Irene Beddies

Wie die Freundschaft begann




Da war es wieder, das kleine schwarze Mädchen mit den abstehenden Zöpfen und den große Kulleraugen. Es stand vor dem Stand mit den Engeln. Emily war das Kind schon an einem anderen Stand aufgefallen, sie hatte es im Gewimmel  der Menschen aber wieder aus den Augen verloren. Sein Mund war rot verschmiert. Den Stiel vom Liebesapfel hielt es selbstvergessen in der Hand.  Es war allein. Wenigstens sah Emily keine erwachsene Person, die zu dem Kind gehören konnte.
Das Kind drehte sich um und sah Emily voll ins Gesicht. Langsam trat ein breites Grinsen in sein Gesichtchen, bis es strahlte.
„Ich kenn dich“, sagte es mit einem Mal.
„Ja?“, fragte die Frau verdutzt, „woher denn?“
„Du bist die Frau, die jeden Tag mit dem kleinen Hund an meinem Kindergarten vorbeigeht.“
„Der ist aber in einem anderen Stadtteil“, wunderte sich Emily. „Wie bist du hierhergekommen? Wo ist deine Mutter?“
„Mama ist bei der Arbeit.“
„Und du bist ganz allein hier auf dem Weihnachtsmarkt?“
„Ja. Ein Mann in einem großen Auto hat mich mitgenommen. Er hat mir hier einen ganz roten Apfel geschenkt. Aber dann war er nicht mehr nett zu mir, er wollte, dass ich mit ihm in ein dunkles Haus gehe. Da habe ich mich schnell hinter anderen Leuten versteckt. Er hat mich nicht gefunden.“ Wieder lächelte das schwarze Mädchen, stolz auf seine Flucht.
„Und nun?“, fragte Emily, ohne sich ihr Entsetzen anmerken zu lassen. „Wie willst du wieder nach Hause kommen?“
„Ich weiß nicht.“ Die Augen des Mädchens veränderten sich und zeigten Angst.
 
Emily überlegte. Sie konnte das Kind nicht nach Hause bringen, sie war eine Fremde für das Mädchen und die Mutter. Aber die Polizei konnte helfen. Vielleicht war sogar schon eine Vermisstenanzeige eingegangen. Kurz entschlossen griff die zum Handy und rief die bekannte Nummer an. Sie erklärte den Sachverhalt. Die männliche Stimme  am Telefon bestätigte ihr, dass die Mutter schon eine Suchmeldung aufgegeben hatte. Er wollte die Kollegen  vom Revier verständigen, damit diese die Mutter mitbringen konnten.
 
Es dauerte nicht lange, bis die Streife mit der Mutter Emily und das Mädchen gefunden hatte. Die Mutter nahm ihr Kind glücklich in die Arme. „ O Mojo, ich bin ja so froh!“
Die Polizisten befragten Emily eingehend, wie es dazu gekommen war, dass sie mit  der Kleinen in Kontakt getreten war. Dann wandten sie sich dem Kind zu. Sie ließen sich alles erzählen. Mojo musste ihnen auch den Stand zeigen, an dem der Mann ihr den Liebesapfel gekauft hatte. Die Verkäuferin erinnerte sich und konnte eine Beschreibung des Mannes abgeben. Danach fuhren sie auf die Wache.
 
Unterwegs fragte die Mutter, wie Emily ihr Kind erkannt hätte.
„Ich habe Mojo noch nie vorher gesehen. Sie aber hat mich angestrahlt und behauptet, sie kenne mich, denn ich ginge immer mit meinem Hund an ihrem Kindergarten vorbei.“
„Ach, Sie sind die Frau mit dem Hündchen, von der meine Tochter immer erzählt, weil sie gerne den Hund einmal streicheln wollte.“
Beide Frauen entdeckten, dass sie nur eine Straße auseinander wohnten, sich aber noch nie gesehen hatten.
Mojo saß zwischen den Frauen und kuschelte sich mal an die Mutter, mal an Emily.
„Ich darf doch deinen Hund mal streicheln?“
„Aber ja, Mojo, du darfst mich am Samstag mit deiner Mutter besuchen. Ich bin Emily. Mein kleiner Hund heißt Wuschel.“
 
Auf der Wache wurde ein Protokoll erstellt und eine Fahndung nach dem Mann herausgegeben. Dann fuhr ein junger Beamter die Frauen und das Kind dahin, wo Emily ihr Auto abgestellt hatte, um auf dem Weihnachtsmarkt zu bummeln. Gemeinsam mit Mojo und ihrer Mutter fuhr sie schnell heim.
 
So begann eine innige  Freundschaft zwischen den Dreien, nein den Vieren, denn Wuschel war immer dabei.
 
 
© I. Beddies


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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