Helmut Wurm

Sokrates und sind religiiöse Lehren wirklich Volksverdummung?



Sokrates steht auf einem Platz einer mitteleuropäischen Großstadt mit einer multi-kulti-Bevölkerung und eine größere Anzahl von Zuhörern stehen um ihn herum. Aus der Menge ruft ihm jemand zu:
 
Ein Zuhörer: Wenn man die derzeitigen Unterdrückungsmaßnahmen des IS und die Attentate der islamischen  Terroristen verfolgt, kann man dann überhaupt noch an eine Religion glauben?
 
Ein anderer Zuhörer: Auch ohne die Verbrechen der islamischen Terroristen bin ich mittlerweile völlig verunsichert. Früher war ich in gewisser Weise religiös. Aber nun, wo ich die verschiedensten religiösen Bekenntnisse um mich herum erlebe,  zweifle ich an jeder religiösen Wahrheit.  Diese Vielfalt, diese Widersprüche… Anderen geht es auch so. Das ist der Preis für Multi-Kulti.
 
Sokrates: Alle Religionen sind letztlich Menschenwerk, sind Produkte der menschlichen Phantasie – aber oft mit ernsthaften Bemühungen dahinter. Ich habe schon als Lehrer im antiken Athen darüber nachgedacht. Die altgriechische Religion schien mir bereits damals unglaubwürdig und eine Übertragung der Menschenwelt in eine höhere Sphäre. Da gab es eine Götterfamilie, die in einer eigenen Götterwelt auf dem Olymp wohnte, verschiedene arbeitsteilige Aufgaben hatte, sich bekämpfte, sich liebte, sich versöhnte… Das konnte ich meinen Schülern so nicht ernsthaft vermitteln.
 
Aber ich war noch schwankend, ob nicht eine vielschichtige Gottheit über der Welt existiert. Das war damals bereits eine schwere Kritik an unserer Religion. Ich bin deshalb zumindest unter dem Vorwand der Ungläubigkeit hingerichtet worden – wobei der wirkliche Grund die Angst der Politiker vor meiner kritischen Erziehung war.
 
Aber jetzt, nachdem ich den Hinduismus, Buddhismus, das Judentum, das Christentum, den Islam und andere religiöse Lehren kennen gelernt habe, bin ich zu der endgültigen Einsicht gekommen, dass alle Religionen in ihrer Vielfalt Menschenwerke sind. Da gibt es bis heute Vielgötter-Religionen und  Ein-Gott-Religionen, da sind mal Kühe, mal Tauben, mal Affen, mal Schlangen heilige oder geschützte Tiere,  da gibt es eine Wiedergeburt im heutigen realen Leben oder eine Wiedergeburt in einem späteren himmlischen Leben, da gibt es Hilfsgötter in tierähnlicher Form, in Engelform und heilige verstorbene Menschen. Da gibt es Opfer, Taten und Gebete verschiedenster Art. Da gibt es verschiedene Lehren, was wann gegessen und nicht gegessen werden darf…
 
Das ist alles so unterschiedlich, das widerspricht sich alles so sehr, dass mich wundert, dass gebildete Menschen noch einer Religion anhängen können. Denn wenn man sich mit den verschiedenen Religionen beschäftigt, wird man tatsächlich ganz verwirrt.
 
Entstanden sind diese religiösen Systeme allerdings häufig durch ehrenwerte Menschen, die versucht haben, das Unverständliche, das Ferne, das Mysterium des Daseins in Ordnungen zu fassen, in irgendeiner Form verständlich zu machen und eine Orientierung für richtiges Handeln zu geben. Insofern waren alle diese  Religionsstifter sehr ehrenwerte Menschen, die nachdenkenswerte Lehren über das richtige Verhalten vermittelt wollten und deren man mit Achtung gedenken muss.
 
Alle haben beachtenswerte Kerne eines sittlichen Verhaltenskodex  gepredigt, sei es nun Buddha, Zarathustra,  Moses, Jesus, Mohammed…  Es ist soziologisch nützlich, die Kerne ihrer Lehren zu bedenken. Und die meisten Menschen, gleichgültig in welchem Religionskreis sie leben, haben ein Gefühl dafür, dass nicht alles, was sie religiös erfahren haben oder tun sollen, wirklich sinnvoll ist. Sie folgen im Alltag "gemäßigt" den Lehren und Traditionen ihres religiösen Kulturkreises und dadurch werden viele Religionen für die Masse überhaupt erst erträglich.
 
Ein weiterer Zuhörer: Es ist also gut, dass es Religionen gibt und diese einen nützlichen Kern von Verhaltensempfehlungen beinhalten?
 
Sokrates: In der Tat sind aus dieser Sicht und bei einer "gemäßigten" Orientierung an ihren Regeln Religionen für das Leben der Individuen wie für ganze Gesellschaften nützlich. Der gemäßigte Islam z.B. will an die durch die westliche überzogene Liberalität verloren gegangen Werte erinnern. Das ist sicher nachdenkenswert.
 
Gäbe es keine religiösen sittlichen Empfehlungen, müsste an ihre Stelle eine allgemeine "freie sittliche Humanität" wie im Kommunismus treten. Nach einer solchen Humanität würden sich aber weniger Menschen richten als nach religiösen Geboten zusammen mit der Angst vor göttlichen Strafen bei Nichtbefolgung. 
 
Noch ein anderer Zuhörer: Aber in einer a-religiösen, freien humanistischen Gesellschaft gäbe es keine religiösen Extremisten, die Unterdrückung und Verfolgung verbreiten. Wäre das nicht langfristig besser?
 
Sokrates: Es gibt in der Tat immer wieder Menschen, die übertrieben an die angeblichen Wahrheiten und Gebote ihrer religiösen Traditionen glauben, die ihre jeweiligen religiösen Moral- und Verhaltenslehren ohne Abstriche verbreiten und befolgt haben wollen. Das sind jene religiösen Extremisten, die zwar an wertvolle, nützliche Lehren glauben, aber durch ihre Intoleranz die Religionen in Unterdrückung und Schadenslehren umwandeln. Diese
Extremisten sind charakterlich keine Verbrecher, keine bösen Menschen, aber sie haben durch ihre Einseitigkeit immer wieder unendlich viel Tränen, Unfreiheit und Tod ausgelöst. So richtet sich der radikale Islam z.B. gegen den westlichen Liberalismus und möchte durch diesen Liberalismus verloren gegangene oder gefährdete Familienwerte mit Gewalt in die Gesellschaft zurück einpflanzen.
 
Als Unrecht an den Mitmenschen haben solche Glaubens-Extremisten ihre Taten und Wirkungen aber nie empfunden, so wie der IS keine Zweifel an sich und seinen Taten empfindet.   
 
Ein weiterer Zuhörer: Was ist dann langfristig besser? Eine Gesellschaft ohne Religion, nur mit einer freien Humanität, in der es keine religiöse Unterdrückung und Bevormundung gibt, oder eine Gesellschaft mit einer religiösen Tradition, die zwar eine nützliche religiöse Sittlichkeit als Orientierung vorgibt, die aber immer wieder in religiösen Extremismus, in Unterdrückung und Verfolgung umschlagen kann?
 
Sokrates: Ich weiß es nicht. Für mich habe ich die Entscheidung zwar getroffen, aber auch in a-religiösen Gesellschaften mit freier Humanität hat es Bevormundung, Unterdrückung und Kriege gegeben. Es wäre  eine wissenschaftliche historische Analyse wert, wie viele Menschen in a-religiösen und in religiösen Gesellschaften jeweils Unterdrückung und Not erfahren haben.
 
Damit geht Sokrates weiter. Er lässt nachdenkliche Gesichter zurück.
 
(Niedergeschrieben vom discipulus Sokratis, der zusammen mit Sokrates auf dem Platz gestanden hat.)
 
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Helmut Wurm).
Der Beitrag wurde von Helmut Wurm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Angel, a life between: Ein Leben zwischen zwei Welten von Romy Rinke



Ein verletztes, und schon auf den ersten Blick sonderbar erscheinendes Mädchen wird im Wald gefunden.

In der Klinik, in die man sie bringt, glaubt man nun ihr Leiden lindern zu können und ihre vielen teilweiße sichtbaren, teilweiße noch verborgenen Besonderheiten aufklären zu können. Doch das Martyrium beginnt erst hier...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Helmut Wurm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der schwere Traum des Landes-Jägermeisters von Helmut Wurm (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Menschen im Hoftel VI von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
autobiographisch...mein Freund Peter von Rüdiger Nazar (Sonstige)