern nach gefühlten zehn Kilometern.
Ganz knapp an einem zähnefletschenden, zum Glück angeketteten Hund vorbei, erreiche ich die Haustür. Keine Kingel, kein Name.
Ich klopfe zuerst mit dem Knöchel des Mittelfingers, dann mit der Faust, höre schlurfende Schritte.
Ein glatzköpfiger, in eine kurze Lederhose und vergilbtes Unterhemd verpackter Herr öffnet die Tür. Hinter ihm Fernsehlärm.
"Ne Mada, ja, die hat hier ab und zu mal vorbeigeschaut einen Kaffee mit meiner Frau getrunken", antwortet er auf meine Frage. "Sie war ja so einsam. Kein Mann mehr und keine Kinder. Mit meiner Frau hat sie sich hervorragend verstanden. Sogar als Seelenverwandte hat sie meine Frau bezeichnet."
Er tippt sich mehrmals mit dem Zeigefinger an die Stirn.
"Aber wir haben lange nichts mehr von ihr gehört. Ganz unten hat sie sich verkrochen."
"Kann ich Ihre Frau sprechen?", frage ich. "Sie kann mir möglicherweise wesentlich weiterhelfen."
"Das glaube ich kaum", sagt der Glatzkopf. "Aber bitte, wenn Sie wollen! Lena, kommst du mal, ein Herr will dich sprechen. Lenchen, nun komm schon!"
Ich höre, wie sich jemand knirschend, ganz langsam vom Sofa erhebt, zweimal zu Boden fällt, um dann an der Tür zu erscheinen.
"Sie suchen Ihre Mutter?", fragt eine völlig verunzelte, zerbrechliche, weißhaarige Frau. "Nein, Sie suchen nicht nur Ihre Mutter. Sie suchen alles!"
Sie wiegt ihren Kopf hin und her und beginnt zu singen: "Aber Heidschibumbeidschi bum bum", während ihr Mann im Hintergrund mit kreisenden Handbewegungen ihren verwirrten Geisteszustand andeutet.
Sie küsst mich auf die Stirn, dann auf die Wangen, dann bekreuzigt sie mich.
"Bist ein armes Jungchen!", sagt sie, "einer der wandern muß, immer weiter, immer weiter. Geh! Möge Gott mit dir sein!"

Die Nacht ist angebrochen. Einem kurvenreichen Weg folgend, versuche ich Moni mit dem Handy zu erreichen. Es meldet sich eine Männerstimme, die sich als Berater einer Bank bezeichnet und gerne einen Termin mit mir vereinbaren will. Es hat den Anschein, als ob Moni im Hintergrund lacht, vielleicht auch weint.
Weitere Anrufe an Moni scheitern, weil das Netz versagt.
Ich gehe und gehe, breche zusammen, werfe meinen Koffer weg, stehe wieder auf, gehe weiter, blicke von einem Hügel hinab ins Tal. Nirgendwo dörfliche Lichter. Dichte Wolken blockieren einen Blick zu den Sternen.

Mein Handy klingelt. Knistern und sich überschneidende Stimmfragmente von Mutter und Moni sind zu hören. Aus all dem Wortgewirr kann ich mit Mühe folgende Worte heraushören: "Du bist zu weit weg, warst immer zu weit weg, warst niemals bei uns, und du wirst uns niemals finden!"



 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Winfried Hau).
Der Beitrag wurde von Winfried Hau auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • w.hauweb.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Winfried Hau als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein Wegelagerer von Ralf Bier



Ich sollte die Wege nicht lagern

Ich sollte die Wege verstehen

Die Holzwege sollt’ ich verbrennen

Den richtigen Weg sollt’ ich gehen

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Surrealismus" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Winfried Hau

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Begräbnis von Winfried Hau (Skurriles)
Apfel „Z” – KEIN Königreich für ein Paralleluniverum ? von Egbert Schmitt (Surrealismus)
MANCHMAL GIBT ES NOCH KLEINE WUNDER von Christine Wolny (Sonstige)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen