Klaus Buschendorf

Fiktive Rede des Leiters einer Flüchtlingserstaufnahmestelle


 
Sie sind in unser Land gekommen, weil Sie es als sicheren Hafen sehen. Wir verstehen Ihren Wunsch und behandeln Sie als Gäste.
 
Überall in der Welt gibt es Gäste, Gastgeber und Gastfreundschaft. Überall suchen Gäste und Gastgeber gut miteinander auszukommen. Und überall geben die Gastgeber den Gästen vor, was in ihrem Land Sitte ist, wie man miteinander umgeht. Ob Sie bleiben wollen, oder nicht, für ein gutes Miteinander ist unumgänglich, dass Sie die Gewohnheiten bei uns kennen und sie achten. Deutschland und Europa haben jahrtausendealte Erfahrungen im Umgang mit fremden Völkern. Von Ost nach West, von Nord nach Süd und umgekehrt, zogen diese durch unseren Kontinent, kehrten um, blieben – eigentlich gibt es in ganz Europa fast nur zugezogene Menschen, die in Jahrhunderten zu Franzosen, Deutschen, Italienern, kurz zu Europäern wurden. In diesen vielen Jahren haben wir uns Prinzipien des Zusammenlebens geschaffen. Welche sind das?
 
Das erste und wichtigste ist: Jeder kann nach seiner Fasson selig werden. Jede Religion, jeder Glaube und auch jeder Mensch, der nicht glaubt, wird geachtet und respektiert. Unser letzter Religionskrieg ging 1648 zu Ende. Nie wieder wollen wir das erleben.
 
Warum achten wir den Glauben des Anderen? Viele von ihnen glauben an den einzigen Gott und nennen ihn Allah. Der Unterschied des Wortes liegt in der Sprache, in nichts anderem! Denn für Euch und uns gibt es doch nur den einen Gott! Es kann keinen anderen geben – also ist der Eure und der unsere derselbe! Gott/Allah hat Euch und uns die logische Fähigkeit des Denkens gegeben, also können wir und Ihr nur denselben Gott anbeten! Dazu falten wir die Hände, Ihr werft Euch zu Boden. Es ist nur das Ritual, das uns voneinander unterscheidet! Und dann gibt es bei uns Leute, die nicht an Gott glauben. So sagen sie. Sie glauben (sagen von sich selbst, sie wissen), die Evolution habe den Menschen und alles gemacht, was um uns ist. Gläubige nennen es Schöpfung, Ungläubige sagen dazu Evolution – das Ergebnis ist das Gleiche, nämlich alles, was uns umgibt, wer wir sind, wie wir leben. Wir kommen alle miteinander zu einer Folgerung: Wir müssen akzeptieren, was uns umgibt. Bei uns gibt es dazu Gesetze, welche das Zusammenleben regeln. Sie werden von Menschen in Parlamenten gemacht und jeder hat diese zu achten. Ich betone: Jeder! Denn bei uns sind alle Menschen gleich vor dem Gesetz. Wer es nicht achtet, erlebt die staatliche Gewalt als Wächter.
 
So sind wir beim zweiten Prinzip: Alle Menschen sind gleich, Männer und Frauen, Fremde und Einheimische. Frauen sind nicht unrein. Sie sind rein wie Männer auch. Männer und Frauen sind von der Schöpfung (oder der Evolution) gemacht. Sie sind schön. Man kann und soll sie ansehen, ihre Schönheit ansehen. Sie sind gleich und geben sich die Hand. Alle. Sie sind einander ebenbürtig und schauen sich in die Augen. Alle. Auf der Straße gehen sie nebeneinander. Kinder haben Schulpflicht. Alle lernen sie nebeneinander und zu Beginn auch das Gleiche. Bei uns können alle Menschen schwimmen. Sie lernen es in der Schule. Wir nennen das Schulpflicht. Ich betone: Pflicht!
 
Wir sind beim dritten Prinzip: Wie unsere Kinder, lernen auch wir Erwachsene, natürlich anders. Es gibt für ausgezeichnete Wissenschaftler Preise, z. B. den Nobelpreis. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben Deutsche außergewöhnlich viele Nobelpreise in der Welt erhalten. Doch im gleichen Zeitraum hatten wir in Deutschland schlechte Regierungen. Unser Volk hat viele Fehler gemacht und Unheil angerichtet. Dazu bekennen wir uns und lernen auch daraus. Wenn Ihr heute durch unsere Straßen geht, könnt Ihr nur selten die Folgen des letzten Weltkrieges sehen. Wir leben heute so gut, weil wir fleißig arbeiten. Der erste unserer Werte, die wir täglich leben, ist die Arbeit. Es ist die Arbeit für Männer und Frauen. Wenn unsere Frauen manchmal weniger für ihre Arbeit erhalten, dann schmerzt uns das. Denn  auch bei uns gab es Zeiten, in denen Frauen weniger geachtet wurden als Männer. Wir sind also noch nicht vollkommen. Doch wir streben es an, vollkommener zu werden. Wir haben Ziele. Bei uns ist nichts festgeschrieben, alles ist stets im Fluss.
 
Das soll fürs Erste genügen. Ich möchte erinnern: Gäste sollten beim Gastgeber lernen, wie dieser lebt. Das müssen wir von Euch fordern. Ihr müsst nicht unbedingt Schweinefleisch essen, aber – Ihr könnt es, unsere Küchen werden es immer anbieten. Verlangt nicht von uns, dass wir uns Euch anpassen, Schweinefleisch nicht mehr auf den Teller bringen. Vergesst nicht: Ihr seid die Gäste. Wir nehmen Euch gern auf, sind auch bereit, von Euch zu lernen. Doch Ihr seid gekommen. Wir riefen Euch nicht. Wir nehmen Euch gern auf – wenn Ihr bereit seid, mit uns zusammen zu leben, Verständnis zu haben für uns, für unsere Sitten. Achtet sie! Lernt sie.
 
Und noch einmal zur Erinnerung: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Das gilt nun, wenn Ihr bleiben wollt, für uns alle gemeinsam.
 
Wer diese Prinzipien nicht achten will, der ziehe seines Weges. Er soll hier nicht bleiben. Wir wollen Frieden in unserem Land – eigentlich überall. Auch das ist eines unserer Ziele.
 

 
            
 
 

Schlussbemerkung des Autors: Zu diesem Text hat mich Frau Merkel im Interview mit Anne Will angeregt. Ich bin wie sie der Meinung: Ja, wir können das schaffen. Aber wir müssten

so den Flüchtlingen gegenüber treten und
ihnen Wohnung und Arbeit geben.

Genau darin liegt die Herausforderung an uns, den Staat, die Wirtschaft. Nehmen wir sie an!
Klaus Buschendorf, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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