Iris Klinge

Das vergessene Land

1972 zogen wir - bedingt durch den Beruf meines Mannes  - mit zwei kleinen Kindern nach Zentralafrika in die Nähe von Albert Schweizers Lambarene.

Wir entdeckten eine fremdartige, exotische Welt. Vor allem die Musik, die den ganzen Tag aus allen Radios der Nachbarschaft plärrte, faszinierte mich. Zum Glück hatte ich ein altes Tonbandgerät dabei und fing an, die wundervollen Rhytmen und Lieder aufzunehmen. 

Es war die Zeit der Nelkenrevolution. In Lissabon wurde 1974 der Diktator Caetano gestürzt, und die ehemaligen Kolonien Portugals erklärten fast gleichzeitig ihre Unabhängigkeit vom faschistischen Mutterland.

Die Lieder handelten vom Widerstand gegen die Besatzer, vom eisernen Willen zur Unabhängigkeit und von der neu gewonnenen Freiheit der Völker Afrikas.

Einer der meist gespielten Sänger war José Carlos Schwarz, liebevoll Zé genannt. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter kam aus Cabo Verde, er selbst wuchs in Guinea Bissau auf. Schon sehr früh interessierte er sich für die Musik seiner Heimat und fing an, Guitarre zu spielen und eigene Lieder zu komponieren.

Auf tragische Weise kam dieser begnadete Poet und Musiker im Alter von erst 27 Jahren 1977 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Er hinterließ zwei kleine Söhne und eine verzweifelte Witwe. 

Seine Musik jedoch lebte weiter. Er wurde zum Nationalhelden. Sein Volk liebte ihn so sehr, dass er auch nach knapp 38 Jahren seines Todes noch immer in allen Herzen präsent ist. Er hat die neue Generation von Musikern entscheidend geprägt. Sein älterer Sohn ist ebenso wie er Musiker geworden.

José Carlos Musik hat mich nie mehr losgelassen. Sie ist in mein Herz eingebrannt. Jetzt habe ich sie wieder entdeckt, auf youtube kann man sie hören.

Ich möchte ein Buch schreiben über ihn und sein Land, Guinea Bissau, das von der Gier nach Reichtum durch das Erdöl rund um Afrika verschont geblieben ist. In andere Länder strömten die Geschäftemacher wie die Motten ans Licht. Angola, Guinea Equatorial sind immens reich geworden durch die Erdölvorkommen, die von Multinationalen ausgebeutet werden. Deren Diktatoren haben sich schamlos bereichert und das Volk lebt noch immer in bitterer Armut, wie zu Zeiten der Kolonialherren.

Guinea Bissau, das kein Erdöl besitzt, ist vergessen. Niemand interessiert sich für dieses kleine Land östlich von Senegal. Noch immer ist die Analphabeten- Rate über 60 % und das Jahreseinkommen pro Kopf etwa bei 500 Euro. Deutschland hat keine Botschaft oder Konsulat dort. Die wenigen diplomatischen Angelegenheiten werden von Dakar aus geregelt.

Heute ist der Schrei nach Freiheit wieder aktuell. Auf dem afrikanischen Kontinent gegen die schwarzen Diktatoren und in den Ländern des Nahen Ostens  - nur dort fehlt die Musik, die als Symbolsprache des Widerstands eine ungeheure Wucht entfalten kann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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