Bernhard Pappe

Der Weg zurück


Ich will das Geschehene zeitnah im Worte kleiden, damit es nicht verblassen möge.

Das milde Herbstwetter war verlockend. Die Sonne hielt sich zwar dezent zurück, doch mich zog es hinaus, um die Reste der Herbstfarben zu genießen, bevor starke Winde brausen und nur noch fahles Astwerk hinterlassen würden. Ich schnappte mir den Fotoapparat. Lohnende Motive gibt es für mich immer, obwohl nicht jeder mit meinen Fotos etwas anzufangen weiß. Der Reiz eines Motivs liegt im Auge des Betrachters. Blicke auf Objekte können sehr vielfältig sein. Ich habe gelernt, dass alltägliche Dinge auf Fotos sehr wohl ihren Reiz haben können. All das ist jedoch nicht Gegenstand meiner kleinen Erzählung.
Der Weg durch den Park erschien mir lohnenswert. Am Eingang zeigte sich mir ein interessantes Motiv. Eine einfache Wegeabsperrung aus Metall. Der Farbkontrast Weiß-Rot im Vordergrund und braun-gelbes Herbstlaub im Hintergrund reizten mich als Motiv. Ich nahm den Fotoapparat aus seiner Tasche, um mit Erschrecken festzustellen, dass der Abdeckschutz für das Objektiv verschwunden war. Wo war er geblieben? Hatte ich ihn in diesem Augenblick verloren? Ich suchte zu meinen Füßen, aber ohne Erfolg. Das Foto war schnell gemacht. Ein letzter Blick auf das Laub vor mir und ich setzte meinen Weg fort. Wahrscheinlich lag der Abdeckschutz des Objektivs zu Hause. Ich hatte vorgestern Fotos auf den Computer geladen. Vielleicht war er bei der Handhabung der Kamera abgefallen, tröstete ich mich. Sicher war ich mir allerdings nicht.
Der Park zeigte auch ohne strahlende Sonne ein hübsches Spätherbstgesicht. Motiv um Motiv wanderte als Bits und Bytes auf die Speicherkarte. Dort vorn war die Hauptstraße. Ich wollte nach links biegen, um zu einem alten Industriegelände zu gelangen, von dem ich mir eine interessante Herbststimmung versprach. Leider hatte ich den falschen Weg gewählt (bekanntlich führen viele Wege aus Parks hinaus) und ich stand nicht an der richtigen Straße. Meine Unachtsamkeit kam mir etwas merkwürdig vor.
Ganz einfach den Rückweg bis zum falschen Abzweig antreten und dann die richtige Richtung einschlagen. Ein Gefühl, eine innere Stimme, mir fehlen ein wenig die Worte dafür, riet mir ab. Warum nicht den Weg komplett zurückgehen, um noch einmal am Parkeingang nach dem Verlorenen suchen? Ich folgte meiner Eingebung. Der Weg zurück zeigte mit Einblicke in die Parklandschaft, die ich auf den Hinweg so nicht wahrgenommen hatte und für die ich als Fotograf dankbar war.
Ich erreichte schließlich den Parkeingang und versuchte mich zu erinnern, wo ich gestanden hatte, um das erste Bild zu schießen. Auf ein paar Quadratmetern müsste ich wohl suchen. Meine Blicke glitten über den Boden, meine Schuhe schoben Laub zur Seite. Braune und gelbe Ahornblätter bildeten auf dem Weg einen dicken Teppich. Das Gesuchte fand ich nicht.
Ein wenig Resignation machte sich breit. So ein Abdeckschutz ist schließlich nichts Lebensnotwendiges. Mein Gefühl riet mir, mich umzuwenden und dort zu suchen. Zwei Schritte machte ich und fand den Abdeckschutz, den ich aufhob als sei er ein kleiner Schatz. Erleichtert platzierte ich ihn wieder auf dem Objektiv. Im Kopf formulierte sich ein Dank und ich glaube, ich lächelte dabei. Ich setzte meinen Weg im Park fort, der mir weitere Herbsteinblicke bescherte.

Mein Freund Martin legte mir vor Jahren ans Herz, diesem Bauchgefühl, dieser Eingebung, dieser Stimme zu lauschen und ihr zu folgen. Es gibt hierbei selten Enttäuschungen und wenn doch, dann deshalb, weil ich dieser Stimme nicht richtig zugehört habe.

Ein kleiner Nachsatz: In dieser Woche, das Erlebnis im Park liegt etwas länger zurück, sagte ich mir, fahre hier von der Autobahn ab. Was soll’s, ich tat es nicht und stand prompt im Stau. Dort war dann Muße, um über die Stimme nachzudenken.
 
© BPa / 11-2015
 

Das ist eine wahre Geschichte.Bernhard Pappe, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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