Horst Werner Bracker

. . . der Tod der Rättin

 

 

Sommer war es und Badewetter dazu! Den ganzen Tag hatte ich mit Freunden am Elbestrand verbracht. Sonnengebräunt und guter Dinge, machte ich mich auf dem Heimweg. Es war schon spät. Dämmerung lag über Fluss und Stadt. Mein Ziel war die S-Bahn, mit der ich nach Hause fahren wollte.
Plötzlich kreuzte eine ungewöhnlich Große, Ratte meinen Weg. Sie lief in die Ecke zweier alter Ställe. Sie saß in der Falle! Es gab keinen Ausweg, keinen Fluchtweg für die Ratte. Tief geduckt lag sie, eng an die Stallwand gedrückt und versuchte, sich zu verbergen. Doch sie hatte nicht mit der verschlagenen Intelligenz des «Jägers Mensch» gerechnet. Deutlich hob sich das dunkelgraue Beutetier von dem hellen Erdreich ab. Vor mir lag ein Haufen Pflastersteine. Bei deren Anblick packte mich der Übermut, «die Rohheit, der Urinstinkt des Jägers(!)», dieses, mit so vielen, Vorurteilen behaftetes, «Ekel Tier», zu töten. Ich griff mir einen Pflasterstein und schleuderte ihn mit großer Brutalität nach der Ratte.
Der Stein traf die Ratte mit verheerender Wirkung. Die Jagdbeute rührte sich nicht mehr, sie war tot!
Ein Gefühl des Triumphes wollte mein Herz befallen. Das große Glücksgefühl eines erfolgreichen Jägers überschüttete mich mit Dopamin.
Ich trat an mein Opfer heran. Doch was ich sah, erschütterte mich zutiefst.
Vor mir lag eine «hochträchtige Rättin», ihr Leib war aufgeplatzt und sieben voll entwickelte Rattenbabys, lagen vor mir. Ich hatte eine Hochtragende «Tiermutter», - samt ihrer sieben, ungeborenen Kinder getötet! Augenblicklich sank mein Dopamin Spiegel in den dunklen Abgründen, des echten Bedauerns! Mein ethisches Gewissen, - mein Rechtsempfinden setzte sich in Gang und malträtierte mein ethisch-moralisch ausgerichtetes Gehirn, in Aufruhr und Empörung! Ich bereute meine Tat aufs Tiefste und bat der Rättin um Verzeihung! Denn vor mir lag keine Rättin, sondern nur noch eine» Mutter!»
Eine kuriose, ja skurrile Assoziation kam mir in den Sinn: «Ich musste an Mutter denken, auch sie hatte sieben Kinder geboren!» Diesen Vergleich, löschte ich umgehen aus meinen Gedanken Pfuhl, Mutter mit einer «Rättin» zu vergleichen? Nein, das ging zu weit!
«Doch ich hatte eine «Mutter», eine hochtragende Mutter, samt, ihren sieben voll ausgewachsenen Jungen getötet und das, aus dumpfen Vorurteilen, aus niedrigen Beweggründen, aus Anlasslosen Tun heraus. Ohne einen belastbaren Grund für mein «amoralisches» Tun zu haben!
«Kein Mensch darf ohne Grund ein Tier töten!» So heißt es heute im Tierschutzgesetz!
In der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, war ich zwanzig Jahre alt und für vierzehn Tage bei meinen Eltern zu Besuch. Ich wohnte also rund tausend Kilometer von Hamburg entfernt.
«Was hatte ich also mit der Rättin zu tun?»
«Welchen Grund könnte es geben, dieses Tier zu töten?»
Es gab keinen Grund, diesen Frevel zu rechtfertigen!
Immer,- wenn ich diese Geschichte erzähle, heißt es: «nah und?», «es war doch nur eine Ratte! Acht auf einen Streich! Glückwunsch! Acht Ratten weniger!»
Diese Meinung konnte ich nie teilen! Ethik und Moral gehören zu meinem Leben! Anstand und Aufrichtigkeit sind wichtige Regularien des zusammen Lebens in unserer Gesellschaft!
Solche und andere, Gedanken schossen mir durch den Sinn.

*

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, ein «Peterwagen» stoppte, zwei Polizisten stiegen aus.
«Ein Anwohner hat uns angerufen, hier treibt sich ein junger Mann herum, was machen sie hier?»
Ich deutete auf die «Rättin», «ich habe soeben eine Mutter und ihre sieben Jungen getötet!»
Die Polizisten traten näher und schauten ungewöhnlich lange auf die toten Tiere.
Dann drehte sich der ältere der beiden zu mir um und schaute mich in die Augen.
«Mach dir keine großen Gedanken mein Junge!», sagte er verstehend und legte seine Hand auf meine Schulter.
«Jedes Tier hat ein Recht auf Leben, auch eine Ratte! Dass es sich um eine hochträchtige Ratte handelte, konntest du ja nicht wissen!»
«Wo sollst den hingehen»? , fragte der Polizist.
«Zur S-Bahn!», sagt ich.
«Komm steige ein, wir fahren da vorbei!»
Ich stieg ein.
(23.10.2015)

Vergessen habe ich dieses Erlebnis mein ganzes Leben nicht!

 

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