Andreas Vierk

Multiple Realität




Mein rechter Arm ist so festgeschnallt, dass das Blut daraus entwichen ist. Er ist jetzt so weiß und meine Hand so farblos und unschuldig, wie sie war, als… und doch so kalt und metallen wie Messer. So unschuldig. Du lebst und atmest so fern von mir, gläsern und rein. Das Weh, das du mir zufügtest: es ist für immer fortgeblasen im Mistral, für immer gewaschen von unserer Haut.
Wieder tastete seine Hand nach der Fotografie, die in seinem Mantel eingenäht war. Die Kolonne arbeitete im Halbkreis. Sie tauchten ihre Arme in den kalten schwarzen Schlamm, in dem sie frierend, manche bis zu den Knien, manche bis zur Hüfte, standen, und immer, wenn sie einen dieser schweren Felsbrocken heraus hoben, verzerrten sich ihre Gesichter. Ein unangenehmer Nieselregen fiel aus den dunklen Wolken und rann ihm kalt in den Mantelaufschlag. Noch drei Ewigkeiten vor mir und dann Schlaf… Endlich Schlaf. – Es läuft dort über mich hinweg: ein Stern: ein Tropfen aus Glasbläsereien, noch schwach nachglühend am schmutzigen Firmament. Ich könnte weinen vor Freude.
„Willst du wohl arbeiten! Dir tret ich in den Arsch!“, schrie der rotgesichtige Aufseher und zerrte ihn zum Tümpel. „Du sollst die Scheiße hier fressen, du Träumer! Du Mörder!“ Der Mann trat ihm in den Hintern und er fiel mit dem Gesicht in den stinkenden Morast. Er erhob sich rasch und begann schnell zu arbeiten, er,
der meine Seele hinunterzieht in den kalten Staub dachte der Henker und zog die Spritze auf. Es heult Mistral durch meine Adern. Ich heule vor Entsetzen. Keine Bläue, keine Brise, keine Welle rührt mein Herz. Das Grau dieses Raums, dieser Steine, dieser Fugen bewegt es mechanisch, und dennoch
„plädier‘ ich auf Schuldig. Das Urteil, Hohes Gericht, sollte heißen: Tod durch Injektion. Und doch“
ist dein Foto, sicher verwahrt, trocken und warm in meiner Jackentasche. Ich denke mir einen Mittag am Hafen, kornblumenblau wie die Augen eines harmlosen Irren. Wir sitzen am Hafen und hören dem Klingeln der Ösen zu, wenn der Wind durch die Masten geht. Fern schweift eine einzige Möwe am Himmel und wird ins treibende Licht geschnitten. Eine andere ist, die da sitzt überm Kai an der Mole. Der Obstverkäufer ruft seine Ware aus, ein anderer preist schockgefrorene tiefdunkelblaue Tulpen an. Du singst leise einen alten Chanson…
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Andreas Vierk:

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Septemberstrand: Gedichte Taschenbuch von Andreas Vierk



Andreas Vierk schreibt seit seinem zehnten Lebensjahr Prosa und Lyrik. Er verfasste die meisten der Gedichte des „Septemberstrands“ in den Jahren 2013 und 2014.

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