Christiane Mielck-Retzdorff

Weihnachtsstreuner



 
Die Sonne warf einen ihrer Strahlen durch das sauber geputzte Fenster direkt in Vanessas Gesicht. Sie arbeitete an ihrem Laptop, obwohl es Sonntag war. Angestellt als Übersetzerin für englischsprachige Romane war es ihr erlaubt worden, zuhause dieser Tätigkeit nachzugehen. Das kam ihrem scheuen Wesen sehr entgegen. Sie fühlte sich in der Gesellschaft von Menschen stets unsicher und errötete oft, wenn sie angesprochen wurde.
 
Sie klappte ihr Laptop zu und schaute durch das Fenster auf den beinahe wolkenlosen Himmel. Es war Vorweihnachtszeit und überall in der Stadt lockten Märkte Besucher, die sich dort auf die Festtage einstimmen wollten. Vanessa mochte diesen Budenzauber mit seinen Düften und den Weihnachtsliedern, die von allen Seiten erklangen. Auch die dort angebotenen Leckereien reizten sie, die Einsamkeit ihrer Wohnung zu verlassen. Doch die Vorstellung von den Menschenmassen, die sich durch die Gänge wälzten, ließ sie zögern.
 
Schon als Kind war Vanessa ausgesprochen schüchtern. Dabei gab es gar keinen Grund dafür, denn sie sah ansprechend aus und war sehr klug. Die junge Frau wusste selbst nicht, warum sie sich ständig für minderwertig hielt. Anfangs hatte sie versucht, dagegen anzukämpfen, doch dann wurde ihr die Anstrengung zu groß. Sobald sich ihr jemand näherte, fühlte sie sich unwohl, verspürte den Drang zu fliehen.
 
Als Jugendliche hatte sie nur eine Freundin, die ihre Zurückhaltung teilte. Doch dann verliebte sich diese und begann, fröhliche Veranstaltungen nicht nur zu mögen, sondern mit Freude daran teilzunehmen. Sie versuchte auch Vanessa von den Vorteilen des Amüsements mit anderen Mensch zu überzeugen, doch das blieb erfolglos. Schließlich verloren beide den Kontakt zueinander.
 
Gerade weil Vanessa so scheu war, meinte sie, nicht zu den anderen dazuzugehören, eben eine Außenseiterin zu sein. Das nährte ihr mangelndes Selbstwertgefühl zusätzlich. Als sich dann noch ihre Kollegen über ihr ständiges Erröten lustig machten, war sie dankbar, nur noch selten zu Besprechungen in dem Verlag erscheinen zu müssen.
 
Nun aber wollte sie sich aufraffen und den nahen Weihnachtsmarkt besuchen. Ohne sich zu schminken verließ sie gehüllt in einen grauen Mantel das Haus. Schon von Ferne hörte sie die liebliche Musik. Bald umschmeichelte auch der Geruch von gebrannten Mandeln, Glühwein und Bratwürsten ihre Nase. Ein leichtes Frösteln ließ Vanessa erzittern, als sie die vielen Paare, Familien mit Kindern und jungen Leute erspähte, die vergnügt an den Buden vorbeischritten, einkauften oder sich an Tischen zusammenfanden. Lachen und Worte verbanden sich zu einer Symphonie der Geselligkeit.
 
In dieser Menge war es für sie nicht schwierig, unsichtbar zu bleiben. Vanessa schaute sich die unterschiedlichen, dargebotenen Waren an, vermied dabei aber jeden Augenkontakt zu den Verkäufern. Sie wurde hungrig und entschloss sich, zuerst eine Thüringer Bratwurst zu essen. Vor der Bude standen Holztische mit Bänken. An deren Ende mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen nahm sie mit ihrer Wurst Platz.
 
Gerade als sie herzhaft hineingebissen hatte, bemerkte sie etwas an ihrem Bein. Vanessa sah  hinunter und bemerkte einen kleinen, verwahrlosten Hund, der bittend auf ihre  Wurst schaute. Die junge Frau hatte nie eine besondere Beziehung zu Tieren gehabt, doch etwas in den Augen des Hundes ließ sie verharren. Dann blickte sie sich Hilfe suchend um, denn zu irgendjemandem musste das Tier doch gehören. Aber niemand schien den Kleinen zu vermissen.
 
Schon eilte der Betreiber der Würstchenbude herbei und der Hund versteckte sich sogleich unter dem Tisch.
„Verdammter Streuner.“, schimpfte der Mann. „Der lauert hier schon seit Tagen herum und belästigt meine Gäste.“
Vanessa lächelte nur und sagte: „Mich stört er nicht.“
 
Gerade als der Mann unter dem Tisch nach dem Tier suchen wollte, rief ihn jemand zurück an den Grill. Sogleich tauchte der Hund wieder neben Vanessa auf. Mit einem Schmunzeln gab sie ihm ein Stück ihrer Wurst. Der Kleine schien zufrieden, doch schaute die junge Frau gleich wieder an. Diesmal zeigten seine Augen aber keine Gier nach einem weiteren Stück Wurst sondern spiegelten Dankbarkeit und Vertrauen.
 
Niemand sonst an dem Tisch oder in der Umgebung schenkte dem Hund Aufmerksamkeit. Nur Vanessa konnte ihren Blick nicht von ihm lösen. Führte der Kleine auch ein Dasein in Einsamkeit, nur das Überleben in einer hektischen, lauten Welt im Sinn? Die Antwort  spiegelte sich in seinen Augen. Plötzlich fühlte sich Vanessa unbehaglich und stand auf, um wieder nach Hause zu gehen. Aber der Hund folgte ihr.
 
Die junge Frau wusste nicht, was sie tun sollte. Das Tier verscheuchen? Es musste doch zu irgendjemandem gehören. Aber sie gehörte ja auch zu niemandem. So in ihre Gedanken versunken, erreicht sie das Haus, in dem sich ihre Wohnung befand. Sie öffnete die Tür, ging die Treppe hinauf und wusste, dass der Hund sie begleitete. Als sie in ihre Wohnung schritt, schaute sie sich um und sagte:
„Hier ist dein neues Zuhause.“
 
Als sie den Satz ausgesprochen hatte, war sie beinahe erschrocken, denn was sollte sie mit einem Hund anfangen. Aber dieser lief bereits ins Wohnzimmer. Dort beschnüffelte er die Möbel, rollte sich dann vor der Heizung zusammen und schloss die Augen.
 
Erstaunt über diese dreiste Selbstverständlichkeit betrachtete sie den ungewohnten Gast. Sein langes Fell war schmutzig und vollkommen verwahrlost, die kleinen, aufrecht stehenden Ohren waren kaum zu sehen. Nur die schwarz glänzende Nase lugte aus dem  verfilzten Haufen hervor. Das gleichmäßige Heben und Senken des Körpers ließ auf tiefe Entspannung schließen.
 
So entspannt fühlte Vanessa sich aber nicht. Vielleicht war das Tier ja krank, verwurmt oder voller Flöhe. Sollte sie das Tierheim anrufen? Dort würde der Kleinen dann eingesperrt, bis sich jemand seiner erbarmte. Irgendetwas hinderte sie daran, diesen vernünftigen Weg zu gehen. Stattdessen fragte sie sich, ob die große Tankstelle in der Nähe wohl auch Hundefutter in ihrem Laden verkaufte.
 
Vanessa entschloss sich, dieses gleich mal herauszufinden, doch konnte sie sich trauen, den Hund kurz allein in ihrer Wohnung zu lassen? Sie ging zu ihm hin und streichelte ihn zum ersten Mal. Das Tier öffnete kurz die Augen, um sich dann wieder der Entspannung hinzugeben.
„Ich gehe kurz etwas einkaufen.“, flüsterte die junge Frau und eilte davon.
 
Auf der Tankstelle fand sie tatsächlich Dosenfutter. Früher hätte sie sich Gedanken darüber gemacht, was der Angestellte wohl von ihr denken mochte, wenn sie ganz offensichtlich das Wohlergehen ihres Hundes vergessen hatte. Doch heute brachte dessen abfälliger Blick sie nicht einmal zum Erröten.
 
Wieder in der Wohnung sank Vanessa auf ihr Sofa. Die Betrachtung des schlafenden Hundes beruhigte ihre aufgewühlten Gedanken. Also setzte sie sich an ihren Schreibtisch und fuhr mit der Übersetzung eines Romans fort. Doch sie bemerkte sofort, als der Hund sich erhob. Genüsslich streckte er sich und ging zur Tür. Dort bellte er einmal kurz.
 
„Natürlich.“, dachte Vanessa. „Der Kleine muss ja mal raus, um seine Geschäfte zu erledigen.“
 
Plötzlich fiel ihr auf, dass der Hund kein Halsband trug und sie auch keine Leine hatte. Hoffentlich herrschte wenig Autoverkehr, denn sie wollte mit dem Hund über die Straße in den nahen Park gehen. Ihr tierischer Begleiter gebärdete sich ausgesprochen wohl erzogen, hielt an der Bordsteinkante und begann erst in der Grünanlage sorgsam zu schnüffeln. Bald hob er sein Hinterbein und Vanessa erkannte erst dadurch sein Geschlecht. Ein Rüde also.
 
Bald trafen sie eine ältere Dame, die Vanessa vom Bäcker kannte, mit der sie aber noch nie ein Wort gesprochen hatte. Sie führte einen Pudel an der Leine.
„Oh, Sie haben jetzt auch einen Hund.“, begann diese das Gespräch. „Wie heißt er denn?“
Ohne groß Nachzudenken antwortete Vanessa: „Benny.“
Sogleich schaute dieser zu ihr auf und wedelte zum ersten Mal mit dem Schwanz.
„Das ist ja ein liebes Kerlchen.“, stellte die Dame fest. „Aber sie sollten ihn vielleicht mal zum Hundefrisör schicken. Nach meiner Erfahrung fühlen sich die Tiere mit dem langen Fell nicht sehr wohl. Ich vermute sogar, dass ihr Benny genauso wie mein Pudel kein Fell sondern Haare hat. Das hat zwar den Vorteil, dass der Hund nicht haart, aber diese verkletten leicht und müssen ständig gepflegt werden. Ich gebe ihnen gern die Telefonnummer von meinem Hundefrisör.“
„Das ist sehr freundlich von Ihnen.“, bedankte sich Vanessa und dachte sogleich daran, dass ihre Mutter Frisörin gewesen war, sie früh in dieser Kunst einwies und nachdem sie in Rente ging, ihr allerlei Utensilien geschenkt hatte.
 
Die beiden Frauen sprachen noch ein wenig über Hunde, bis jede in ihre Wohnung ging. Benny schien zufrieden und rollte sich gleich wieder vor der Heizung zusammen. Vanessa suchte derweil die Schneidewerkzeuge ihrer Mutter heraus. Als Jugendliche hatte sie oft Verwandte und Freunde frisiert. Sie zeigte dabei sogar großes Talent. Allerdings waren die Kunden damals zum Stillsitzen und Schweigen verdonnert worden. Konnte sie das von Benny auch erwarten?
 
„Hab keine Angst.“, flüsterte sie Benny zu. „Ich möchte Dich nur von diesen zotteligen, verfilzten Haaren befreien. Und anschließend wird gebadet. Du wirst sehen, dass Du dich dann viel besser fühlst.“
 
Der Hund ließ sich erstaunlicherweise die ganze Prozedur des Scherens, Waschens und Föhnens ohne Gegenwehr und vollkommen ruhig gefallen. Als Vanessa ihn danach anschaute, konnte sie selbst nicht glauben, was sie sah. Der kleine Kerl hatte nun honigfarbenes Fell und sah ganz entzückend aus. Spontan hob sie ihn auf ihren Schoß und knuddelte Benny.
 
Zwei Wochen später begleitete ein bildschöner, braver und selbstbewusster Hund mit flottem Halsband, aber nicht an der Leine, Vanessa zu dem Weihnachtsmarkt, auf dem sie sich einst begegnet waren. Diesmal hatte sich die junge Frau zart geschminkt und trug eine zu Benny passende, honigfarbene Jacke. Ihr Haupt zierte ein neuer, modischer Haarschnitt. Unterwegs musste sie immer wieder stehen bleiben, um mit ihr, mittlerweile bekannten Nachbarn munter zu plaudern. Die Kinder erfreuen sich an Bennys Anblick und streichelten ihn.
 
Sicher, dass niemand in Benny den ehemaligen Streuner erkennen würde, gingen sie zu dem Würstchenstand. Plötzlich tauchte neben Vanessa ein Mann auf, der an der Leine eine Mopshündin führte, die Bennys Interesse weckte.
„Na, die beiden wären ja eine hübsche Mischung.“, sprach der Mann Vanessa lächelnd an. Bei dieser Vorstellung musste auch sie grinsen.
„Vielleicht kann ihr Rüde ja meiner Hündin etwas mehr Gehorsam beibringen.“
„Erwarten Sie von Frauen Gehorsam?“, fragte Vanessa scherzhaft.
„Selbstverständlich.“, antwortete der Mann und strahlte dabei über das ganze Gesicht. „Also folgen Sie mir zum Glühweinstand und lassen Sie sich von mir einladen.“
„Zu Befehl.“, salutierte die junge Frau mit gespielter Ernsthaftigkeit und die leichte Röte, die nun ihre Wangen überzog, gab ihrem Antlitz eine beinahe überirdische Schönheit. Diese war kein Ausdruck von Verlegenheit mehr sondern von ungezwungener Freude. Glücklich schaute Vanessa auf Benny und hatte den Eindruck, er zwinkerte ihr zu.
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
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